»Ich schockiere die Menschen«

Farida Nabourema bringt die Proteste aus Togo auch auf deinen Bildschirm. Ein Gespräch darüber, wie man einen Präsidenten los wird, warum togolesische Frauen politischer sind als Männer und was Deutschland damit zu tun hat.

Menschen, die bewegen - 28. Februar 2018  8 Minuten

Die Aktivistin Farida Nabourema. – Quelle: Farida Bemba Nabourema copyright

30 Jahre lang war Togo deutsche Kolonie. Hanseatische Handelsstützpunkte an der »Sklavenküste« gab es seit 1857. Ab 1884 unterzeichneten mehrere Königreiche an der Küste des heutigen Togos »Schutzverträge« mit dem deutschen Kaiserreich, ab 1886 erfolgte die gewaltsame Eroberung des Hinterlandes durch deutsche Truppen. Kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 wurde die deutsche Kolonie »Togoland« von britischen und französischen Truppen besetzt und 1916 offiziell zwischen Großbritannien und Frankreich aufgeteilt. Bis 1914 wurde über das Leben der Menschen von »Togoland« »Diese Schuld hat Deutschland nie beglichen«, sagt Laura Kingston und schildert, wie Kolonialismus bis heute fortwirkt im fernen Berlin bestimmt. Heute sitzt die Regierung Togos in Lomé, im eigenen Land. Deshalb dürfen aber längst nicht alle mitbestimmen.

Farida Bemba Nabourema gehört zu jenen, die nichts zu sagen haben, jedenfalls wenn es nach Staatschef Faure Gnassingbé geht. Seit 50 Jahren herrscht der Familienclan Gnassingbé in Togo Vater Gnassingbé Eyadéma putschte sich im April 1967 an die Macht. Seit seinem Tod im Februar 2005 herrscht Sohn Faure Gnassingbé. Mit Deutschland verband die Gnassingbés stets eine besondere Beziehung. Der ehemalige bayerische Landesvater Franz Josef Strauß war ein enger Freund Eyadémas und vermittelte diverse Wirtschaftskooperationen zwischen bayerischen Unternehmern und dem togolesischen Staat. Heute ist Togo ein Kernland der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. und damit etwa doppelt so lange, wie Farida Nabourema alt ist. Für Farida Nabourema ein unhaltbarer Zustand. Seit ihrer Schulzeit setzt sich die 27-Jährige für eine demokratische Wende in Togo ein.

Jahrelang schien dies vergebens. »Die Demokratie ist am Ende? In Westafrika geht’s erst richtig los!« Hier erzähle ich dir von demokratischen Erfolgsgeschichten in Westafrika Während in Nordafrika, im benachbarten Burkina Faso und in Gambia langjährige Diktatoren abtreten mussten, schien Faure Gnassingbé noch fest im Sattel zu sitzen.

Doch seit August 2017 erheben sich Teile Togos gegen die Amtsführung Gnassingbés. Bis zu 100.000 Menschen folgen regelmäßig den Aufrufen von Opposition und Zivilgesellschaft, auf die Straße zu gehen.

Der togolesische Präsident Faure Ganssingbé. – Quelle: Wikimedia Commons / Ricardo Stuckert / Agência Brasil CC BY-SA

Verdenken kann man es ihnen nicht. Obwohl Togo nie einen Krieg erlebt hat, steht das Land auf Rang 166 von 188 Ländern im Human Development Index. Der HDI vergleicht Länder auf Grundlage unterschiedlicher Statistiken wie Lebenserwartung, durchschnittliches Einkommen und Bildung. Deutschland hält im aktuellen Ranking Platz 4. Die Lebenserwartung für einen heute geborenen Menschen liegt bei 60 Jahren, In Deutschland kann ein heute geborener Mensch hoffen, 81 Jahre alt zu werden. Statistiken und Zahlen zu Togo bei der Weltbank (englisch) 40% der Bevölkerung haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser.

»Faure must go« (»Faure muss gehen«) steht auf den Plakaten der Demonstranten. Als Hashtag trägt der Slogan den Protest in die sozialen Netzwerke. Geprägt hat ihn Farida Nabourema, die damit auch eine Kernforderung der Demonstranten aufgreift: Der Präsident soll zurücktreten und die Regierungsführung Togos endlich anderen überlassen.

Wer heute außerhalb Togos von den Protesten hört, tut es vermutlich aufgrund von Faridas unermüdlichen Versuchen, international Aufmerksamkeit für die Lage in ihrem Heimatland zu schaffen. Wie die Lage in Togo heute ist, wie man mit 15 zur Demokratie-Aktivistin wird und was Deutschland mit all dem zu tun hat, verriet mir Farida per Skype aus Tansania. Das Gespräch wurde auf Englisch geführt und ist hier aus Platzgründen gekürzt und ins Deutsche übersetzt worden.

Politisches Erwachen mit 13 Jahren

Wann hast du zum ersten Mal Gewalt der Regierung erlebt?

Farida Bemba Nabourema: Ich war 13 Jahre alt, als Soldaten in unser Haus kamen. Sie zerstörten alles und nahmen meinen Vater fest, der sein ganzes Leben ein politischer Aktivist war. Laut Farida ist ihr Vater in den 1970er- und 1980er-Jahren mehrfach vom Regime Eyadémas verhaftet und gefoltert worden. Damals habe ich zum ersten Mal bewusst die Ungerechtigkeit in meinem Heimatland erfahren.

Als mein Vater ein paar Tage später aus dem Gefängnis zurückkam, begann ich, ihm Fragen zu stellen. Er erklärte mir die politische Realität Togos. In dieser Zeit habe ich ein politisches Bewusstsein entwickelt.

Titelbild: dpa / Ange Obafemi - copyright

von Peter Dörrie 

Es kann arrogant wirken, als Wohlstandskind die Frage zu stellen, warum es auf der Welt immer noch Krieg und Armut gibt. Zu einfach entsteht der Eindruck, man habe selbst alle Antworten parat. Als Entwicklungs-, Friedens- und Konfliktforscher findet Peter die Frage dennoch wichtig. Denn er geht immer davon aus, dass es mehr als eine Wahrheit gibt und die eigene am wenigsten zählt. Sein besonderes Interesse gilt Afrika. In 12 Ländern des Kontinents hat er bereits recherchiert.

Themen:  Politik   Aktivismus   Afrika  

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