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Islam macht Mode: Ist das Kopftuch für alle da?

2. November 2017
Themen:

Ein Blick unter den neuen Modetrend.



»Darf es vielleicht ein bisschen mehr sein?« Eine Frage, die seit dem 1. Oktober 2017 in Österreich per Gesetz von nun an mit einem klaren »Nein!« beantwortet wird. Der religiösen Vollverschleierung geht es dort an den Kragen. Die Regierungsparteien in Österreich verabschiedeten im Mai dieses Jahres das Hier geht es zum PDF-Dokument der österreichischen Gesetzesvorlage, die zum Beispiel das Integrationsgesetz und auch das Anti-Gesichtsverhüllungsgesetz (Artikel 2, Seite 13) enthält »Anti-Verhüllungsgesetz« als Teil des sogenannten landeseigenen Integrations-Pakets. Neben dem Anti-Gesichtsverhüllungsgesetz (AGesVG) regelt das Integrationspaket unter anderem auch die Verpflichtungen für Geflüchtete zur Teilnahme an Deutsch- und Wertekursen, die es in Deutschland schon gibt, und definiert strengere Regelungen bei der Integrationsvereinbarung mit Angehörigen von Drittstaaten.

Breite, kuschelige Schals können zum Verhängnis werden

Das Gesetz regelt, dass das Gesicht vom Kinn bis zum Haaransatz erkennbar sein muss. Jetzt dürfen Musliminnen nicht mehr mit Burka In Deutschland wird der Begriff »Burka« in der Debatte um das sogenannte Burka-Verbot verwendet. Wie diese Bildstrecke der Tagesschau deutlich macht, geht es in der Debatte eigentlich nicht um die Burka, sondern um den sogenannten Niqab. Die Burka wird von muslimischen Frauen lediglich in Afghanistan, Pakistan und in Teilen Indiens getragen. und Niqab auf die Straße. Doch das Gesetz greift noch weiter: Auch das Tragen von Faschingsmasken außerhalb von Veranstaltungen und von Atemschutzmasken in der Öffentlichkeit schließt das Verbot ein. Von nun an dürfen alle Arten von Masken nur noch getragen werden, wenn es beispielsweise der Beruf oder die Gesundheit erfordern oder wenn es um die Ausgestaltung von künstlerischen und kulturellen Veranstaltungen geht. Ebenso sind Maskottchen für Werbeaktionen im öffentlichen Raum tabu. Eine 28-jährige Psychologiestudentin wurde in Wien von 2 Polizisten angehalten, weil ihr Schal Mund und Nase verdeckte Selbst wer die Nase an kalten Tagen in einem breiten, kuscheligen Schal vergräbt, kann sich strafbar machen.

Während in unserem Nachbarland Österreich bereits Nägel mit Köpfen gemacht werden, entfacht in Deutschland die Debatte um Musliminnen und ihr Kopftuch immer wieder neu. Eine Diskussion, die in der Endlosschleife steckt.

Muslimische Frauen mit Kopftuch gelten schnell pauschal als rückständig und unterdrückt. An der Debatte um das Kopftuch sind sie kaum gleichberechtigt beteiligt. Sie sind gebrandmarkt als Frauen ohne eigene Meinung und ohne Selbstbewusstsein. Die Datteltäter machen Islam-Satire. Die »schönsten« Vorurteile gegenüber Musliminnen zeigen sie dir hier: »Hijabi schlägt zurück!« Ihre Beweggründe und Sichtweisen finden in der Diskussion kaum Gehör. Mit ihrer offensichtlich religiösen Identität werden sie so zur Symbolfigur für das Fremde und das Andere stilisiert. Wenn es nach den Musliminnen mit oder ohne Kopftuch geht, die sich mit den Stereotypen auseinandersetzen, soll damit Schluss sein.

#Hijabistas – Islam trifft Fashion

Während andere über die muslimischen Frauen mit Kopftuch hinweg diskutieren und Gesetze verabschieden, setzen am Rand der aufgeladenen Debatte Musliminnen selbstbewusste und modische Akzente. Dafür wird geshoppt, gestylt und geschneidert. Mondän, selbstbewusst und stilsicher wollen sie ihr Kopftuch tragen und das in verschiedenen Variationen. Hijabistas nennen sie sich selbst – eine Wortkreation aus dem arabischen Wort »Hijab« (deutsch: Kopftuch) und »Fashionistas«, der Bezeichnung für modeaffine Frauen. Für sie bedeutet das Leben mit Religion und Mode keinen Widerspruch. Selbstbewusst wollen Hijabistas religiöse Werte leben und diese mit modernem Lifestyle verbinden.

Das Markenzeichen von Modest Fashion sind lange, verhüllende Röcke, Mäntel und Tuniken. Das Kopftuch ist nicht obligatorisch. Auf manchen Fashion-Shows laufen Models auch ohne Kopfbedeckung. – Quelle: Selma Lebdiri copyright

Die Szene der Hijabistas und die damit verbundene Modestilrichtung Modest Fashion sind in Deutschland bisher noch wenig bekannt. In den USA, in New York, Los Angeles und Washington, finden sich die Ursprünge der internationalen Hier gibt es einen Einblick in die New Yorker Hijabista-Szene (englisch, 2016) Hijabista-Szene. Doch auch in Europa wachsen die Szene und das Selbstbewusstsein der muslimischen Frauen mit Kopftuch. Im Mai dieses Jahres fand bereits zum zweiten Mal der Hier geht’s zur Website des Hijabi Fashion Days 2017 Hijabi Fashion Day in Frankfurt am Main statt. Dort trafen sich muslimische Frauen und Hijabistas aus ganz Deutschland und Europa.

Lange waren Musliminnen vom Modemarkt ausgeschlossen und wurden als potenzielle Kundengruppe nicht berücksichtigt. Doch auch das Modehaus H&M oder die Luxusdesigner Dolce & Gabana haben das Kundenpotenzial der modeaffinen Hijabistas und Modest Fashion als Modestilrichtung entdeckt. Seit 2015 wurden sogenannte So sah die Ramadan-Kollektion von Dolce & Gabbana aus Ramadan-Kollektionen speziell für die muslimische Frau auf den Weg gebracht.

»Modest« steht für schlicht, bescheiden, zurückhaltend. Somit kann Modest Fashion als »zurückhaltende Mode« übersetzt werden und gilt als Stilrichtung des Modedesigns, das die Freude am Verhüllen feiert. Für Hijabistas bedeutet der Einzug von Modest Fashion in den Mode-Mainstream Empowerment. Empowerment heißt Ermächtigung und bedeutet, dass Menschen sich selbst stärken und damit ermächtigen, ihre Lebenssituation zu verändern. Empowerment wird also als Selbstermächtigung verstanden. Doch sie haben nicht nur Fans. Immer wieder werden sie von zumeist konservativen Muslimen kritisiert, die die Hijabistas und Modest Fashion als ein Ergebnis der Verwestlichung sehen. Ein Vorwurf, der viele im Westen geborene und aufgewachsene Musliminnen irritiert, da sie sich auch in ihrer religiösen Identität als selbstverständlichen Diese Meinung vertritt auch die Mode-Journalistin und Islamwissenschaftlerin Katharina Pfannkuch in der Kurzdoku »Wenn der Islam Mode macht« (2015) Teil des Westens verstehen.

Vom Koran auf die Straße

Sage den gläubigen Frauen, sie sollen den Blick niederschlagen und ihre Blöße wahren und ihre Zierde (ziynet) nicht zeigen, außer dem, was äußerlich sichtbar ist, und ihre Brüste bedecken mit ihren Bedeckungen (hmar). (…) – Koransure 24, Vers 31

Als religiöse Grundlage für das Bedecken der Frauen wird hauptsächlich die Koransure 24, Vers 31 Die Koransure 24 in Vers 31 in voller Länge: »Sage den gläubigen Frauen, sie sollen den Blick niederschlagen und ihre Blöße wahren und ihre Zierde (ziynet) nicht zeigen, außer dem, was äußerlich sichtbar ist, und ihre Brüste bedecken mit ihren Bedeckungen (hmar). Und ihre Zierde niemandem zeigen außer ihren Ehemännern, ihren Vätern, Schwiegervätern, ihren Söhnen, Stiefsöhnen, ihren Brüdern, den Söhnen ihrer Brüder und ihrer Schwestern, ihren Frauen oder männlichen Dienern, die Frauen nicht mehr begehren, und den Kindern, die noch kein Verlangen nach Frauen haben. Sie sollen nicht plakativ mit den Füßen schlagen, um verdeckten Schmuck bemerkbar zu machen. Kehrt alle reumütig zu Gott zurück, ihr Gläubigen, damit ihr Erfolg erzielt!« zitiert. Auf diese Stelle im Koran Für Muslime ist der Koran das wichtigste Buch und wird als Primärquelle verstanden. Als Sekundärquelle gelten die Hadithe, die Überlieferungen des Propheten Mohammed. beziehen sich die muslimischen Kritiker der Hijabistas. Beim Koranverständnis kommt es jedoch auf die Lesart des jeweiligen Korantextes an und das lässt einen weiten Interpretations-Spielraum zu:

Wenn wir im Koran lesen, dass die Blöße der Frau zu bedecken ist, dann muss erst einmal geklärt werden, was unter Blöße zu verstehen ist. Viele Muslime kommen hier zu dem Schluss, dass die Blöße auch die Haare meint. Wieder andere meinen, dass zur Blöße auch Gesicht und Hände gezählt werden. – Nushin Atmaca

Nushin Atmaca ist Vorsitzende des Hier geht’s zur Website des Liberal-Islamischen Bundes e.V. Liberal-Islamischen Bundes e.V. Sie vertritt die Position, dass das Kopftuch keine religiöse Pflicht ist, bestätigt aber gleichzeitig, dass es ein Gebot gibt, sich angemessen zu kleiden und sich respektvoll zu verhalten. Für sie zeigt sich eine Vielfältigkeit zum Thema Kopftuch auch im Straßenbild von Berlin: »Jede muslimische Frau und jedes muslimische Mädchen hat ihre ganz eigene Art, sich zu kleiden. Das zeigt doch deutlich, dass damit jede von ihnen eine ganz eigene Auffassung und eigene Gründe hat, warum sie ein Kopftuch trägt oder eben nicht trägt.«

Die Islamwissenschaftlerin Nushin Atmaca ist seit 2016 Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes – Quelle: Nushin Atmaca copyright

Auch die Hier geht’s zur Website des NDR mit den Darstellungen, welche Formen der Verschleierung gegeben sind verschiedenen Arten, wie ein Kopftuch getragen werden kann, unterstreichen, dass es sehr komplex ist, diese religiöse und kulturelle Vielfalt zu erfassen. Wer mehr über die verschiedenen Stile wissen will, muss sich nur ein paar Hier werden 20 Hijab-Styles gewickelt und fixiert (englisch) YouTube-Tutorials anschauen.

Nushin Atmaca plädiert weiter für einen Austausch zum Thema Kopftuch und den verschiedenen Positionen innerhalb der muslimischen Gemeinden. »Für den Diskurs finde ich wichtig, dass mit Blick auf die verschiedenen Positionen zum Tragen oder Nichttragen des Kopftuches keine gesellschaftlichen oder religiösen Abwertungen einhergehen. Wir müssen gemeinsam aushalten, dass es unterschiedliche Positionen gibt. Das darf jedoch nicht zum Verlust der Zugehörigkeit führen.«

Eine gewünschte und akzeptierte Vielfalt ist eine der Herausforderungen innerhalb der muslimischen Communities. Vor der gleichen Herausforderung steht auch die mehrheitlich nicht-muslimische Gesellschaft in Deutschland: »Wir alle reden von Diversität und davon, dass wir genau das wollen. Dem entgegen steht aber die Idee, dass es nur einen richtigen Weg geben kann. Damit kippen wir alles Positive, indem wir das Verschiedensein einfach aberkennen und abwerten«, so Nushin Atamca abschließend.

Spot on! Religion auf dem Laufsteg

Meriem Lebdiri lässt den Bleistift nur für einen Moment lang ruhen. Dann beginnt sie von vorne. Der Stift kratzt dabei seicht und schwungvoll über den Skizzenblock. Ihr Blick huscht jedem gezeichneten Strich auf dem Papier hinterher. Wenn die Modedesignerin den Stift akzentuiert über ihren Skizzenblock schwingt, entsteht ein Kunstwerk, das zur Mode werden könnte.

Meriem Lebdiri ist eine von 3 Modest-Fashion-Designerinnen in Deutschland. Ihre Mode entwirft sie im beschaulichen Germersheim in der Pfalz. – Quelle: Selma Lebdiri copyright

Die Designerin für Modest Fashion hat sich 2010 mit ihrem Modelabel Mizaan selbstständig gemacht. Sie ist eine der wenigen Designerinnen für diese Moderichtung in Deutschland.

Die Markenzeichen von Lebdiri sind fließende Stoffe, ihre Leidenschaft für Seide und andere hochwertige Stoffe ist sichtbar und fühlbar. 2012 hat die 30-Jährige erfolgreich ihre erste Kollektion auf ihrer Auf ihrer Facebook-Seite gibt Meriem Lebdiri Einblick in ihre Fashion-Linie Mizaan Facebook-Seite präsentiert. Seither zeigt sie ihre Kollektionen weltweit auf verschiedenen Modest-Fashion-Events. »Modest Fashion ist eine Modestilrichtung für Frauen, die bewusster mit ihrem Körper umgehen oder sich Gedanken darüber machen, was sie zeigen möchten und was nicht«, erklärt Meriem Lebdiri.

Der arabische Labelname Mizaan bedeutet Balance und Ausgewogenheit und findet sich in den Arbeiten der Designerin wieder. So treffen auffällige Stoffe auf schlichte Schnitte oder andersherum. Ich bin grundsätzlich davon überzeugt, dass ein Stück verarbeiteter Stoff weder gläubig noch religiös sein kann.

Meriem Lebdiri ist selbst Muslimin und modebewusst. Sie zeigt mit ihren Kollektionen und auch mit ihrem eigenen Lifestyle, dass Mode und Glaube nicht nur Hier geht’s zum Video der Modest-Fashion-Show der Designerin Annesia Hasibuan in Istanbul 2016 (englisch) stilsicher auf dem Laufsteg bestehen können. Die religiöse Identität von muslimischen Frauen mit Kopftuch, die Lust auf Mode und das Bedürfnis nach eigener Interpretation haben, stehen für die erfolgreiche Designerin in keinem Widerspruch.

Sie geht jedoch noch einen Schritt weiter: »Wenn ich etwas entwerfe, beziehe ich mich nicht auf eine bestimmte Religion. Begriffe wie muslimische Mode existieren für mich somit überhaupt nicht. Es ist vielmehr ein Etikett und es hat lange Zeit gedauert, mich davon zu lösen. Außerdem bin ich grundsätzlich davon überzeugt, dass ein Stück verarbeiteter Stoff weder gläubig noch religiös sein kann«, so die Designerin.

Aus der Mizaan-Sommerkollektion 2016 – Quelle: Selma Lebdiri copyright

Ist Modest Fashion für alle da?

Wenn es nach Meriem Lebdiri geht, können also auch nicht-muslimische Frauen ihre Mode tragen: »Es geht einfach um Frauen, die an dieser Art Mode Gefallen finden. Mit Modest Fashion müssen sie sich nicht am Mode-Mainstream orientieren oder sich danach richten, welche Trends gerade aktuell sind.«

Lebdiri und andere könnten dem Diskurs eine ganz neue Richtung geben, wenn sie Mode für alle machen. Aber kann Modest Fashion wirklich eine Modestilrichtung für alle Frauen sein, unabhängig von der Religion, Herkunft und der kulturellen Prägung? Hijabistas und Modest-Fashion-Designerinnen wie Meriem Lebdiri tragen zumindest dazu bei, muslimische Frauen nicht länger eindimensional wahrzunehmen, sondern sie als individuelle Persönlichkeiten zu begreifen, die ihren ganz eigenen Weg gehen, wie alle anderen Frauen auch.

Ein Stück Stoff, um dessen Deutungshoheiten gerungen wird, repräsentiert sicher so einiges, jedoch in keinem Fall die verschiedenen Lebenswirklichkeiten von muslimischen Frauen. Denn auch Musliminnen, die ihre religiöse Identität anders ausdrücken und dabei kein hippes muslimisches Gewand tragen, gehören zum Bild des muslimischen Lebens in Deutschland, genauso wie solche ohne Kopftuch.

Christin Ihlefeldt schreibt als freie Autorin und Journalistin über interkulturelle Kommunikation und muslimische Communities.

Titelbild: Ali Moeez - copyright

 

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