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Wir brauchen ein Schokoladen-Kartell!

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Wir brauchen ein Schokoladen-Kartell!

6. Dezember 2017
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Wenn wir faire Schokolade für alle wollen, müssen sich die Mächtigen der Kakaoindustrie absprechen dürfen.



Mir ist schlecht, richtig schlecht. Ich kann die Videos von abgemagerten Männern und Frauen, von misshandelten Kindern – teilweise als Sklaven verkauft Auch wenn es schwierig ist, genaue Zahlen zu Kindersklaven in der Kakaoproduktion zu ermitteln, ist bekannt, dass Kinder weiterhin als Sklaven gehandelt werden. Eine generelle Übersicht zu den weltweit geschätzten 40 Millionen Sklaven (50% sind Arbeitssklaven; 25% sind unter 18 Jahren) findest du hier (englisch). – nicht mehr sehen. Ihre Rücken sind blutig von den Peitschenhieben der Aufseher. Die Arbeit mit den großen Macheten hat ebenfalls Spuren an den kleinen Kinderkörpern hinterlassen. In den letzten Tagen habe ich diese Bilder der unmenschlichen Arbeitsbedingungen von 5 Millionen Kakaobauern Mehr als 90% des Kakaos werden von Kleinbauern auf meist sehr kleinen Plantagen angebaut. 70% der Welternte stammen aus Westafrika. Schätzungen zufolge gibt es 5–6 Millionen Kakaoplantagen weltweit, die meist weniger als 5 Hektar umfassen. Die meiste Arbeit wird von den Familien selbst gemacht, weniger Bauern nutzen zusätzliche Arbeitskräfte. Die meisten Farmer sind allerdings älter als 50 Jahre und haben Schwierigkeiten, Nachfolger zu finden. Insgesamt trägt der Kakaoanbau zum Lebensunterhalt von mehreren 10 Millionen Menschen bei. Für eine sachliche Betrachtung hilft diese Review-Studie zur Lage der Kakaoproduktion in Westafrika (englisch, 2015) auf mich einprasseln lassen. Eins haben fast alle Protagonisten gemeinsam: Sie leben in bitterer Armut, den süßen Geschmack von Schokolade Bevor aus dem Luxusprojekt Schokolade ein Alltagsprodukt wurde, musste sie einen weiten Weg zurücklegen. »Gebürtig« kommt die Kakaopflanze aus Mittel- und Südamerika und wurde während der Kolonialzeit von den Europäern entdeckt. Mitte des 17. Jahrhunderts wurde aus dem Statussymbol der Aristokraten ein weit verbreitetes Getränk.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden Maschinen entwickelt, die Kakao mit Milchpulver sowie Zucker mixten und Schokolade zur Massenware machten. Die war leichter zu transportieren und zu konservieren als das Getränk Kakao. Die Nachfrage stieg und der Rohstoff wurde knapp. Die Suche nach neuen Anbaugebieten entlang des Äquators begann. Denn Kakaobäume benötigten gute Böden, eine monatliche Durchschnittstemperatur von mehr als 20° Celsius ohne extreme Hitze und mindestens 1.500 Millimeter Niederschlag über das Jahr verteilt. So landete der Kakao in britischen und französischen Kolonien an der westafrikanischen Küste und in Indonesien, der Kolonie der Niederländer.
kennen sie nicht. Auch wenn mir das alles längst bekannt ist, ist mir flau im Magen.

Mariam wird 500 Kilometer von ihrer Heimat aufgegriffen, sie sollte in die Elfenbeinküste verkauft werden. An den Beinen hat sie offene Wunden, als sie von Sozialarbeitern gerettet wird. – Quelle: ARD copyright

Seitdem ich als 15-Jährige begann, im Weltladen auszuhelfen, Zunächst begann ich im Rahmen eines Schulprojekts in einem Weltladen auzuhelfen (damals hießen die noch Dritte-Welt- und dann Eine-Welt-Laden). Als dieser ca. 10 Jahre später kurz vor dem Aus stand, habe ich ein paar Menschen zusammengetrommelt und den Laden wieder »fit« gemacht; mittlerweile ist er der einzige im Kreis und wächst und gedeiht. frage ich mich: Warum ist nicht alle Schokolade »fair« gehandelt? Der Faire Handel ist eine internationale Bewegung, um die Lebensbedingungen von Kleinproduzenten, zum Beispiel Kakao-, Tee- und Kaffeebauern, zu verbessern und spricht sich gegen Kinderarbeit aus. Die Grundidee ist einfach: Die Produzenten erhalten einen garantierten Mindestpreis, der Lebenshaltungs- und Produktionskosten abdeckt. Zusätzlich erhalten sie eine Sozialprämie – die sogenannte Fairtrade-Prämie – die wirtschaftliche und soziale Projekte wie den Bau von Schulen fördert. So werden Spekulationen und Zwischenhändler ausgeschaltet. Eine allgemein anerkannte Definition von »Fairem Handel« gibt es nicht. Stattdessen gibt es verschiedene Siegel und Ansätze, die sich für den Fairen Handel mit Produzenten einzusetzen. Jeder, der mich ein wenig kennt, weiß, dass ich Schokoriegel von Nestlé, Mars und Co. Fast alle Unternehmen sind mittlerweile Teil verschiedener Programme zu mehr Nachhaltigkeit in der Kakaoproduktion und haben diverse Versprechen (englisch) abgegeben, bis wann sie bestimmte Anteile der Zutaten für ihre Produkte oder sogar komplett alles auf fair gehandelt umstellen werden. Dabei sind Versprechen und Realität nicht immer deckungsgleich. Das wohl bekannteste Beispiel für die erfolgreiche Lobby-Arbeit der Schokoladenbranche ist das »gescheiterte« Harkin-Engel-Protokoll aus dem Jahr 2001 (englisch), das zunächst verpflichtende Regeln für die Branche einführen sollte und dann zu einer freiwilligen Richtlinie wurde. verächtlich ablehne, dass ich keine Hemmungen habe, »unhöflich« zu sein, weil ich schokoladige Geschenke zurückgebe, wenn sie nicht meinen Ansprüchen an Produktionsbedingungen entsprechen. Fast habe ich mich an die Rolle als Moralapostel und Spaßbremse gewöhnt, wenn ich mein Gegenüber einmal wieder frage: »Kannst du deinen schokoladigen Nachtisch noch genießen, wenn du weißt, dass dafür sehr wahrscheinlich Kinder geschwitzt und geblutet haben?«

Wie wird »faire« Schokolade zum Standard?

Jetzt gerade ist mir aber auch schlecht, weil ich zu viel Schokolade gegessen habe Natürlich fair gehandelt von der niederländischen Marke Tony’s Chocolonely, deren Geschäftsmodell das Südwind-Institut hier beispielhaft erwähnt. – 180 Gramm versuche ich zu verdauen. Mehr über meine »schlechte Gewohnheit Schokolade« liest du hier Ich kenne den verführerischen Geschmack der kakaohaltigen Masse nur zu gut und weiß auch, Auch wenn Han Langeslag und ich das Geschreie nicht mehr hören können, wir könnten alles »frei« entscheiden dass erhobener Zeigefinger und Verbote wenig bringen.

Ich will also hier nicht den 2.000. Artikel über die unmenschlichen Arbeitsbedingungen der Kakaobauern schreiben, der bei dir dafür sorgt, dass du für 24 Stunden kurz schockiert bist und dann doch wieder zur Standard-Schokoladentafel für Es gibt auch 100-Gramm-Tafeln, die noch günstiger sind 49 Cent im Supermarkt greifst. Dass unser Wissen über Ungerechtigkeit in der Schokoladenproduktion nicht ausreicht, zeigen die vergangenen 2 Jahrzehnte an Artikeln, Filmen und Beiträgen über Sklaven, Kinderarbeit und Ausbeutung der Kakaobauern. Schon Ende 2000 strahlte die BBC die Dokumentation »Slavery: A Global Investigation« (englisch) aus, die den Handel von Kindersklaven in der Kakaoproduktion zeigt und weltweit für Aufsehen sorgte. Die ARD verlinkt in der Mediathek weiterhin zur Dokumentation »Schmutzige Schokolade« (2010) des dänischen Dokumentarfilmers Miki Mistrati. Auch das amerikanische Bureau of International Labor Affairs veröffentlicht regelmäßig einen Bericht (englisch) zu den sogenannten »schlimmsten Formen der Kinderarbeit« einschließlich Sklaverei.

Während es im Magen grummelt, macht es plötzlich »Klick« in meinem Kopf: Vielleicht hat die Kombination aus »schlecht sein« wegen schrecklicher Bilder im Kopf und zu viel Schokolade im Bauch gerade für einen Geistesblitz gesorgt, der verrät, wie »faire« Schokolade zum Standard wird – ganz ohne Zeigefinger. Im wortlosen Selbstgespräch klingt die Idee so verrückt, dass mir noch flauer im Magen wird, als ich mich immer deutlicher sagen höre: »Wir brauchen ein Kartell für den Weltmarktpreis von Kakao!«

3 Fakten für das Schokoladen-Kartell

Beginnen wir ganz einfach: Um zu überleben, benötigen Menschen Nahrung, die sie in der Regel mit Geld bezahlen, das sie mit ihrer Arbeit verdienen. Wenn dieser Lohn nicht ausreicht, leben sie in Armut – und lassen zum Beispiel ihre Kinder arbeiten. Das ist nicht nachhaltig. Ein nachhaltiger Kakaosektor meint einen solchen, in dem alle Beteiligten in der Lage sind, unter anständigen Arbeitsbedingungen einen Lebensunterhalt zu verdienen, Kinderrechte respektiert werden und die Natur geschützt wird.

So viele Kinder arbeiten unter gefährlichen Bedingungen

Besonders in der Elfenbeinküste, dem weltweit größten Kakaoproduzenten, ist die Anzahl Kinder, die unter gefährlichen Bedingungen arbeiten, rasant gestiegen. Im zweitwichtigsten Produktionsland Ghana ist die Anzahl leicht gesunken.

Quelle: Tulane Universität

Fakt 1: Der größte Teil der Kakaobauern weltweit lebt mitsamt seinen Familien in extremer Armut, Laut Definition der Weltbank sind damit Menschen gemeint, die von weniger als 1,90 US-Dollar pro Tag leben (gemessen entweder am Einkommen oder am Konsum). Dieser Wert ist also eine extreme Untergrenze. im wichtigsten Produzentenland, der Das aktuelle »Cocoa Barometer« gibt Auskunft über die Situation und Herausforderungen im Kakaoanbau (englisch, 2015) Elfenbeinküste, leben die Kakaobauern durchschnittlich von 0,50 US-Dollar pro Tag. Besonders in den Hauptanbaugebieten Afrikas Die 4 westafrikanischen Anbauländer Elfenbeinküste, Ghana, Kamerun und Nigeria produzieren rund 70% der weltweiten Kakaoernte. Wie die folgende Weltkarte zeigt, wird der Rest in Südamerika und Indonesien produziert. werden elementare Menschenrechte der Produzenten mit Füßen getreten. Aktuellste Studie der Tulane-Universität zur Kinderarbeit im westafrikanischen Kakaosektor (englisch, 2015) Kinderarbeit ist weit verbreitet und hunderttausende Kinder arbeiten unter Bedingungen, die Hier geht es zum »International Programme on the Elimination of Child Labour« der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) (englisch) laut nationalen Gesetzen und internationalen Standards verboten sind.

Quelle: Cocoa Barometer copyright

Um Kinderarbeit und menschenunwürdige Arbeitsbedingungen abzuschaffen, müssen die Kakaobauern einen Preis für ihren Kakao erhalten, von dem sie leben und ihre Kinder in die Schule schicken können. Dass die Kakaobauern häufig keine andere Wahl haben, als Kinder arbeiten zu lassen, weiß Friedel Hütz-Adams zu berichten. Seit knapp 25 Jahren arbeitet er als Wissenschaftler am Das Südwind-Institut setzt sich für eine gerechte Weltwirtschaft ein und wird von einem gemeinnützigen Verein getragen Südwind-Institut und beschäftigt sich seit 8 Jahren intensiv mit der Frage, wie wir einen nachhaltigen Kakaomarkt schaffen können.

Auf einer großen Tagung in Abidjan Im größten städtischen Ballungsraum der Elfenbeinküste am Golf von Guinea leben mittlerweile laut Zensus von 2014 knapp 4,4 Millionen Menschen. im Frühjahr gab es am ersten Tag einen Vortrag zur Kinderarbeit und dass diese vermieden werden soll. Am Tag drauf, nach einem Vortrag über den Preisverfall bei Kakao, stand in der Diskussion die Mitarbeiterin einer Kooperative auf und sagte, sie könne das Gerede über Kinderarbeit nicht mehr hören. Bei den niedrigen Preisen, die derzeit gezahlt werden, sei es ihr nicht möglich, für die Ernte Erwachsene einzustellen. – Friedel Hütz-Adams, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Südwind e. V.

Fakt 2: Aktuell wird der Kakaopreis über den Weltmarkt Genauer gesagt gilt das für den Preis der Sorte Forastero, die mehr als 90% der globalen Ernte ausmacht. Fine oder Favour Cacao (englisch), der rund 7% der weltweiten Ernte ausmacht, wird zwar nicht an der Börse gehandelt; der Preisverfall beim Standard-Kakao hat allerdings auch zu einem Preisverfall beim »Nobel-Kakao« geführt. und damit Bericht des Südwind-Instituts zu alternativen Geschäftsmodellen im Kakaosektor (2017) die Börsen festgelegt. Der Preis schwankt Neben der langfristigen Tendenz gibt es starke kurzfristige Schwankungen. Der Kakaopreis fiel beispielsweise zwischen September 2016 und Januar 2017 von knapp 3.000 US-Dollar pro Tonne auf unter 2.000 US-Dollar pro Tonne. Ursachen dafür waren neben einer überraschend hohen Erntemenge die stagnierende Nachfrage: Entgegen der Prognosen ist die Nachfrage nach Kakao seit 2012 nicht mehr gestiegen (englisch). und nimmt keine Rücksicht darauf, ob die Kakaoproduzenten davon leben können oder nicht.

Der schwankende Kakaopreis wird auf dem Weltmarkt gemacht

Aufgrund guter Ernten und zusätzlicher Anbauflächen ist der Preis von September 2016 bis Februar 2017 eingebrochen und aktuell weiterhin niedrig.

Quelle: International Cocoa Organization (ICCO)

Den »wahren Preis« zu ermitteln, ist keine triviale Aufgabe. Zum Beispiel variieren Lebenshaltungskosten im Laufe der Zeit und unterscheiden sich zwischen Ländern. Trotzdem sind Annäherungen möglich. So kommt Auf der Website von »True Price« findest du noch andere »wahre Preise« und Fallbeispiele (englisch) das Sozialunternehmen »True Price« für Kakao aus dem größten Kakaoland Elfenbeinküste Bericht zum wahren Kakaopreis von »True Price« (englisch, 2016) auf 7,10 Euro pro Kilo. Das ist fast das 4-Fache des Preises, den die Kakaobauern aktuell erhalten.

Um an die Kakaobohnen zu gelangen, müssen die Kakaobauern die großen, reifen Kakaofrüchte aufschneiden. – Quelle: Doreen Pendgracs copyright

Das wissen auch die Vertreter der Schokoladenbranche Im Gegensatz zu den Millionen Kleinproduzenten der Kakaobauern ist der Markt der Verarbeiter und Verkäufer extrem konzentriert – Tendenz steigend. In den letzten Jahren kam es zu zahlreichen Fusionen und Übernahmen von ohnehin riesigen Unternehmen. Nach der Fusion von Barry Callebaut, Cargill und ADM produziert ein Unternehmen ca. 70–80% der weltweiten Kuvertüre. Nur 8 Händler und Mahlunternehmen kontrollieren ca. 3/4 des weltweiten Kakaohandels. Die 6 größten Schokoladenunternehmen sind für ca. 40% des globalen Marktes verantwortlich. Diese extreme Konzentration schwächt die Position der Kakaobauern zusätzlich. Gleichzeitig behaupten die meisten großen Unternehmen, dass »der Markt« und Kakaopreise außerhalb ihrer Kontrolle liegen. also die Zwischenhändler, die Zwischenverarbeiter Die großen Schokoladenhersteller kaufen den Kakao für ihre Produkte nicht direkt bei den Produzenten. Die getrockneten Kakaobohnen gehen in den meisten Fällen an einen lokalen Zwischenhändler, der Zugang zu einem größeren Kakaomarkt hat. Von dort gelangt der Kakao auf den Weltmarkt, wo ihn Unternehmen aus den Industrienationen erwerben. Das sind die sogenannten Zwischenverarbeiter, die die Bohnen mahlen und Kakaopulver sowie -butter herstellen. Erst jetzt treten die Schokoladenhersteller wie Nestlé, Mars und Ferrero auf: Sie kaufen die Hauptzutaten für ihre Produkte von den Zwischenverarbeitern. und die Unternehmen, deren Produkte wir letztlich kaufen. Warum die Preise für die Kakaobauern erhöht werden müssen, diskutiert dieser Bericht des VOICE Network und Cocoa Barometer (englisch, 2017) Mittlerweile fordern sie selbst höhere Preise.

Ich kenne die Aussagen von Menschen aus der Schokoladenbranche, die sagen, Bäuerinnen und Bauern in Westafrika benötigen einen Weltmarktpreis von mindestens 3.000 US-Dollar pro Tonne, um überhaupt die Chance zu haben, nachhaltig zu wirtschaften. – Friedel Hütz-Adams, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Südwind e. V.

Fakt 3: Alle Beteiligten wissen – von Regierungen in produzierenden und konsumierenden Ländern bis zu Schokoladenunternehmen: Der aktuelle Kakaopreis für die Farmer ist eine Armutsfalle. Preisverfälle wie der seit September 2016 anhaltende Sturzflug des Kakaopreises, Das liegt an guten Ernten und einer Vergrößerung der Anbauflächen, auch auf Kosten von Naturschutzgebieten. Nicht nur Friedel Hütz-Adams geht davon aus, dass der Preis auch in den kommenden Jahren niedrig bleiben wird. sind katastrophal für Nachhaltigkeitsbemühungen.

Moment mal! Könnten die Unternehmen dann nicht einfach höhere Preise zahlen und so dafür sorgen, dass die Kakaobauern nicht mehr ausgebeutet werden? Klar könnten sie das machen, würden damit aber sehr schnell selbst auf der Strecke bleiben. Denn der Schokoladenmarkt ist heiß umkämpft – gerade in Deutschland. Unternehmen, die auf dem Massenmarkt bestehen wollen, können das nur, wenn die Konkurrenten die Preise gleichzeitig mit anheben.

Es gibt keinen Mechanismus, Preise zu verabreden. Im Gegenteil, sobald die Unternehmen das tun würden, stünde das Kartellamt vor der Tür. – Friedel Hütz-Adams, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Südwind e. V.

Also: Wir brauchen ein Kartell für feste Preise für die Kakaobauern! – Das allein reicht natürlich noch nicht aus, um »fair« zum Standard zu machen …

Ohne feste Beziehungen und Regeln geht es nicht!

Innenansicht einer Kakaofrucht: Anbau und Ernte von Kakao sind sehr arbeitsaufwendig und verlangen Planungssicherheit der Bauern. – Quelle: US Capitol public domain

Höhere Preise allein würden dafür sorgen, dass zunächst noch mehr Kakao auf die Weltmärkte strömt. Warum? Weil dann noch mehr Kakaobauern an den guten Preisen teilhaben wollen würden. Die Rodung von Wäldern würde zunehmen, um zusätzliche Anbauflächen zu erschließen – Bericht zur Zerstörung von Nationalparks durch die Kakaoindustrie (englisch, 2017) vermutlich auch in Naturschutzgebieten. Nachhaltig ist das nicht. Schon jetzt sind große Teil der Anbaugebiete vom Hier gebe ich mit Han Langeslag einen Überblick über den aktuellen Stand des Klimawandels Klimawandel Studie zu den negativen Auswirkungen des Klimawandels auf den Kakaoanbau (englisch, 2016) bedroht, sodass Ernteeinbußen sowieso zu erwarten sind. Vielleicht werden Kakao und Schokolade ohnehin Wie können wir »peak chocolate« vermeiden?, fragt dieser Guardian-Artikel (englisch, 2015) bald wieder zum Luxusprodukt.

Um eine solche Kakaoschwemme zu verhindern, brauchen wir also nicht nur feste Preise, sondern auch feste Beziehungen. Und zwar zwischen Erzeugern und Endverarbeitern, sodass nicht nur Preise, sondern auch Abnahmemengen festgelegt werden. Dabei spielt auch das »Ausschalten« von Zwischenhändlern eine wichtige Rolle, in denen einige Protagonisten eine wichtige Blockade für bessere Arbeitsbedingungen für die Produzenten sehen. Das gibt den Produzenten die nötige Planungssicherheit, die gerade beim Kakao aufgrund des komplizierten Anbaus so wichtig ist. Ein Kakaobaum trägt nach 3–5 Jahren die ersten Früchte und erreicht ein paar Jahre später das optimale Produktionspotential. Nach rund 20 Jahren lässt der Ertrag nach und die Bäume sollten ersetzt werden. Dafür müssen ständig neue Setzlinge herangezogen werden. Generell werden die Bäume und Früchte häufig von Pilzen, Parasiten und Viruserkrankungen befallen. Auch die unter den Kakaobäumen wachsenden Pflanzen müssen ständig beseitigt werden. All das geschieht meist in mühsamer Handarbeit. Da die Kakaoschoten nicht gleichzeitig reifen, dauert die Ernte von Oktober–April und von Mai–August (Nebenernte). Dabei werden die reifen Früchte mit Macheten von den Bäumen geschnitten, zu Sammelstellen getragen sowie geöffnet, und die Kakaobohnen werden entfernt. 5 Tage lang müssen die Kakaobohnen dann in speziellen Gefäßen gären und ständig beobachtet und gedreht werden. Als nächstes folgt die Trocknung, die je nach Wetter wochenlang dauern kann. Dieser arbeitsintensive Anbau, die Empfindlichkeit der Pflanze sowie die aufwendige Ernte und Nachbehandlung machen Kakao zu einem Sonderfall. Häufig arbeiten die Plantagen nicht kostendeckend. Schwankungen des Weltmarktpreises können zum Beispiel über Dieser Bericht vom Südwind-Institut erklärt anhand verschiedener Modelle, wie flexible Prämien funktionieren (englisch, 2017) ein flexibles Prämien-Modell abgefangen werden, bei dem Bauern immer einen festen Preis erhalten, der sich aus variierenden Anteilen aus Weltmarktpreis und Prämie zusammensetzt. So würden die Produzenten besser vor Börsen-Spekulationen geschützt. Um außerdem den Launen der Natur weniger ausgesetzt zu sein, sollten auch Kakaobauern nicht nur auf »ein Pferd« setzen, sondern diversifizieren Dazu gehört zum Beispiel die Förderung von sogenannten Agroforstsystemen. Das sind Landnutzungssysteme, die die Nutzung von Gehölzkulturen mit dem Anbau von Feldfrüchten oder auch einer landwirtschaftlichen Tierhaltung auf derselben Fläche kombinieren. und unterschiedliche Pflanzen anbauen.

Das alles kostet Geld; und was die Schokoladenhersteller eigentlich »fordern«, wenn sie vom oben beschriebenen höheren Preis für die Kakaobauern sprechen, ist eine Regulation – ihrer selbst. Denn sie wissen ganz genau, dass es die Branche allein nicht richten wird. Zu groß ist der Druck, im umkämpften Schokoladenmarkt sonst den Kürzeren zu ziehen. Ein wenig wie die Automobilhersteller, die gegen die ökologische Vernunft Warum wir auch nicht zu viele E-Autos bauen sollten, schreibt Felix Austen hier so lange SUV bauen werden, bis es ihnen gesetzlich verboten wird. Bei der Crossroads-Konferenz in Königswinter im Vorfeld zur COP23 im November 2017 habe ich diese Aussagen von Vertretern der Automobilindustrie selbst gehört; auch Friedel Hütz-Adams erzählt mir von ähnlichen Erlebnissen.

Da hilft keine Nachzulesen in den »Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte« (2. Auflage, 2014) »höfliche Aufforderung« der Vereinten Nationen, die Unternehmen seit 2011 bitten, Menschenrechte in ihren Wertschöpfungsketten einzuhalten – also von der Kakaobohne bis zum Schokoriegel im Regal. Zentral ist dabei der Begriff der sogenannten Sorgfaltspflicht: Unternehmen müssen sicherstellen, dass sie in ihren täglichen Geschäftsabläufen nationale Gesetze und Menschenrechte einhalten. Opfern von Menschenrechtsverletzungen soll der Zugang zu Rechtsmitteln und Wiedergutmachung ermöglicht werden. Auch in den »OECD-Leitsätzen für multinationale Unternehmen« wurde dieser Ansatz übernommen und die deutsche Bundesregierung hat in einem Nationalen Aktionsplan Ende 2016 Unternehmen aufgefordert, ihrer Sorgfaltspflicht nachzukommen. Wir brauchen gesetzlich verbindliche Vorgaben, damit die Menschenrechte der Menschen, die unseren süßen Nachtisch produzieren, nicht länger mit Füßen getreten werden.

Viel Handarbeit: Nach der Ernte müssen die Kakaobohnen erst in speziellen Gefäßen gären und ständig beobachtet und gedreht werden. Dann folgt die Trocknung, die je nach Wetter wochenlang dauern kann. – Quelle: dghchocolatier CC0

Und wie kann ich als »Schokoholic« schon jetzt ohne Bedenken – von meiner eigenen Gesundheit einmal abgesehen – meiner Lust frönen?

Pioniere für faire Schokolade

Es gibt sie schon jetzt, die Organisationen und Unternehmen, die sich auf den Weg gemacht haben, um dem »fairen« Standard näher zu kommen. Allen voran die gemeinnützige Organisation Fairtrade International, Die heißt eigentlich Fairtrade Labelling Organizations International (FLO) und ist eine 1997 gegründete Dachorganisation für Fairen Handel mit Sitz in Bonn. Im Netzwerk FINE ist sie mit anderen international tätigen Dachorganisationen zusammengeschlossen. Die FLO hat eigene Standards für den Fairen Handel festgelegt und vergibt das bekannte Fairtrade-Siegel an Produkte, die gemäß diesen FLO-Standards zertifiziert wurden. die das bekannte Fairtrade-Siegel vergibt. Der Ansatz der Organisation ist es, den Massenmarkt zu revolutionieren, So sorgten die Ergebnisse dieser Studie zum »Erfolg« von Fairtrade für die Produzenten für internationales Aufsehen (englisch, 2014) was nicht immer unproblematisch ist, weil es ständig darum geht, die Balance zwischen Idealismus und Pragmatismus zu finden. Zum Beispiel dürfen Mischprodukte seit 2011 das Fairtrade-Siegel tragen, sobald mindestens 1/5 der Zutaten fair gehandelt sind. Auch die Einführung der Rohstoffprogamme wurden von einigen Seiten kritisiert, weil verschiedene Siegel die Verbraucher verwirrten und Produkte als »fair« auszeichnen, die es vielleicht nicht vollständig sind. Dafür spricht eine höhere Abnahme von fair gehandelten Rohstoffen wie Kakao und Zucker.

Darüber hinaus gibt es Fairhandels-Importeure wie GEPA, Die Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt mbH ist der größte europäische Importeur fair gehandelter Lebensmittel und Handwerksprodukte aus den südlichen Ländern der Welt. dwp Der dritte welt partner (dwp) ist, gemessen am Umsatz, der zweitgrößte Fairhandels-Importeur Deutschlands. Einzugsbereich ist vor allem Süddeutschland sowie Teile Österreichs und der Schweiz. und El Puente, El Puente ist drittgrößter Fairhandels-Importeuer in Deutschland und versteht sich als Brücke (el puente ist Spanisch für Brücke) zwischen dem globalen Norden und globalen Süden. Neben dem Warenhandel betreibt El Puente entwicklungspolitische Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit. deren Produkte Hier findest du eine Übersicht der Weltläden, die meist ehrenamtlich geführt werden in Weltläden und einigen Supermärkten verkauft werden, sowie einzelne Vorreiter-Unternehmen wie Tony’s Chocolonely aus den Niederlanden, die sich auf die Fahnen geschrieben haben, Die Geschichte von Tony’s Chocolonely, die 2005 begann, kannst du hier nachlesen (niederländisch) 100% sklavenfreie Schokolade zu verkaufen. Einige verzichten bewusst auf das Fairtrade-Siegel, weil sie die Kosten für die Zertifizierung vermeiden wollen und stattdessen eigene feste Beziehungen zu den Produzenten aufbauen, deren Abmachungen über die Fairtrade-Standards hinausgehen. Ein wenig wie beim Vergleich der unterschiedlichen Bio-Siegel der EEG sowie der anderen Anbauverbände wie Naturland oder Demeter.

Logos und Siegel von Fairhandels-Importeuren und Zertifizierern: GEPA, dwp und El Puente (Logos in der ersten Reihe) sind die 3 größten Fairhandels-Importeure in Deutschland und ihre Waren findest du vor allem in Weltläden (Logo in der Mitte). Das Fairtrade-Siegel wird von der FLO vergeben, das UTZ-Siegel und das der Rainforest Alliance haben niedrigere Standards und zum Beispiel keine Mindestpreise für die Produzenten (Siegel unterste Reihe). –

Als Konsument kannst du aber nicht nur bewusst einkaufen, sondern auch zusätzlich Druck aufbauen: Du kannst Unternehmen fragen, wo ihr Kakao herkommt und ob sie sich an die Empfehlungen der Vereinten Nationen halten. Ja, fair gehandelte Schoko-Weihnachtsmänner und Osterhasen kosten mehr als 49 Cent – und du weißt jetzt auch warum. Damit du in Zukunft nicht mehr darüber nachdenken musst, Wie Standards die Welt auf einen besseren Kurs stupsen können, schreibe ich hier mit Han Langeslag ob dir dein Schokoladengenuss den Mehrpreis wert ist oder nicht, kannst du auch einfach die Bundesregierung dazu auffordern, die Forderungen der Vereinten Nationen endlich gesetzlich vorzuschreiben. Damit die »faire« Schokolade nicht nur zum Standard, sondern zur einzigen Schokolade wird.

Dann muss ich auch nicht mehr »alle Jahre wieder« zum Moralapostel werden!

Titelbild: Krista McPhee - CC0

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