»Ich verstehe die Faszination des Westens für den IS-Terror nicht«

Es liegt an uns, ob wir den »Islamischen Staat« besser verstehen. Dieser Psychiater, der Täter und Opfer aus Syrien behandelt, erklärt, warum das so vielen Menschen helfen würde.

Menschen, die bewegen - 24. Oktober 2017  8 Minuten

Wie können wir Selbstmordattentäter verstehen?

Wer Joseph El-Khoury diese Frage stellt, muss seine Antwort darauf erst einmal auf sich wirken lassen: »Genauso, wie wir verstehen, warum Im sogenannten Grabenkrieg verloren viele Soldaten ihr Leben britische Soldaten im Ersten Weltkrieg dem Kommando folgten, die sicheren Schützengräben zu verlassen. Die meisten wussten, dass sie dabei ihr Leben verlieren würden, nur um 2 Meter Boden zu erkämpfen.«

Enthauptungen, messerschwingende Vermummte, Bombenanschläge – die Horrorbilder, die der IS um die Welt sendet, erklärt der Libanese El-Khoury bewusst sachlich. Für ihn sind sie nur die Spitze des Eisbergs, auf dem die schwarze Flagge der Dschihadisten weht. Mit allem, was darunterliegt, beschäftigt er sich im Hier gibt es alle Information zum Master in »War & Psychiatry« am King’s College in London (englisch) Master-Studiengang »Krieg und Psychiatrie« im Londoner King’s College. Doch dort ist er kein gewöhnlicher Student. Bereits seit 2012 behandelt er als Psychiater im Libanon Opfer und Täter des Syrienkriegs – egal ob Geflüchtete, Seit 2014 kämpfte das libanesische Militär an der Grenze zu Syrien gegen Milizen der Nusra-Front und des IS (2014) Soldaten oder Milizen. Unter seinen Patienten sind auch Libanesen, die aus den Gebieten des zerfallenden »Islamischen Staats« zurückkehren und gefährlich sein könnten.

Tausende IS-Unterstützer kehren in ihre Heimatländer zurück

Es ist zu erwarten, dass Tausende sogenannter IS-Rückkehrer, Die genaue Zahl der IS-Rückkehrer ist unbekannt, genauso wie die Zahl der nach Syrien und Irak eingereisten Unterstützer. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Statistiken, die die Anzahl von IS-Kämpfern unter anderem aus Europa und der arabischen Welt abbildeten. also Menschen, die den IS unterstützt haben, nach dem Krieg in Syrien und im Irak in ihre Heimatländer zurückkehren. Diese Heimatländer sind darauf aber nicht gut vorbereitet. Das kann auch El-Khoury bestätigen, für den europäische und arabische Programme, in denen IS-Rückkehrer entradikalisiert werden sollen, noch nicht die optimale Lösung sind. Was muss also mit diesen Rückkehrern geschehen? Schon der Blick in die eigene Geschichte könnte Antwort darauf geben:

Joseph El-Khoury arbeitete als klinischer Psychiater im medizinischen Zentrum der Amerikanischen Universität in Beirut. – Quelle: Joseph El-Khoury copyright

Joseph, du studierst in London und arbeitest in Beirut – was ändern knapp 3.500 Kilometer Luftlinie an der Perspektive auf den IS?

Joseph El-Khoury: Ihr in Europa konzentriert euch darauf, die politische Gewalt des IS in euren Ländern zu verhindern. Alles dreht sich um einige wenige Menschen, deren Taten eine katastrophale Wirkung entfalten können. Natürlich ergibt dieser Fokus Sinn, da Keinen Grund zur Panik: Frederik v. Paepcke erklärt dir, warum Senioren gefährlicher sind als Terroristen die Angst davor schon jetzt zu schweren politischen Spannungen führt. Terrorismus zu untersuchen ist deshalb sehr wichtig für den Westen. Um den Einfluss des IS in der arabischen Welt zu verstehen, hilft der Fokus auf Terrorismus allein nicht weiter.

Warum?

Joseph El-Khoury: In der arabischen Welt haben wir nicht den Luxus, uns mit einzelnen Anschlägen zu beschäftigen. Es ist viel komplexer, denn radikale Denkweisen und Fundamentalisten haben Gesellschaften über die letzten 50–60 Jahre stark geprägt. Wer einen Eindruck davon bekommen will, wie sehr sich die arabische Welt verändert hat, sollte Kostprobe: Der ägyptische Film »Tatort … Hauptbahnhof Kairo« (englische Untertitel, 1958) alte ägyptische Filme anschauen.

Ein Mensch, der Hier kannst du mehr über Fundamentalismus erfahren fundamentalistisch denkt, hängt starr an überlieferten Grundsätzen, lehnt Neuerungen ab und will sich der modernen Zeit nicht anpassen. Diese Grundsätze können politische oder religiöse Überzeugungen sein. – Bundeszentrale für politische Bildung

Fundamentalismus und Terrorismus sind 2 grundverschiedene Konzepte, die leider häufig verwechselt werden. Für den Westen, der hauptsächlich mit Terrorismus zu kämpfen hat, gilt: Auch die Welle des islamistischen Terrorismus wird vorübergehen, genauso wie der ethnisch-nationalistische Terrorismus Ethnisch-nationalistischer Terrorismus bezeichnet den gewaltsamen Kampf einer Volksgruppe oder einer ethnischen Minderheit um Autonomie oder die Gründung eines eigenen Staates. Beispiele für ethnisch-nationalistische Terrorvereinigungen sind ETA (unabhängiges Baskenland), die PKK (Autonomie kurdischer Gebiete) und die IRA. wie jener der IRA Die Irisch-Republikanische Armee (IRA) hat ihren Ursprung in der 1905 gegründeten Partei Sinn Féin (»wir selbst«), die die irische Unabhängigkeit anstrebte. Über Jahrzehnte hinweg radikalisierte sich die Partei zunehmend. Die Bewegung wandelte sich zu einer paramilitärischen Terrororganisation, die Alles, was du über den Nordirland-Konflikt wissen musst, hat dir David Ehl hier zusammengefasst blutige Anschläge in Irland und Großbritannien verübte. Seit 1992 kommt es immer wieder zu Waffenstillständen und Gewaltausbrüchen. Die Chronik der IRA auf planet-wissen gibt einen Überblick zur Geschichte der Organisation. in Europa endete.

Das klingt so, als müssten wir uns um Terroristen eigentlich keine Gedanken mehr machen, sondern einfach nur abwarten, bis sich das Problem von selbst erledigt.

Titelbild: Joseph El-Khoury - copyright

von Juliane Metzker 

Juliane schlägt den journalistischen Bogen zu Südwestasien und Nordafrika. Sie studierte Islamwissenschaften und arbeitete als freie Journalistin im Libanon. Durch die Konfrontation mit außereuropäischen Perspektiven ist ihr zurück in Deutschland klar geworden: Zwischen Münster und Beirut liegen gerade einmal 4.000 Kilometer. Das ist weniger Distanz als gedacht.

Themen:  Europa   Extremismus   Arabische Welt  

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