Felix Austen

Dieser Text ist für alle Gutmenschen und die, die es gern wären

19. Oktober 2017

Zyniker aber brauchen starke Nerven, denn es geht um die Frage: Wie bekommen wir Handeln und Ideale unter einen Hut?

Während der Rest der Welt fleißig weiter Atomkraftwerke baut, schalten wir ab. Wir sind Weltmeister bei der Mülltrennung, und wer recycelt, gehört zu den Guten. Bei der Energiewende macht uns so schnell keiner was vor, und den Umzug einer Eidechse lassen wir uns gern auch einmal Die Stuttgarter Zeitung berichtet über den teuren Eidechsen-Umzug beim Bauprojekt Stuttgart 21 (2017) 4.000 Euro kosten.

Wenn es um die Umwelt geht, dann kennen wir in Deutschland keine Kompromisse.

Es gibt allerdings einen Punkt, an dem wir aufhören, unserem grünen Gewissen zu folgen, an dem unser Wille, für die Natur den steinigen Umweg in Kauf zu nehmen, plötzlich ins Stolpern gerät. Dann drücken wir einfach beide Augen zu oder entwickeln lange, komplexe Argumentationsketten, um unsere Entscheidungen vor uns selbst und anderen zu rechtfertigen. Der Punkt, von dem ich spreche, sind wir selbst.

Die Deutschen lieben die Umwelt – theoretisch …

Die meisten Menschen in Deutschland sind fest davon überzeugt, dass Umweltschutz wichtig ist. Die wenigsten aber leiten daraus Handlungsmuster für sich selbst ab – auch wenn sie wissen, dass das eine mit dem anderen zusammenhängt. Das zeigen viele Umfragen, zum Beispiel die Studie Hier geht’s zur Studie »Umweltbewusstsein in Deutschland 2016« »Umweltbewusstsein in Deutschland 2016« des Bundesumweltamtes, für das im vergangenen Jahr über 4.000 Menschen befragt wurden. Ein Auszug der Ergebnisse:

  • 91% der Befragten glauben, man müsse Märkte und Wirtschaft so regulieren, dass die Umwelteinwirkungen minimal sind.
  • 76% stimmen der Aussage zu: »Um unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu erhalten, müssen wir alle bereit sein, unseren Lebensstandard einzuschränken.«
  • 81% der Befragten würden auch diese Aussage unterschreiben: »Wir können unsere Umweltprobleme nur dadurch lösen, dass wir unsere Wirtschafts- und Lebensweise grundlegend umgestalten.«

Das klingt ziemlich entschlossen. Nach dem persönlichem Engagement befragt, sieht die Sache allerdings ein wenig anders aus:

  • Nur 36% der Befragten denken, dass Bürger genug für die Umwelt tun.
  • Nur 42% der Teilnehmer geben an, sich häufig stark für die Umwelt zu engagieren.
  • Nur 28% sagen von sich, ein ethisches Handeln an den Tag zu legen.

Diese Kluft zwischen besserem Wissen und eigenem Handeln ist in der Psychologie als Studie über die »Value-Action-Gap« bei Umweltfragen (englisch, 2006) »Value-Action-Gap« bekannt, also eine Art »Werte-Handeln-Lücke«. Wer wirft den Plastikmüll aus Bequemlichkeit nicht gelegentlich in den Restmüll? Wer gönnt sich im Restaurant nicht aus Gewohnheit doch das große Schnitzel?

Doch hier soll es nicht um die Gründe gehen, sondern um die Frage: Was passiert eigentlich, wenn wir uns dafür entscheiden, ab heute zu 100% nach unseren Idealen zu leben?

Illustration: Xero Fernández

Was passiert, wenn wir Ernst machen?

Eine Frage, die das Leben einer unserer Leserinnen vor einigen Monaten auf den Kopf gestellt hat. Bei einem Gewinnspiel von Perspective Daily hatte sie Tickets für die Kinopremiere des Films Ich hab den Regisseur Marc Pierschel interviewt »The End of Meat« und für eine Konferenz über eine Marens Weltrettermenü Zukunft ohne Massentierhaltung gewonnen. Das war für sie der entscheidende Anstoß, ihren eigenen Konsum radikal zu ändern – um alle ihre Alltagsentscheidungen in Einklang mit ihren Werten zu bringen. Dabei stieß sie auf Probleme, von denen sie uns ganz offen in einem Brief – ja, ein echter Brief auf Papier und handgeschrieben – erzählte: Liebes Team von Perspective Daily,

nun bin ich zurück von meinem Ausflug nach Berlin und bin doch etwas verzweifelt nach »The End of Meat«. Kurz zu mir: Ich bin Claudia, 37-jährige Mutter zweier Töchter (11 und 8 Jahre) und lebe mit den Mädels, meinem Mann, 2 Hamstern und 3 Meerschweinchen in einem Reihenhaus im schönen Hannover.

Anfang des Jahres habe ich beschlossen, »nachhaltiger« zu leben. Ich wollte nicht mehr das »Billigste« kaufen, sondern Produkte, bei denen ich weiß, dass auch die Produzenten damit leben können. Also recherchierte ich, wer »nachhaltiger« produziert; das ist gerade bei Lebensmitteln (Milch) nicht wirklich leicht.

Im Juni las ich dann Bücher über Maren Urner hat die »Zero Waste«-Aktivistin Bea Johnson interviewt »Zero Waste« und die ganze Müllproblematik. »Zero Waste« erleichtert das Leben, da zum Putzen nur Essig und Zitronensäure reichen und sämtliche Cremes durch Olivenöl getauscht werden. Also wird nun auch noch nach dem Müllvolumen geschaut. Jetzt stellt sich aber die Frage: Doch lieber »Landliebe«-Milch in der Glasflasche als die »Hemme«-Milch Hemme ist ein regionaler Milcherzeuger aus dem Raum Hannover, der für seine spezielle, müllsparende Milchtüte ausgezeichnet wurde. in der Milchtüte?

Vor 2 Wochen schlug mein Mann dann vor, probeweise Hier stelle ich eine Studie vor, die zeigt, warum wir auch mit E-Autos öfter mal gehen sollten auf das Auto zu verzichten. Es steht nun auf dem Stellplatz vor dem Haus und wir fahren mit dem Lastenanhänger am Hier berichte ich davon, wie einige Städte zu Fahrrad-Paradiesen geworden sind Fahrrad zum Einkaufen (Satteltaschen klappern recht laut!), nutzen den öffentlichen Nahverkehr oder Gastautor David Fleschen zeigt, wie verschieden Verkehrsmittel künftig miteinander verschmelzen Carsharing, um zum Sport zu kommen (der Sportverein ist mit den Öffis nicht zu erreichen).

Und dann gewinne ich die Karten und bin hin- und hergerissen: Vom Gefühl her würde ich am liebsten sofort Fleisch aus der Küche verbannen, selbst dem Veganismus kann ich einiges abgewinnen. ABER: Warum sind die fleischlosen Alternativen alle in Plastik verpackt? (…) Was ist an Haferflocken in Papier so falsch? Warum muss trockener Tofu dick eingeschweißt sein und warum gibt es keine Soja- und Reisdrinks in Glasflaschen?

Jetzt stehe ich vor der Entscheidung: Umweltschutz durch Müllvermeidung? Oder Umwelt- und Tierschutz durch vegetarische bzw. vegane Lebensweise, aber mit mehr Müll? (…) Leider fehlt mir für eine richtig gründliche Recherche momentan die Zeit – 2 Kinder und der Teilzeit-Job lassen nicht ganz so viel vom Tag übrig. (…) Ich mache mich jetzt mal mit meiner Tochter an die Hausaufgaben der 3. Klasse und werde danach die Tomatensoße und den Pizzateig für heute Abend vorbereiten (beides wird selbstgemacht).

Viele liebe Grüße

Claudia

Claudias Brief hat mich und andere in der Redaktion beeindruckt. Ohne Umwege oder Ausflüchte macht sie sich auf den Weg, ihren Lebensstil zu ändern. Sie bleibt nicht vor der Herkulesaufgabe Eine »Herkulesaufgabe« nennt man eine gewaltige Herausforderung, wie etwa der griechische Heros Herakles (lat. Herkules) bewältigen musste. Ihm wurden von König Eurystheus 12 schier unlösbare Aufgaben gestellt. Herkules schaffte sie aber dennoch, mit Kraft, Ausdauer und Köpfchen. stehen und hadert, sondern löst sie, wie es auch Herkules getan hat: mit Kraft, Ausdauer und Köpfchen. Claudias Fall zeigt aber auch: Wenn wir alles richtigmachen wollen, sind viele Konflikte vorprogrammiert. Konflikte, die wir nicht immer allein lösen können, weil uns die Zeit fehlt und wir nicht wissen, wo wir anfangen sollen. Genau hier sehen wir uns in der Verantwortung, einzuspringen – mit Recherche und Einordnung. Dafür wollen wir von euch wissen: Welchen Zwickmühlen seht ihr euch beim alltäglichen Konsum ausgesetzt? Bevor ihr uns euren Input gebt, möchte ich 2 Erkenntnisse aus Claudias Brief festhalten:

Konsequenz ist anstrengend …

Neue Rezepte lernen, andere Wege durch die Stadt nehmen, Recherche betreiben und in die Pedale treten, anstatt sie nur anzutippen: Jede Umstellung kostet immer Aufmerksamkeit, Konzentration, Zeit und auch Kraft. Es dauert, bis Maren Urner zeigt, wie du schlechte Gewohnheiten ablegen kannst Veränderungen zur Gewohnheit werden und wir nicht mehr über jeden Handgriff nachdenken müssen.

Noch einmal anstrengender wird es, wenn wir uns ständig vor anderen erklären müssen – was mit hoher Wahrscheinlichkeit passiert. Denn für viele Handlungsmuster gibt es eine Art »Voreinstellung«: Wer davon abweicht, fällt auf. Glaubst du nicht? Dann bestell einfach mal beim Abend in der Kneipe oder Bar ein alkoholfreies Bier. Oder frag beim nächsten Besuch bei den Großeltern nach einem veganen Abendessen.

Illustration: Xero Fernández

Unbezwingbar wird die Herkulesaufgabe aber nur, wenn wir alles auf einmal bewältigen wollen. Darum müssen wir uns Zeit geben und uns auf einen Schritt nach dem anderen konzentrieren – auch ein Marathon beginnt mit einem einzelnen Schritt nach vorn.

Dir fehlt mal die Motivation? Dann ruf dir ins Gedächtnis, warum du dich überhaupt auf den Weg gemacht hast: Lies ein Kapitel aus dem Buch, das dir das Ausmaß der Müllproblematik klargemacht hat, oder schau nochmal die Dokumentation an, in der du gelernt hast, wie das Leben eines Mastschweines aussieht. Maren Urner und Han Langeslag zeigen, wie wir die Welt mit kleinen Kniffen auf einen anderen Kurs stupsen können Mach es dir selbst nicht schwerer, als es sein muss: Wenn der Jutebeutel immer im Rucksack liegt, hast du ihn auch an der Kasse dabei. Und wenn du viel leckeren Käse Streng genommen sind viele Käsesorten nicht vegetarisch, da zur Herstellung Lab verwendet wird, also Magensekret von Kühen. Welche Käsesorten ohne auskommen, erfährst du hier. oder veganen Aufstrich im Kühlschrank hast, merkst du vielleicht gar nicht, dass da keine Wurst mehr liegt. Dann läufst du nicht Gefahr, gefrustet oder gelangweilt abzubrechen.

… aber auch lohnenswert!

Unser eigenes Leben umzukrempeln, ist eine große Aufgabe, an der wir wachsen können. Einerseits entfällt das schlechte Gewissen, ständig in dem Gefühl zu leben, anderen durch unser Handeln zu schaden. Andererseits signalisieren wir auch uns selbst nicht permanent, schwach zu sein und jeder Versuchung zu erliegen, sondern merken, dass wir Wir können nicht alles entscheiden, schreiben Maren Urner und Han Langeslag hier über einige Dinge in unserem Leben die Hoheit haben, von denen wir es vielleicht nicht dachten.

Unser eigenes Leben umzukrempeln, ist eine große Aufgabe, an der wir wachsen können.Nach den eigenen Überzeugungen zu leben, kann auch unseren engsten Mitmenschen helfen: Claudias Kinder wachsen nun wahrscheinlich in dem Wissen auf, dass es wichtig ist, die Konsequenzen des eigenen Handelns zu überschauen. Sie lernen, kritisch zu konsumieren sowie den Status quo zu hinterfragen, oder erfahren im Gespräch und aus den Überlegungen der Eltern, dass ein Produkt eine Vorgeschichte und Konsum Konsequenzen hat.

Das Beispiel mit den veganen Ersatzprodukten zeigt: Manchmal gibt es keine perfekte Lösung. Der effektive Altruismus hilft dabei, die beste Hilfe zu leisten, schreibt Han Langeslag hier Jede Wahl hat ihre Stärken und Schwächen. Der Tofu ist schmerzfrei, aber er liegt in Plastik. Das Steak kann ich mir direkt in die Tupperdose packen, allerdings ist ein Lebewesen dafür gestorben und es hat mehr Ressourcen verbraucht. Die Frage ist also auch: Hier zeige ich, wie unterschiedlich du Bio-Siegel bewerten kannst, je nachdem, worauf es dir ankommt Was ist mir wirklich wichtig? Dabei den Überblick zu behalten, wird oft zur eigentlichen Aufgabe.

Und hierbei kommt ihr ins Spiel: Lasst uns wissen, welche Konsum-Zwickmühlen euch umtreiben. Dann kommt unser Part: Wir sammeln eure Ideen und wollen in den kommenden Monaten Antworten für euch finden.

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Mit Illustrationen von Xero Fernández für Perspective Daily

 

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