Gastautor: Fabian Köhler / Reportage

Braucht Flüchtlingshilfe eine Religion?

19. Juli 2017

Kompetentere Flüchtlingshelfer oder Missionare – hat die muslimische Flüchtlingshilfe Lob oder Kritik überhaupt verdient?

Als die Flucht von Zehntausenden in der Wiener Altstadt endet, kocht Şerif Obayeri Tee. Viel Tee. Jeden Tag. Monatelang. Als sie merkt, dass sie allein gar nicht genug Tee kochen kann, mobilisiert sie andere zum Tee kochen, Essen zubereiten und Geld sammeln. Und als ein Becher heißer Tee nicht mehr ausreicht, um die Menschen im Winter warm zu halten, organisiert sie Decken, Toiletten und Schlafplätze.

Seitdem immer weniger kommen, die Şerif Obayeri mit einem Becher Tee in Österreich willkommen heißen kann, hilft sie denen, die schon da sind; sie verfasst Asylanträge, organisiert Deutschkurse, sucht Wohnungen. Und all das tut sie, während viele meinen, dass Menschen wie Şerif Obayeri Geflüchteten nicht genug helfen würden. Massive Kritik erntete beispielsweise die größte und einzige staatliche anerkannte islamische Glaubensgemeinschaft »Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich« (IGGiÖ), als diese im September 2016 ankündigte, eine eigene Hilfsorganisation für Geflüchtete gründen zu wollen. Kritiker wie der ehemalige grüne Bundesrat Efgani Dönmez behaupteten, damit die Bildung von muslimischen Parallelgesellschaften voranzutreiben.

Şerif Obayeri gründete mit ein paar Kommilitonen das »Austrian Center for Refugees«, um Spenden zu organisieren. – Quelle: Sherif Obayeri copyright

Wenn in Deutschland und Österreich von über einer Million Geflüchteter die Rede ist, die im Jahr 2015 über die Balkanroute nach Europa kamen, dann kommt man selten bei Geschichten wie jener von Şerifs Obayeris Teestand am Wiener Westbahnhof heraus. Eher schon bei Aussagen wie vom Vorsitzenden der kurdischen Gemeinden in Deutschland, Ali Ertan Toprak, Ali Ertan Toprak wirft islamischen Verbänden fehlendes Engagement für Geflüchtete vor (2015) der Muslimen »keinerlei Engagement und Interesse« für Geflüchtete bescheinigte.

Der Psychologe Ahmed Mansour im Spiegel-Interview (2015) Vielleicht auch beim Berliner Islamkritiker und Psychologen Ahmad Mansour, der sagte, muslimische Organisationen seien »die falschen Ansprechpartner für Geflüchtete, weil sie Werte vermitteln, die eine Parallelgesellschaft unterstützen.« Oder auch beim Vorarlberger Politikwissenschaftler Thomas Schmidinger, Der Politikwissenschaftler Thomas Schmidinger im Interview mit dem Wiener Stadtmagazin Falter (2015) der vor der »konservativen Ideologie« muslimischer Flüchtlingshelfer warnte. Wenig Engagement, Missionierung und der Sog in eine Parallelgesellschaft – wie haltbar sind diese Vorwürfe gegenüber Menschen mit muslimischem Glauben in Zusammenhang mit der Flüchtlingshilfe?

Die Ikone vom Westbahnhof

Wer mit Şerif Obayeri einen Nachmittag in einem kleinen Wiener Café verbringt, bekommt ein Bild von muslimischen Flüchtlingshelfern, das es selten in die Medien schafft: Ihre Erzählungen handeln von türkeistämmigen Unter Deutschtürken fallen alle, die ein Elternteil aus beiden Ländern haben und in der Regel beide Staatsbürgerschaften besitzen. Türkeistämmige sind alle Menschen, deren Wurzeln in der Türkei liegen – also gegenüber dem Begriff »Türkischstämmige« auch Angehörige anderer Volksgruppen wie zum Beispiel Kurden. Insgesamt leben sogar rund 3 Millionen Türkeistämmige in Deutschland – von ihnen haben jedoch nicht alle einen türkischen Pass. Taxifahrern, die Geflüchtete kostenlos mitten in der Nacht von der ungarischen Grenze abholen:

Ich habe ihnen gesagt, wir haben 300 Leute, Kinder, Babys, es regnet, es ist kalt. Die haben gesagt, sie kommen in einer halben Stunde. Ich dachte, die machen einen Scherz. Aber sie kamen wirklich. – Şerif Obayeri

Sie erzählt von islamischen Gemeinden, Es gibt viele Vereine und Verbände, die sich in Österreich für die Geflüchteten engagieren. Unter anderem sind das die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ), die Muslimische Jugend Österreich (MJÖ), die Türkisch-islamische Union (ATIB), das Netzwerk Muslimische Zivilgesellschaft und die Islamische Föderation Linz (ALIF). Weitere Informationen dazu findest du hier. die spontan ihre Gebäude leerräumten, um denen ein Obdach zu geben, um die sich die Behörden des Landes nicht kümmern konnten oder wollten: Österreich hat seit dem Jahr 2015 rund 140.000 Geflüchtete aufgenommen. Während Asylsuchende bis zum Herbst 2015 noch relativ ungehindert das Land durchqueren konnten, begann die Große Koalition im Dezember 2015 mit dem Aufbau eines Grenzzauns an der östlichen Grenze. Einen Monat später beschlossen Bundes- und Landesregierung eine jährliche Obergrenze von 37.500 Geflüchteten. Seitdem hat Österreich mehrmals seine Asylgesetze verschärft. Unter anderem wurden der Familiennachzug erschwert, Sozialleistungen für Asylsuchende verringert und Abschiebungen erleichtert. »Das war Luxus. Es gab 3-mal täglich warmes Essen, warmen Tee, sie hatten sogar Duschen organisiert.«

Und sie erzählt von sich selbst: Von der Tochter türkischer Eltern, die sich schon immer in der Vermittlerrolle sah. Von der ehemaligen Jura-Studentin, die die Bilder geflüchteter Männer, Frauen und Kinder vor den ungarischen Grenzzäunen nicht mehr ertragen konnte. Von der jungen Frau, die ehrenamtlich zu Wiens wichtigster Flüchtlingshelferin wurde, weil sie ein paar Teekannen übrig hatte: »Wir haben sie so empfangen, wie das bei uns kulturell üblich ist. Da wir eine große Familie haben, haben wir auch viele große Teekannen.«

»Was wollt ihr den Geflüchteten beibringen?«

Was im Chaos des Wiener Westbahnhofs als spontane Kooperation muslimischer Akteure begann, geschieht 600 Kilometer entfernt mit System. Nicht an einem Teestand, sondern vor einer Tasse löslichen Kaffees erzählt Projektleiterin Natalia Loinaz vom Zur Website von Inssan Verein Inssan (auf Deutsch: Mensch) in Berlin: »Wir haben gesehen, dass sich in der muslimischen Community im Umgang mit Geflüchteten unglaublich viel bewegt.«

Im Inssan-Verein bietet Natalia Loinaz Mentorenprogramme für junge Erwachsene und Geflüchtete an und koordiniert Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe. – Quelle: Natalia Loinaz copyright

Der Verein versucht, muslimische Initiativen zusammenzubringen, die sich in Berlin für Geflüchtete engagieren. Vertreter von rund 40 muslimischen Projekten aus Berlin haben sich dort bereits am Konferenztisch getroffen: von muslimischer Altenhilfe und Pflegeheimen bis zu Moschee- und Kulturvereinen, von Islamverbänden bis zu muslimischen Psychotherapeuten, von migrantischen Frauenvereinen bis zu Studentengruppen. »Viele helfen Geflüchteten, ohne dass Geflüchtetenhilfe draufsteht«, sagt Natalia Loinaz.

Eine Initiative, bei der es draufsteht, Zur Website des Projektes Wegweiser ist das Projekt Wegweiser. »Die Idee war: Wir bringen Geflüchtete und Berliner mit muslimischem Background zusammen. Daraus ist dann schnell ein ziemlich großes interreligiöses und interkulturelles Projekt geworden«, sagt Natalia Lorenz. Der Verein unterstützt die Integrationstandems mit Veranstaltungen wie Job-Workshops oder Sprach-Cafés.

»Ich finde es wichtig zu sagen: Am Ende ist die Geflüchtetenarbeit der Muslime auch »ganz normale« Geflüchtetenarbeit und keine gesondert muslimische Geflüchtetenarbeit«, betont Natalia Loinaz. Einen Vorteil hätten Projekte wie Wegweiser dennoch:

Die Integrationsarbeit, die wir leisten, leben wir auch selbst vor. Es gibt schon Organisationen, da frage ich mich: ›Was wollt ihr den Geflüchteten beibringen, wenn ihr das selbst nicht einmal lebt?‹ Ich finde, das ist ein Widerspruch. – Natalia Lorenz

Beispiele dafür, dass muslimische Institutionen gerade dort einspringen, wo Behörden versagen, gibt es viele: Als im wohlhabenden Hamburg immer mehr Geflüchtete in Zelten schlafen mussten, Die F.A.Z. hat über die Flüchtlingsarbeit der Al-Nour-Moschee berichtet (2015) nahm die arabische Al-Nour-Moschee im Bahnhofsviertel St. Georg bis zu 500 Geflüchtete auf. Ehrenamtlich. Jede Nacht. Als vor dem völlig überforderten Berliner Lageso eine humanitäre Notlage Im Sommer 2015 wurde das Berliner »Landesamt für Gesundheit und Soziales« zum Symbol des kollektiven Versagens von Behörden in der Flüchtlingskrise. Monatelang bestimmten Meldungen über Krankheiten, Gewalt und lange Wartezeiten die Berichterstattung über die Berliner Behörde. Die taz hat hier auf die Zeit zurückgeblickt. drohte, öffnete das nahegelegene Moschee- und Kulturzentrum »Haus der Weisheit« seine Türen.

Die muslimischen Ehrenamtler erarbeiteten sich schnell einen so guten Ruf, dass ihnen der Berliner Senat kurzerhand auch offiziell die Verwaltung einer städtischen Erstaufnahmeeinrichtung übertrug. Über das Versagen der österreichischen Flüchtlingspolitik in Traiskirchen Und im österreichischen Traiskirchen versorgen nicht lokale Behörden Tausende Geflüchtete mit ihrer ersten Mahlzeit, sondern die kleine türkische Selimiye-Moschee.

Missionieren leicht gemacht?

Werner Schiffauer ist deutscher Kulturwissenschaftler, Buchautor und Professor für Vergleichende Kultur- und Sozialanthropologie. – Quelle: Heide Fest copyright

Auf der sonnigen Terrasse eines Apartmentgebäudes nippt einer der renommiertesten deutschen Migrationsforscher an einem Glas Sprudelwasser. Hier kannst du die Studie »So schaffen wir das – eine Zivilgesellschaft im Aufbruch« herunterladen Für seine aktuelle Studie »So schaffen wir das« hat Werner Schiffauer, Professor für Vergleichende Kultur- und Sozialanthropologie an der Frankfurter Viadrina-Universität, 90 Flüchtlingsprojekte in ganz Deutschland untersucht.

Muslimische Flüchtlingshelfer würden aufgrund »ähnlicher Religion oder auch Sprachkompetenz oft eine Brückenbauer- oder Vermittlungsfunktion« einnehmen. Von Missionierung sei bei den von ihm untersuchten Initiativen »nichts zu spüren« gewesen, sagt Schiffauer. Stattdessen ginge es meist um ganz praktische Hilfe: »Die Projekte entstehen aus der Not. Die Flüchtlinge kommen zu den Moscheen, nicht andersherum.«

Zum »besonderen Wert« muslimischer Flüchtlingshilfe komme hinzu, dass sich muslimische Gemeinden meist ausschließlich aus Spenden finanzieren, betont Schiffauer. »In christlichen Gemeinden ist das Rückgrat sozusagen ausfinanziert und das Ehrenamt tritt komplementär hinzu. In muslimischen Gemeinden werden fast alle Funktionen von Ehrenamtlern getragen, das bedeutet, dass die Ressourcen schneller erschöpft sind.«

Was an den Vorwürfen von Kritikern der muslimischen Flüchtlingshilfe dran ist? »Haben die empirische Daten?«, fragt Werner Schiffauer. »Na, sehen Sie.« Denn die Daten, die über muslimische Flüchtlingsarbeit vorliegen, bestätigen nicht das Klischee vom Glaubensbruder, der mal untätig bleibt, mal nur auf Missionierung aus ist.

Zum Religionsmonitor Das zeigt auch der kürzlich veröffentlichte Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung. Im Gegenteil: In der Studie gaben 44% der befragten Muslime in Deutschland an, im vergangenen Jahr ehrenamtlich Geflüchteten geholfen zu haben. Bei Christen und Konfessionslosen waren es 21% bzw. 17%. Und noch etwas stellten die Forscher fest: Die Annahme, muslimische Helfer nutzten ihr Engagement, um Geflüchtete zu missionieren oder zu radikalisieren, sei haltlos und treffe allenfalls auf 1–2% der Initiativen zu.

Auf dem Weg zum glokalen Selbstverständnis

Die konkrete Flüchtlingsarbeit wird durch die Skepsis erschwert. »Nach 3 Tagen begannen die Streitigkeiten, ob wir mit unserem Teestand dastehen dürfen«, erinnert sich Şerif Obayeri daran, als am Wiener Westbahnhof eine große christliche Wohlfahrtsorganisation mit Verweis auf »Sicherheitsbedenken« versuchte, die muslimischen Helfer an den Rand zu drängen. Anmerkung des Autors: Der Kritik muslimischer Flüchtlingshelfer, bei ihrer Arbeit von großen Hilfsorganisationen behindert zu werden, bin ich bei meinen Recherchen häufiger begegnet. Einige meiner Gesprächspartner deuteten das als generelle Skepsis gegenüber Muslimen, andere sahen es eher als Form der Revierverteidigung etablierter Organisationen gegenüber neuen Akteuren.

»Viele Muslime denken, dass man gute Taten geheim halten und Lob vermeiden soll.«

»Die Anerkennung für das, was wir tatsächlich machen, ist gering«, sagt auch Natalia Loinaz von Inssan und räumt ein, dass Muslime dafür zumindest zum Teil mitverantwortlich seien: »Viele Muslime denken, dass man gute Taten geheim halten und Lob vermeiden soll. Aber was passiert, wenn man das durchzieht und gleichzeitig Muslime überall negativ dargestellt werden?«

In Zukunft wolle Inssan deshalb stärker versuchen, den Nutzen muslimischer Flüchtlingsarbeit in die Öffentlichkeit zu tragen. Nicht nur den für Geflüchtete. »Wir haben mittlerweile auch sehr viele nicht-muslimische Mentoren. Ich glaube, für manche ist das so eine Art Statement. Seht her, ich bin gegen AfD, Pegida und Trump und unterstütze deshalb eine muslimische Organisation.«

Auch Migrationsforscher Schiffauer stellt fest, dass Flüchtlingsarbeit in 2 Richtungen wirken kann. Sie integriere nicht nur Geflüchtete in die Kultur ihrer neuen Heimat, sondern auch Deutsche in die multikulturelle Realität ihres Landes – das ist praktisch Integrationsarbeit für Einheimische. Schiffauer spricht von einer neuen »glokalen Identität«, Nach Schiffauer ist im Engagement für Geflüchtete eine neue Bürgerbewegung entstanden. Diese würden den »lokalen Bezug«, beispielsweise zu ihrem Stadtteil, mit dem Bekenntnis zu Vielfalt und Globalität verbinden, wie es in Migrantenmilieus seit jeher üblich ist. die vielerorts im Zuge von Willkommensinitiativen entstanden sei. So nennt er die Mischung aus lokalem und globalem Selbstverständnis, das sich in der Pluralität muslimischer und migrantischer Milieus zeige und vielerorts auch in die Mehrheitskultur Einzug gehalten habe.

Das ist ein anderes lokales Selbstverständnis, als es bisher war, David Ehl darüber, wie gute Nachbarschaft um eine Moschee funktioniert wo Moscheen als Fremdkörper verstanden wurden. Auf einmal hat man das Gefühl, das sind wir, das ist ein Teil von uns und wir müssen diese Herausforderungen gemeinsam bewältigen. – Werner Schiffauer, Migrationsforscher

Auch Şerif Obayeris Integrationsarbeit hat nicht nur Geflüchtete zum Ziel. Anderthalb Jahre nachdem sie ihren kleinen Teestand am Wiener Westbahnhof aufgebaut hat, will sie in Zukunft auch Österreichern ohne Migrationshintergrund die gemeinsamen Rechte näherbringen. Für die »niederösterreichische Landesausstellung« erklärt die Juristin, der aufgrund ihres Kopftuchs der Weg zur Richterin verwehrt bleibt, Neu- und Alt-Österreichern die Geschichte des österreichischen Rechtssystems.

Fabian Köhler hat Politik- und Islamwissenschaft studiert. Als freier Journalist berichtet er meist über, noch lieber aus Nahost. Auf seinem Blog schantall-und-scharia.de schreibt er über Islam(-ophobie) in Deutschland.

picture alliance/APA/picturedesk.com - copyright

 

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