8 Minuten

Warum uns die Täter mehr interessieren als ihre Opfer

19. Dezember 2017
Themen:

Oder an welche Namen denkst du, wenn du Breitscheidplatz und NSU hörst? So werden die Opfer zu lauten Stimmen.



Ein Jahr ist vergangen, seitdem der Tunesier Anis Amri einen polnischen Lkw-Fahrer tötete und dessen Fahrzeug in den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz lenkte. Als der Sattelschlepper zum Stehen kam, Glücklicherweise war das Fahrzeug mit einem automatischen Bremssystem ausgestattet, das selbsttätig in die Eisen ging und somit vermutlich weiteren Menschen das Leben rettete. waren 12 Menschen tot Darunter waren 11 Besucher des Weihnachtsmarktes und der ursprüngliche Fahrer des Lkw. und dpa-Meldung bei FAZ.net zu Verletzten des Berliner Anschlags (2016) mehr als 50 verletzt. Amri selbst entkam nach Italien, wo er von einem Polizisten erschossen wurde.

Ein Jahr später ist klar, dass die Behörden genug belastendes Material gehabt hätten, um Amri bereits vor seiner Tat zu verhaften – zwar nicht allein wegen terroristischer Aktivitäten, aber Bericht der Süddeutschen Zeitung über den Abschlussbericht des Amri-Sonderermittlers Bruno Jost (2017) wegen Drogenhandels und Ausweisfälschung. Wahrscheinlich hätte man ihn sogar trotz fehlender Papiere Tunesien hatte die Aufnahme Amris verweigert, weil den deutschen Behörden keine Ausweise vorlagen, die seine Identität und somit seine Staatsbürgerschaft zweifelsfrei bestätigten. nach Tunesien abschieben können.

Immer wieder fügen Sonderermittler und Ausschüsse weitere Puzzleteile zu einem Bild hinzu. Am Ende wird es vielleicht einmal zeigen, wer wie viel Schuld daran trägt, dass der behördenbekannte Amri von niemandem an seiner Terrorfahrt gehindert wurde. (So wurde erst vor anderthalb Wochen bekannt, dass das nordrhein-westfälische Landeskriminalamt Ende Oktober 2016 seine Berliner Kollegen fragte, wo Amri sich aufhalte – die Nachfrage aber Der Tagesspiegel über die NRW-Anfrage, die in Berlin ignoriert wurde (2017) unbeantwortet blieb.) Die Aufklärung im Fall Amri und die Berichterstattung darüber ist wichtig. Aber der Fokus auf den Täter trübt den Blick auf seine Opfer. Das wirft die Frage auf: Wie sollten wir als Gesellschaft mit den Opfern umgehen?

»Ja – Berlin. Das war so eine Idee von mir gewesen. Ich hatte meiner Mutter den Vorschlag gemacht: Wie sieht’s denn aus? Hättest du mal Lust, nach Berlin zu reisen? Und dann habe ich ihr die Reise geschenkt.«

So Geschichten von Opfern des Anschlags auf dem Breitscheidplatz in der Süddeutschen Zeitung (2017) erzählt Sascha Klösters in der Süddeutschen Zeitung, Ausführlicher schildert Ibrahim Arslan die Nacht des Anschlags im Deutschlandfunk (2017) wie es dazu kam, dass seine Mutter und er den Abend des 19. Dezember 2016 auf dem Berliner Breitscheidplatz verbrachten. Sie standen gerade an einem Glühweinstand, als es »geknallt hat«, »immer lauter wurde.« Sascha Klösters wurde von dem Lkw erfasst und auf die Budapester Straße geschleudert. Selbst schwer verletzt, suchte er seine Mutter, konnte noch ein paar Minuten mit ihr reden, bevor Helfer ihn wegtrugen. Sascha Klösters Mutter überlebte den Abend nicht.

Der Anschlag auf dem Breitscheidplatz hat Deutschland erschüttert und verändert – ein Jahr später finden Weihnachtsmärkte in der ganzen Bundesrepublik hinter schweren Betonblöcken statt. Aber wie geht Deutschland mit den Opfern um, für die sich in dieser Nacht alles geändert hat?

Stilles Gedenken: Am Breitscheidplatz erinnern Kerzen und Pappschilder an den Anschlag. Zum Jahrestag soll eine offizielle Gedenkstätte eingeweiht werden. – Quelle: Andreas Trojak CC BY

Ibrahim Arslan ist Opfer, ohne passiv zu sein

Kaum jemand hat sich so intensiv mit dieser Frage beschäftigt wie Ibrahim Arslan: Vor 25 Jahren warfen Neonazis Molotowcocktails ins Haus seiner Familie in der norddeutschen Kleinstadt Mölln – seine Großmutter rettete ihn vor den Flammen, starb dann aber selbst beim Versuch, seine Schwester und seine Cousine zu retten, Ausführlicher schildert Ibrahim Arslan die Nacht des Anschlags im Deutschlandfunk (2017) die ebenfalls ums Leben kamen. Sie gelten Ein gutes Jahr zuvor war der Ghanaer Samuel Yeboah nach einer Brandstiftung in einer Asylbewerber-Unterkunft im saarländischen Saarlouis gestorben. Vieles deutet auf ein fremdenfeindliches Motiv hin – das wurde jedoch nie zweifelsfrei geklärt, weil keine Täter ermittelt wurden. (Die Freiwillige Feuerwehr Saarlouis hat auf ihrer Website den Bericht der Saarbrücker Zeitung vom 19. September 1991 archiviert.) als die ersten 3 Todesopfer rechtsradikaler Anschläge seit der Wiedervereinigung.

Über die Ereignisse dieser Nacht spricht Ibrahim Arslan seit 2 Jahren an Schulen in ganz Deutschland. Mittlerweile haben schon 10.000 Schüler an seinen Zeitzeugengesprächen teilgenommen. Am Telefon habe ich ihn gefragt, was die wichtigste Aussage dieser Gespräche ist:

Ich versuche, den Schülern immer wieder die Opferperspektive näherzubringen. Die Schülerinnen und Schüler merken nach der Veranstaltung immer wieder, dass sie sich bisher nur mit dem Täter befasst haben, und genauso sind wir in der Gesellschaft. – Ibrahim Arslan

Wenn er zum Beispiel frage, wer Enver Şimşek Enver Şimşek wurde zum ersten Opfer des NSU, als die Rechtsterroristen am 9. September 2000 in Nürnberg an seinem mobilen Blumenstand auf ihn schossen. Er starb 2 Tage später an den Schussverletzungen. Dieses Video zeigt die Rede seiner Tochter gemeinsam mit einer anderen Hinterbliebenen auf einer Gedenkfeier. oder Halit Yozgat Halit Yozgat ist das letzte bekannte Opfer der NSU-Mordserie: Er wurde am 6. April 2006 in seinem Internetcafé in Kassel ermordet. Neben dem Verbrechen selbst gab es um seine Ermordung einen zweiten Skandal: Ein V-Mann des hessischen Verfassungsschutzes war während der Tat anwesend, gab den Ermittlern jedoch keine Hinweise und stand deshalb zeitweise selbst unter Mordverdacht. Die Umstände sind in diesem Bericht der FAZ (November 2011, kurz nach der Enttarnung des NSU) näher beschrieben. kenne, gehe nie ein Finger nach oben – der Name Beate Zschäpe hingegen sei allen bekannt.

Wir sind eine Täter-Gesellschaft und schauen uns jeden Tag an, was der Täter gemacht hat, wie er aussieht, was er anzieht, was er trinkt. Aber wir kümmern uns überhaupt nicht darum, was das Opfer ausmacht. – Ibrahim Arslan

Sind die Täter in unserer Gesellschaft tatsächlich viel präsenter als die Opfer? Auch dieser Text hat mit dem Attentäter vom Breitscheidplatz begonnen. Wenn du magst, kannst du den Text noch einmal neu anfangen – schalte hier um und lies einen Einstieg, der die Opfer in den Mittelpunkt stellt.

Du willst noch einmal zu dem Einstieg, der den Täter in den Mittelpunkt stellt? Schalte hier um.

Wie sollte die Gesellschaft also mit den Opfern von Anschlägen umgehen? »Wir müssten das Ganze einmal umdrehen und über die Opfer reden statt über die Täter«, sagt Arslan. »Dann würde sich vieles ändern in unserer Gesellschaft.«

Titelbild: Gaelle Marcel - CC0

Die Diskussionen sind leider nur für Mitglieder verfügbar.

Weitere Artikel für dich


Weitere Themen

Du willst mehr lesen?

Jetzt Mitglied werden ›