Wann online bestellen besser für die Umwelt ist (und wann nicht)

Denn deine Last-Minute-Geschenke haben gute Chancen, klimafreundlich zu sein.

22. Dezember 2017  7 Minuten

Fahrradkuriere, DHL, UPS und Co. – und seit Jahren wird getestet, ob sich Drohnen lohnen. Um unsere Last-Minute-Einkäufe so bequem wie möglich nach Hause zu liefern, lassen sich Unternehmen einiges einfallen. Die Einkaufserfahrung soll ein Kinderspiel sein: Du wählst online so wie im echten Laden aus, bezahlst an der virtuellen Kasse und wenig später klingelt es an der Tür. Gerade jetzt, kurz vor Weihnachten, hast du es vielleicht besonders eilig, weil du noch den ein oder anderen Was wir haben könnten, wenn wir keine Geschenke kaufen würden, haben wir hier recherchiert leeren Platz unterm Weihnachtsbaum füllen musst.

Ich bin etwas skeptisch, ob die Same-Day-Lieferung jemals eine wichtige Rolle für uns spielen wird. – Jeff Bezos, Amazon-Gründer und CEO

Die Financial Times zitiert Bezos aus dem Fortune Magazine (englisch, 2013, Paywall) Das sagte Amazon-Gründer und drittreichster Mann der Welt Jeff Bezos noch 2013. 4 Jahre später liefert Amazon in den USA an »Prime-Kunden« innerhalb von 2 Stunden. Auch im Münsteraner Industriegebiet, in dem Perspective Daily zu Hause ist, stoppt mehrmals am Tag ein Lieferwagen vor der Tür. Und in jeder mittelgroßen Stadt flitzen Wie gefährlich dieser Job sein kann, zeigt diese Doku über Fahrradkuriere in Berlin (2012) Fahrradkuriere mit neonfarbenen Rucksäcken – vor allem für Essenslieferungen – durch die Straßen.

Der Stress um pünktliche Weihnachtslieferungen bis vor die Haustür sind nichts Neues: Hier kommen die Weihnachtspäckchen gerade noch rechtzeitig am 23. Dezember1954 an. – Quelle: Wikimedia Commons / Bundesarchiv CC BY-SA

All diese Betriebsamkeit lösen wir mit unseren Zeigefingern auf der Maus oder dem Touchscreen aus. Hast du dich schon mal gefragt, was dein »Jetzt-Bestellen«-Klick eigentlich für die Umwelt bedeutet? Eins ist sicher, die Antwort ist nicht so einfach …

Klicken oder nicht klicken?

Tatsächlich kann dein Online-Einkauf unterm Strich eine bessere Umweltbilanz haben als der Shopping-Ausflug in die Stadt. Zumindest ist das das Ergebnis Studie zur CO2-Bilanz von Online-Einkäufen im Vergleich zu Einkäufen im Laden in den USA (englisch, 2013) einer viel beachteten Masterarbeit des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT). Der Online-Kauf kann im Vergleich zum Ladenkauf für 1/3 weniger CO2-Ausstoß sorgen. Online bestellen rechnet sich aber nicht immer für die Umwelt: Vor allem, sobald du unzufrieden mit deiner Bestellung bist oder vielleicht verschiedene Modelle oder Größen zum Vergleich geordert hast und nun einen Teil zurücksendest. Oder wenn du nicht zu Hause bist, wenn der Postbote 2-mal klingelt …

Als Faustregel gilt: Online zu bestellen, lohnt sich für die Umwelt, wenn es größere oder Mehrfach-Bestellungen sind, die von einem Transporter geliefert werden. So wirbt das britische Lieferunternehmen Ocado damit, dass es als Lebensmittel-Lieferant eine viel bessere CO2-Bilanz hat Dieser Guardian-Artikel fragt, ob das Versprechen von Ocado stimmt (englisch, 2007) als deine Fahrt zum Supermarkt mit dem Auto. Warum? Weil bei guter Auslastung der großen Lieferwagen viel weniger PKW auf der Straße fahren und die Auslieferungs-Routen optimiert werden können.

Dein Klick auf den Bestell-Button löst also hinter den Kulissen viel mehr aus, als nur deinen digitalen Warenkorb zu füllen.

Schneller!?

Eine wichtige Entscheidung, die du vor dem Klick auf »Jetzt bestellen« treffen musst, ist die Wahl der Versandart. Zu Beginn des Online-Shoppings war es nicht besonders günstig, im Netz einzukaufen – vor allem die Versandkosten waren hoch. Eine Lieferung am nächsten Tag war ein Luxus, den man sich nur am 22. Dezember oder in Notfällen »gönnte«. Same-Day-Lieferung? Auf Deutsch heißt dies natürlich einfach: Lieferung am gleichen Tag. Allerdings prägt sich im Moment auch in Deutschland der Begriff »Same-Day«-Lieferung. Das war zunächst nur etwas für Unternehmen und Peter Dörrie erklärt, wie er durch das deutsche Steuersystem reich wird Vermögende.

Heute gehört es fast zum guten Ton eines Online-Shops, kostenlosen Versand anzubieten (zumindest ab einem bestimmten Bestellwert). Same-Day-Lieferungen sind im Trend.

Immer wenn du dich für die besonders schnelle Lieferung entscheidest, fallen aber einige Prämissen für eine besonders umweltfreundliche Lieferung weg: Abgesehen vom Arbeitsdruck für Lieferunternehmen und deren Mitarbeiter Unter anderem UPS und DPD denken darüber nach, eine Obergrenze oder höhere Versandkosten für Pakete festzulegen, die an Weihnachten geliefert werden. sorgt das knappe Zeitfenster auch für logistische Herausforderungen. Bestellungen, die eigentlich in einer Tour ausgeliefert werden könnten, müssen nun einzeln gefahren werden. Mit anderen Worten: Die Lieferfahrzeuge sind nicht vollgepackt, sondern fahren mit 3 Päckchen, die noch heute ankommen sollen, durch die Gegend. Das bringt zusätzliche Kilometer auf den Tacho und die optimale Route kann nicht vorausgeplant werden, Es ist immer ungewiss, wann ein Bestellung eingeht, die noch am gleichen Tag irgendwann geliefert werden muss. Diese hätte zum Beispiel sehr gut in eine Route gepasst, die leider der Lkw schon gefahren ist, um die Lieferfrist einzuhalten. weil jede Minute eine Bestellung dazukommen kann. Im Extremfall fährt der gleiche Lieferwagen 3-mal am Tag in dieselbe Straße.

Auf der Bilanz stehen am Ende also höhere CO2-Emissionen und höhere Kosten für die Unternehmen. Geschätzt Übersichtsstudie zu nachhaltiger Logistik (englisch, 2017) fallen auf der sogenannten »letzten Meile« deines Pakets bis zu 28% der Lieferkosten an. Der Druck, auf den letzten Metern Kosten einzusparen, ist für die Unternehmen also besonders hoch. Schätzungen zur höheren Kaufkraft in Ferien von Forrester Research (englisch, 2015) Allein in den USA verliert Marktführer Amazon vermutlich 1–2 Milliarden US-Dollar jährlich durch »Prime«-Lieferungen.

Auch aufseiten des Empfängers kommt noch etwas obendrauf.

Volle Tonnen vor der Tür

Hand aufs Herz: Hast du deine Verpackungskartons auch schon einmal in der Papiertonne des Nachbarn entsorgt? Oder dich gefragt, wie du die riesigen Dinger am besten kleinschneiden kannst? Der rasante Zuwachs an Online-Bestellungen taucht auch in den Abfallstatistiken auf.

Müll im Versandhandel

Verbrauch von Papier & Pappe-Verpackungen im Versandhandel

Quelle: Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung mbH (GVM), Mainz, Stand 03/2017

Außerdem sorgt jeder Karton von seiner Herstellung bis zur Entsorgung für zusätzliche Umweltbelastungen. Eine Meldung des Öko-Instituts e. V. zum Online-Shoppen bei lokalen Händlern (2012) So steigen die CO2-Emissionen einer Lieferung um bis zu 50%. Muss das Paar Socken wirklich doppelt eingewickelt im übergroßen Karton geliefert werden? Häufig lässt sich Verpackungsmaterial reduzieren und so die CO2-Bilanz verbessern.

Auch das Nutzen von Packstationen Diese Paketautomaten von der DHL ermöglichen einem Lieferanten, ein Paket für den Kunden zu hinterlassen. Es wird in einem Metallfach aufbewahrt – ähnlich wie Kofferstationen am Bahnhof. Der Kunde kann das Fach später mit einer Karte und PIN öffnen (24 Stunden am Tag) und sein Paket dort abholen. kann den Online-Einkauf ressourceneffizienter machen. So muss der Lieferant nicht 2-mal klingeln. Es gibt hier noch eine Möglichkeit: Der Paketzusteller hat einen speziellen Schlüssel. Amazon hat zum Beispiel den Amazon-Key. Dafür brauchst du ein elektronisches Türschloss, damit der Lieferant Zugang zu deiner Wohnung bzw. deinem Mehrparteienhaus hat. Das Schloss kann dann zum Beispiel auch nur für bestimmte Zeitfenster für den Amazon-Key freigeschaltet werden. Ob sich diese Option wirklich durchsetzen wird, ist zu bezweifeln. Neben dem benötigten Vertrauen sind die technischen Voraussetzungen eine Hürde. Studie zu Umweltbelastung von Paketlieferungen (englisch, 2012, Paywall) Gerade auf der »letzten Meile« fallen besonders viele umweltbelastende Emissionen an. Die können durch die Wahl des Verkehrsmittels positiv beeinflusst werden.

Mit E-Lkw und Fahrrädern emissionslos?

Die Ökobilanz von Zustellungen mit Fahrrädern oder Felix Austen erklärt, warum zu viele E-Autos eine dumme Idee sind Elektrofahrzeugen ist im Vergleich zu klassischen Verbrennungsmotoren erheblich besser. Dass die großflächige Nutzung von E-Mobilität möglich ist, zeigen die Pläne der Deutschen Post DHL: »Mittelfristig« laut DHL Mittelfristig soll die komplette Zustellflotte auf Elektrofahrzeuge umgestellt werden. Schon jetzt kann es sein, dass deine Lieferungen ohne Auspuff auskommen.

Die Deutsche Post DHL suchte vor einigen Jahren vergeblich nach deutschen Autoherstellern, die für sie E-Lieferfahrzeuge herstellten. Glücklicherweise sprang die Technische Universität Aachen ein und entwickelte den »StreetScooter«. Mittlerweile gehört die E-Scooter-Fabrik DHL und ist Teil der Bemühungen, die komplette Flotte zu elektrifizieren. In naher Zukunft sollen die E-Fahrzeuge auch an Drittkunden verkauft werden. – Quelle: Deutsche Post DHL Group copyright

»Die Elektrofahrzeuge fahren aktuell nur die letzten Kilometer für die Paketauslieferungen«, weiß Andreas Pastowski vom Wuppertal Institut. Dort forscht der Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler zur Energieeffizienz in der Logistik und im Güterverkehr. »Für Langstrecken reichen die heutigen Akkus noch nicht aus.«

Während es also bereits Lösungen für den klimaschädlichen Einfluss der »letzten Meile« gibt, bleiben die Langstreckentransporte noch auf der Strecke – Alternativen zum verhassten Lkw-Verkehr sind noch rar.

Die Bahn ist auch keine Lösung

»Die Bahn ist leider keine Alternative«, schlussfolgert Andreas Pastowski. »Wir haben im Rahmen des Projekts Green Logistics, bei dem auch die Deutsche Post DHL und UPS beteiligt waren, untersucht, ob die Bahn eine Alternative für Transporte zwischen den Paketzentren sein könnte. Dabei hat sich aber herausgestellt, Felix Austen beschreibt, wie die Bahn wieder Fahrt aufnehmen kann – als perfektes Transportmittel dass die Bahn die Lieferzeiten nicht einhalten kann. Die Zeitfenster sind zu knapp. Außerdem fehlt die Infrastruktur; die Paketzentren haben keinen Gleisanschluss.«

Auch wenn UPS diese Woche 125 E-Trucks von Tesla Das Unternehmen Tesla, Inc. wurde im Jahr 2003 u.a. vom Paypal-Gründer Elon Musk ins Leben gerufen und gilt als einer der bekanntesten Hersteller von Elektrofahrzeugen. Teslas Mission: Den Übergang zu nachhaltiger Energie beschleunigen und somit die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen reduzieren. Dieses Ziel erreicht die kalifornische Firma einerseits durch die stetig wachsende Flotte an E-Autos und andererseits durch die Entwicklung von Lithium-Ionen-Akkus, wie der Tesla Powerwall. Reuters berichtet von der UPS-Bestellung (englisch, 2017) geordert hat, bleibt die Elektrifizierung von Lkw problematisch. Die Akkus sind noch zu schwer und die Kosten zu hoch.

Der erste E-Lkw der Welt: Im November 2017 präsentierte Tesla-Chef Elon Musk den »Tesla Semi« mit einer Reichweite von bis zu 800 Kilometern. – Quelle: Tesla Motors copyright

Um trotzdem an der Umweltbilanz zu schrauben, kommen noch alternative Kraftstoffe in Frage. Andreas Pastowski sieht das sogenannte Power-To-Fuel-Verfahren als wegweisend für den Güterverkehr. Dabei wird Strom genutzt, um das für den Kraftstoff benötigte Methanol aus CO2 oder anderen Stoffen herzustellen – natürlich mit Strom aus erneuerbaren Energien.

Statt – wie aktuell üblich – Biotreibstoffe unter anderem aus Palmöl beizumischen, sollten wir besser in größerem Stil Methanol beimischen, das aus sauberem Strom und CO2 gewonnen werden kann. – Andreas Pastowski, Wissenschaftler am Wuppertal Institut

Wie das im großen Stil funktionieren kann, Website der weltgrößten CO2-Methanol-Fabrik (englisch) macht das kleine Island vor. Dort nutzen Pioniere Power-To-Fuel, um die reich vorhandene Erdwärme in den Alkohol und alternativen Brennstoff Methanol umzuwandeln. Das dafür notwendige CO2 kommt ebenfalls aus der Erde.

Der Vorteil alternativer Brennstoffe ist, dass keine Investitionen in die Verkehrs-Infrastruktur notwendig sind, da sie einfach beigemischt werden können. Kommt reines Methanol zum Einsatz, ist der Transport sogar komplett CO2-neutral. Ein weiterer Vorteil ist, dass Methanol in der Handhabung unterm Strich sicherer ist als Benzin. Höchste Zeit also, dass wir Power-To-Fuel vorantreiben. Und dass wir uns schnell von diesem ganzen Biodiesel-Fiasko verabschieden, das entweder Land verbraucht und Regenwälder zerstört (Palmöl wird in großer Menge dem Biodiesel beigemischt, der hier in der EU im Straßenverkehr groß eingesetzt wird) oder mindestens in der Herstellung viel Energie kostet.

Die erste größere, kommerzielle CO2-Methanol-Anlage steht in Island und wird von »Carbon Recycling International« betrieben. Benannt ist sie nach dem Nobelpreisträger George Olah, der bereits vor Jahren seine Vision einer durch Methanol angetriebenen Weltwirtschaft vorstellte. – Quelle: Carbon Recycling International copyright

Doch egal wie deine Pakete bei dir ankommen, bleibt eine wichtige Frage zu klären:

Was landet in deinem Warenkorb?

Die beste Ökobilanz hat das Produkt, das nicht gekauft wird.

»Die Grundfrage bei der Entwicklung zu mehr und mehr Same-Day-Lieferungen ist vor allem: Was bedeutet das für unser Konsumverhalten?« Das untersucht der technische Umweltforscher Moritz Mottschall am Öko-Institut in Freiburg und forscht dort zu Ressourcenverbrauch und Mobilität. »Kaufen wir dadurch mehr Produkte ein? Kaufen wir Produkte, Felix Austen beschreibt, wie wir das Beste aus der Erde herausholen können die wir eigentlich gar nicht benötigen? Die Umweltauswirkungen des Online-Shoppings sind häufig nur ein kleiner Anteil der gesamten Umweltauswirkungen eines Produkts.«

Ist tatsächlich Not am Mann und du brauchst wirklich neue Schuhe oder ein neues Telefon, bleibt die Frage: Wie schwierig das ist, hat Felix Austen zu beantworten versucht Welches Produkt hat am Ende die bessere Bilanz – sowohl was den Ressourcenverbrauch als auch die Arbeitsbedingungen angeht? So kann am Ende doch der Online-Einkauf die bessere Wahl sein, mit oder ohne E-Lieferwagen. Denn gerade Produkte, die nachhaltig und sozial hergestellt werden, sucht man häufig vergeblich im Einzelhandel vor Ort.

Bevor du jetzt dein reines Gewissen feierst, weil du den Online-Händler mit Fahrradauslieferung oder Power-To-Fuel-Technologie gewählt hast, nimm dir noch einen Moment und frage dich selbst, was du mit der gewonnenen Zeit anstellst.

Die Frage ist, was wir mit der Zeit machen, die wir nicht im Auto auf dem Weg zum Einkaufen sitzen. Wahrscheinlich nutzen wir die Zeit für andere PKW-Fahrten. So ändert sich an der Gesamt-CO2-Bilanz am Ende nicht viel. – Moritz Mottschall, Umweltforscher

Das zeigen auch Studie zur CO2-Bilanz von Online-Einkäufen (englisch, 2015, Paywall) die Ergebnisse einer amerikanischen Studie. Denn statt brav zu Hause auf unsere Lieferung zu warten, nutzen wir die Zeit dann doch lieber, um anderen CO2-intensiven Aktivitäten zu folgen und zusätzlich zu konsumieren – am liebsten mit dem Auto.

Titelbild: Deutsche Post DHL Group - copyright

von Han Langeslag 

Han geht es um Verantwortung, denn unser Handeln hat heute mehr Einfluss auf das globale Geschehen als je zuvor. Sind wir darauf vorbereitet? Wie können wir überhaupt noch eine Übersicht über die komplexen Zusammenhänge bekommen? Fachlich reicht seine Perspektive als Wirtschaftswissenschaftler, Psychologe und Neurowissenschaftler vom Individuum bis hin zum globalen Handelssystem.

Themen:  Klima   Internet   Konsum  

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