Peter Dörrie

Enteignet mich!

16. November 2017

Deutschland lässt zu, dass ich ohne Arbeit und Risiko steinreich werde. Warum? Weil ich eh schon viel habe.

Was ist soziale Gerechtigkeit? Schwer zu sagen, aber vielleicht verhält es sich mit ihr ein wenig so wie mit der Pornographie: »Ich erkenne sie, wenn ich sie sehe«. Der Spruch stammt vom Richter Potter Stewart am US Supreme Court, der in einer Entscheidung bezweifelte, dass er jemals eine funktionsfähige Definition von Pornographie entwickeln könnte. Das sei aber im vorliegenden Fall kein Problem, denn »I know it when I see it« (englisch). Oder besser noch, ich erkenne soziale Ungerechtigkeit, wenn ich sie sehe.

Sozial ungerecht ist zum Beispiel, wenn sich jemand ohne großartigen eigenen Einsatz, dafür aber mit staatlicher Hilfe und steuerlicher Begünstigung ein stattliches Vermögen aufbauen kann. Sagen wir so zwischen 500.000 und 800.000 Euro. Ohne Betrug, ohne Gesetzesübertretungen oder Briefkastenfirmen wie in den Panama Papers und mit geringem persönlichen Risiko.

Dieser jemand, das bin ich. Und wer weiterliest, dem gebe ich jetzt exklusiv den Schlüssel zur finanziellen Sorgenfreiheit in der deutschen Leistungsgesellschaft.

Schritt 1: Am Türsteher vorbeikommen

Bevor ihr aber die Tür zum exklusiven Wohlstandsclub öffnen könnt, müsst ihr am Türsteher vorbei. Und der fragt gerade nicht nach eurer Leistung, sondern nach eurem Familienvermögen. Und bei praktisch jedem lautet die Ansage dann: »So kommst du hier nicht rein!«

Um den Türsteher erfolgreich zu passieren, ist schon die Auswahl der geeigneten Eltern entscheidend. Ich habe es richtiggemacht und bin in einen Akademikerhaushalt geboren, mit Eltern, deren Väter wiederum selbst Akademiker sind. Streng genommen natürlich Han Langeslag erklärt, warum du nichts in deinem Leben selbst verdient hast nicht mein Verdienst, aber Schwamm drüber.

Ohne wohlhabende Eltern kommt man in der deutschen Leistungsgesellschaft nicht weit.

Diese Ausgangslage hat mir nicht nur eine gute Bildung Laut Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks ist die Wahrscheinlichkeit, eine gymnasiale Oberstufe zu besuchen, für Akademikerkinder etwa 1,8-mal so hoch wie für Kinder von Nichtakademikern. Die Hälfte aller Studierenden hat mindestens ein Elternteil mit einem Hochschulabschluss, obwohl diese Gruppe nur 16% der Gesamtbevölkerung ausmacht. und gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt beschert. Nur 2,6% der Akademiker in Deutschland sind arbeitslos. Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung haben dagegen eine Arbeitslosenquote von 4,6%, ungelernte sogar von 20,3%. Und während man mit einem Master-Abschluss auf ein Lebensarbeitseinkommen von etwa 2,6 Millionen Euro hoffen kann, verdienen Menschen mit Ausbildung deutlich weniger, es sei denn, ihnen gelingt der Aufstieg in eine Führungsposition im Unternehmen. Dank intelligenter Investitionen ihres überschüssigen Einkommens konnten meine Eltern auch ein ansehnliches Immobilienvermögen aufbauen.

Das ist natürlich noch nicht der politische und gesellschaftliche Skandal, auf den ich hier offensichtlich hinschreibe. Für ihr Vermögen und ihren finanziell sorgenfreien Ruhestand haben meine Eltern fleißig gearbeitet und als Unternehmer nebenbei noch einige weitere Arbeitsplätze geschaffen.

Meine eigene zivilisatorische Leistung besteht dagegen bis zum heutigen Tag hauptsächlich in dem (mal mehr, mal weniger erfolgreichen) Versuch, meinem Kind ein guter Vater, meiner Frau ein guter Partner und meiner weiteren Familie gegenüber ein angenehmer Verwandter zu sein. Beruflich halte ich mich zwar für einen passablen Journalisten. Warum eine Zahl nicht ausreicht, um das gute Leben zu messen, erklärt PD-Autor Han Langeslag hier Das Bruttosozialprodukt habe ich aber als freier Afrika-Analyst und Autor bei Perspective Daily kaum steigern können. Mein Gehalt reicht für ein komfortables Leben. Das aber auch nur, weil meine Frau ebenfalls arbeitet, wir beide von den Lebenserfahrungen profitieren, die uns unsere Eltern ermöglicht haben, und wir kaum eigenes Geld in eine Altersvorsorge investieren. Und das, Dieser Spiegel-Artikel behandelt die Frage, wie sicher der Lebensstandard der Deutschen im Alter ist (2017) obwohl wir mit einer nennenswerten staatlichen Rente nicht rechnen können.

Schritt 2: Von der Hausbank Geld erschaffen lassen

Aber wer in Deutschland eigenes oder familiäres Vermögen im Rücken hat, der muss sich keine Sorgen machen. Robert Lindenblatt über unser Geldsystem Geld kann unter bestimmten Umständen nämlich aus dem Nichts Geld erschaffen. Das Rezept dazu hat nur 3 Zutaten:

  1. Eine zumindest teilweise abbezahlte Immobilie im Familienbesitz, je wertvoller, desto besser. In meinem Fall haben meine Eltern dafür ordentlich gearbeitet, aber Mietshäuser, die schon seit Generationen in der Familie sind, tun es auch.
  2. Ein hervorragendes Verhältnis zur Hausbank des Vertrauens, das sich natürlich am besten durch die langjährige und profitable Zusammenarbeit zwischen dem Unternehmer-Papa und der örtlichen Volksbank oder Sparkasse herstellen lässt.
  3. Eine weitere Immobilie, die man möglichst günstig kaufen und möglichst teuer vermieten kann. Zugegeben, in Zeiten steigender Immobilienpreise nicht einfach, aber zum Glück steigen neben den Kaufpreisen ja auch die Mieten in den Ballungsräumen stetig.

Man kombiniere diese Zutaten, indem man von der Hausbank einen Kredit zum Kauf der neuen Immobilie aufnimmt. Das kann natürlich theoretisch jeder machen. Aber anders als normalsterbliche Kaufinteressenten muss ich kein Eigenkapital in der Höhe von üblicherweise 30% des Kaufpreises zuzüglich Nebenkosten Die Kaufpreise, die man auf Immobilienportalen im Internet findet, sind unvollständig. Am Ende muss man neben den eventuellen Kosten für einen Makler (3–6% des Kaufpreises zzgl. Mehrwertsteuer), Notar- und Anwaltskosten (ca. 1,5%) auch die Grunderwerbssteuer (ortsabhängig, aber etwa 3,5%) rechnen. Hinzu kommen Kosten für nötige Renovierungen und Umbauten, die zur gewünschten Nutzung der Immobilie nötig sein können. aufbringen. Die Bank gibt sich mit einer Grundschuld auf die alte Immobilie und dem Wissen um die soliden Vermögensverhältnisse meiner Familie zufrieden. Auch wenn sich das nach Vetternwirtschaft anhört: Rechtlich geht alles mit rechten Dingen zu. Aus Sicht der Bank ist es schließlich egal, ob ich selbst mit meinem Eigenkapital oder meine Eltern mit ihren Immobilienwerten für den Kredit bürgen. Die gute Arbeitsbeziehung macht dabei viele Dinge einfacher: Eine Finanzierungszusage für eine Immobilie bekomme ich, wenn es sein muss, innerhalb von einem Tag, weil die Bank alle nötigen Informationen hat und an weiteren Geschäften mit meiner Familie interessiert ist.

Ohne einen eigenen Cent investiert zu haben, gehört mir jetzt eine Immobilie im Wert von mehreren Hunderttausend Euro. Den Kredit zahlen meine Mieter Stück für Stück durch ihre Mieten ab, sodass sich mein Nettovermögen Der Wert aller Besitztümer abzüglich der eigenen Schulden. jeden Monat erhöht. Von der möglichen Wertsteigerung der Immobilie Insgesamt haben Häuser in Deutschland über die letzten 10 Jahre 35% an Wert gewonnen. Einzelne Wohnungen laut Immobilienscout24 im Schnitt sogar 175%, wobei die Wertsteigerungen in Ballungszentren deutlich darüber liegt. mal ganz abgesehen.

Das ist kein theoretisches Szenario. Ich habe es genauso in den letzten Jahren bereits 2-mal gemacht.

Schritt 3: Probe(n) aufs Exempel

Seit 2012 gehören mir 3 Mietwohnungen in Münster, dieses Jahr sind noch einmal 5 kleinere Apartments in Mainz dazugekommen. Zusammen erwirtschaften diese Immobilien oder eher die Mieter, die in ihnen wohnen, etwa 3.000 Euro Kaltmiete pro Monat. Bisher habe ich noch keinen eigenen Cent investiert, OK, das stimmt nicht ganz. Bisher habe ich für jeden Euro, den meine Mieter in die Abzahlung meiner Kredite investiert haben, selbst etwa 10 Cent aus meinem eigenen Einkommen in Sondertilgungen investiert. Für das Gelingen des Modells ist das aber nicht erforderlich. Einen Kredit mit ca. 3% Zinsen zurückzuzahlen, ist zur Zeit aber erheblich lohnender, als überflüssiges Geld bei 0% Zinsen auf dem Tagesgeldkonto versauern zu lassen. meine Mieter dagegen zahlen fleißig meine Kredite ab. Wenn alles nach Plan läuft, sind die Wohnungen in 15 Jahren komplett schuldenfrei und die Mieten kommen dauerhaft meinem Bankkonto zugute. Schon deutlich früher wird mein Nettovermögen die Marke von 468.000 Euro überschreiten, weil meine Schulden abnehmen und die Immobilien im Wert steigen. Dann gehöre ich rechnerisch zu den reichsten 10% der deutschen Bevölkerung, Laut einer Studie der Bundesbank gehört man ab einem Vermögen von 468.000 Euro zu den reichsten 10% der Bevölkerung. Im Median verfügen Menschen in Deutschland über nur 60.400 Euro, ein Faktor von fast 8. ohne wirklich etwas dafür getan zu haben.

Wenn ich wollte, könnte ich den beschriebenen Trick einfach beliebig oft wiederholen und in den nächsten Jahrzehnten immer schneller immer größere Vermögenswerte anhäufen. Der limitierende Faktor ist meine Einkommenssteuer. Denn weil Mieteinnahmen als Einkommen gerechnet werden, steigt mein Einkommenssteuersatz, obwohl ich die Mieten ja zur Abbezahlung der Kredite brauche. Da mein reguläres Einkommen aber überschaubar ist, wird dieser Effekt durch diverse Steuerfreibeträge abgemildert. Jahrzehnte, bevor die meisten Menschen meiner Generation an die Rente denken könnten, müssten meine Frau und ich nicht mehr wegen des Geldes arbeiten.

Daran habe ich kein großes Interesse, denn ich bin gern Journalist. Vermieter sein ist für mich eine nötige Übung. Auch ich muss an meine Rente und die Versorgung meiner Familie denken. Meine Immobilien verwalte ich zusammen mit meinen Eltern, langfristige Rentabilität ist uns wichtiger als kurzfristige Profitmaximierung auf den Schultern der Mieter.

Wer oder was ist schuld?

Ein schlechtes Gewissen oder gar Vorwürfe mache ich mir darum nicht, und ich würde sie mir auch nicht einreden lassen. Als politisch Linker, von den Ideen von Karl Marx, Wohl der bekannteste linke Denker. Er beschrieb schon Mitte des 19. Jahrhunderts den Kapitalismus als ein System der Reichtums-Akkumulation in den Händen weniger durch die Ausbeutung der Lohnarbeit der Arbeiterschaft. Antonio Gramsci Ein italienischer Marxist und Philosoph. Gramsci entwickelte wichtige Theorien zur Bildung und Wirkung gesellschaftlicher Hegemonien und zur Rolle von Intellektuellen als Leiter und Organisatoren gesellschaftlicher Prozesse. Er starb als politischer Häftling 1937 in Rom. und Thomas Piketty Der französische Wirtschaftswissenschaftler beschäftigt sich vor allem mit der Entwicklung von Vermögensungleichheit und Einkommensverteilung in kapitalistischen Gesellschaften. Seine zentrale, durch umfassende empirische Arbeit gestützte These ist, dass langfristig der Investitionsgewinn auf Kapital (r) immer größer ist als das wirtschaftliche Wachstum (g). Da r > g, kommt es in kapitalistischen Gesellschaften ohne Regulierung immer zu einer Konzentration des Vermögens in den Händen weniger. beeinflusster Mensch schaue ich dennoch ungläubig auf dieses System, das aus gesellschaftlicher Sicht keinen Sinn ergibt, ja sogar schädlich und ungerecht ist. Es ermöglicht mir und anderen ohne eigene Leistung und ohne Verpflichtung zur gesellschaftlichen Verantwortung einen Wohlstand aufzubauen, der für viele meiner Mitbürger völlig unerreichbar ist.

Ich nutze dabei keine »Schlupflöcher« des Kapitalismus. Die Vorteile, die mir durch meine Geburt in eine wohlhabende Familie zuteilwerden, sind politisch gewollt. Einen anderen Schluss lässt sich bei genauerer Betrachtung unseres Steuer- und Wirtschaftssystems kaum ziehen:

Geld ist günstig, wenn man es sich leisten kann.

  1. Ich bekomme Kredite ohne Eigenkapital zu extrem niedrigen Zinsen: Hypothekenzinsen bewegten sich bis zum Beginn des Jahrtausends oft im zweistelligen Bereich. Aktuell kann man Immobilien zu weniger als 2% Zins finanzieren, unter bestimmten Bedingungen auch unter 1%. Hier erfährst du von Graeme Maxton, warum Robin Hood der bessere Zentralbanker wäre Niedrige Zinsen sollen die Finanzmärkte beleben, wovon natürlich Investoren profitieren. Neben Immobilieninvestoren wie mir sind das auch Aktienspekulanten, die Märkte rasen von einem Rekord zum nächsten. Weniger kapitalkräftige Sparer gucken in die Röhre. Nur etwa 10% der deutschen Haushalte besitzen Aktien, nur etwa 13% investieren in Fonds (die beiden Gruppen überschneiden sich vermutlich stark). Dagegen besitzen 72% ein Sparbuch.
  2. Gewinne aus Kapital werden niedriger besteuert als Gewinne aus Arbeit: Einnahmen aus Aktien und anderen Unternehmensanteilen, sogenannte Kapitalerträge, werden in Deutschland mit nur 25% zzgl. Solidaritätszuschlag. besteuert. Ein Geschenk der ersten Großen Koalition unter Angela Merkel und eine deutliche Besserstellung gegenüber Einkommen aus Arbeit. Ab einem zu versteuernden Jahreseinkommen von 50.000 Euro ist es steuerlich günstiger, Einnahmen aus Aktien und anderen Wertpapieren zu erzielen, als mit seinen eigenen Händen Geld zu verdienen. Bezogen auf den Durchschnittssteuersatz eines Singles. Verheiratete Alleinverdiener verdienen Dank des Ehegattensplittings bis zu einem zu versteuernden Einkommen von 100.000 Euro mehr durch Arbeit als durch Anlagen.
  3. Kosten kann ich großzügig von der Steuer absetzen: Auf meine Mieteinnahmen wiederum muss ich ganz normal Einkommenssteuer zahlen. Freuen kann ich mich aber über jede Menge Steuererleichterungen, die meinen Einkommenssteuersatz senken. Absetzen von der Steuer kann ich als sogenannte Werbungskosten Im Sinne des Steuerrechts sind das Ausgaben, die dem Erwerb, der Sicherung und Erhaltung von Einnahmen dienen. Nicht nur Immobilieneigentümer, auch etwa Lehrer können von dieser Möglichkeit Gebrauch machen. unter anderem:

    – die Zinsen, die ich auf meine Kredite zahle

    – alle Nebenkosten, etwa Wasser, Strom und Schornsteinfeger, sofern diese nicht direkt mit den Mietern abgerechnet werden

    – Renovierungskosten

    – Hausmeister, Putzhilfe oder Gärtner

    – Kosten für den Steuerberater, Anwalt und andere Dienstleister

    – die Kaufnebenkosten, etwa die Grunderwerbsteuer und den Notar

    Das geht übrigens nur, weil ich die Immobilien vermiete. Wer in seiner eigenen Immobilie wohnt, 38% der erwachsenen Bevölkerung lebt in der eigenen Immobilie. Nur 10% besitzen nicht selbst genutzte Immobilien. dem kommen diese Steuervergünstigungen nicht zugute. Das eigene Haus dient ja nicht der Erwirtschaftung von Einnahmen, es entstehen also keine Werbungskosten im Sinne des Steuerrechts. Für Gutverdienende kann sich eine Immobilie dagegen schon wegen dieser Steuerspareffekte lohnen. Vor allem, wenn die zusätzlichen Mieteinnahmen den eigenen Einkommenssteuersatz nicht steigen lassen, etwa weil man ohnehin vor allem von Kapitalerträgen profitiert oder schon den Spitzensteuersatz erreicht hat. Dass sich auch sehr teure Immobilien rechnen können, dazu tragen die derzeit sehr niedrigen Zinsen bei.

  4. Beim Schenken und Erben bleibt die Gesellschaft außen vor: Wie viel Geld in Deutschland pro Jahr vererbt wird, ist nicht bekannt. Meldepflichtig sind nur Erbschaften und Schenkungen, die die hohen Freibeträge überschreiten. Untersuchung des DIW Berlin zum Erbschaftsaufkommen in Deutschland (2017) Vermutlich sind es zurzeit ca. 320 Milliarden Euro. Damit gehen jedes Jahr knapp 3% des Nettovermögens an die nächste Generation über. Der Staat bekommt derzeit aber nur ca. 5,5 Milliarden Euro Erbschafts- und Schenkungssteuer Zwischen Schenken und Vererben wird bei der Steuer kein Unterschied gemacht. pro Jahr.

    Das liegt an den hohen Freibeträgen: Meine Eltern können nicht nur nach ihrem Tod bis zu 400.000 Euro oder entsprechende Immobilienwerte steuerfrei an mich vererben. Dieselbe Summe kann zudem alle 10 Jahre steuerfrei an jedes Kind verschenkt werden. Wer als Arbeitnehmer aber im Jahr 40.000 Euro verdient, der muss darauf 22% Steuern zahlen. Mit entsprechender Planung könnten meine Eltern also ihren gesamten Immobilienbestand innerhalb der nächsten Jahrzehnte Stück für Stück an mich und meine Geschwister überschreiben, ohne dass der Staat auch nur einen Cent Steuern davon sieht. Noch mehr Vermögen lässt sich steuerfrei vererben, wenn es etwa in einem Familienunternehmen geparkt ist. Wenn dieses Unternehmen über 7 Jahre hinweg dieselbe Lohnsumme auszahlt wie vor dem Erbfall, dann entfällt die Erbschaftssteuer ganz, es ist dabei grundsätzlich egal, wie hoch der Firmenwert ist.

Unterm Strich lässt sich sagen: Unser System tut alles dafür, reiche Menschen und ihre Nachkommen reicher zu machen. Wer arm ist, der hat es schwer, ein Vermögen aufzubauen. Mein eigenes Vermögen und das aller anderen reichen Menschen wächst hingegen praktisch automatisch, durch die Arbeit anderer.

Gefahr für die Gesellschaft

Laut dem französischen Ökonom Thomas Piketty gehört diese Ansammlung von immer mehr Kapital in den Händen immer weniger Menschen zu den Grundeigenschaften des Kapitalismus. In Deutschland besitzen die reichsten 10% der Bevölkerung knapp 58% des Nettovermögens. Die Hälfte der Bevölkerung besitzt dagegen unterm Strich gar nichts, wenn man ihr Vermögen mit ihren Schulden verrechnet.

Wo das Geld am unfairsten verteilt ist

Anteil der reichsten 1% und reichsten 2–10% der Bevölkerung am Nettovermögen des jeweiligen Landes. Das Nettovermögen errechnet sich durch den Besitz abzüglich der Schulden einer Person.

Quelle: OECD

Deutschland hat im Vergleich zu anderen Industrienationen eine sehr ungleiche Vermögensverteilung, grundsätzlich weisen aber alle reichen Industrienationen dieselben Strukturen auf. Und in den meisten Ländern steigt die Ungleichheit weiter, zugunsten der reichsten 10% oder sogar nur dem obersten 1% der Bevölkerung.

Das ist eine extrem gefährliche Entwicklung, was man zum 100. Jahrestag der russischen Revolution eigentlich nicht extra betonen muss. Das letzte Mal, als die Welt ein vergleichbares Niveau an Ungleichheit erlebt hat, wurden diese Unterschiede erst durch 2 Weltkriege und diverse gewalttätige Revolutionen ausgelöscht.

Die Ungleichheit wächst

Seit den 80er-Jahren wächst in Europa die Ungleichheit bei der Einkommens- und Vermögensverteilung. Die reichsten 10% der Bevölkerung konzentrieren das Kapital der Gesellschaft in ihren Händen.

Quelle: Das Kapital im 21. Jahrhundert

Auch wenn wir von einer Situation wie 1933 noch weit entfernt sind: Dass von den Revolutionen des arabischen Frühlings bis zu den Wahlerfolgen von Rechtspopulisten in den USA, Europa und darüber hinaus auch immer reale oder empfundene wirtschaftliche Unsicherheit eine Rolle gespielt hat, sollte uns zu denken geben und zum Handeln auffordern. Da ein höheres Vermögen auch mit höherer Lebenserwartung und besserer Gesundheit einhergeht, stellen sich bei der aktuellen Ungleichheit außerdem grundlegende Gerechtigkeitsfragen.

Wie kommen wir da heraus?

Dieser Entwicklung kann sich nur der Staat entgegenstellen. Staatliches Handeln müsste es Menschen wie mir unmöglich machen, auf diese Art und Weise Vermögen anzusammeln. Die Möglichkeit, ein gewisses Vermögen anzuhäufen, ist durchaus gesellschaftlich sinnvoll, denn das erlaubt Investitionen in neue Ideen. Sehr große Vermögen verlieren aber ihre Produktivität, sie spielen nur noch in der Finanzwirtschaft eine Rolle. Meine Eltern, mich selbst, oder die Superreichen unserer Gesellschaft – ein gerechter Staat würde uns und viele andere Vermögende enteignen. Das Zauberwort dabei lautet »Progressivität«. Wer viel verdient, ein großes Vermögen angesammelt hat oder viel erbt, sollte mehr Steuern zahlen als Geringverdiener und wenig Wohlhabende.

  • Einkommenssteuer anpassen: Die Einkommenssteuer entspricht dem progressiven Ideal in Ansätzen. Einkommen von bis zu 8.652 Euro sind komplett steuerfrei. Ab einem Einkommen über 254.447 Euro wird ein Spitzensteuersatz In den meisten Steuersystemen werden Einkommen in verschiedenen Zonen besteuert. In Deutschland gilt zum Beispiel ein Freibetrag von 8.652 Euro, auf den überhaupt keine Steuern anfallen. Für die Zone 8.653–13.669 Euro gilt ein Steuersatz von 14%. Der Spitzensteuersatz von aktuell 45% wird also nicht auf das gesamte Einkommen angewandt, sondern nur auf den Teil, der 254.447 Euro überschreitet. von 45% fällig, wobei dank diverser Freibeträge und Subventionen die tatsächlichen Steuersätze weit darunterliegen.

Du zahlst weniger Steuern, als du denkst

Durchschnittliche Steuersätze für einen kinderlosen, alleinstehenden Steuerzahler. Bemessungsgrundlage ist das steuerpflichtige Einkommen, eventuelle Werbungskosten oder ähnliche Faktoren sind also nicht berücksichtigt.

Quelle: Bundesfinanzministerium

    Historisch gesehen sind diese Steuersätze extrem niedrig: Nach dem Ersten Weltkrieg waren Spitzensteuersätze von mehr als 50% in vielen Industrienationen üblich, während des Zweiten Weltkriegs wurden in einigen Ländern besonders hohe Einkommen mit über 90% besteuert. Laut Pikettys Berechnung idealer Spitzensteuersätze (englisch, 2013) Modellrechnungen von Piketty wäre ein Spitzensteuersatz von über 80% auf Einkommen über 500.000 Euro ideal.

Reiche zahlen so wenig Steuern wie lange nicht mehr

Spitzensteuersätze auf Einkommen von über 60% waren lange Zeit normal.

Quelle: Das Kapital im 21. Jahrhundert

  • Vermögenssteuer einführen: Eine Steuer auf Kapital gibt es in Deutschland seit 1997 nicht mehr. Formal gilt weiter das Vermögenssteuergesetz aus dem Jahr 1952, allerdings wird die Steuer in den neuen Bundesländern seit der Wende und in den alten Bundesländern seit 1997 nicht mehr erhoben. Zuletzt galten für die Steuer Freibeträge von 120.000 DM pro Familienmitglied und ein Steuersatz von 1% auf Privatpersonen und 0,6% auf Körperschaften. Trotzdem nahmen die Bundesländer 1996 umgerechnet 4,62 Milliarden Euro aus der Steuer ein. Mit der Grundsteuer gibt es auch heute noch eine Steuer auf Vermögen. Diese ist aber nicht progressiv, für alle Grundbesitzer einer Gemeinde gilt derselbe Steuersatz. Dabei wäre es der deutschen Bürokratie ein Leichtes, das tatsächliche Vermögen aller Steuerpflichtigen zu ermitteln und auf die Gesamtsumme eine progressive Steuer zu erheben. Durch einen entsprechend hohen Spitzensteuersatz sollte es unmöglich werden, Vermögen über einen bestimmten Betrag anzuhäufen.

    Wie hoch muss Vermögen sein, um asozial zu werden? Das ist eine politische Entscheidung, aber Piketty hält eine progressive Steuer von 0,1% auf Vermögen von unter 200.000 Euro bis zu 10% auf Vermögen über 1 Milliarde Euro für angemessen. Eine langfristige Anhäufung von Vermögen würde damit praktisch unmöglich gemacht. Die Chance, sich bedeutenden Wohlstand und die damit einhergehenden Annehmlichkeiten zu erarbeiten, bleibt aber bestehen.

  • Erbschafts- und Schenkungssteuer anheben: Der dritte Pfeiler eines sozial gerechten Steuermodells wäre eine ernstzunehmende Erbschafts- und Schenkungssteuer. Der radikalste Ansatz wäre, alle Schenkungen und Erbschaften über der Höhe, die dem Wert eines Einfamilienhauses entspricht, mit einer 100%-Steuer zu belegen. Das Kapital einer Volkswirtschaft würde damit mit jeder Generation wieder neu verteilt werden, was der Innovation durchaus zuträglich sein könnte. In einer Untersuchung kommen die Forscher Randall K. Morck, David A. Stangeland und Bernard Yeung zu dem Ergebnis, dass ein hoher Anteil an ererbten Vermögen in einer Gesellschaft zu geringeren Investitionen in Innovation führt (englisch). So weit würde ich persönlich nicht gehen. Die Möglichkeit, seinen Kindern einen gewissen Wohlstand zu hinterlassen, hat zumindest bei mir und meinen Eltern eine motivierende Funktion. Aber wie beim Einkommen und dem Vermögen zu Lebzeiten würde ich auch bei extrem hohen Erbschaften eine konfiskatorische Steuer befürworten. Schenkungen und Erbschaften sollten zudem nicht getrennt betrachtet werden. Gegenüber Verwandten, Freunden und Stiftungen sollte es ein niedriges Lebenslimit geben, wie viel steuerfrei verschenkt und vererbt werden darf. Auch hier sollte das übergeordnete Ziel lauten, eine Ansammlung von Kapital zu verhindern.

Meine Forderung ist klar: Ich will enteignet werden!

Wohin mit dem ganzen Geld?

Im Gegenzug will ich aber ein echtes Solidarsystem, das mir und meiner Familie die ökonomische Grundlage für ein erfülltes und produktives Leben garantiert. Das Geld dafür wäre da: Allein eine Steuer von durchschnittlich 4% auf die Vermögen der reichsten 10% der deutschen Privathaushalte würden dem Staat 146 Milliarden Euro Diese Zahlen beziehen sich auf 2012, als das Nettovermögen der 10% reichsten Privathaushalte in Deutschland 3,7 Billionen Euro betrug. Heute, 5 Jahre später, dürfte der Betrag sogar deutlich höher liegen. zusätzlich an Einnahmen bescheren, was ziemlich genau dem aktuellen Eine sehr schöne Übersicht über Einnahmen und Ausgaben des Bundes verschafft die Seite Bundeshaushalt-Info.de Budget des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales entspricht.

Eine Verdoppelung der Sozialausgaben? Kein Problem mit höheren Steuern.

Ein Was Gratis-Geld mit der Arbeitswelt macht, erklärt PD-Autor Han Langeslag hier bedingungsloses Grundeinkommen wäre eine offensichtliche Lösung. Ein BGE von 750 Euro im Monat für alle Volljährigen mit deutscher Staatsangehörigkeit würde etwa 540 Milliarden Euro im Jahr kosten. Aus den Einnahmen einer erhöhten Erbschaftssteuer, Einkommenssteuer und Vermögenssteuer, kombiniert mit einer Umwidmung bisheriger staatlicher Transferprogramme, wäre eine Finanzierung vorstellbar. Unsere Gesellschaft könnte aber auch auf andere Weise grundlegend reformiert werden. Neben massiven staatlichen Investitionen in Bildung und Forschung würde auch die Nutzung des gewonnenen Kapitals zur Finanzierung der Energie-, Verkehrs- sowie Ernährungswende, Laut Bundesregierung werden für die vollständige Energiewende bis 2050 etwa 15 Milliarden Euro pro Jahr benötigt. Die Kosten eines grundsätzlichen Wandels unserer Verkehrs- und Ernährungssysteme sind noch nicht vollständig beziffert, dürften sich aber in einer ähnlichen Größenordnung bewegen. Würde etwa die Regierung sämtliche Autos in Deutschland innerhalb der nächsten 30 Jahre aus eigener Tasche mit Elektroautos ersetzen, dann würde das bei 30.000 Euro pro Auto etwa 45 Milliarden Euro pro Jahr kosten. Klimafolgenanpassung oder Entwicklungshilfe im Sinne internationaler Solidarität Sinn ergeben.

Auch wenn ich persönlich vom Status quo profitiere: Für eine solche positive Vision eines alternativen Gesellschafts- und Wirtschaftsmodells würde ich meine unverdienten Aussichten auf immer größeren Wohlstand ohne Zögern aufgeben. Anders als etwa beim Umweltschutz hat mein persönliches Handeln aber praktisch keine Auswirkung auf das Problem. Wenn ich weniger Fleisch konsumiere, dann wird weniger CO2 in die Atmosphäre entlassen. Wenn ich dagegen auf eine Investitionsmöglichkeit verzichte, dann wird sie ein anderer Investor ergreifen, denn das dafür notwendige Kapital kann ja aus dem Nichts erschaffen werden. Das System als Ganzes wird verändert werden müssen, was ohne einen grundlegenden Wandel des Problembewusstseins in der weiteren Bevölkerung kaum denkbar ist. »Enteignet mich!« ist darum eine ernst gemeinte Aufforderung an alle, Veränderung zu fordern, Alternativen zu entwickeln und meinem Vermögen Grenzen zu setzen, die ich nicht überschreiten könnte, selbst wenn ich wollte.

Mit Illustrationen von Isabell Altmaier für Perspective Daily Titelbild:

 

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