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Wenn du online dein Gesicht verlierst, lädst du ein neues hoch. Oder?

26. Juli 2016
Themen:

Als Sweetbunny42 lässt es sich frei surfen. Doch Facebook besteht auf Klarnamen und fordert ein einheitliches Ich. Wie gehen wir damit um?



Mark Zuckerberg ist eine wichtige Person im Internet. Er hat Facebook gegründet, das aktuell meistgenutzte soziale Netzwerk der Welt. Wenn er etwas sagt, dann hat das Gewicht; so etwa, als er im Auf der F8-Entwicklerkonferenz in San Francisco April 2016 die Strategie seiner Firma für die nächsten 10 Jahre vorstellte. Neben einem Fokus auf Videos, Chats und Virtueller Realität war ein Detail besonders interessant: Zuckerberg bezeichnete Facebook nicht als Dienstleistung, sondern als »Ökosystem«. Das meint er durchaus ernst: Nach seiner Ansicht existieren die mittlerweile Aus Facebooks aktuellen Quartalszahlen 2016 1,65 Milliarden Nutzer in seinem »digitalen Lebensraum«.

Mark Zuckerberg steht für Klarnamen im Internet. – Quelle: Guillaume Paumier CC BY

Das kann man so sehen. Doch Zuckerbergs Vision für Facebook geht noch weiter und uns Nutzern an die Substanz – es geht um unser »Ich« im Netz. Randi Zuckerberg, Marks Schwester und ehemalige Marketing-Chefin von Facebook, brachte es auf den Punkt: Bei einer Veranstaltung des »Marie Claire Magazine« (2011) »Ich glaube, Anonymität im Internet muss verschwinden.« Rums! Ein Satz, bei dem wir genau hinhören sollten.

Der Satz ist aktueller denn je.

Blicken wir nach Amerika, wo Facebook seinen Stammsitz hat. Dort sucht die Obama-Regierung seit 2011 nach einer zentralen Lösung zur Verwaltung einer Nutzer-Identität im Internet – ganz amerikanisch in Kooperation mit führenden Firmen. Als erstes Unternehmen erfüllte Facebook einen Großteil der staatlichen Die National Strategy for Trusted Identitites in Cyberspace (kurz Nstic) Auflagen für private Partner, beispielsweise eine Authentifizierung für Dritte bereitzustellen. Durch eine solche Kooperation könnte das Facebook-Profil für Benutzer zur zentralen Identität im Internet werden Durch die Authentifizierung bei Facebook könnten dann Bezahlprozesse oder sogar Steuerprozesse abgewickelt werden. Das ist bequem, doch dadurch entsteht ein hoher Anspruch an die Authentizität der angegebenen Benutzerdaten. Dass diese Identität standardmäßig öffentlich ist, ist ein weiteres Problem. – zunächst in Amerika. »Niemand ist gezwungen. Aber es ist vor allem bequemer. Ich sehe da viele Entwicklungen sehr kritisch.« – Constanze Kurz vom Chaos Computer Club Doch ist die Lösung einmal da, bietet sich das System natürlich auch für andere Länder an. Etwa für Deutschland, wo der Staat mit dem digitalen Personalausweis zwar eine solche zentrale Online-Identität unter hohen Sicherheitsauflagen geschaffen hat, deren Benutzung aber sehr umständlich ist und spezielle Lesegeräte erfordert. Da ist es wohl kein Zufall, dass auch die Initiative der US-Regierungs von einem Die Unterabteilung nennt sich Identity Ecosystem Steering Group (IDESG) »Identitäts-Ökosystem« spricht.

Auch in Deutschland greifen bereits viele Online-Dienste auf Facebook zurück, um uns beim Login zu identifizieren. Darüber hinaus speichert und verwaltet Facebook unsere Selbstdarstellung im Netz, unsere Online-Visitenkarte. Doch wenn eine einzelne Firma so viel Einsicht auf unsere digitale Identität Der Begriff ist noch nicht verbindlich definiert. Dieser Artikel folgt der Definition des unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz Schleswig-Holstein (2007) und meint damit die Gesamtheit aller suchbaren Daten zu einer Person im Internet. Diese besteht aus vielen »Puzzleteilen« auf diversen Seiten, die sich miteinander verbinden lassen. hat, wird es problematisch – vor allem, wenn Facebooks Gründer auf Klarnamen besteht und einen »gläsernen Bürger« erwartet.

Der unbedarfte Nutzer mag nun fragen: »Warum ist das ein Problem?«

Das Internet ist keine Gartenfeier

Wir Benutzer verlagern immer mehr Bereiche unseres Lebens ins Internet – Kommunikation, Einkaufen, Hobbys. Damit das klappt, ist eine digitale Identität notwendig, die uns schützt und geschützt wird. »Im wirklichen Leben bin ich Lehrer und muss auf mein Außenbild achtgeben. Im Internet kann ich frei und anonym sein und mache, worauf ich Lust habe.« – Shoolsout21 In vielen Bereichen des Internets identifizieren wir uns dazu nicht mit unserem richtigen Namen, sondern per Benutzername, also mit einem Pseudonym. Zum Beispiel »Berlinbär«, »Schoolsout21« oder »Sweetbunny42«. Diese werden mit einem Passwort verbunden. Ein solches Benutzerprofil können Anbieter zwar auf der eigenen Seite analysieren, doch das Pseudonym verbindet diese Informationen nicht mit einer Offline-Identität und schützt diese so. Viele Nutzer wechseln sogar je nach Website und Anbieter. Warum eigentlich? »In der analogen Welt ist es ja auch nicht schwer, anonym Im allgemeinen Sprachgebrauch werden Pseudonymität und Anonymität austauschbar verwendet, obwohl sich diese technisch unterscheiden. Pseudonymität rechnet jeder Handlung ein Pseudonym zu, echte Anonymität macht jede Handlung gänzlich unverfolgbar. zu sein«, erklärt Internet-Expertin Constanze Kurz. Die Informatikerin und Sprecherin des Chaos Computer Clubs beschäftigt sich schon lange mit digitaler Kommunikation und den Auswirkungen des Internets auf die Gesellschaft und den einzelnen Menschen. »Man möchte manchmal einfach nicht mit seiner eigenen Realnamen-Identität verbunden werden: Man mag vielleicht Heino und das kommt in der sozialen Peer-Gruppe nicht so gut an.«

Constanze Kurz vom Chaos Computer Club – Quelle: Tobias Klenze CC BY

Pseudonyme sind die technische Umsetzung unseres Bedürfnisses, auch im globalen Internet privat zu sein und uns privat verhalten zu können – wie bei einem zufälligen Gespräch auf einer Party oder an der Bushaltestelle. Doch das Internet ist keine Gartenfeier, sondern weltweit öffentlich. Gerade hier hat Pseudonymität wichtige Vorteile:

  1. Schutz: Gefällt ein Teil der eigenen Identität im Internet nicht mehr, lässt sich ein Pseudonym abstreifen – ohne Konsequenzen für unser Offline-Leben oder das unserer Familie. Besonders wichtig ist dieser Punkt bei der digitalen Identität Angehöriger von Personen des öffentlichen Lebens, Straftätern oder Toten. Pseudonyme können hier vor (vermeintlich) öffentlichem Interesse schützen oder ein »digitales Vergessen« erzwingen. So können wir Internetphänomenen wie Shitstorms Der inflationär gebrauchte Begriff bezeichnet im engeren Sinn ein lawinenartiges Auftreten negativer Äußerungen gegenüber einer Person oder einem Unternehmen, häufig über soziale Netzwerke und in Foren. Je nach Auslöser und viraler Verbreitung kann ein Shitstorm sogar globale Ausmaße annehmen. oder Cyber-Mobbing Auch Internet-Mobbing, Cyber-Bullying oder Cyber-Stalking genannt. Der Begriff bezeichnet unterschiedliche Formen von Belästigung, Diffamierung und Nötigung von Personen im Internet, häufig über soziale Netzwerke und in Foren. entkommen.
  2. Diskussionsfreiheit: Pseudonyme verändern unser Kommunikationsverhalten: Eine Studie zum Effekt von Anonymität in wissenschaftlichen Peer-Reviews (2013) Anonym trauen wir uns, mehr auszusprechen. Die Idee ist nobel: Wir können online ehrlicher argumentieren und gerade bei problematischen Themen leichter mitdiskutieren. Das unterstützt auch das deutsche Recht und gewährleistet das Zum Telemediengesetz von 2007 Recht auf Pseudonymität im Netz, um die Redefreiheit zu stärken. Das Telemediengesetz (TMG) von 2007 bestimmt, dass Anbieter im Internet die Nutzung »anonym oder unter pseudonym« ermöglichen sollen »soweit dies technisch möglich und zumutbar ist.« Im Falle der Strafermittlung oder zur Gefahrenabwehr kann ein Anbieter aber auch durch richterlichen Beschluss dazu aufgefordert werden, die Identität eines Benutzers preiszugeben. Schattenseiten gibt es dadurch natürlich auch, wie Internet-Trolle oder Hatespeech. Der sprachliche Ausdruck von Hass gegen Personen oder Gruppen (Beschimpfungen, Verächtlichmachen, Verleumdungen, Hetze), auf Deutsch auch »Hassrede« genannt. Auch diese wird durch die Pseudonymität im Internet ungehemmter – ein beliebtes Argument von Klarnamen-Verfechtern. Doch das ist ein Preis der Freiheit, mit dem wir richtig umzugehen Eine Studie zu beiden Seiten des Effekts (2004) lernen müssen.
  3. Ungebundenheit: Unter einem Pseudonym sind wir nicht an soziale Faktoren wie Aussehen, Geschlecht oder Beruf gebunden. So lässt sich online die eigene Neugier uneingeschränkt ausleben – auch in Bereichen, in die wir uns im wirklichen Leben nicht trauen würden. So lässt sich online leicht mit unserer eigenen Identität experimentieren. Das könnte auch erklären, warum gerade Jugendliche so fasziniert vom Netz sind – immerhin befinden sie sich in einer Identitätsfindungs-Phase. Aber selbst Erwachsene sind nie 100% »authentisch«. Wie bei einer Bewerbung sind die meisten Profile auf Facebook selbstverständlich immer auch ein geschöntes »Wunschbild«. Das erklärt das Gefühl, im Internet »frei zu sein«.

Es ist deshalb im Interesse aller Nutzer, dass Teile unserer digitalen Identität anonym und geschützt bleiben. Je weniger Daten dabei preisgegeben werden, desto sicherer sind wir. Das erklärt die Beliebtheit großer Online-Foren wie Reddit, das zum Registrieren außer einer E-Mail-Adresse keine Daten abfragt.

Facebooks große Pläne: Das Ökosystem soll sich auf viele Bereiche des Internets ausdehnen. – Quelle: Facebook copyright

Spielverderber: Facebook

Zurück zu Facebook. Mark Zuckerberg will von Pseudonymen nichts wissen. Er gilt seit 2010 als Galionsfigur der Klarnamen-Befürworter Unter Klarnamen versteht man den tatsächlichen (amtlich verbrieften) Namen einer Person. Manche geschlossenen Diskussions-Foren bestehen auf Klarnamen, um eine konstruktivere und vertrautere Diskussions-Atmosphäre zu fördern – so wie wir bei Perspective Daily. Doch gerade bei sozialen Medien oder offenen Foren sind Klarnamen ein Problem. im Internet. Damals In einem berühmten Interview mit Business Insider sprach er überzeugt davon, dass Personen nur eine Identität zu haben hätten.

Diese Aussage verstand Zuckerberg wohl als programmatische Vorbereitung seiner Vision eines übergreifenden Identitäts-Dienstleisters. »Du hast eine Identität […] Zwei Identitäten zu haben, zeugt von einem Mangel an Integrität.« – Mark Zuckerberg (2010) Damit spielte er das Angebot von Facebook als Kommunikationskanal, Identitäts-Spielraum und Online-Visitenkarte gegen das Bedürfniss der Benutzer nach Pseudonymität aus. Zuckerberg Studie zur Konstruktion von Identitäten auf Facebook und LinkedIn (2012) vermischte gar Identitäts-Management mit Moral und psychischer Gesundheit – und erntete dafür Etwa in amerikanischen Blogs, z.B. hier viel substantielle Kritik.

Also: Nur noch eine Identität für alle? Mit seiner Meinung kommt Zuckerberg dem Klarnamen-Zwang im Internet autokratischer Länder wie China oder Russland jedenfalls entgegen. So müssen sich beispielsweise Blogbesitzer mit mehr als 3000 Besuchern am Tag in Russland bei der Presseaufsicht melden. Das gilt auch für beliebte Nutzer in sozialen Medien, etwa Twitter. Wer das versäumt (und dabei natürlich seinen Klarnamen angibt), zahlt bis zu 10.000 Euro Strafe.

Constanze Kurz erklärt, was passiert, wenn die Trennung zwischen dem materiellen Leben und der Identität im Netz aufgehoben wird: »Das kann beispielsweise mit harten Konsequenzen für den eigenen Arbeitsplatz verbunden sein oder zu Zwangs-Outings führen. Eventuell hat man Fetische sexueller Natur. Wenn die öffentlich werden, kann das sehr unangenehm werden.«

Im Extremfall schützt ein Pseudonym sogar das eigene Leben. In Deutschland wirkt dieser Satz befremdlich. Ein Blick über das Mittelmeer genügt aber, um die politische Bedeutung zu verdeutlichen. So war im Jahr 2011 die unerkannte Kommunikation in Blogs und auch über Facebook ein wichtiger Stützpfeiler des Arabischen Frühlings. »Wenn dir deine Freunde einen Spitznamen geben und du ihn gerne auf Facebook benutzen möchtest, solltest du das tun können.« – Mark Zuckerberg (2015) Anonym und online wurden Proteste In den Medien verbreitete sich das geflügelte Wort einer »Facebook-Revolution« organisiert und die Bevölkerung mobilisiert. Damit konnten sich die Aktivisten staatlicher Überwachung und Zugriffen entziehen.

Vielleicht hat Mark Zuckerberg auch deshalb etwas eingelenkt. Wahrscheinlicher ist aber, dass Auch von Netz-Beobachtern wie dem deutschen Portal Netzpolitik.org die beständige Kritik an der Klarnamen-Pflicht 60% der Weltbevölkerung als Kunde bis 2030 seine ambitionierten Wachstumspläne gefährdet. Während einer Facebook-Fragerunde (Q&A) erklärte er 2015: Auf eine Frage von BuzzFeed »Ein Klarname steht nicht für deinen eingetragenen, legalen Namen. Er kann sein, wie immer du dich nennst oder deine Freunde dich rufen.« An der generellen Klarnamen-Pflicht hält er fest. Diese sei ein wichtiger Teil von Facebook. Punkt.

Kann der »gläserne Bürger« eine Lösung sein?

Manche Bürger denken nicht an den Schutz ihrer digitalen Identität. Sie geben im Internet aus Gewohnheit und Bequemlichkeit einfach alles an und werden online freiwillig zum »Wir haben uns in unsere Rolle des ständigen Datengebers eingelebt.« – Constanze Kurz in »Die Datenfresser« (2011) »gläsernen Bürger«. Selbst, wenn man Anbietern wie Facebook vertraut: Kann das gut gehen?

Es kann, muss aber nicht. Im Internet sind schließlich nicht nur Firmen und Kunden unterwegs. Wer Daten von sich allzu bereitwillig ins Netz stellt, riskiert dabei, das Opfer von Kriminellen zu werden. Wer beispielsweise auf Facebook angibt, wo er gerade in Urlaub ist, bestätigt Einbrechern damit, nicht daheim zu sein. Öffentliche Informationen über soziale Strukturen können als Türöffner für Betrugsversuche dienen – etwa durch eine falsche Nachricht von einem »Freund von einem Freund«. Diese Betrugsversuche nennt man Phishing. Kriminelle versuchen dabei, mit gefälschten Nachrichten oder E-Mails an weitere persönliche Daten eines Benutzers zu gelangen, die sich dann zu Geld machen lassen: Kreditkarten-Nummern, ID-Nummern, Passwörter etc. Dabei muss der Benutzer nicht einmal antworten, oft reicht schon der Klick auf ein Dokument, um ein Trojaner-Programm zu installieren, was dann weiter ausspäht.

Auch die eigene Identität ist nicht vor Online-Dieben sicher. Schon ein voller Name samt Geburtsdatum als öffentliche Informationen Warnte schon FBI-Experte Frank Abergnale 2013 reichen findigen Kriminellen aus, um an weitere private Daten zu gelangen. Mit diesen können sie sich potenziell Zugang zu einem Benutzerprofil verschaffen oder einen Benutzer in sozialen Medien imitieren. Als derzeit größter Anbieter ist logischerweise auch Facebook ein großes Ziel für Kriminelle.

Das musste Mark Zuckerberg erst kürzlich selbst spüren. Kriminelle kaperten durch gestohlene LinkedIn-Daten den Twitter-Account des Unternehmers. Sie hinterließen nur eine Textnachricht, »gehackt vom OurMine Team«, und verkündeten: Im Juni 2016 »Wir testen nur deine Sicherheit.« Eine Warnung gegen den sorglosen Umgang mit Datensicherheit für den obersten Klarnamen-Verfechter.

Das Beispiel von Zuckerberg zeigt: Niemand ist vor Identitäts-Diebstahl Die aktuellste Statistik von 2014 sicher. Das Bundeskriminalamt verzeichnete im letzten Cybercrime-Lagebericht knapp 12.000 Fälle von Ausspähung und 2.000 Fälle von Betrug mit Zugangsberechtigungen zu Kommunikationsdiensten. Die eigenen Daten sorglos und öffentlich ins Internet einzuspeisen, erleichtert Kriminellen ihre Arbeit und ist damit für den Nutzer riskant.

Ausweg »Digitaler Selbstmord«?

Für viele Menschen wirkt die soziale Identität im Internet überfordernd – besonders auf Facebook mit den ständig tickenden Nachrichten und dem Druck, Daten von sich preiszugeben.

Jeder Nutzer hat selbstverständlich das Recht, sich der Selbstdarstellung im Internet zu entziehen. Die Idee ist so einfach wie radikal: Die eigene Facebook-Identität ganz abschalten. Man begeht quasi Eine Studie der Universität Wien zu den Gründen (2013) »digitalen Selbstmord« – klingt gruselig, heißt aber so.

»Das Risiko ist zu hoch und Facebook kostet viel zu viel Zeit. Außerdem gehören meine Daten nur mir. Man muss nicht jeden Quatsch mitmachen.« – ein Aussteiger Opfer, die das Ziel von Hassbotschaften (Cyber-Mobbing) oder sexueller Belästigung sind, können sich so kurzfristig schützen. Doch wer seine öffentliche Identität aus dem Netz abzieht, spürt das früher oder später im privaten Leben.

Die Einschränkungen ohne Social-Media-Profil sind heutzutage bereits hoch: Es fehlen einfache Kommunikationswege. Gerade für Geflüchtete und Migranten sind die sozialen Medien ein unverzichtbarer Kommunikationskanal. Die digitale Identität ist darüber hinaus eine Möglichkeit, sich im Ankunftsland auszuweisen. Man verpasst eventuell Neuigkeiten seiner Bekannten, Einladungen und Job-Kontakte. Dazu verzichtet man auf die Möglichkeit, die eigene »digitale Visitenkarte« zu gestalten und sich online aktiv zu präsentieren. Manche Menschen sind auf soziale Netzwerke angewiesen, um mit Freunden oder Familie am anderen Ende der Welt Kontakt zu halten.

Ob es das wert ist, muss jeder selbst für sich entscheiden – und auch weiterhin entscheiden können. Constanze Kurz ergänzt als Perspektive: »Die Politik muss die Freiheitsgrade offen halten für die, die das nicht wollen. Das wird in Zukunft ein Thema sein.«

Der »aufgeklärte Nutzer« als Lösung

»Ich finde das menschenfeindlich, wie man sich auf Identitäts-Plattformen vom Kind bis zum Greis profilieren muss. Ich sehe aber auch, dass das viele Leute praktisch finden und verurteile niemanden dafür.« – Constanze Kurz

Internet-Experten wie Constanze Kurz warnen zwar vor der Gefahr durch soziale Medien wie Facebook, doch auch sie wissen, dass viele Menschen gern in Zuckerbergs »digitalem Ökosystem« unterwegs sind, posten und liken.

Ihre Lösung: der aufgeklärte Nutzer. Constanze Kurz erklärt das anschaulich anhand einer jüngeren Netz-Generation, die mit einer eigenen digitalen Identität aufgewachsen ist: »Identitäts-Management machen die Jüngeren ganz automatisch. Die haben die ganze Diskussion um Privacy mitbekommen und wissen sehr genau, dass Eltern und Lehrer mitschnorcheln im Internet. Jugendliche googeln sich selbst und nehmen die Einstellungen so vor, dass das Bild entsteht, was sie möchten.«

Der aufgeklärte Nutzer weiß also genau, welche eigenen Daten von ihm im Netz zu finden sind, auf welchen Plattformen er sich bewegt und welches Außenbild er abgibt. Bei Facebook funktioniert das über die Die wichtigsten Einstellungen Privatsphäre-Einstellungen. Dort lässt sich sehr genau festlegen, wer welche Teile des eigenen Profils lesen kann. Das Facebook-Profil verfeinert der aufgeklärte Nutzer dabei zur gezielten Selbstdarstellung »Der Umgang mit der eigenen Online-Identität ist natürlich auch eine Bildungsfrage.« – Constanze Kurz – ein Kompromiss zwischen digitaler Freiheit und Zuckerbergs Ein-Name-Politik.

Das erfordert Übersicht und kostet Zeit und Mühe. »Man muss sich mit dem Thema schon auseinandersetzen«, findet Kurz und gibt noch eine Perspektive mit, die Zuckerbergs große Identitäts-Pläne langfristig durchkreuzen könnte: »An Schulen habe ich gelernt, dass Facebook mittlerweile für alte Leute ist. Die Jugendlichen wechseln heute gemeinschaftlich, am liebsten dorthin, wo eben Lehrer und Eltern nicht sind – einige auch zu nicht-kommerziellen Alternativen.«

Mit Illustrationen von Lucia Zamolo

Mit Illustrationen von Lucia Zamolo für Perspective Daily

 

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