»Wenn du deinen Nachbarn respektierst, kannst du ihn nicht umbringen«

Ruanda bekommt international Anerkennung für die Aufarbeitung des Völkermords. Doch ist echte Versöhnung möglich, wenn sich Täter und Opfer nicht aus dem Weg gehen können?

Reportage - 15. August 2017  8 Minuten

Als das Morden begann, war Emmanuel Bushahiro 46 Jahre alt und zufrieden mit seinem Leben. Er arbeitete als Hausangestellter bei einer amerikanischen Familie und besaß ein Stückchen Land, auf dem er mit seiner Frau, seinen Kindern und ein paar Kühen lebte. Der Völkermord in seinem Heimatland Ruanda nahm ihm sein Land und seine Familie. Heute haust er in einer heruntergekommenen Hütte in der Hauptstadt Kigali. In seinem früheren Haus wohnen nun andere Menschen. Es sind die, die gekommen waren, um seine Familie und ihn zu töten.

Emmanuel Bushahiro ist Überlebender des Genozids. – Quelle: Nathanael Meyer copyright

Eigentlich sollte Emmanuel Bushahiro eine festgeschriebene Entschädigung erhalten. Doch auf diese warten er und viele andere Opfer des Völkermordes in Ruanda noch heute vergeblich. Die sogenannten Reparationen führte die Regierung gleichzeitig mit den Gacaca-Gerichten Das Gacaca-Verfahren ist ein traditionelles ruandisches Rechtssystem, welchem meist der Dorfälteste vorsteht. Die moderne Version entstand, nachdem die neue Regierung einen Aufruf startete, nach Lösungen zur Aufarbeitung zu suchen, die ins ruandische Bild passen. Schnell wurde auch klar, dass die klassischen Gerichte nicht die Kapazität hatten, alle Straftäter zu verurteilen. Es wurde eine nationale Gacaca-Kommission (2001) gebildet. Im Jahr 2005 nahmen 13.000 solcher Gerichte über das Land verteilt ihre Arbeit auf – im Juni 2012 wurden sie offiziell eingestellt und das Verfahren für erfolgreich beendet erklärt. Die Gacaca-Gerichte sollten entstandenen Schaden begleichen, der jungen Regierung allerdings nicht die letzten finanziellen Mittel nehmen. Seit Jahren setzen sich allerdings Überlebendenverbände für die Einrichtung eines Regierungs-Fonds ein, der die Reparationen übernehmen soll. ein. Die Idee dahinter: Die Täter selbst sollen für den von ihnen angerichteten Schaden bezahlen.

Doch in der Praxis scheitert die Umsetzung: »Für die Täter ist es fast immer unmöglich, Reparationen zu zahlen«, sagt Phil Clark, Afrikawissenschaftler an der SOAS, einem zur Universität London gehörenden College. Der Grund ist die Armut in dem am dichtesten bevölkerten Land Afrikas. Diese Tabelle des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2015 listet die weltweiten Durchschnittseinkommen auf Das Durchschnittseinkommen eines Ruanders liegt bei rund 625 Euro im Jahr. »Täter, die zahlten, rutschen dadurch oft in extreme Armut ab«, so Phil Clark. Ihr Schicksal wirkt abschreckend. Die Angst vor dem Abstieg nimmt Vorrang vor der Pflicht zur Wiedergutmachung. Für Phil Clark, der in seiner Laufbahn oft Ruanda besucht und mit den Betroffenen gesprochen hat, ist die gesetzliche Verpflichtung zu Reparationszahlungen »das Schlimmste, was die Regierung in einem ansonsten guten Prozess« getan hat.

Titelbild: Nathanael Meyer - copyright

von Nathanael Meyer & Jana Ruminger 

Schon während seines Bachelorstudiums in Technikjournalismus und Public Relations hat Nathanael Meyer nebenbei als freier Journalist gearbeitet. Die Themen Politik und Technik stehen im Zentrum seiner Arbeit. Durch ein erfolgreiches Crowdfunding konnte er mit 2 Kollegen live aus London über das Brexit-Referendum berichten. Demnächst beginnt er sein Masterstudium der Politikwissenschaften an der Universität Halle.

Bereits während ihres Bachelorstudiums in Media Engineering hat Jana Ruminger ein Praktikum als Videoredakteurin absolviert. Danach arbeitete sie weiterhin hauptsächlich als freiberufliche Videojournalistin. Seit dem Ende ihres Studiums berichtet sie als freie Auslandskorrespondentin aus Afrika.

Themen:  Afrika   Frieden & Krieg  

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