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Wetten, dass du auch keine Ahnung von Menstruation hast?

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Maren Urner & Katharina Wiegmann

Wetten, dass du auch keine Ahnung von Menstruation hast?

18. Dezember 2017

Wenn wir offen über unsere Periode sprechen, können wir Herzinfarkte verhindern, Entwicklungsländer nach vorn bringen und Müllberge vermeiden.

Gestern und heute: Weibliche Hygieneprodukte in der Werbung, Tampons in den 50er-Jahren und Binden mit »blauem Blut« heute. – Quelle: Youtube / Always Deutschland, videokingretro

»Sauber und diskret« – so soll die Regel in der Regel ablaufen. In den Die erste Tampon-Werbung in Deutschland erzählt Bände (auch über kulturelle Unterschiede) ersten Tampon-Werbespots aus den 50er-Jahren flüstern sich Frauen verschwörerisch den Markennamen ins Ohr, später tanzen sie in Unterwäsche durch Schlafzimmer oder erklimmen Kletterwände – furcht- und fleckenlos. Während die Werber der Nachkriegsjahrzehnte noch zu schüchtern waren, zeigen die Spots bald immerhin das zu verkaufende Produkt: Binden oder Tampons. Es sind nicht mehr nur Sekretärinnen oder Krankenschwestern, die ihre Blutung in den Griff kriegen müssen, sondern auch mal Torwartinnen beim Fußballtraining.

Wir haben kein blaues Blut!

Eines hat sich allerdings nicht geändert: kein Blut in Sicht. Zur Veranschaulichung der weiblichen Hygiene tropft stattdessen Auch heute fließt auf die Binde in der Werbung eine fast glänzende blaue Flüssigkeit eine blaue Flüssigkeit aus einer Pipette. Wenn wir schon damit leben müssen, soll wenigstens möglichst wenig daran erinnern, was während der Menstruation wirklich passiert. Dabei ist der weibliche Zyklus weder peinlich noch schmuddelig, sondern nichts Geringfügigeres als der Ursprung allen Lebens. Und damit eben nicht nur ein Frauenthema.

In diesem Text wollen wir die Werbetrommel für einen offeneren Umgang mit der Menstruation rühren – egal ob im heimischen Wohnzimmer oder am Konferenztisch mit den Kollegen.

Menstruation für Unbefleckte: Biologie

Du weißt schon, wann und wie lange eine Schwangerschaft möglich ist? Dann kannst du einfach weiterlesen – ansonsten klick hier!

Ich kenne mich schon zu 100% mit der Biologie der Menstruation aus. Zurück zur Kurz-Version!

Auch wenn es so scheint, als ob bei Frauen »einmal im Monat« etwas Besonderes passiert, ist die Menstruation tatsächlich nur der sichtbare Teil eines ständigen Kreislaufes – des weiblichen Zyklus. Frauen bluten also nicht nur einfach »einmal im Monat«, sondern leben eine endlose Achterbahnfahrt, die durchschnittlich 28 Tage dauert. Einige Frauen haben einen kürzeren, andere einen längeren Zyklus, zum Beispiel 24 oder 34 Tage. Dabei ist auch eine gewisse Variation »normal«. Gerade zu Beginn kann der Zyklus unregelmäßiger sein und wird innerhalb der ersten 2 Jahre gleichmäßiger. Mit dem Alter verkürzt sich der Zyklus durchschnittlich. Wie sehr es dabei auf und ab geht, ist von Frau zu Frau und von Lebensphase zu Lebensphase sehr unterschiedlich. Für alle im gebärfähigen Alter gilt aber: Die Sexualhormone sind nicht in immer gleicher Konzentration vorhanden wie bei der anderen Hälfte der Bevölkerung, sondern variieren ständig.

Sinn und Zweck dieses Kreislaufes ist immerhin die menschliche Fortpflanzung. Generell wird der Zyklus in 2 Phasen unterteilt. Die erste Zyklusphase ist eigentlich Ende und Anfang zugleich: Anfang, weil sich neue Eizellen Die Anzahl der Eizellen in den Eierstöcken erreicht gegen Ende der Schwangerschaft im heranwachsenden Fötus ihr Maximum (6 Millionen). Dann nimmt die Anzahl drastisch ab, sodass zu Beginn der Geschlechtsreife noch 40.000–50.000 übrig sind. Davon schaffen im Leben der Frau ca. 500 einen Eisprung. in den Follikeln Ein Follikel ist die Einheit aus Eizelle und den sie umgebenden Hilfszellen im Eierstock in Form von Follikel-Epithelzellen und 2 Bindegewebsschichten. entwickeln (Follikelphase), und Ende, weil die Überreste des letzten Zyklus beseitigt werden: Die Blutung beginnt. Wenige Tage nach Ende der Studie zu Menstruationsmustern (englisch, 2012) Blutung, die 2–7 Tage dauert, bilden sich neue Schleimhautzellen und die Gebärmutter bereitet sich wieder auf die nächste Eizelle vor. Bis zum nächsten Eisprung wächst sie im Eiltempo auf das 40-Fache an, von 1/10 Millimeter auf 4 Millimeter. Der Eisprung bedeutet Halbzeit für den Zyklus und leitet Phase Nummer 2 ein: die Lutealphase. Die heißt so, weil nach dem Eisprung das sogenannte luteinisierende Hormon (LH) für den Eisprung sorgt: Die reife Eizelle verlässt den Follikel und heißt jetzt Gelbkörper oder Corpus luteum (»luteus« ist das lateinische Wort für »gelb«).

Die fertige Eizelle ist nur 12–24 Stunden befruchtungsfähig.

In der zweiten Phase beginnt die fruchtbare Zeit – nur jetzt kann es zu einer Schwangerschaft kommen. Dabei spielen 2 Variablen eine Rolle. Die Eizelle, In seltenen Fällen reifen 2 (oder noch mehr) Eizellen parallel heran und es kommt zu zweieiigen Zwillingen (oder Mehrlingen), wenn sie sich erfolgreich in der Gebärmutterschleimhaut einnisten. Eineiige Zwillinge entstehen, wenn sich die befruchtete Zelle auf dem Weg zur Gebärmutter vollständig teilt und so 2 Zellen mit identischem Erbgut entstehen. die sich nun vom Eierstock In welchem Eierstock eine Eizelle heranreift, ist übrigens zufällig. auf den Weg zum Eileiter macht, ist nur 12–24 Stunden befruchtungsfähig. Samenzellen vom Mann, die es nach dem Sex durch die Vagina bis zum Eileiter geschafft haben, können aber bis zu 5 Tage im Eileiter ausharren und eine Eizelle befruchten. In jedem Fall bleibt für die Befruchtung nur ein schmales Zeitfenster. Egal ob befruchtet oder nicht, setzt die Eizelle ihren Weg durch den Eileiter Richtung Gebärmutterhöhle weiter fort, wo sie nach 4–6 Tagen ankommt. Auf dem Weg dorthin teilt sie sich bereits 12–16-mal und wird so zum »Zellknäuel«. Die Schleimhaut ist voll ausgebildet und startklar für die Einnistung einer befruchteten Eizelle. Wenn Samen- und Eizelle nicht zusammengefunden haben, nistet sich die Eizelle nicht ein, die Hormonspiegel im Blut sinken und geben damit Feuer frei für den Abbau der Gebärmutterschleimhaut. Die Lutealphase endet, die Follikelphase und Blutung beginnen – und alles geht wieder von vorne los.

  1. Unterscheidet sich Menstruationsblut von »normalem« Blut? Ja, und zwar in vielerlei Hinsicht. Menstruationsblut besteht nicht nur aus »normalem« Blut, das wir vom jüngsten Unfall beim Gemüseschneiden oder einer tieferen Schürfwunde kennen, sondern ist ein wenig komplexer. Es besteht zum größten Teil aus Gewebe, das mal die Innenwände der Gebärmutter ausgekleidet hat, und enthält Gewebereste, Zervixschleim und Vaginalsekret. Das klingt eklig, sorgt aber dafür, dass es das nährstoffreichste Blut überhaupt ist. Besonders in den ersten Tagen der Periode Durchschnittlich fließen in den ersten beiden Tagen der Periode mindestens 2/3 der gesamten Blutmenge. ist es zäh, dickflüssig und manchmal bräunlich. Eine weitere Besonderheit: Menstruationsblut gerinnt aufgrund seiner besonderen Zusammensetzung nicht. Wie lange und wie viel eine Frau pro Zyklus blutet, hängt von vielen Faktoren wie Alter und Lebensphase ab. Als Faustregel gilt aber: Pro Periode sind es nicht mehr als 50–80 Milliliter, also höchstens 1/2 Kaffeetasse.

  2. Warum haben einige Frauen mehr Schmerzen als andere, während sie ihre Tage haben?

    Auch hier gilt: Jeder Mensch – und jede Frau – ist anders. Während einige Frauen gar keine Schmerzen haben, klagen andere schon bis zu 2 Wochen vor dem ersten Blutungstag über Rücken-, Kopf- und Bauchschmerzen, Hier findest du eine Liste der häufigsten PMS-Beschwerden fühlen sich unwohl, sind sentimentaler als sonst und würden am liebsten alles hinschmeißen.

    Weil diese Beschwerden 4–14 Tage vor der Menstruation auftauchen und je nach Frau und Lebenslage sehr unterschiedlich sind, werden sie gebündelt als »Prämenstruelles Syndrom« (PMS) bezeichnet. Möglicherweise spielen individuelle Hormonwirkungen bei PMS eine Rolle (englisch, 2003) Die Ursachen sind ungeklärt, zahlreiche Studien haben aber mittlerweile einen bunten Mix aus Faktoren identifiziert, die PMS-Symptome ohne Medikamente verbessern können. Dazu gehören die üblichen Verdächtigen eines gesunden Lebensstils: eine ausgewogene Ernährung ohne viel Alkohol, Über das Wundermittel »Bewegung« habe ich (Maren Urner) hier bereits geschrieben ausreichend Bewegung, Entspannung und Nach diesem Text schläfst du besser – versprechen Katharina Lüth und Dirk Walbrühl natürlich genügend Schlaf. Eine groß angelegte Meta-Studie zur Prävalenz von PMS kommt zu dem Ergebnis, dass fast jede zweite Frau an einer Form von PMS leidet. Neben PMS gibt es noch die schwerere Form der prämenstruellen dysphorischen Störung (PMDD), von der 3–8% der Frauen (vor allem über 30) betroffen sind. Seit 2013 taucht PMDD auch im diagnostischen und statistischen Leitfaden psychischer Störungen (DSM-V) auf. Hier findest du eine wissenschaftliche Übersicht zu Diagnose und Behandlung von PMS und PMDD (englisch) Die Ergebnisse unterschiedlicher Länder variierten allerdings stark: Meta-Studie zur Prävalenz von PMS weltweit (englisch, 2014) Während in Frankreich nur 12% der Befragten angaben, an PMS zu leiden, waren es im Iran 98%.

Wenn du weißt, was während der Periode im weiblichen Körper passiert, ist dir klar: Die Menstruation ist keine Krankheit. Trotzdem gibt es eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Frauen, die monatlich mit Schmerzen, Krämpfen oder Verdauungsbeschwerden an ihrem Büro-Schreibtisch sitzen, im Labor stehen oder am Fließband arbeiten.

Neues vom Menstruationsministerium: Politik

Kurz vor dem Mittagessen im Büro merkst du, dass du deine Tage bekommen hast. Mist – kein Tampon dabei. Hast du schon einmal am Tisch vor allen Kollegen um einen Tampon gebeten? Das macht man mit gedämpfter Stimme, wenn nur Frauen dabei sind.

Einige asiatische Länder haben die naheliegende Lösung im Arbeitsrecht festgeschrieben: Unter anderem in Südkorea, Indonesien und Japan haben Frauen ein Recht auf 1–2 Tage »Menstruationsabwesenheit« Das japanische Arbeitsrecht legt seit dem Jahr 1947 fest, dass Frauen mit schmerzhaften Perioden zu Hause bleiben dürfen – sie müssen in dieser Zeit allerdings nicht bezahlt werden. In Taiwan haben Frauen ein Recht auf 3 zusätzliche Krankheitstage im Jahr, die zu 50% vergütet werden. Indonesien garantiert 2 freie Tage im Monat. Südkorea hatte bis zum Jahr 2004 wahrscheinlich die großzügigste Regelung: Frauen, die ihre Menstruationstage nicht in Anspruch nahmen, hatten sogar ein Recht auf Kompensations-Zahlungen (englisch). Heute gibt es noch den Anspruch auf einen freien Tag pro Monat, vergütet wird er allerdings nicht mehr. – zum Teil auch unter Lohnfortzahlung. Bericht über eine Firma in Bristol (englisch) Erste Firmen in Europa ziehen nach. Und Der Standard berichtet über den Gesetzesentwurf Italien könnte das erste EU-Land werden, das Frauen mit starken Regelschmerzen 3 freie »Menstruationstage« pro Monat rechtlich garantiert.

Ist das sinnvoll? Die Meinungen dazu gehen auseinander. Stützen freie Tage nur für Frauen nicht das CBC über Pro und Kontra (englisch) Bild vom »schwachen Geschlecht«, Kommentar zum »Menstruationsurlaub« beim Bayerischen Rundfunk (2017) das eben nicht so vollumfänglich funktionsfähig ist wie die Männerwelt? Funktionalität ist eines der wichtigsten Güter unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Funktioniert »frau« mal nicht, droht nicht nur eine Herabstufung durch das Umfeld – es kann auch massive Selbstzweifel nach sich ziehen. Und schließlich: Mit gesellschaftlichen Tabus und Stigmata lässt sich nicht einfach per Gesetz brechen. Der Guardian über Asiens »Period Policies« (englisch, 2016) Japanische Frauen, die bereits seit 1947 ein Recht auf eine Job-Auszeit während ihrer Tage haben, wissen oft gar nichts davon. Und selbst wenn: Ihren Zyklus wollen die wenigsten zum Büro-Gespräch machen. Das Tabu manifestiert sich auch in der Wortwahl: »Menstruationsurlaub« per Krankenschein? Wer sich mit Krämpfen windet, hat keinen Urlaub. Symptome einer Krankheit sind es aber auch nicht. Warum sprechen wir nicht über Menstruation als eigene Kategorie?

Soldatinnen der koreanischen Marine. Sie dürfen sich bei starken Menstruationsbeschwerden frei nehmen. – Quelle: flickr / Republic of Korea Armed Forces CC BY-SA

Auch in einem ganz anderen Bereich zeigt sich, wie schwer es fällt, Menstruation einzuordnen: bei den Steuersätzen für Hygieneprodukte. In Deutschland gilt für Binden und Tampons ein Mehrwertsteuersatz 19% beträgt in Deutschland der normale Mehrwertsteuersatz. Ermäßigte 7% werden allerdings für Produkte der »Grundversorgung« erhoben – zum Beispiel für Fisch, Fleisch, Gurken, Kaffee, Milch und Tee. von 19%, während für Schnittblumen und Kaviar Warum uns die Mehrwertsteuer nicht wurst sein sollte, erklärt Frederik v. Paepcke hier nur 7% fällig werden. Sind Tampons und Binden wirklich Luxus?

In den vergangenen Jahren gründeten sich weltweit Initiativen zur Abschaffung der »Tampon Tax«. Ihre Forderung: Politiker sollen die Notwendigkeit von Hygieneprodukten für Frauen anerkennen – und als Konsequenz die Steuersätze senken. Erfolgreich waren Aktivistinnen schon in DIE ZEIT fasst das Thema in einem Video zusammen (2016) Großbritannien, Frankreich, Kenia und Kanada. In Deutschland versuchen unter anderem die Macherinnen der Kampagne Kampagnen-Website BloodyLuxuryTax »BloodyLuxuryTax« , die Debatte anzustoßen.

Wenn wir schon bei Tampons sind – lasst uns doch gleich darüber reden, ob die Kostenlose Hygieneprodukte gibt ein Pilotprojekt in Schottland aus – Bericht bei der Huffington Post (englisch) teuren Baumwollröllchen wirklich der Gipfel menschlicher Erfindungskunst in Sachen Monatshygiene sind.

Ein Weiblein steht im Walde: Umwelt

Auf jeden Fall produzieren wir mit ihnen beachtliche Müllberge aus Plastik, Auch wenn es ab und zu Erfolgsmeldungen über Plastik abbauende Bakterien gibt, sind wir noch weit davon entfernt, die ständig produzierten Massen an Plastikmüll einfach verschwinden zu lassen. Auf Müllhalden und im Meer wird Plastik einzig durch UV-Strahlung zersetzt. Dies kann Jahrzehnte bis Jahrhunderte dauern (englisch), und es werden giftige Chemikalien freigesetzt, die in der Nahrungskette und so wieder auf unseren Tellern landen. behandelter Baumwolle und Verpackungen, die auch nach dem Ableben ihrer Trägerin noch jahrhundertelang fortbestehen. Die Fakten sprechen für sich: Binden und Slipeinlagen Slipeinlagen gehören eigentlich nicht zur Menstruationsausstattung im engeren Sinne. Viele Frauen tragen sie den ganzen Monat über, denn Blut ist nicht das einzige, was während des Zyklus fließt. Um den Eisprung herum sondert die Gebärmutter zum Beispiel besonders viel Zervixschleim ab. Wenn du nicht weißt, was das ist, solltest du den Biologie-Teil vielleicht doch noch lesen! sind Aktuelle Zahlen zum Milliardenmarkt von Einweg-Menstruationsprodukten (englisch, 2017) ein Milliardenmarkt. Summa Summarum menstruiert die Durchschnittsfrau 38 Jahre lang, Dabei liegt das Durchschnittsalter der Menarche (der ersten Menstruation) in europäischen Ländern relativ konstant seit 1960 bei ca. 13 Jahren, und das durchschnittliche Alter der letzten Menstruation (Menopause) liegt bei ca. 51 Jahren (englisch). Es gibt verschiedene Faktoren, die Menarche und Menopause beeinflussen, zum Beispiel Herkunft, Gewicht, Kinder und Datum der Menarche. Generell gilt: Je früher die Menarche, desto größer die Wahrscheinlichkeit einer frühen Menopause. Übersicht zur Menstruation in der taz (2017) verbraucht dabei 16.800 Binden oder Tampons und Auf diese Zahl kommt dieses Wikibook zu alternativer Menstruationshygiene produziert so bis zu 140 Kilogramm Abfall.

Noch nicht sehr diskret: Der Dianagürtel der Firma Teufel versprach Frauen um die Wende zum 20. Jahrhundert, sich auch mit Binde einigermaßen frei zu bewegen. – Quelle: Wikimedia Commons CC0

Der komplette ökologische Fußabdruck des monatlichen Blutens ist noch größer und beginnt bereits bei der ressourcenintensiven Herstellung. Öko-Test-Ergebnisse von Tampons (2009) Richtig dreckig wird es, wenn Zusatzstoffe und Duftstoffe zum Einsatz kommen.

Der Einkauf von Tampons und Binden ist ein wenig wie Drogenhandel: Am besten den Monatsvorrat unter der Tütensuppe auf dem Kassenband versteckt, ein verlegener Blick zum Kassierer und dann die Ware schnell im Rucksack verschwinden lassen.

Ein Schelm, wer vermutet, dass die milliardenschweren Unternehmen von der Tabuisierung der Periode profitieren, weil wir lieber schnell und diskret ihre möglicherweise toxischen Wegwerfprodukte Immer wieder tauchen Studien zu den Bakterien auf Tampons – vor allem bei zu langer Dauer in der Vagina – auf. Dazu kommen häufig Duftstoffe und andere Stoffe, die die gesunde Balance in der Vagina durcheinanderbringen und eine Austrocknung begünstigen können. kaufen, als uns mit nachhaltigen Alternativen auseinanderzusetzen. Frei nach dem Motto: »Aus den Augen, aus dem Sinn!« Was den umweltfreundlichen Angeboten fehlt, ist Aufmerksamkeit – und ein großes Marketingbudget.

Genug von ihnen gibt es allemal – Vorhang auf für:

  • Menstruationstassen: Schon seit den 30er-Jahren 1937 wurde eines der ersten Patente für eine Menstruationstasse von der Amerikanerin Leona Chalmers eingereicht. gibt es aus Silikon oder Latex hergestellte Menstruationstassen, die das Blut nicht wie Tampons oder Binden aufsaugen, sondern auffangen. Die Eine junge Frau probiert zum ersten Mal eine Menstruationstasse aus (englisch, 2017) trichterförmigen Gefäße werden in die Vagina eingeführt, geleert, ausgespült und können laut Herstellern bis zu 10 Jahre wiederverwendet werden. In den letzten Jahren haben die Tassen Studie zur Sicherheit und Hygiene von Menstruationstassen (englisch, 2011) einen kleinen Siegeszug begonnen und das Artikel im Guardian zu nachhaltigen Menstruationsprodukten (englisch, 2015) Image hinter sich gelassen, nur für hartgesottene Umweltaktivistinnen interessant zu sein.
  • Waschbare Baumwollbinden: Sogenannte Luna- oder Ladypads sind waschbare Binden oder Slipeinlagen aus Baumwolle und damit ebenfalls eine umweltfreundliche Alternative zu Einmalprodukten. Die Binden mit eingenähten Nylonkissen werden mit einem Druckknopf oder einem anderen Verschluss in der Unterhose befestigt. Eine 60-Grad-Wäsche reicht aus, um die benutzten Binden wieder »hygienisch rein« zu bekommen.
  • Freebleeding-Unterwäsche: Freebleeding oder freies Menstruieren Befürworter unterstützen die Idee einer verbesserten Körperkontrolle, die den Frauen erlaubt, den Blutfluss bis zum nächsten Toilettengang zurückzuhalten. Einige Mediziner zweifeln diese Möglichkeit der vollständigen Regulation an. Studien dazu konnten wir noch nicht finden. ist einer breiteren Öffentlichkeit durch die amerikanisch-indische Musikerin und Aktivistin Kiran Gandhi bekannt geworden: 2015 lief sie den London Marathon frei menstruierend, Statement von Kiran Gandhi zu ihrem Marathonlauf (englisch, 2015) inklusive blutiger Leggins. Sie unterstützt auch Hier geht’s zur Website von Thinx (englisch) das Pionierunternehmen Thinx, das flecken- und leckfreie Unterwäsche für Frauen herstellt, die frei bluten wollen.

Die Musikerin und Aktivistin Kiran Gandhi lief den London Marathon mit blutiger Leggins. – Quelle: On the Map, Off the Radar copyright

Alternativen, um den monatlichen Müllberg zu vermeiden, gibt es genug – die können sogar genauso diskret wie Tampon und Binde sein. Doch nur wenn wir diese Alternativen kennen, können wir sie nutzen.

Weltweit wissen, was läuft: Bildung

Warum gelten menstruierende Frauen in manchen Ländern als dreckig? – Frage aus der Redaktion

Viele Mädchen weltweit haben gar keinen oder nur eingeschränkten Zugang zu den Dingen, die uns das Leben während der Menstruation ein bisschen leichter machen. So ermittelte die Hier geht’s zum Report (englisch, 2014) UNESCO, dass eines von 10 afrikanischen Mädchen Der Zugang zu Sanitärprodukten und -anlagen ist nicht nur in Afrika ein Problem. Gerade einmal 34% der indischen Mädchenschulen (englisch) haben funktionstüchtige Toiletten. während ihrer Menstruation nicht zur Schule geht. Viele fallen mit dem Beginn ihrer Tage komplett aus dem Bildungssystem. Das liegt auch daran, dass es oft keine ausreichenden Sanitäranlagen gibt: In Burkina Faso haben nur 17% der Schulen überhaupt einen Ort, wo Mädchen ihre Hygieneprodukte wechseln können. Selbst in Ghana sind es nur 62%. Haben viele junge Frauen keinen Zugang zu Bildung, hat das nicht nur Konsequenzen für ihre persönliche Entwicklung – auch die Zukunft eines Landes steht auf dem Spiel, wenn nicht alle die gleichen Chancen haben, ihr Potenzial einzubringen.

Bildung als Schlüssel zu Chancengleichheit: Hier demonstriert eine Frau eine Menstruationstasse an einer südafrikanischen Schule. – Quelle: flickr / GovernmentZA

Wie schon bei der Tampon-Steuer zeigt Kenia auch hier, wie es gehen kann: Das Projekt Bericht des amerikanischen Radiosenders npr (englisch) ZanaAfrica arbeitet auf 3 Ebenen.

  • Bildung: Aufklärung steht in Kenia nicht auf dem Lehrplan. Das will ZanaAfrica ändern – und füllt die Lücke, bis es soweit ist, mit einem Magazin, das Mädchen über ihre Körper, vor allem aber auch über ihre Rechte aufklärt. Bislang sind Hänseleien der Mitschüler wegen der Menstruation häufig an der Tagesordnung. Der soziale Druck an Schulen führt sogar manchmal dazu, dass unzureichend aufgeklärte Mädchen eine Schwangerschaft in Kauf nehmen, um die verpönte Regelblutung für 9 Monate zu stoppen.
  • Community Engagement: Die Organisation arbeitet zusammen mit lokalen Partnerorganisationen daran, Mädchen mit Bildung und Binden zu versorgen. Die Menschen vor Ort wissen schließlich am besten über ihre eigenen Probleme Bescheid.
  • Das Tabu brechen: Und zwar auf allen Ebenen. Dafür nutzt ZanaAfrica vor Ort gesammelte Daten und Erfahrungen und bringt sie in Regierungskommissionen und bei internationalen Organisationen ein. Was dabei herauskommen kann? Seit 2011 gibt es im kenianischen Bildungssystem einen Haushaltsposten für Binden, Das ist natürlich nicht der alleinige Verdienst dieses Projekts. Eine der Mitgründerinnen meint im Interview mit dem Radiosender npr (englisch), dass Kenias progressive Menstruationspolitik weiblichen Spitzenpolitikerinnen zu verdanken sei. die kostenlos an Schulen ausgegeben werden. Die nächste Herausforderung bleibt, die Binden flächendeckend zu verteilen – bislang kommen sie längst nicht an jeder Schule an.

Wenn das Tabu global gebrochen ist – vielleicht ändert sich dann auch etwas an Prioritäten von Entwicklungszusammenarbeit. Möglicherweise sehen wir dann genauso oft Bilder von Human Rights Watch über Menstruationshygiene als Menschenrecht (englisch) Binden verteilenden NGO-Mitarbeiterinnen wie solche von Brunnen bauenden Freiwilligen. In jedem Fall gehört zu jeder Hilfsmaßnahme auch die Auswertung: Hier schreibt Han Langeslag über den sogenannten Effektiven Altruismus Was hilft wirklich?

Die Regel im Reagenzglas: Forschung

»In einigen Kreisen ist es ein Tabu, nahezulegen, dass wir uns genetisch unterscheiden – doch wir tun es!« – Tamarra James-Todd, Epidemiologin an der Harvard-Universität

Was wirklich hilft – gegen Alzheimer, Diabetes, Depression, Krebs und Herzinfarkt – beschäftigt Wissenschaftler auf der ganzen Welt. Was sie dabei allerdings häufig vergessen, sind die knapp 50% der Bevölkerung, deren Hormon- und Stimmungslevel eben nicht stabil sind, sondern schwanken.

Das macht Frauen zu komplizierten Versuchspersonen Ein Beispiel: Auch wenn Lungenkrebs und Herzkreislaufkrankheiten häufiger Männer treffen, sind sie auch eine wichtige Todesursache für Frauen. Herzkrankheiten und Schlaganfälle passieren durchschnittlich eher Männern, und weil sie häufiger rauchen, tritt Lungenkrebs häufiger auf – es ist also einfacher, männliche Versuchspersonen zu rekrutieren. und sorgt dafür, dass sie häufig von medizinischen und psychologischen Studien ausgeschlossen werden. Bericht zum Ausmaß und zur Bedeutung von »männerlastiger« Forschung (englisch, 2014) In Zahlen bedeutet das: Obwohl mehr Frauen an Herzkreislaufkrankheiten sterben als Männer, sind nur 1/3 der Probanden entsprechender klinischer Studien weiblich; obwohl mehr Frauen als Männer Über unser falsches Bild von Depressionen schreibt hier Gastautorin Maria Müller an Depressionen leiden, gibt es 5-mal so viele Tierstudien mit Männchen wie mit Weibchen.

Ach übrigens, die weit verbreitete Annahme, Frauen könnten während ihrer Tage schlechter denken, hat vor einigen Monaten erstmal einen Dämpfer bekommen: Studie, die mit dem Vorurteil aufräumt, Frauen könnten während ihrer Tage schlechter denken (englisch, 2017) Eine Studie aus dem Jahr 2017 zeigt, dass kognitive Fähigkeiten nicht durch die unterschiedlichen Hormonlevel während des Zyklus beeinflusst werden.

Das ist der Stand knapp 25 Jahre nach einer Initiative der US-amerikanischen Nationalen Gesundheitsinstitute (NIH). Der »Health Revitalization Act« der NIH ruft zu einer höheren Frauenquote bei Probanden auf (englisch, 1993) 1993 riefen sie dazu auf, Geschlechterunterschiede in der Forschung nicht länger zu ignorieren. Denn Hormone beeinflussen nicht nur Eisprung und Periode, sondern auch zahlreiche Weiterleitungsbahnen im Körper, die nicht nur psychische Krankheiten wie Depressionen, Studie zum »Gender Bias« in der Forschung (englisch, 2007) sondern zum Beispiel Herzkreislaufkrankheiten und verschiedene Krebsarten beeinflussen. Wenn wir also nicht länger Medikamente und Therapien für lediglich eine Hälfte der Bevölkerung entwickeln wollen, müssen Frauen nicht nur in den Studien eingeschlossen, sondern auch deren Ergebnisse differenziert ausgewertet werden. Nur weil das langsam passiert, wissen wir zum Beispiel, dass Frauen bei einem Herzinfarkt häufig nicht das »klassische« (Männer-)Symptom »stechender Brustschmerz« fühlen, sondern Schmerzen im Arm haben.

Darüber reden hilft also auch Leben retten.

Trump wird rot: Kultur

Über die Menstruation wollt ihr reden? Darüber rede ich nicht. Da habe ich keine Ahnung von, ich bin ein Mann.

Diese Antwort bekamen wir bei einer spontanen Straßenumfrage zu Menstruationstassen und gesellschaftlichen Tabus. Der Mann bleibt anonym – er will nicht mit dem Thema in Verbindung gebracht werden. Dabei wollen neuerdings doch so viele darüber reden – so scheint es jedenfalls. Hashtags bei Twitter verkünden eine allgemeine #periodpositivity, auf YouTube-Channels wird die Periode mit Ukulelen besungen, und das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden schreckte nicht davor zurück, ein von der Künstlerin Sarah Levy mit Menstruationsblut gemaltes Hier kannst du das blutige Trump-Portrait von Sarah Levy bestaunen (englisch) Donald-Trump-Porträt zu kaufen. Das Spiel mit dem Hier geht't zum »Menstruations-Blues« – mit Glitzer-Blut und Vulva-Kostüm (englisch, 2016) »Ih-Faktor« ist vor allem in feministischen Kreisen gerade ziemlich angesagt.

Vor einigen Wochen begegnete uns auf Twitter sogar ein Tampon-verzierter ICE.

Aber: Holt man die Menstruation so aus der Schmuddelecke heraus oder hält man nur mit dem Scheinwerfer darauf, den man schnell wieder ausknipst, wenn es ernst wird und die gute Gesellschaft zu Besuch kommt? Der weibliche Zyklus ist noch nicht salonfähig. Dabei liefert er Stoff für die wirklich wichtigen Tischgespräche.

Titelbild: Unsplash / Juil Yoon - CC0

 

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