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Wir brauchen ein Schokoladen-Kartell!

Wenn wir faire Schokolade für alle wollen, müssen sich die Mächtigen der Kakaoindustrie absprechen dürfen.

6. Dezember 2017  8 Minuten

Mir ist schlecht, richtig schlecht. Ich kann die Videos von abgemagerten Männern und Frauen, von misshandelten Kindern – teilweise als Sklaven verkauft Auch wenn es schwierig ist, genaue Zahlen zu Kindersklaven in der Kakaoproduktion zu ermitteln, ist bekannt, dass Kinder weiterhin als Sklaven gehandelt werden. Eine generelle Übersicht zu den weltweit geschätzten 40 Millionen Sklaven (50% sind Arbeitssklaven; 25% sind unter 18 Jahren) findest du hier (englisch). – nicht mehr sehen. Ihre Rücken sind blutig von den Peitschenhieben der Aufseher. Die Arbeit mit den großen Macheten hat ebenfalls Spuren an den kleinen Kinderkörpern hinterlassen. In den letzten Tagen habe ich diese Bilder der unmenschlichen Arbeitsbedingungen von 5 Millionen Kakaobauern Mehr als 90% des Kakaos werden von Kleinbauern auf meist sehr kleinen Plantagen angebaut. 70% der Welternte stammen aus Westafrika. Schätzungen zufolge gibt es 5–6 Millionen Kakaoplantagen weltweit, die meist weniger als 5 Hektar umfassen. Die meiste Arbeit wird von den Familien selbst gemacht, weniger Bauern nutzen zusätzliche Arbeitskräfte. Die meisten Farmer sind allerdings älter als 50 Jahre und haben Schwierigkeiten, Nachfolger zu finden. Insgesamt trägt der Kakaoanbau zum Lebensunterhalt von mehreren 10 Millionen Menschen bei. Für eine sachliche Betrachtung hilft diese Review-Studie zur Lage der Kakaoproduktion in Westafrika (englisch, 2015) auf mich einprasseln lassen. Eins haben fast alle Protagonisten gemeinsam: Sie leben in bitterer Armut, den süßen Geschmack von Schokolade Bevor aus dem Luxusprojekt Schokolade ein Alltagsprodukt wurde, musste sie einen weiten Weg zurücklegen. »Gebürtig« kommt die Kakaopflanze aus Mittel- und Südamerika und wurde während der Kolonialzeit von den Europäern entdeckt. Mitte des 17. Jahrhunderts wurde aus dem Statussymbol der Aristokraten ein weit verbreitetes Getränk.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden Maschinen entwickelt, die Kakao mit Milchpulver sowie Zucker mixten und Schokolade zur Massenware machten. Die war leichter zu transportieren und zu konservieren als das Getränk Kakao. Die Nachfrage stieg und der Rohstoff wurde knapp. Die Suche nach neuen Anbaugebieten entlang des Äquators begann. Denn Kakaobäume benötigten gute Böden, eine monatliche Durchschnittstemperatur von mehr als 20 Grad Celsius ohne extreme Hitze und mindestens 1.500 Millimeter Niederschlag über das Jahr verteilt. So landete der Kakao in britischen und französischen Kolonien an der westafrikanischen Küste und in Indonesien, der Kolonie der Niederländer.
kennen sie nicht. Auch wenn mir das alles längst bekannt ist, ist mir flau im Magen.

Mariam wird 500 Kilometer von ihrer Heimat aufgegriffen, sie sollte in die Elfenbeinküste verkauft werden. An den Beinen hat sie offene Wunden, als sie von Sozialarbeitern gerettet wird. – Quelle: ARD copyright

Seitdem ich als 15-Jährige begann, im Weltladen auszuhelfen, Zunächst begann ich im Rahmen eines Schulprojekts in einem Weltladen auzuhelfen (damals hießen die noch Dritte-Welt- und dann Eine-Welt-Laden). Als dieser ca. 10 Jahre später kurz vor dem Aus stand, habe ich ein paar Menschen zusammengetrommelt und den Laden wieder »fit« gemacht; mittlerweile ist er der einzige im Kreis und wächst und gedeiht. frage ich mich: Warum ist nicht alle Schokolade »fair« gehandelt? Der Faire Handel ist eine internationale Bewegung, um die Lebensbedingungen von Kleinproduzenten, zum Beispiel Kakao-, Tee- und Kaffeebauern, zu verbessern und spricht sich gegen Kinderarbeit aus. Die Grundidee ist einfach: Die Produzenten erhalten einen garantierten Mindestpreis, der Lebenshaltungs- und Produktionskosten abdeckt. Zusätzlich erhalten sie eine Sozialprämie – die sogenannte Fairtrade-Prämie – die wirtschaftliche und soziale Projekte wie den Bau von Schulen fördert. So werden Spekulationen und Zwischenhändler ausgeschaltet. Eine allgemein anerkannte Definition von »Fairem Handel« gibt es nicht. Stattdessen gibt es verschiedene Siegel und Ansätze, die sich für den Fairen Handel mit Produzenten einzusetzen. Jeder, der mich ein wenig kennt, weiß, dass ich Schokoriegel von Nestlé, Mars und Co. Fast alle Unternehmen sind mittlerweile Teil verschiedener Programme zu mehr Nachhaltigkeit in der Kakaoproduktion und haben diverse Versprechen (englisch) abgegeben, bis wann sie bestimmte Anteile der Zutaten für ihre Produkte oder sogar komplett alles auf fair gehandelt umstellen werden. Dabei sind Versprechen und Realität nicht immer deckungsgleich. Das wohl bekannteste Beispiel für die erfolgreiche Lobby-Arbeit der Schokoladenbranche ist das »gescheiterte« Harkin-Engel-Protokoll aus dem Jahr 2001 (englisch), das zunächst verpflichtende Regeln für die Branche einführen sollte und dann zu einer freiwilligen Richtlinie wurde. verächtlich ablehne, dass ich keine Hemmungen habe, »unhöflich« zu sein, weil ich schokoladige Geschenke zurückgebe, wenn sie nicht meinen Ansprüchen an Produktionsbedingungen entsprechen. Fast habe ich mich an die Rolle als Moralapostel und Spaßbremse gewöhnt, wenn ich mein Gegenüber einmal wieder frage: »Kannst du deinen schokoladigen Nachtisch noch genießen, wenn du weißt, dass dafür sehr wahrscheinlich Kinder geschwitzt und geblutet haben?«

Titelbild: Krista McPhee - CC0

von Maren Urner 

Maren hat in Neurowissenschaften promoviert, weil sie unser Denkapparat so fasziniert. Die schlechte Nachricht: Wir sind weit davon entfernt, unser Gehirn zu verstehen. Die gute Nachricht: Unser Gehirn ist veränderbar, und zwar ein Leben lang. Wahrnehmungen, Gewohnheiten und Entscheidungen sind also offen für unsere (Lern)-Erfahrungen. Und damit auch für die Erkenntnis: Ich habe mich getäuscht!

Themen:  Afrika   Gerechtigkeit   Konsum  

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