Katharina Wiegmann

Wetten: Du weißt nicht, aus welchem Land derzeit die meisten EU-Einwanderer kommen!

14. August 2017

Migranten, Geflüchtete, Gastarbeiter – auf eine Million Ukrainer in der EU trifft kein Begriff so richtig zu. Spricht deshalb keiner über sie?

Am 11. Juni 2017 landeten Flugzeuge aus Kiew in Warschau, Prag und München. An Bord: Hunderte Ukrainerinnen und Ukrainer, die einen historischen Tag erlebten. Außer ihrem Reisepass mussten sie bei den Kontrollen nichts vorweisen. Seit Juni 2017 brauchen Bürger der Ukraine kein Visum mehr, wenn sie in die EU einreisen. Kein Schlange stehen vor der Botschaft, keine kritischen Blicke an der Grenze. 90 Tage dürfen sie bleiben – für Urlaubsreisen, Business-Trips oder Verwandtenbesuche.


»Es fühlt sich gut an, wenn du ohne Beschränkungen reisen kannst«, sagt eine Ukrainerin, die nach ihrer Ankunft am Prager Flughafen von einem Fernsehteam interviewt wird. »Es zeigt, dass wir den anderen Europäern gegenüber endlich als gleichwertig betrachtet werden!«

Auch die italienische EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini kommentierte den historischen Moment. »Wir bauen heute eine Barriere ab zwischen den Bürgern der Ukraine und den Bürgern der EU«, sagte die Diplomatin am Abend zuvor in einer Videoansprache.

Schaut man sich die Einwanderungsstatistiken der letzten Jahre an, wundert man sich jedoch ein wenig über die Aussage Mogherinis. Denn die Ukrainerinnen und Ukrainer sind schon längst da. Allein im Jahr 2015 erhielten 500.000 von ihnen ganz offiziell eine Aufenthaltserlaubnis in der EU. Die meisten von ihnen suchen Arbeit in Polen und Tschechien, wo sich seit den 90er-Jahren ein ganz eigener »ost- und zentraleuropäischer Migrationsraum« ausgebildet hat, wie die Wissenschaftlerinnen Olena Fedyuk und Marta Kindler in einem Band über Ukrainer in der Union schreiben. Sie stellen fest, dass die Ukrainer in den europäischen Debatten um Migration weitgehend ausgeblendet werden – obwohl sie schon jetzt in manchen Jahren die größte legale Einwanderungsgruppe bilden. Nach der Auswertung von Fedyuk und Kindler (englisch) war das im Jahr 2014 der Fall, Eurostat bestätigt das auch für das Jahr 2015. In diesem Jahr lebten insgesamt 1.052.184 gebürtige Ukrainer mit gültiger Aufenthaltserlaubnis in der EU.

Was macht es mit einem Land, wenn Millionen Bürger temporär oder über Jahrzehnte hinweg Hunderte Kilometer zwischen Arbeitsort und Familie pendeln?

Für 2 Euro die Stunde auf dem Bau

Mykola Prokipiuk Mykola und ich kennen uns aus dem Prager Hostel, in dem er seit 3 Jahren arbeitet. Im Jahr 2014 haben wir uns dort das erste Mal getroffen und uns danach oft unterhalten – auch weil er fast perfekt deutsch spricht, obwohl er noch nie in Deutschland war. »Ich habe als Kind immer viel deutsches Fernsehen geschaut. Pro7, Stefan Raab!« ist einer von rund 100.000 Ukrainern mit Aufenthaltserlaubnis, die in der Tschechischen Republik ihr Geld verdienen. Im Jahr 2008 waren noch 132.000 Ukrainerinnen und Ukrainer im Land registriert. Die Dunkelziffer wird sowohl von Mykola als auch bei Fedyuk/Kindler (englisch) sehr hoch geschätzt: Es könnten zwischen 50.000 und 150.000 mehr Ukrainer sein als offiziell registriert. Tschechien hat 10,5 Millionen Einwohner.

Mykola Prokipiuk arbeitet seit mehr als 10 Jahren in Tschechien. – Quelle: Richard Hodonicky copyright

Im April 2017 bestellt der heute 27-Jährige in einem Prager Biergarten einen Latte Macchiato. Er kommt gerade von seinem Job als Hausmeister in einem Hostel, trägt Jogginghose, Augenbrauenpiercing, seine Haare sind zu einer Igelfrisur gegelt. Er mag seine Arbeit, wohnt mit seiner Freundin und 3 anderen Bekannten in einer ganz normalen 2-Zimmer-Wohnung.

Als Mykola das erste Mal in Tschechien arbeitete, war er gerade 15 Jahre alt und nutzte die Sommerferien in der Schule für Schreinerarbeiten in einer tschechischen Kleinstadt, wo schon sein Vater Arbeit gefunden hatte.

Mit 17 kam er wieder. Lange Zeit konnte er sich nur wenig leisten. Als Minderjähriger arbeitete er ohne Vertrag und Versicherung für 45 Tschechische Kronen (heute wären das knapp 2 Euro) die Stunde für einen Subunternehmer des größten tschechischen Bauunternehmens. Damals schlief er in einem Wohnheim, die stattliche Miete für das Bett im Schlafsaal kassierte sein Chef. »Wir waren sehr viele Ukrainer auf dem Bau«, erzählt Mykola. »Wir haben alles gemacht, was immer uns gesagt wurde. 3 Monate habe ich gearbeitet, dann bin ich wieder nach Hause.« Das Touristenvisum war abgelaufen. Seitdem hat er alle legalen Möglichkeiten ausgeschöpft: Er hat mit einem polnischen Visum in Tschechien gearbeitet, schließlich bekam er ein Studentenvisum, heute ist er als Selbstständiger registriert.

Die meisten Ukrainer und Ukrainerinnen, die als Bauarbeiter, Handwerker oder Putzfrauen in Tschechien arbeiten, pendeln. Sie suchen keine neue Heimat, sondern hoffen darauf, dass die Situation zu Hause irgendwann besser wird.

Ich wollte mehr. Schön wohnen, mir auch mal etwas kaufen. Mir war egal, ob ich auf dem Bau arbeite oder irgendwo anders. In Tschechien kann ich normal Geld verdienen, zu Hause ging das nicht. – Mykola Prokipiuk

Jobs gibt es auch in der Ukraine. Die Arbeitslosigkeit liegt bei rund 10% und entspricht somit Die Zahlen der EU-Kommission gibt es hier (englisch, 2016) dem Durchschnittswert der 28 EU-Mitgliedstaaten. Mit dem Verdienst kommt man allerdings kaum über die Runden. Mykola hat nach der Schule Wärmetechnik studiert und vermutet, dass er damit in seinem Heimatort Rachiw Hier schreibt Inga Pylypchuk über Krise und Kreativität vielleicht 100 Euro im Monat verdient hätte.

Eine Million ukrainische Geflüchtete?

Auch wenn Die OECD hat Zahlen für die Jahre 2000–2016 (englisch) die tschechischen Löhne im Vergleich zu Deutschland noch sehr niedrig sind – für Mykola ist sein Verdienst aus dem Hostel ein Vielfaches dessen, was er zu Hause verdienen kann. Das gilt auch für die vielen Ukrainer, die in Polen arbeiten. Hier füllen sie die Lücken, die Millionen Polen hinterlassen, die im westlichen EU-Ausland arbeiten. Allein in Deutschland leben laut diesem ZEIT-Artikel 1,25 Millionen polnische Einwanderer und weitere 1,6 Millionen Menschen mit polnischem Migrationshintergrund.

Die Hier schreibe ich über die Debatte zur polnischen Justizreform polnische Regierungschefin Beata Szydło schob die ukrainischen Arbeitsmigranten in einer Rede vor dem Europäischen Parlament sogar als Argumentationshilfe für ihre Weigerung vor, Geflüchtete nach einer Quotenregelung aufzunehmen. Polen habe schon »eine Million ukrainische Flüchtlinge«. Tatsächlich wurden in den Jahren 2013–2015 fast eine Million polnische Visa an ukrainische Bürger ausgegeben. Mit dem Krieg im Osten hat das allerdings wenig zu tun – rund 70% kommen nach Angaben der »Organisation der Ukrainer in Polen« aus dem Westen des Landes. Im Februar 2016, einen Monat nach der Rede Szydłos, DW über Szydło und Ukrainer in Polen (englisch, 2016) gab es nach Angaben der Deutschen Welle gerade einmal 4 Asylanträge von Ukrainern, denen Polen stattgegeben hatte. Alle anderen arbeiteten mit gültigen Arbeitsvisa – ähnlich wie in Tschechien – als Erntehelfer, Altenpflegerinnen oder Putzhilfen.

Über eine Million Ukrainer haben eine Aufenthaltserlaubnis in der EU. –

Polnische Arbeitsvisa für alle!

Ukrainer brauchen erst seit dem Jahr 2003 überhaupt ein Visum, um in Polen arbeiten zu dürfen – in Vorbereitung des Beitritts zur EU (2004) und zum Schengen-Raum Das Schengen-Abkommen gilt als größter Meilenstein der Freizügigkeit innerhalb der EU: Auf seiner Grundlage wurden die beteiligten Staaten zu einem gemeinschaftlichen Raum, in dem Personen, Waren, Kapital und Dienstleistungen die Grenzen ungehindert überqueren. Die Ur-Version »Schengen I« wurde von Deutschland, Frankreich und den Beneluxstaaten im Juni 1985 an einem symbolträchtigen Ort beschlossen: auf dem Passagierschiff »Princesse Marie-Astrid«, das auf der Mosel am Dreiländereck zwischen Frankreich, Deutschland und Luxemburg unterwegs war. Seinen Namen verdankt es dem luxemburgischen Örtchen Schengen am linken Flussufer.

5 Jahre später fielen zwischen den beteiligten Staaten die Schlagbäume; heute umfasst der Schengen-Raum fast alle EU-Mitglieder bis auf die Inselstaaten Großbritannien und Irland: In den zuletzt beigetretenen Ländern Kroatien, Bulgarien, Rumänien sowie Zypern sind noch nicht alle Punkte zur Umsetzung erfüllt. Außerdem sind die Nicht-EU-Staaten Norwegen, Island, Schweiz und Liechtenstein Teil des Schengen-Raums.

Weitere Informationen zum Schengen-Abkommen gibt die Bundeszentrale für Politische Bildung.
(2007) verschärften sich auch die Regelungen zur Einwanderung. Infos darüber und zu vielen anderen Aspekten dieses Artikels findest du bei Fedyuk/Kindler (englisch, 2016) Seit dem Jahr 2012 ist es für die Ukrainer wieder ein bisschen einfacher, bezahlen müssen sie für ein bis zu einem Jahr gültiges Arbeitsvisum gar nichts mehr. In Tschechien ist es für Ukrainer komplizierter und teurer – in der Vergangenheit haben sich viele deshalb ein polnisches Visum zur Einreise ausstellen lassen, um dann in Tschechien schwarz zu arbeiten.

In Prag, wo Mykola in Hostels und Hotels Toiletten repariert, Klimaanlagen entlüftet und neues Mobiliar zusammenzimmert, ist Schwarzarbeit dank neuer Gesetze und strenger Kontrollen heute bedeutend schwieriger als früher. Es gibt aber noch immer Lücken im System, von denen Arbeitgeber reichlich Gebrauch machen. Mykola und viele seiner Kollegen und Freunde sind scheinselbstständig. Sie arbeiten mit einem Gewerbeschein und stellen ihrem Arbeitgeber am Ende des Monats eine Rechnung. Das hat auch für sie finanzielle Vorteile – versichern müssen sie sich allerdings selbst, und gesetzlich verankerte Arbeitnehmerrechte stehen ihnen so natürlich auch nicht zu. Wer krank ist und auf Risiko gespielt hat, hat Pech.

Mykola hat sich trotzdem für diese Option entschieden. »So lange ich meine Steuern zahle, ist doch alles OK. Manche Ukrainer sind aber 10, 20 Jahre hier und bezahlen ihre Steuern nicht. Irgendwann kriegen sie dann Probleme.« Das Leben in der Halblegalität erfordert auch Geschick im Umgang mit der Bürokratie.

Pendeln als Dauerzustand

Mykola hat in den letzten Jahren in Prag genug gespart, um zusammen mit 2 Freunden ein Restaurant in seinem Heimatort nahe der rumänischen und slowakischen Grenze eröffnen zu können. So richtig gut läuft es noch nicht. Das Pendlerdasein geht für ihn erstmal weiter. Inzwischen sieht er Prag als ein zweites Zuhause. Das liegt vielleicht auch daran, dass er hier nicht allein ist: Seine Mutter arbeitet für dieselbe Hostelkette.

Viele Ukrainerinnen arbeiten in Tschechien als Putzkräfte in Hotels und Hostels. – Quelle: Pixabay / cocoparisienne CC0

Warum der Ukrainer und seine Familie nach Tschechien gekommen sind? Eine wichtige Rolle spielt die Sprache. »Ukrainer lernen schnell Tschechisch«, bestätigt er. Sein Heimatort Rachiw habe zudem früher zur Tschechoslowakei gehört, es gebe also auch eine historische Nähe. Zudem gibt es für die Ukrainer in Prag und anderen tschechischen Städten – ebenso wie in Polen – etablierte Netzwerke. Hoteliers müssen nicht inserieren, wenn sie neue Zimmermädchen suchen. Die, die schon da sind, bringen Freundinnen und Verwandte mit.

Früher war für die meisten klar, dass sie zurückgehen, sobald es möglich ist, erzählt Mykola. Seitdem die Ukraine mit der Annexion der Krim durch Russland und dem Krieg im Osten von einer Krise in die nächste taumelt, hat sich etwas in der Routine verschoben. »Viele Leute, die können, bleiben hier. Vorher haben alle in ihren Heimatorten Häuser gebaut oder die Kinder an die Uni geschickt. Diejenigen, die eine dauerhafte Aufenthaltsbestätigung haben, kaufen jetzt in Tschechien Immobilien, nehmen Kredite auf usw. Früher sind 90% zurückgegangen, jetzt sind es vielleicht noch 60%«, schätzt er. Der Glaube daran, dass sich in der Heimat bald etwas tut und die Wirtschaft wieder in Schwung kommt, nimmt offenbar ab. Dabei haben viele Prognosen wie zum Beispiel diese oder diese (englisch) einen optimistischen Grundton.

Wenn es in der Ukraine gut bezahlte Arbeit gäbe, würden 99% wieder nach Hause fahren. Wir reden ständig darüber. – Mykola Prokipiuk

Dass es eines Tages so kommen könnte, fürchten viele polnische und tschechische Arbeitgeber, die auf die ukrainischen Migranten angewiesen sind. Die Arbeitslosigkeit in beiden Ländern ist auf dem niedrigsten Stand seit dem Jahr 1991, viele offene Stellen können nicht besetzt werden. Ukrainer als billige Arbeitskräfte aus dem Osten helfen dabei – wie umgekehrt Polen, Rumänen und Bulgaren bei uns in Deutschland. Darüber schreibt The Economist (englisch, 2017) Die polnische Arbeitgeberunion befürchtet, dass in Folge der Visa-Liberalisierung nun auch die Ukrainer Arbeit in Ländern mit höheren Lohnniveaus suchen.

Und wer deckt die ukrainischen Dächer?

Wir laufen und beten für die Wiedervereinigung der Familien. Und auch für die Regierung, damit sie Gesetze erlassen kann, die Jobs für uns in der Ukraine schaffen. Damit wir hier genug zum Überleben verdienen und nicht so weit weggehen müssen. – Road of a migrant, Dokumentarfilm

Eine Frau mit blau-gelbem Halstuch steht in einer ukrainischen Kleinstadt vor der Kamera. Den ganzen Tag ist sie über staubige Landstraßen gelaufen. Sie nimmt an einer einzigartigen Pilgerreise teil, über die die Migrationsforscherin Olena Fedyuk den Dokumentarfilm Road of a migrant gedreht hat. Organisiert wird die jährliche Wallfahrt von ukrainischen Arbeitsmigranten und ihren Familien, die ihr Leid und ihre Erfahrungen durch Austausch und mithilfe der Kirche zu verarbeiten suchen.


Eines der Themen, das sie beschäftigt: Wer kümmert sich in der Ukraine um Alte und Kinder, wenn Mütter und Väter sich um die Großeltern polnischer und tschechischer Familien kümmern? Der »Care Drain« und vor allem »Eurowaisen«, Kinder, die von ihren Eltern Der Frauenanteil unter den ukrainischen Arbeitsmigranten ist bemerkenswert hoch: In Tschechien waren im Jahr 2015 47% der ukrainischen Migranten weiblich. Über sie lässt sich sagen: Verheiratete gehen öfter ins Ausland als Singles, im Schnitt sind Frauen, die ihre Heimat verlassen, etwas älter als die Männer. Oft ermöglichen die Frauen ihren erwachsenen Töchtern, sich zu Hause um ihre Kinder kümmern zu können, anstatt arbeiten zu gehen. zurückgelassen werden, während diese in der EU Geld verdienen, ist auch in den ukrainischen Medien ein hochpolitisches Thema, wie Olena Fedyuk in ihrem Sammelband schreibt.

Zudem sind die mobilen Ukrainer oft gut ausgebildet, Mykola ist mit seinem Studium der Wärmetechnik keine Ausnahme. Manchmal sind es Juristen oder Volkswirtschaftlerinnen, die in Prag Rohre verlegen oder Betten aufschütteln. Statistiken dazu gibt es allerdings keine, inwiefern ein »Brain-Drain« die wirtschaftliche Situation in der Ukraine beeinflusst, kann also nicht mit Sicherheit bestimmt werden.

Putin gefällt das nicht

Volkswirtschaften profitieren von Migration: Briten und Deutsche von den Polen, Polen von den Ukrainern. Diese stehen momentan am Ende dieser Kettenreaktion, von der am Ende ganz Europa profitiert. Die Lücken, die ukrainische Gastarbeiter zu Hause hinterlassen, schließt niemand. Steht dafür jemand in Warschau, Prag, Brüssel oder Berlin in der Verantwortung – und wenn ja: Wie kann man ihr gerecht werden?

Migranten hinterlassen in Polen große Lücken auf dem Arbeitsmarkt. –

Die Visa-Liberalisierung wird weder die ukrainische Wirtschaft ankurbeln, noch den Krieg im Osten beenden. Für die Ukrainer ist sie aber ein wichtiges Symbol.

Wir haben so lange darauf gewartet. Dieser 11. Juni wird in die Geschichte der Ukraine als der Tag des finalen Abschieds unseres Landes vom russischen Imperium eingehen – und als Rückkehr in die Familie der europäischen Nationen. – Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine

Der Wunsch nach europäischer Anbindung war es auch, der im Jahr 2013 in Kiev die Massen auf den »Euromaidan« Als Euromaidan werden Bürgerproteste bezeichnet, die vom 21. November 2013 bis zum 26. Februar 2014 in der Ukraine stattfanden. Die Zahl der Protestierenden in Kiew belief sich zeitweise auf über 500.000. Die Demonstrierenden forderten den Rücktritt von Präsident Wiktor Janukowytsch, vorzeitige Präsidentschaftswahlen sowie die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der Europäischen Union. Der Euromaidan endete mit der Flucht Wiktor Janukowytschs ins russische Asyl und der Bildung einer Übergangsregierung am 26. Februar 2014.
Am darauffolgenden Tag besetzen bewaffnete Kräfte das Regionalparlament der Krim und veranlassten dort ein Referendum über die Abspaltung von der Ukraine und den Anschluss an Russland. Anfang März 2014 begannen prorussische Separatisten damit, Verwaltungsgebäude im Osten der Ukraine zu besetzen, was den bis heute andauernden Krieg im Osten der Ukraine auslöste.
brachte. Der ehemalige ukrainische Präsident Wiktor Janukowytsch hatte sich zuvor geweigert, das Assoziierungsabkommen Das Assoziierungsabkommen zwischen der Europäischen Union und ihren Mitgliedstaaten einerseits und der Ukraine andererseits sieht eine engere politische Zusammenarbeit mit Brüssel und langfristig die Schaffung einer Freihandelszone vor. Ziel des Abkommens ist, dass die Ukraine innerhalb von 10 Jahren durch tiefgreifende Reformen die rechtlichen, politischen und wirtschaftlichen Bedingungen und Standards der EU verwirklicht.

Die Reformagenda umfasst auf politischer Ebene Maßnahmen zur Stärkung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sowie zum Schutz der Menschenrechte. Darüber hinaus wurden Maßnahmen zur Eindämmung der Korruption und sicherheitspolitische Zusammenarbeit beschlossen.

Das Abkommen wurde von den Parlamenten aller EU-Länder außer den Niederlanden ratifiziert. Im April 2016 hatten sich in den Niederlanden bei einer rechtlich nicht bindenden Volksbefragung gut 60% der Teilnehmer gegen eine engere Bindung der Ukraine an die EU ausgesprochen. Im April 2017 stimmten der niederländische Senat und das Abgeordnetenhaus einem Kompromiss zu. Der Europäische Rat nahm das Abkommen am 11. Juli 2017 an. Ab dem 1. September 2017 tritt es vollständig in Kraft.
mit der EU zu unterzeichnen. Es war sein politisches Todesurteil. Nach blutigen Gefechten zwischen Demonstranten und der Armee-Spezialeinheit Berkut floh Janukowytsch nach Russland. Sein Nachfolger Petro Poroschenko unterzeichnete schließlich den Vertrag.

Putin gefällt das nicht. Er sieht die Ukraine als Teil der russischen Einflusssphäre und hätte das Land lieber in der Eurasischen Wirtschaftsunion gesehen als auf dem Weg in den europäischen Binnenmarkt. Davon ist die Ukraine momentan noch sehr weit entfernt. Das Assoziierungsabkommen ist nur ein erster Schritt in diese Richtung. Die Annexion der Krim und der Krieg im Osten Seit Februar 2014 findet im Osten der Ukraine, dem Donbass, ein bewaffneter Konflikt zwischen ukrainischen Truppen und Freiwilligen-Bataillonen auf der einen Seite sowie separatistischen Milizen und russischen Soldaten auf der anderen Seite statt. Letztere kämpfen für die Abspaltung der beiden durch sie proklamierten Volksrepubliken Donezk und Luhansk von der Ukraine. Russland bestreitet eine militärische Einflussnahme: Es seien lediglich Streitkräfte zu Routineübungen in die Grenzregion entsandt worden. Separatistenführer Andrej Sachartschenko spricht von 4.000 russischen Soldaten, die »ihren Urlaub an der Front verbringen«.

Weitere Informationen zum Krieg im Osten der Ukraine gibt es bei dekoder.
sind Konflikte über die Frage, wem und wohin die Ukraine gehört. Darauf haben viele Bürger beim Euromaidan eine beeindruckende Antwort geliefert – und für die Idee Europa ihr Leben riskiert. Ein aktueller Kommentar zu den Beziehungen zwischen Brüssel und Kiew bei New Eastern Europe (englisch, 2017) Ihre Stimmen sollte man in der Europäischen Union hören, ebenso wie die von Menschen wie Mykola.

»Wir sprechen in der Familie viel über den Krieg. Wenn Russland sich zurückzieht, wird alles gut.« – Mykola Prokipiuk

Er setzt große Hoffnung in ein Verfahren, das am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gegen Russland läuft. »Wird Russland verurteilt und zieht sich nicht zurück, wird die ganze Welt Russland mit Sanktionen belegen. Die Gastautorin Veronika Prokhorova geht der Frage nach, ob die Russlandsanktionen »dummes Zeug« sind Sanktionen jetzt betreffen doch eigentlich nur reiche Leute, für die das nicht so schlimm ist.«

Im August 2017 ist der Stand wie folgt: Das UN-Gericht hat Russland dazu aufgefordert, die Rechte der Ukrainer auf der besetzten Krim zu respektieren. Ob Russland im Osten mit den Separatisten Terror unterstützt? Bislang nicht bewiesen. Der MDR über die Klage der Ukraine vor dem Internationalen Strafgerichtshof Das Hauptverfahren steht noch aus. Wann es beginnt, ist unklar.

Vorerst schwankt die Ukraine weiter zwischen den Sphären. Seit dem 11. Juni ist sie der EU immerhin ein bisschen nähergekommen.

Titelbild: Evgeny Feldman - CC BY-SA

 

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