Nur Mut! Warum es sich lohnt, die eigene Komfortzone zu verlassen

Kurz nach meinem 58. Geburtstag hatte ich die Idee, mit dem Rucksack durch Südamerika zu reisen. Was? In dem Alter? Von solchen Reaktionen hätte ich mich fast verunsichern lassen. Dabei kann es besonders für »Ältere« sehr hilfreich sein, die eigene Komfortzone auch mal zu verlassen.

22. Juli 2016  13 Minuten

Ob ich eine Midlife-Crisis hätte, wollte ein Bekannter wissen. Der Grund für meine Idee war zunächst ein ganz pragmatischer: Mein Vermieter hatte mir mitgeteilt, dass ich für die Dauer von 4 Wochen weder Küche noch Bad nutzen könne, da die Wände aufgerissen und Bleirohre entfernt werden müssten. Nichts wie weg, war mein erster Gedanke. Trübes Wintergrau klebte wie Kaugummi am Himmel, die Auftragslage war mau, die Stimmung schlecht. Eine Reise zur Südhalbkugel erschien mir die beste Alternative. Low-Budget, reisen in Bussen, schlafen in Hostels, so wie damals.

Zugegeben: die skeptischen Blicke, Stirnrunzeln und hochgezogenen Augenbrauen im Familien- und Bekanntenkreis sind auch an mir nicht spurlos vorübergegangen. Auf was lasse ich mich da ein? Schaffe ich das allein überhaupt? Soll ich nicht lieber etwas Einfacheres machen?

»Mutig ist nicht, wer keine Angst hat. Mutig ist, wer Angst überwindet.«
– Frei nach Ghandi

Gründe zu bleiben gab es viele. Ich könnte meine Freunde sehen, müsste nicht abends allein im Restaurant sitzen und würde kein gesundheitliches Risiko eingehen. Alternativ könnte ich ein Hotel auf den Kanaren buchen, lange Strandspaziergänge machen, abends am Buffet Schnitzel und Salat essen, mit dem Ehepaar Schmitz aus Wuppertal gemütlich ein Bier trinken und über dies und das plaudern. So würde ich in meiner Komfortzone bleiben. Ich würde das tun, was ich kenne, und wissen, was mich erwartet. Ich könnte mich ganz entspannt zu Tode langweilen. Nach ein paar Tagen stand mein Entschluss fest: Ich buchte einen Flug nach Montevideo in Uruguay. Alles andere würde sich schon ergeben.

Titelbild: Gitti Müller - copyright

von Gitti Müller 

Gitti ist Ethnologin, Jahrgang 1956, also auch scho(e)n alt. Sie fragt, wie wir in einer vom Jugendwahn getriebenen Gesellschaft alt werden können, ohne uns zu verbiegen. Wie verändern und bereichern die zunehmenden Jahre Körper und Geist, wie können wir davon profitieren und was macht eigentlich mehr Spaß im Alter? Mit geschultertem Rucksack schaut sie sich auch dies besonders gern persönlich in anderen Kulturen an.

Themen:  Arbeit   Gesellschaft  

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