Weißt du noch? An der EU-Grenze wartet die Revolution

Bei der Ukraine denkst du nur an die Krim und Sanktionen gegen Russland? Vor 4 Jahren begann in Kiew eine Revolution, die immer noch andauert – und auch von uns abhängt.

21. Dezember 2017  10 Minuten

Olena Tregub erinnert sich noch gut an die Tage der Revolution im November 2013. Tausende von Menschen demonstrierten damals auf dem Kiewer Maidan Das Wort stammt von maidān (Urdu und Persisch) sowie maydān (Arabisch) und bedeutet Platz. Der Majdan Nezalezhnosti (Platz der Unabhängigkeit) befindet sich im Zentrum der Hauptstadt Kiew. für eine Annäherung an die EU, für ein besseres Leben und gegen die allgegenwärtige Korruption. 2013 war die Ukraine laut dem Ranking von Transparency International (englisch) auf Platz 144 von 175 eines der korruptesten Länder der Welt. Sie sangen Lieder, trugen die azurblauen Fahnen der Europäischen Union, schwenkten aber auch die ukrainische gelb-blaue Flagge.

Auch am »Tag des Verteidigers des Vaterlandes«, der jedes Jahr im Oktober gefeiert wird, schwenken Demonstranten die europäische Flagge (hier in Kiew, 2016) – Quelle: Inga Pylypchuk copyright

Die damals 31-jährige Politologin Olena Tregub saß vor ihrem Rechner in Washington und verfolgte die Livestreams im Internet. Obwohl die gebürtige Ukrainerin zu diesem Zeitpunkt schon seit 10 Jahren in den USA lebte, haben die Bilder der Proteste Als Euromaidan werden Bürgerproteste bezeichnet, die vom 21. November 2013 bis zum 26. Februar 2014 in der Ukraine stattfanden. Die Zahl der Protestierenden in Kiew belief sich zeitweise auf über 500.000. Die Demonstrierenden forderten den Rücktritt von Präsident Wiktor Janukowytsch, vorzeitige Präsidentschaftswahlen sowie die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der Europäischen Union. Der Euromaidan endete mit der Flucht Wiktor Janukowytschs ins russische Asyl und der Bildung einer Übergangsregierung am 26. Februar 2014.
Am darauffolgenden Tag besetzten bewaffnete Kräfte das Regionalparlament der Krim und veranlassten dort ein Referendum über die Abspaltung von der Ukraine und den Anschluss an Russland. Anfang März 2014 begannen prorussische Separatisten damit, Verwaltungsgebäude im Osten der Ukraine zu besetzen, was den bis heute andauernden Krieg im Osten der Ukraine auslöste.
ihr Leben verändert: Sie entschied sich, in die Ukraine zurückzukehren.

Auslöser der Proteste im November 2013 war die Entscheidung des damaligen Präsidenten Wiktor Janukowytsch, nach jahrelangen Verhandlungen das Assoziierungsabkommen Das Assoziierungsabkommen zwischen der Europäischen Union sowie ihren Mitgliedstaaten einerseits und der Ukraine andererseits sieht eine engere politische Zusammenarbeit mit Brüssel vor. Ziel des Abkommens ist, dass die Ukraine innerhalb von 10 Jahren durch tiefgreifende Reformen die rechtlichen, politischen und wirtschaftlichen Bedingungen und Standards der EU durchsetzt. zwischen der Ukraine und der EU doch nicht zu unterschreiben. Hinter diesem Wandel war eindeutig der Druck aus dem Kreml Russland ist mit der ehemaligen Sowjetrepublik Ukraine seit dem Mittelalter stark verbunden und sieht seinen Einfluss in der Region durch eine zunehmende Westorientierung des Landes gefährdet. Dieses Buch des Schweizer Historikers Andreas Kappeler (Paywall) gibt einen guten Überblick der gemeinsamen Geschichte der beiden Länder. zu spüren – Bericht auf der ukrainischen Nachrichtenseite Podrobnosti (russisch, 2013) kurz vor dem Kurswechsel hatte Janukowytsch noch Wladimir Putin in Moskau besucht.

Eine Chronologie liefert die Dokumentation »Winter on Fire« (englisch, 2015, Paywall) – gibt’s auch bei Netflix Über 4 Monate harrten die Demonstranten in der Kälte aus. Je länger der Protest dauerte, desto mehr Fahnen waren Beitrag der Tagesschau über die Eskalation der Proteste (2015) mit Blut befleckt. Die Lieder wurden immer trauriger. Am Ende waren mehr als 100 Menschen tot. Janukowytsch floh nach Russland.

Obwohl es verschiedene Gründe Vor allem hatten die Ukrainer die Korruption satt, die Selbstbedienung der Oligarchen sowie den russischen Einfluss. waren, die die Ukrainer damals auf die Straße lockten: das pro-europäische Narrativ blieb bis zum Ende der Revolution zentral. Bis heute bestimmt es die Politik der Postmaidan-Ukraine wie kein anderes.

Das System im Neustart-Modus

»Europäische Integration« heißt der politische Kurs, der unter Janukowytschs Nachfolger Petro Poroschenko seit Juni 2014 wieder offiziell angestrebt wird. Bericht über die Arbeit des ukrainischen Parlaments seit 2014 (ukrainisch, 2017) Mehr als 70 Gesetze wurden seitdem verabschiedet, die auf die Realisierung dieser pro-europäischen politischen Linie ausgerichtet sind.

Die Europäische Union fördert Im Juli habe ich bei Ostpol über den Reformprozess geschrieben diesen Prozess seit 2014 und vorerst bis 2020 mit insgesamt Bericht in der ukrainischen Presse (russisch, 2017) 12 Milliarden Euro. Damit soll das System – von der Medizin bis hin zur Justiz – komplett umgekrempelt werden. Doch es bleiben 3 große Fragen offen:

Titelbild: Inga Pylypchuk - copyright

von Inga Pylypchuk 

Inga Pylypchuk wurde 1986 in Kiew geboren. Sie studierte Germanistik und Komparatistik in Kiew und Berlin, absolvierte anschließend ein Volontariat an der Axel-Springer-Akademie und arbeitet heute als freie Journalistin.

Themen:  EU-Politik   Osteuropa   Demokratie  

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