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Deshalb entscheiden Pappschilder nicht unsere Wahl

Die Tage der Wahlplakate sind gezählt. 4 Alternativen für die Partei von morgen – und eine Nacht-und-Nebel-Aktion.

Bundestagswahl 2017 - 31. August 2017  8 Minuten

Berlin-Mitte, weniger als einen Monat vor der Bundestagswahl 2017. In der Hauptstadt findet sich kaum eine Ecke ohne Wahlwerbung. Angela Merkel wünscht sich ein »Deutschland, in dem wir gut und gerne leben«. 5 Meter weiter findet Christian Lindner, dass »Schulranzen die Welt verändern«, und Martin Schulz begnügt sich am folgenden Laternenpfahl damit, seinen Namen ins Gedächtnis zu rufen. Und am Pfahl danach. Und danach.

Einen Tag später sind viele Werbebotschaften in Berlin verschwunden – Wochen bevor der Wahlkampf vorüber ist. Über Nacht wurden Hunderte von ihnen im ganzen Stadtgebiet umgedreht. Die Künstler lösten die Kabelbinder der Plakate, drehten sie auf die Rückseite und brachten sie mit neuem Kabelbinder wieder an. Passanten konnten nun nur noch leere Pappflächen sehen – und selbst kreativ gestalten. Damit, so argumentiert die Gruppe, verursache die Aktion keinen Schaden, da alle Parteien betroffen seien und es lediglich eine »vorübergehende« Veränderung des Erscheinungsbildes sei (im Vergleich zu Sachbeschädigung StGb §303 II). Mit einem offenen Brief an alle Parteien Sehr geehrte Damen und Herren, wir haben begonnen, Ihre Wahlplakate umzudrehen.
Man könnte damit sagen wollen, dass es für den Informationsgehalt irrelevant ist, ob die Vorder- oder aber Rückseiten sichtbar sind.
Man könnte auch weiße Flächen für Kunst im öffentlichen Raum zur Verfügung stellen wollen.
Man könnte sie umdrehen, um darüber mitzubestimmen, was man im öffentlichen Raum wahrnimmt, ja wahrnehmen muss, und was nicht.
Man könnte Plakate umdrehen, um mit Richard von Weizsäcker zu fragen, was eigentlich der Unterschied zwischen Mitwirkung an der politischen Willensbildung (Art. 21 GG) und Einflussnahme auf die öffentliche Meinung (§1 ParteiG) ist.
Man könnte aus tausend Gründen Wahlplakate umdrehen. Man kann es aber auch einfach so tun. Herzlichst, Einfach so.

Mit Illustrationen von Janina Kämper für Perspective Daily

von Dirk Walbrühl 

Dirk ist ein Internetbewohner der ersten Generation. Ihn faszinieren die Möglichkeiten und die noch junge Kultur der digitalen Welt, mit all ihren Fallstricken. Als Germanist ist er sich sicher: Was wir heute posten und chatten, formt das, was wir morgen sein werden. Die Schnittstellen zu unserer Zukunft sind online.

Themen:  Psychologie   Politik  

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