Zurück zum Artikel

Links zum Artikel

Was, wenn du plötzlich verantwortlich bist?

Trotz Kinderarbeit, Klimawandel und Steuervermeidung shoppen wir munter weiter. Warum wir täglich unsere Moral über Bord werfen und wie wir das ändern können.

Artikel & Podcast - 24. Januar 2018  6 Minuten

Bist du ein guter Mensch, eine anständige Person? Vermutlich möchtest du diese Im Durchschnitt gehen wir davon aus, dass wir moralisch besser sind als unsere Mitmenschen, und haben ein eher positives moralisches Selbstbild (englisch, 2017) Frage wie die meisten Menschen mit »Ja!« beantworten, oder zumindest mit einem vorsichtigeren »Eigentlich schon …«. Trotzdem Du kannst nicht alles entscheiden, selbst wenn du es wolltest treffen wir jeden Tag Entscheidungen, Felix Austen antwortet auf eine Leseranfrage, wie wir in einer komplexen Welt ethisch konsumieren (können) die zum Leid anderer beitragen, sei es jetzt oder in Zukunft.

Warum fliegen (zu) günstig ist, erkläre ich hier Dein Flug nach Lanzarote oder Bali ist ein kleines Puzzleteil der negativen Auswirkungen durch die globale Erwärmung; deine 20-Euro-Jeans Made in Bangladesch entsteht sicher unter miesen Arbeitsbedingungen; Warum es sinnvoll sein könnte, ein weltweites Schokoladen-Kartell einzuführen, erklärt Maren Urner hier für deine 69-Cent-Schokolade mussten sehr wahrscheinlich Kinder schuften, die selbst noch nie Schokolade gegessen haben. Trotzdem würdest du sicher niemanden für einen Hungerlohn direkt für dich arbeiten lassen, das niedliche Kaninchen der Nichte als Weihnachtsbraten servieren oder deine Ölreste in den lokalen Ententeich schütten.

Klar ist dein persönlicher Beitrag zum Wohl – oder Leid – der Welt immer nur ein winzig kleiner Anteil am großen Ganzen.

Anders sieht es bei der Crème de la Crème der einflussreichsten Menschen der Welt aus, die sich seit gestern wieder für ein paar Tage im beschaulichen Davos in der Schweiz versammeln, Das Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum, WEF) ist eine im Jahr 1971 gegründete Stiftung und vor allem durch das gleichnamige Treffen im schweizerischen Davos bekannt. Dort kommen alljährlich Wirtschaftsexperten, Politiker und Journalisten zusammen, um über die wichtigsten globalen Fragen zu diskutieren. Das Forum veröffentlicht zudem in unregelmäßigen Abständen Forschungsberichte oder Studien zu verschiedenen Themen. Schwerpunktthemen sind aktuelle politische Krisen, wirtschaftliche Ungleichheit und Cyberattacken, aber auch Umweltprobleme sowie daraus folgende Wetterextreme und das Artensterben. um über Hier findest du den aktuellen Bericht zu den »Globalen Risiken« des WEF (englisch, 2018) den Zustand unseres Planeten zu beraten. Sie können wirklich etwas bewegen – haben aber

häufig andere Dinge im Sinn, als ihre Verantwortung wahrzunehmen. Das Gleiche gilt für Politiker, wie den Hier berichtet der WDR über Armin Laschets Überlegungen, die Klimaziele zu kippen (2018) nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet, der Wie es um unser Klima bestellt ist, fasse ich mit Maren Urner in wenigen Grafiken hier zusammen mal eben die Klimaziele für Deutschland in Frage stellt und damit eine ordentliche Portion zukünftiges Leid auf seinem So droht 4 Milliarden Menschen bei zunehmender globaler Erwärmung eine Wasserknappheit (englisch, 2016) Konto ansammelt.

Wenn sich aber weder du noch die Elite in Davos für Klimawandel, niedrige Löhne, Entwaldung, moderne Sklaverei und Steuervermeidung verantwortlich fühlen, wer ist es dann? Genau dieses diffuse Gefühl, dass eigentlich keiner so richtig verantwortlich ist, sorgt dafür, dass wir unsere moralischen Standards schnell über Bord werfen – zu schnell.

Wo der »Markt« ist, schwindet die Moral schneller

Vor die Wahl gestellt, 10 Euro zu kassieren oder das Leben einer Maus zu retten, Wie ein Markt unsere persönliche Moral untergraben kann, zeigen die beiden deutschen Wirtschaftswissenschaftler Nora Szech und Armin Falk (englisch, 2013, Paywall) entscheidet sich fast jeder Zweite für die 10 Euro – und nimmt damit die Vergasung der Maus in Kauf. Die Mäuse waren Teil von verschiedenen Experimenten, bei denen es besonders bei genetischen Studien häufig einen Überschuss an Mäusen gibt. Nicht alle Mäuse haben die zu untersuchende genetische Variante. Diese Mäuse am Leben zu halten, kostet Geld, sodass sie häufig vergast werden. In allen hier genannten Studien handelt es sich um solche überschüssigen Mäuse und alle Versuchsteilnehmer wurden im Anschluss an die Studien darüber informiert, dass die Mäuse unabhängig von ihren Entscheidungen getötet werden würden. Die Mäuse, die von den Teilnehmern am Leben erhalten wurden, durften danach tatsächlich in einem kleinen »Mäuse-Paradies« (das über die kahlen Standardkäfige hinausging) weiterleben. Erstaunlich wenig, wenn wir bedenken, dass die meisten von denen, die die Maus verschonen, Über das Menü zur Weltrettung schreibt Maren Urner hier keine Vegetarier sind und vielleicht auch schon einmal eine Mäusefalle aufgestellt haben. Der Unterschied im Experiment: Die Maus war »die eigene Maus« und für ihr Leben – oder eben ihren Tod – der jeweilige Versuchsteilnehmer allein verantwortlich.

Dies ist deine Maus. Ihr Wohlergehen liegt in deiner Verantwortung. Was möchtest du tun? – Quelle: flickr / Mark Fowler CC BY-SA

Allerdings führt eine kleine Änderung im Versuchsaufbau dazu, dass statt knapp 50% mehr als 70% ihre Maus töten (lassen). Dafür genügt es, dass jeder Versuchsteilnehmer die Möglichkeit erhält, seine Maus an einen anderen Teilnehmer zu verkaufen, und damit für ihren sicheren Tod sorgt. Im Durchschnitt springen dabei für den Verkäufer sogar weniger als die ursprünglichen 10 Euro heraus.

Zahlreiche Studienergebnisse wie diese legen nahe, dass wir schneller bereit sind, anderen Leid zuzufügen, wenn mehr Menschen an einer Entscheidung beteiligt sind. Um auch in der ersten Situation ohne einen solchen »Mäuse-Handel« dafür zu sorgen, dass mehr als 70% der Teilnehmer die Maus töten lassen, muss der Einsatz von 10 Euro auf 50 Euro erhöht werden.

Zahlreiche Studienergebnisse wie diese legen nahe, dass wir schneller bereit sind, anderen Leid zuzufügen, wenn mehr Menschen an einer Entscheidung beteiligt sind. Wenn die Verantwortung für das Mäuseleben nicht mehr nur in den eigenen Händen liegt, sinkt die Bereitschaft, es zu schützen. Je mehr Menschen an einer Entscheidung beteiligt sind, desto stärker verschwimmt, wer genau verantwortlich ist – das eingangs beschriebene, diffuse Gefühl macht sich breit.

Im Experiment steigt damit natürlich auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich mindestens einer für das Geld entscheidet. Genau das zeigen auch Hier geht es zur Folgestudie der mittlerweile berühmten Mäuse-Studie der beiden deutschen Wirtschaftswissenschaftler Nora Szech und Armin Falk (englisch, 2017) die Ergebnisse einer Folgestudie, bei der das Schicksal der eigenen Maus unweigerlich mit dem Leben der Mäuse 7 weiterer Teilnehmer verknüpft ist: Sobald einer der 8 Gruppenteilnehmer sich für die 10 Euro und damit den Tod der eigenen Maus entscheidet, bedeutet das automatisch das Ende aller 8 Mäuse, unabhängig davon, wie sich die anderen 7 Teilnehmer entscheiden. Gilt diese zusätzliche Regel, steigt der Anteil der Teilnehmer, die sich für das Geld und gegen das Mäuseleben entscheiden, von knapp 50% auf immerhin 60%. Das Risiko, dass mindestens ein Teilnehmer seine Maus opfert, ist einfach zu groß, als die eigenen 10 Euro zu verspielen.

Sind wir also alle so käuflich, dass wir beim kleinsten Widerstand lieber das Geld nehmen und die eigenen – vielleicht hohen – moralischen Standards verraten?

Geld korrumpiert (nicht immer) absolut

Klar ist: Wie es um unsere Moral bestellt ist, hängt unter anderem davon ab, ob Geld im Spiel ist. Das gilt sogar, wenn es um den eigenen Nachwuchs geht. So beobachteten einige Kindertagesstätten, dass manche Eltern ihre Kinder häufiger zu spät abholten und die Betreuer sich so länger als geplant um die Kinder kümmern mussten. Um dem ein Ende zu machen, schmiedeten die Betreuer einen Plan: Wenn die Zu-spät-Kommer ein Bußgeld zahlen müssten, würde sich das Problem sicher bald von allein lösen. Weit gefehlt – denn genau das Gegenteil war der Fall. In der Studie wurden 10 Kindertagesstätten verglichen, bei 6 wurde ein Bußgeld eingeführt (englisch, 2000) Als das Bußgeld im Rahmen einer Studie eingeführt wurde, kamen noch mehr Eltern zu spät. Anscheinend interpretierten sie die Strafzahlungen eher als eine Art Gebühr. »Ich zahle ein wenig drauf, um meine Kinder später abholen zu dürfen.« Jegliche Art von Unbehagen oder Schuldgefühlen konnten anscheinend so bereinigt werden. Ein ähnliches Argument kann auch gegen einige Fairtrade-artige Siegel vorgebracht werden: Ich kaufe bei Starbucks meinen 7-Euro-Apfelstrudel-Frappucino mit Extra-Schaum. Ich weiß, dass das Ding eine Kalorienbombe ist, dass Starbucks es nicht so genau mit dem Zahlen von Steuern nimmt und die endlosen Einwegverpackungen sich am Abend vor jeder Filialtür und sonst wo stapeln. Zum Glück habe ich aber auch ein Foto von einem glücklichen Kaffee-Bauern in Guatemala vor Augen, der mich anlächelt, weil er dank mir einen »fairen Preis« für seine Kaffeebohnen bekommt. Also nehme ich guten Gewissens einen weiteren Schluck meines extravaganten Kaffeegetränks.

Ist das moderner Ablasshandel und Bestechung in einem? Wenn wir unseren Kindern für jedes gelesene Buch einen Zehner ins Sparschwein stecken, wenn wir Wie wir auch ohne monetäre Belohnung effektiv abnehmen können, schreibt Maren Urner hier Übergewichtigen für jedes verlorene Kilogramm 50 Euro überweisen, wenn wir umweltfreundliches Verhalten mit Steuerrabatten belohnen, werden moralische Standards dann durch finanzielle Anreize ersetzt, Der populäre Harvard-Philosoph Michael Sandel stellt genau diese Frage in seinem Buch »Was man für Geld nicht kaufen kann: Die moralischen Grenzen des Marktes« (2012, Paywall) deren Einkassieren uns am Ende zum »schlechteren Menschen« macht?

Nicht unbedingt.

Die Konsummaus – Quelle: Unsplash / Mert Guller CC0

Ist dein potenzieller Gewinn sehr klar und direkt mit dem Bruch starker gesellschaftlicher Normen verbunden – das Töten einer Maus gehört offensichtlich nicht dazu – halten wir stärker an unseren Moralvorstellungen fest. So verzichten 3 von 4 Versuchsteilnehmern auf das Angebot, 20 Euro zu erhalten, Diese Studie untersucht, wann Menschen das Argument »Wenn ich es nicht mache, macht es jemand anderes« anwenden (englisch, 2017) wenn dafür stattdessen eine lebensrettende Operation eines Lepra-Patienten in Indien durchgeführt wird. Fast alle geben an, dass es »gesellschaftlich unangemessen« sei, das Geld in die eigene Tasche zu stecken. Im Gegensatz zum »Mäuse-Handel« bleiben die Teilnehmer hier ihren moralischen Normen treu – das gilt sogar, wenn ihre Entscheidung wie bei den Mäusen von anderen Teilnehmern abhängt und nichts gespendet wird, sobald ein Teilnehmer das Geld in die eigene Tasche steckt. Dass alle Teilnehmer darüber Bescheid wissen, was sich gehört und was nicht, zeigen die Ergebnisse einer Befragung nach dem Experiment: Fast alle – mehr als 97% – geben an, dass es »gesellschaftlich unangemessen« sei, Mein Artikel zum effektiven Altruismus stellt viele hier angesprochene Fragen das Geld in die eigene Tasche zu stecken, statt einen todkranken Menschen zu retten.

Also: Wir halten offenbar umso stärker an den eigenen Werten und Moralvorstellungen fest, je offensichtlicher es ist, dass wir für die negativen Folgen unseres Handelns direkt verantwortlich sind. Und das gilt noch mehr, wenn die Werte gesellschaftlich stark verankert sind.

Geht es also nur darum, die Verantwortung klarer zuzuweisen?

Ein Karma-Sparbuch?

Es könnte sein, dass Wie wir mit unserem »blutigen« Öl Diktatoren unterstützen und Terrorismus fördern, beschreibe ich hier genau deine 30 Euro für die letzte Tankfüllung dafür genutzt werden, politische Gegner des Regimes in Saudi-Arabien zu foltern. Es ist möglich, dass gerade der Kakao in deinem billigen Schokoriegel von einer Plantage kommt, auf der 2 Kinderarbeiter schwer verletzt und misshandelt wurden. Es ist nicht ausgeschlossen, dass dein Flug in die Karibik dazu beiträgt, dass ein Kind verhungern wird, Wie Tomaten zu mehr Jobs, Gesundheit und Sicherheit verhelfen können, weiß Felix Austen weil die Ernte in seinem Land aufgrund globaler Erwärmung einbricht.

Ist es das wert? – Quelle: PublicDomainPictures.net / Charles Rondeau public domain

Wenn du jetzt in deinem Kopf ein Bild meines erhobenen Zeigefingers siehst und ein paar Schuldgefühle unterdrücken musst, bringt uns das nicht weiter – einmal abgesehen davon, dass es nicht meine Absicht ist, dir ein schlechtes Gewissen einzureden. Das Ziel ist ein anderes: Wie »frei« unser Wille ist oder ob er »frei« sein kann, beschreibe ich mit Maren Urner hier die Folgen deines Handelns transparenter zu machen und so eine informierte Entscheidung zu ermöglichen. Wie das gehen könnte?

Meta-Studie zur Wirksamkeit von Bildern zu Gesundheitsrisiken auf Zigarettenschachteln aus 28 Ländern (englisch, 2009) Auf unseren Zigarettenpäckchen haben wir Fotos, die die gesundheitlichen Folgen unserer kleinen Schwäche zeigen. Auf Essensverpackungen sind relativ klar die Kalorien und Zusatzstoffe angegeben; und ob die Kekse Spuren von Nüssen, Erdnüssen oder Gluten enthalten, können wir ebenfalls ablesen.

Warum geben wir also nicht auch an, wenn bestimmte Produkte Spuren von Kinderarbeit enthalten können? Genau das schlugen auch einige Mitglieder von Perspective Daily in den Diskussionen zu Maren Urners Artikel vor, in dem sie ein Schokoladen-Kartell fordert. Warum kennzeichnen wir ein Produkt nicht, wenn nicht garantiert werden kann, dass das enthaltene Holz nicht aus illegaler Abholzung stammt? Und warum wirst du nicht gewarnt, wenn deine Investition in ein Unternehmen möglicherweise in Steueroasen landet und seine Anwälte gern Briefkastenfirmen nutzen?

Auch wenn es nicht möglich ist, genau zu bemessen, welches Leid du durch eine Kaufentscheidung mitverursachst, lässt sich so doch eine Verbindung zwischen Kauf und Katastrophe schaffen – und dem diffusen Gefühl der Verantwortungslosigkeit immerhin entgegenwirken.

Weitere Informationen zu dieser Förderung findest du hier

Titelbild: flickr / Sasha Lezhnev - CC BY-ND

von Han Langeslag 

Han geht es um Verantwortung, denn unser Handeln hat heute mehr Einfluss auf das globale Geschehen als je zuvor. Sind wir darauf vorbereitet? Wie können wir überhaupt noch eine Übersicht über die komplexen Zusammenhänge bekommen? Fachlich reicht seine Perspektive als Wirtschaftswissenschaftler, Psychologe und Neurowissenschaftler vom Individuum bis hin zum globalen Handelssystem.

Themen:  Gerechtigkeit   Psychologie   Konsum  

Die Diskussionen sind leider nur für Mitglieder verfügbar.

Weitere Artikel für dich