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Wenn du an Depression denkst, solltest du dieses Bild im Kopf haben

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Gastautorin: Maria Müller

Wenn du an Depression denkst, solltest du dieses Bild im Kopf haben

26. Juli 2017

Hilflos und verzweifelt – so werden Menschen mit Depression meist dargestellt. Warum und wie wir das ändern können.

Ich starre in einem kühlen Arztzimmer auf ein farbenfrohes Gemälde an der Wand gegenüber. Ich fühle mich wie betäubt. Die Morgensonne verirrt sich in den Raum, doch ich will nur zurück ins Bett. Meine Gedanken kreisen um die Sinnlosigkeit des Lebens, während die Ärztin ihre Unterlagen durchsieht. Mich hierher zu schleppen, hat bereits all meine geistige Kraft für den Tag verbraucht. 2 Jahre ist es her, als sie zu mir sagt: »Sie haben eine Depression.«

Hast du das auch gespürt? Das unwohle Gefühl, das dieses Wort in dir auslöst? Keine Sorge: In diesem Text wird es vor allem um Mut gehen – genauer gesagt um die Hier geht es zur Website der Mut-Tour Mut-Tour. Und um ihr erklärtes Ziel, Vorurteile gegenüber psychischen Erkrankungen wie Depressionen Wenn ich im Laufe des Artikels über Depressionen spreche, spreche ich konkret nur von einer sogenannten Major Depression. Das ist die schwere Form von Depression, bei der bestimmte Symptome mindestens 2 Wochen vorliegen müssen. Dazu gehören eine ständige depressive Verstimmung, der Verlust an Interessen und Freude, Selbstmordgedanken, Schlafstörungen und vieles mehr. Diese Form von Depression ist behandlungsbedürftig und wird meist mit Antidepressiva und Psychotherapie behandelt. abzubauen.

Die Mut-Tour hat vor allem eines: Symbolcharakter. – Quelle: Mut-Tour copyright

Was haben Depressionen mit einer Fahrradtour zu tun?

Einmal im Jahr fahren bei der Mut-Tour Menschen mit und ohne Depression gemeinsam auf Tandems durch Deutschland. Trägerverein der Tour ist die Die Deutsche DepressionsLiga ist ein eingetragener Verein und vertritt deutschlandweit an Depressionen erkrankte Menschen Deutsche DepressionsLiga, die unter anderem vom ADFC, der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und der Barmer unterstützt wird. In den vergangenen 5 Jahren sind 126 Menschen in 41 Etappen insgesamt 22.000 Kilometer geradelt. Übernachtet wird in Zelten. Route und Verpflegung planen die Teilnehmer selbst. Nebenbei geben sie Interviews, sodass schon fast 1.500-mal darüber berichtet wurde. Artikel über Depression deprimieren – Artikel über die Mut-Tour machen Menschen mit Depressionen Mut und holen ihre Krankheit aus dem Unangenehmen heraus.

Das ist dringend nötig, wenn man bedenkt, dass weltweit fast jeder Fünfte einmal in seinem Leben an einer Depression erkrankt. Eine durchschnittliche Depression bleibt 6–8 Monate, aber bei 15–25% wird sie chronisch. In Deutschland sind es aktuell mehr als 4 Millionen Menschen, The Washington Post hat eine Weltkarte zum Vorkommen diagnostizierter schwerer Depressionen (englisch, 2013) was im globalen Vergleich verhältnismäßig gering ist. Das Land mit den aktuell meisten diagnostizierten Depressionen ist Afghanistan, wo mehr als jeder Fünfte akut betroffen ist. Neben Afghanistan sind Länder im Mittleren Osten und Nordafrika besonders depressiv sowie Eritrea, Ruanda, Botswana, Gabun, Kroatien, die Niederlande und Honduras. Die niedrigsten Werte liegen in Asiens wohlhabendsten Ländern einschließlich Japan vor.

Wie erkennst du eine Depression?

Jeder ist mal traurig oder niedergeschlagen, jeder fühlt sich manchmal energielos oder erschöpft. Das hat wenig mit einer Depression zu tun und viel mit den normalen Höhen und Tiefen des Lebens. Erst wenn verschiedene Symptome wie Antriebslosigkeit, depressive Stimmung oder Verlust an Interessen und Freude Diese Symptome gelten als Hauptsymptome von Depressionen. mindestens 2 Wochen vorliegen, besteht ein begründeter Verdacht auf eine Depression. Liegen alle diese 3 Hauptsymptome und mindestens 4 Nebensymptome wie

  • Konzentrationsstörungen
  • mangelndes Selbstwertgefühl
  • Schuldgefühle
  • pessimistische Zukunftsperspektiven
  • Suizidgedanken
  • Schlafstörungen
  • Appetitverminderung

zusammen vor, wird eine schwere Depression diagnostiziert Es gibt auch leichte depressive Episoden. Eine solche liegt vor, wenn 2 Hauptsymptome und 2 Zusatzsymptome auftreten; von einer mittelgradigen Depression ist die Rede, wenn 2 Haupt- und 3–4 Zusatzsymptome beobachtet werden. – wie schwer sie ist, wird an der Anzahl von Haupt- und Nebensymptomen definiert. Depressionen gehören wie die Bipolare Störung und die Manie zu den affektiven Störungen, Affektive Störung ist der Überbegriff, wenn eine Störung des emotionalen Gleichgewichts vorliegt und dadurch Veränderungen der Stimmung (Affektivität) und des Aktivitätsniveaus (Antrieb) auftreten. Schätzungsweise sind 20% aller Erwachsenen schon von affektiven Störungen betroffen gewesen. bei denen Stimmung und Antrieb Betroffener sehr stark schwanken. In den schlimmsten Fällen endet eine Depression mit dem Suizid. 10–15% der Menschen, die an einer rezidivierenden Depression leiden, sterben durch eine Selbsttötung. Alle 53 Minuten nimmt sich jemand in Deutschland das Leben und laut der WHO (englisch) war Selbstmord im Jahr 2015 die zweithäufigste Todesursache bei Menschen zwischen 15 und 29 Jahren.

Wie entsteht eine Depression?

Warum Menschen depressiv werden, hat viele Gründe; die Wissenschaft hat noch keine definitive Antwort, welche Faktoren wie zusammenspielen. Sicher ist, dass es nicht alleine an einem Ungleichgewicht der Gehirnchemie liegt, Genauer gesagt reden viele von dem Neurotransmitter Serotonin, der laut manchen Wissenschaftlern bei geringer Konzentration zu Depressionen führen kann. Diesen Mythos widerlegen zahlreiche Studien. Keiner weiß, wie das perfekte Level von Neurotransmittern in unserem Gehirn sein sollte. sondern häufig traumatische Erlebnisse und andere sogenannte Stressfaktoren Das können Missbrauchs- oder Gewaltsituationen sein, aber auch Naturkatastrophen sowie der Tod eines geliebten Menschen, Partner- und Familienkonflikte, Arbeitslosigkeit oder Verrentung. hinzukommen. Dazu zählen genetische Veranlagung Wenn Verwandte ersten Grades, also Eltern oder eigene Kinder, an einer Depression erkrankt sind, liegt das eigene Risiko bei etwa 15%. Der Einfluss von Umweltfaktoren (geteilte Umgebung) ist dabei schwer zu ermitteln. und ungesunde Gewohnheiten, Dazu gehören Bewegungsmangel, falsche Ernährung und das Verschweigen der eigenen Gefühle, aber auch übermäßiger Alkohol- und Drogenkonsum. aber auch das Geschlecht: Frauen sind öfter betroffen als Männer, Zum Beispiel zeigen die Ergebnisse einer GEDA-Studie (2013), dass 10% der Frauen und nur 6% der Männer betroffen sind. Mögliche Ursache könnten Hormonschwankungen sein, die zum Beispiel pränatale Depressionen oder Depressionen in der Menopause auslösen. wobei Die Suizidunterschiede zwischen Männern und Frauen zeigt der deutsche Männergesundheitsbericht (2013) Männer 3-mal so häufig Suizid begehen.

Ist das heilbar?

Eine Therapie setzt meist an 2 Punkten gleichzeitig an: Medikamente (Antidepressiva) kümmern sich auf direktem Wege um die Botenstoffe im Gehirn, Besonders die Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin, die bei einer Vielzahl von psychischen Erkrankungen verändert sind, werden dabei adressiert. Sogenannte SSIRs (Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer) und SSNRIs (Selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer) sind die 2 wichtigsten pharmakologischen Mittel gegen Depressionen und Angststörungen. Sie gelten als »zweite Generation« im Vergleich zu nichtselektiven Mitteln, die sämtliche Neurotransmitter beeinflussen. während eine Verhaltens- und Psychotherapie dem Erkrankten bei langfristigen Veränderungen hilft. Wie bei einer Maren Urner schreibt über Angststörungen, deren Behandlung der Therapie gegen Depressionen ähnelt Angststörung wird oftmals eine Hier findest du Hintergrundinformationen zur kognitiven Verhaltenstherapie kognitive Verhaltenstherapie eingesetzt, in der der Patient gelernte, ungesunde Verhaltensmuster wie zum Beispiel den ständigen Gedanken »Ich bin nicht genug!« analysiert und versucht, dies in einen positiveren Gedanken umzudenken. Hier findest du eine wissenschaftliche Einordnung zur Rückfallprophylaxe bei Depression (2008) Nach einer einzelnen depressiven Episode beträgt das Rückfallrisiko 50%, bei einer schweren Depression liegt diese bei 75%. Etwa 50–85% der Patienten mit einer ersten depressiven Episode entwickeln im Verlauf ihres Lebens eine oder mehrere weitere Episoden. Nach 3 depressiven Episoden liegt die Rückfallwahrscheinlichkeit bei 90%. Faktoren wie Alkoholkonsum und das Vorliegen anderer psychischer Krankheiten (wie eine Angststörung) beeinflussen die Prognose. Über Fakten wie diese versucht die Mut-Tour durch ihre Öffentlichkeitsarbeit zu informieren.

Es ist okay, wenn nicht immer alles okay ist

Anna Anna heißt natürlich anders, weil sie gern anonym bleiben möchte. Sie hat Angst, Probleme mit ihrem zukünftigen Arbeitgeber zu bekommen, wenn bekannt ist, dass sie depressiv war. ist Mitte 40, arbeitet im sozialen Bereich und ist als ehrenamtliche Helferin schon 3-mal bei der Mut-Tour mitgefahren. Ich treffe sie online für ein Interview und sie erzählt mir ihre Geschichte. 2011 merkte ich, dass ich meinen Alltag nicht mehr meistern konnte. Ich schlief kaum noch und verlor meinen Antrieb, obwohl das Wetter schön war – sogar im Urlaub. Ich hatte damals konkrete Suizidgedanken. Aber mir diese Schwäche einzugestehen, zu sagen ›ja, ich bin krank‹, war sehr schwer für mich – und ist es auch heute noch. – Anna Anna weiß, dass sie Glück hatte: Ihr Hausarzt erkannte die Krankheit und verwies sie an eine Psychotherapeutin. Im Schnitt warten Patienten in Deutschland 3 Monate auf eine Behandlung, bei Anna waren es nur 2 Wochen. 2 Jahre später wurde sie aus der Therapie entlassen, doch depressive Episoden kehren auch heute noch immer wieder zurück. Ich habe bis heute schwere Phasen – meine Depression scheint mich zu begleiten. Inzwischen fällt es mir jedoch leichter, um Hilfe zu bitten. Enge Freunde und meine Familie wissen davon. – Anna Auch wenn sie inzwischen offen mit ihrer Krankheit umgeht und Menschen ermutigt, denen es ähnlich geht, macht sie deutlich: Es braucht Zeit, um wieder im Alltag anzukommen. Eine große Herausforderung für viele Depressive. In der Arbeitswelt wird das Thema häufig verschwiegen, weil es unmöglich erscheint, Schwäche zu zeigen. Vielleicht ist es nur ein »kleiner Burn-out« und es liegt sicher an der vielen Arbeit und dem Stress. Anna kennt den Konflikt zwischen Transparenz und Stigmatisierung. Selbst eingeweihte Personen reagieren oft mit Vorwürfen. ›Du bist selber schuld. Stell dich nicht so an!‹, hörte ich damals von meiner Vorgesetzten. Bis heute kann ich über manche Reaktionen nur den Kopf schütteln. – Anna

Diese 4 Gründe tragen zum Unverständnis bei

Dass psychische Erkrankungen bei vielen Menschen noch immer mulmige Gefühle auslösen, hat mehr als einen Grund.

  • Unsichtbar: Wie sieht eigentlich ein Depressiver oder ein Schizophrener aus? Das lässt sich kaum über Äußerlichkeiten beschreiben. Weder Röntgengerät noch Ultraschallaufnahme helfen bisher bei der Diagnose. Es gibt erste Studien, die versuchen, Depressionen über Gehirnscans zu erkennen und zu diagnostizieren. Das würde die Arbeit der Psychiater erleichtern. Hier (englisch) erfährst du mehr darüber. Generell sind psychische Krankheiten schwerer zu greifen und zu begreifen Eine der Studien zum Zusammenhang zwischen Entzündungen und Depression (englisch, 2016) als ein gebrochenes Bein oder eine Virusinfektion. Manche Menschen glauben sogar, eine Depression sei keine echte Krankheit.

    Depressionen können eben nicht einfach durch eine Blutabnahme diagnostiziert werden. Diese Ungewissheit macht vielen Menschen Angst. – Anna

  • Unbekannt: Gerade weil sie unsichtbar sind, wissen viele Menschen wenig über Depressionen und andere psychische Erkrankungen. Hinzu kommt, dass viel Halbwissen und Unfug kursiert, der dann zu Schuldzuweisungen führt. In die Schlagzeilen schafft Depression es nur, wenn sie Prominente wie Schauspieler Robin Williams Der Komiker und Schauspieler (»Club der Toten Dichter«, »Mrs. Doubtfire«, »Good Morning, Vietnam«) hatte sich am 11. August 2014 in seinem Haus in Kalifornien erhängt. oder kürzlich Linkin-Park-Sänger Chester Bennington Der Front-Sänger der Band Linkin Park, Chester Bennington, wurde am 20.07.2017 tot in seinem Haus aufgefunden. Er hatte sich im Alter von 41 Jahren erhängt. in den Suizid treibt. So entstehen Vorurteile und Missverständnisse. Die immer wiederkehrenden Fotos von einsamen Menschen, die traurig in einer Zimmerecke auf dem Boden hocken, Die britische Kampagne von »Time To Change« liefert alternative Bilder für die Berichterstattung über psychische Krankheiten (englisch) helfen nicht dabei, dem entgegenzuwirken. Leider bleiben negative Berichte länger in unseren Köpfen. Wirft ein Mensch sich vor einen Zug, bleibt der Kommentar ›Wie kann man nur so egoistisch sein?‹ eher hängen als die Frage, was dieser Mensch wohl erleiden musste. So werden die Schuldzuweisungen und die Stigmatisierung immer stärker. – Anna

  • Ausgeschlachtet: Was haben der Pilot des abgestürzten Germanwings-Flugzeugs, Als am 24. März 2015 ein Flugzeug von Germanwings auf dem Flug von Barcelona nach Düsseldorf abstürzt, sterben 150 Menschen. In den Untersuchungen kam heraus, dass der Absturz vom Piloten geplant war und dass dieser wegen Depressionen in Behandlung war. die Amokläufer von München und Winnenden und der Attentäter von Nizza gemeinsam? Sie alle hatten Depressionen. Das konnten wir überall auf den Titelseiten lesen. Hier findest du die Zusammenfassung der Analyse zur medialen Stigmatisierung (2016) Tatsächlich zeigte eine Untersuchung der Zeitungsartikel über den Flugzeugabsturz, dass circa 1/3 der untersuchten Artikel Depressionen stigmatisieren. Dabei wurden 251 Zeitungsartikel zum Flugzeugunglück untersucht; 31,5% wurden als »explizite Stigmatisierung« klassiert. Eine solche Berichterstattung führt dazu, Untersuchung zur Wahrnehmung von Depressionen nach dem Flugzeugabsturz in Deutschland (englisch, 2015) dass viele Menschen Erkrankte für unberechenbar und gefährlich halten. Depressive sind natürlich nicht alle gefährlich und unberechenbar. Eine Studie in Schweden (englisch) zeigt auf, dass Männer mit Depressionen zwar geringfügig gewalttätiger sein können (um etwa 3,7%), dabei aber vor allem die Umwelt und genetische Faktoren eine wichtige Rolle spielen. Die Suizidrate (also Gewalt gegen sich selbst) ist bei Menschen mit Depressionen weitaus höher und bei Männern höher als bei Frauen.

  • Überzeichnet: Für den gemeinen Bösewicht einer Story braucht es wenig. Man nehme eine psychische Krankheit und zaubere so eine perfekte Motivation für seine Gräueltaten herbei. Sie begegnen uns so als Joker, Der Joker ist eine fiktive Comicfigur und taucht immer wieder als Erzfeind von »Batman« in gleichnamigen Filmen, Serien oder Comics auf. Sein Gesicht ist mit weißer Farbe grundiert und ein rot angemaltes Lächeln zieht sich über seine Wangen. Er ist ein gewalttätiger Psychopath, mit einem verrückten Lachen als Markenzeichen. Norman Bates Norman Bates ist der Antagonist in dem Roman und Film »Psycho«. Er leidet an einer multiplen Persönlichkeitsstörung. Befindet er sich in der Persönlichkeit seiner Mutter, bringt er andere Menschen um. oder Hannibal Lecter Hannibal Lecter ist eine fiktive Figur in einer Romanreihe und wurde als Hauptcharakter im Film »Das Schweigen der Lämmer« (1990) weltberühmt. Neben seiner Tätigkeit als Psychiater ist er ein kannibalischer Serienmörder und er leidet vermutlich an einer Persönlichkeitsstörung. – alle 3 leiden zwar nicht an Depressionen, sind aber psychisch krank. Besonders gewalttätig werden Schizophrenie- Schizophrenie zählt zu den Psychosen, bei denen das eigene Erleben und die Wahrnehmung beeinflusst werden – auch hier gibt es natürlich verschiedene Arten. Häufig hören die Betroffenen Stimmen (die im Gehirn mit einer ähnlichen Aktivität gemessen werden können wie tatsächliche Stimmen) oder haben Wahnvorstellungen. Schizophrenie wird oft mit einer multiplen Persönlichkeitsstörung verwechselt, die auch als »gespaltene Persönlichkeit« bezeichnet wird. Patienten dargestellt. Diese Studie (englisch) untersuchte die Darstellung von Schizophrenie in den Unterhaltungsmedien: Von 42 schizophrenen Charakteren zeigten 35 gewalttätiges Verhalten. Auch in der deutschen Filmlandschaft inklusive hoher Krimi-Dichte SPON berichtet über die Funde von Eva-Maria Fahmüller im deutschen Fernsehen sind psychisch Kranke häufig gewalttätige und unberechenbare Täter oder Verdächtige. Die Mut-Tour setzt sich gezielt für den Abbau solcher Stigmata ein.

Eine Depression ist belastend – für den Erkrankten sowie für die Mitmenschen. Aufklärung würde die Kommunikation verbessern, dabei ist wichtig zu wissen, was Depressionen sind, was es bedeutet, Depressionen zu haben, und wie Mitmenschen am besten helfen können. […] Wir versuchen, gemeinsam mit Journalisten und Interessierten die Stigmatisierung von Depressionen zu verändern. – Anna

Nach einer Depression wieder fest im Sattel sitzen

Bevor es losgeht, treffen sich alle zu einem »Mut-Wochenende«, um sich kennenzulernen und Workshops über Depression und Öffentlichkeitsarbeit zu belegen. Jeder, der ein Belastungs-EKG besteht und psychisch und körperlich fit ist, kann sich bewerben und mitradeln. Immer 6 Menschen mit und ohne Depressionserfahrung fahren auf Tandems in 6–8 Tagesetappen Dieses Jahr startete die Tour am 10. Juli in Bremen. Insgesamt standen 4 Etappen auf dem Programm:

1. Etappe: Bremen–Mönchengladbach
2. Etappe: Mönchengladbach–Bensheim
3. Etappe: Bensheim–Basel
4. Etappe: Bad Schandau–Leipzig
durch Deutschland.

Das Radeln hat den Vorteil, dass sich nicht nur die Teilnehmer austauschen, sondern auch Passanten einbezogen werden und Infostände entlang der Route organisiert werden können. Wer nicht live dabei ist, liest vielleicht in seiner Lokalzeitung davon.

Zelte und Verpflegung sind im Gepäck. Die Strecke ist nur grob vorgegeben. Vom Pressesprecher, der in Bremen sitzt und Interviews mit der lokalen Presse organisiert. Wenn kein Interview auf dem Terminkalender steht, schlagen die Radler die Zelte dort auf, wo es ihnen gefällt. Da schläft die Sportmanagerin schon mal gemeinsam mit der Rentnerin in einem Zelt. Oder es kocht der junge Krankenpfleger mit dem gestanden Architekten das Abendessen. Die Teilnehmer sind den ganzen Tag im Freien und sammeln täglich neue Erfahrungen. Zur psychischen Herausforderung kommt die körperliche, denn abends stehen immer 60 Kilometer auf dem Tacho. Die Kontinuität gibt den Teilnehmern Halt.

Hinzu kommt, Meta-Studie zu den positiven Auswirkungen von Bewegung auf Depressionen (englisch, 2004) dass Bewegung mittlerweile häufig als Therapieform gegen Depressionen und andere psychische Krankheiten eingesetzt wird, bis die verbesserte Fitness die innere Stimme stummschaltet, die dem Depressiven leise zuflüstert: »Du kannst nichts«.

Gemeinschaft, Struktur, Natur und Bewegung sind Grundsäulen der Mut-Tour. […] Wir sind keine Therapie – wir fahren mit keinen akut Erkrankten. Täglich kommen wir an körperliche Grenzen und wachsen über diese hinaus, das schaffen nicht alle. – Anna

Niemand wird zurückgelassen, aber Schwäche ist erlaubt. Als eine Teilnehmerin in Annas Gruppe nicht mehr kann und die anderen das mitbekommen, ändert der Trupp am Abend die geplante Route. Am nächsten Tag gibt es einen Schlenker zum nächsten Bahnhof, sodass die Teilnehmerin mit dem Zug zum Tagesziel fahren kann – ein Begleitauto gibt es nicht.

Es geht vielmehr um die Botschaft, dass wir es schaffen und mit der Krankheit leben können. Wir sind fähig, in einer Gemeinschaft zu agieren, halten uns an gewisse einfache Tagesstrukturen, um die körperliche Herausforderung zu meistern, und gehen offen damit um. – Anna

Mit der Mut-Tour landen die Teilnehmer jedes Jahr in den Schlagzeilen. – Quelle: Oandris Tejeiro Nordet copyright

Natürlich ist die Mut-Tour nur ein Puzzleteil in einem verbesserten Umgang mit Depressionen und psychischen Krankheiten. Sie verändert den Umgang der Teilnehmer damit, sie gibt dem Mann auf der Straße, der der Gruppe begegnet, eine neue Perspektive auf die Krankheit und verändert vielleicht auch die Berichterstattung des Journalisten, der Anna interviewt hat.

Vielleicht verändert sie auch dich, während du gerade im Zug zur Arbeit, am Frühstückstisch oder auf dem Sofa liegend diesen Artikel liest.

Das Beste ist es, die Unsicherheit beim Umgang mit depressiven Menschen anzusprechen. Wenn ein Freund dir erzählt, dass er an Depression leidet, dann lieber ein ehrliches ›Ich weiß gar nicht, wie ich damit umgehen soll‹ als ein uninformierter Kommentar. Behandle Menschen, die an Depression erkrankt sind, ganz ›normal‹, weder mit gespieltem Fingerspitzengefühl noch mit Berührungsangst. – Anna Vor 2 Jahren litt ich an einer Krankheit, die mein Leben verändert hat. Heute weiß ich, dass ich mich für meine Depression nicht schämen muss. Und obwohl heute meine Monster wieder unterm Bett und nicht in meinem Kopf schlafen, ist diese Krankheit ein Teil von mir und das ist okay.

Maria Müller beginnt diesen Herbst ihr Psychologiestudium in Innsbruck; von März–Mai 2017 war sie als Praktikantin bei Perspective Daily.

Mut-Tour - copyright

 

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