»Ich mach das, um zu leben. Nicht, um zu sterben.«

Normalerweise hält Christine bei Perspective Daily den Laden am Laufen. Jetzt beginnt ihre dritte Chemo. Warum sie findet, dass jeder darüber Bescheid wissen sollte.

22. März 2018  6 Minuten

Ziemlich genau 2 Stunden lang. So lange habe ich heute Vormittag gewartet, bevor die Nachricht kam. Um 8:30 Uhr hatte sie den Termin, um die Ergebnisse der letzten Kontrolle bei ihrem Onkologen zu besprechen. Um 10:30 Uhr kam die Textnachricht, die ich nicht lesen wollte, weil ich wusste, dass sie nichts Gutes versprach. 2 Stunden waren zu lang.

Mehr als 7 Jahre. So lange lebt sie schon mit der Krankheit, die andere in dieser bestimmten Form oft nur 1–2 Jahre überleben. In den vergangenen Monaten hatte ich sie immer wieder daran erinnern müssen, den Termin für die Kontrolle zu vereinbaren. Verübeln kann ich ihr das nicht. Wer will schon gern daran erinnert werden, möglicherweise bald sterben zu müssen? Vor allem, wenn sie Pläne hat? Nicht nur für sich, sondern auch für die Idee und das Unternehmen, die seit 2 Jahren ihr Leben noch mal auf den Kopf gestellt haben? Da passt das mit dem Sterben nicht in den Plan.

Christine ist 32 Jahre alt und hat eine seltene Form von Krebs. Jedes Lebewesen, das aus mehreren Zellen besteht, kann an Krebs erkranken. Im Laufe eines menschlichen Lebens gibt es mehrere Billionen Zellteilungen, bei der eine Zelle sich quasi selbst kopiert. Bei jeder einzelnen Zellteilung kann etwas schieflaufen. Wenn Zellen beginnen, sich unkontrolliert zu teilen, entsteht Krebs. Dabei ist nahezu jeder Krebs einzigartig und kein Tumor, also die Ansammlung von unkontrolliert gewachsenen Zellen, gleicht dem anderen. Sie hält nicht nur bei Perspective Daily den Laden am Laufen, sondern ist auch eine sehr gute Freundin.

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Christine erzählt die Neuigkeiten in der täglichen Team-Besprechung bei Perspective Daily.

»Ich habe einen Moment gebraucht, um klarzukommen«

Vor mehr als 7 Jahren lautete also auch die Prognose ihrer behandelnden Ärzte: 1–2 Jahre. Es folgten mehrere Operationen und die erste Chemotherapie. Die Chemotherapie (häufig auch abgekürzt: Chemo) gehört zu den wichtigsten Behandlungen gegen Krebs. Dabei werden in mehreren Sitzungen ein oder mehrere Medikamente – die sogenannten Chemotherapeutika – intravenös verabreicht. Die Medikamente sollen die Krebszellen töten, greifen aber auch alle gesunden Zellen im Körper an. Darum treten je nach Mittel und Dosierung unterschiedliche Nebenwirkungen auf. Zu den bekanntesten gehören Haarausfall, Verdauungsstörungen, Übelkeit, Unfruchtbarkeit und Erschöpfung. Vor 5 Jahren hat sie ihre zweite Chemotherapie gemacht. Wenn sie jetzt nicht die dritte macht, bleiben ihr noch 9–12 Monate.

Auf die Nachricht um 10:30 Uhr folgt ein Telefonat in der Mittagspause, bei dem sie vom Ergebnis des Onkologen erzählt. Normalerweise gehen Christine und ich die Runde jeden Mittag zu dritt oder zu viert – gemeinsam mit Mitgründer Han und Hund Lana. Heute sind wir zu zweit und Christines Stimme hallt aus dem Telefon-Lautsprecher durch das Münsteraner Industriegebiet.

Still rollt mir eine Träne über die Wange.

Sie habe einen Moment gebraucht, um klarzukommen. Mit der Idee, dass sie den Krebs ein weiteres Mal 5–6 Monate durch eine Chemotherapie wird kleinkriegen müssen. Dass sie ihren Körper ein weiteres Mal durch eine Hölle treiben muss, die sie niemandem wünscht – und ich merke, dass wir gerade zum ersten Mal darüber sprechen, wie schmerzhaft und zehrend eine solche Therapie ist.

Der kalte Wind pfeift uns um die Ohren, und gleichzeitig müssen wir blinzeln, weil die Sonne so grell scheint. Während mir still eine Träne über die Wange rollt, erzählt Christine, dass sie bereits ihren Arbeitsvertrag und unsere Versicherung dahingehend überprüft habe, ob durch ihren Ausfall in den nächsten Monaten Kosten auf uns zukommen könnten. Sie sagt, wir müssen einige Pläne noch ein halbes Jahr verschieben und jetzt alle noch mal den Hintern zusammenkneifen.

Wie das mit emotionalen Momenten so ist, bleiben sie besonders gut hängen. »Wie kannst du denn jetzt über Arbeitsverträge nachdenken?« – »Maren, ich habe dir doch gesagt, ich brauchte eben einen Moment. Aber jetzt mache ich das ganz kalkuliert.«

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Christine erzählt uns vom Masterplan.

Angst und Tabus besiegen, indem wir darüber sprechen

Am nächsten Tag ist sie wieder im Büro und ich stehe vor ihr mit meiner Idee. Mir war nicht aus dem Kopf gegangen, dass ich fast alles, was ich über Chemotherapie weiß, in Filmen gesehen habe. Vielleicht auch wegen Christine habe ich in den letzten 2 Jahren sicher an die 10 Filme mit und über Krebspatienten angeschaut und mich danach immer seltsam beklommen gefühlt. Mal waren sie weniger und mal mehr realistisch, mal mit und mal ohne Happy End, mal fiktional und mal dokumentarisch.

»Wir machen das!«, sagt sie einfach.

Wie es sich anfühlt, welche Fragen und Zweifel aufkommen und welche Kraft es braucht, um eine Chemotherapie hinter sich zu bringen – das erfahre ich erst jetzt aus erster Hand.

Ich stehe also vor Christine in ihrem Büro und glaube, ihre Antwort auf meine Frage schon zu kennen: Wollen wir aus ihrer Therapie eine Themenreihe machen? Ich fühle mich irgendwie schlecht, wie eine Abzockerin, die aus ihrer Misere eine Story machen will. Christine hat aus ihrer Krankheit nie ein Geheimnis gemacht und spricht offen darüber. Sie hat aus dem Krebs allerdings auch nie ein großes Ding gemacht, ist nicht in sozialen Medien präsent und hat nirgendwo gefühlsduselige Fotos gepostet.

»Wir machen das!«, sagt sie einfach.

Warum? Weil …

  1. wir der Angst vor der Krankheit begegnen wollen,
  2. wir den Umgang mit Krebs normalisieren wollen,
  3. wir die Situation selbst besser verarbeiten wollen.

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Christine und ich sprechen über unsere Beweggründe für die Themenreihe.

Krebs ist ein Teil des Lebens

Was genau das bedeutet, werden die nächsten Monate zeigen. Geplant ist eine Kombination aus Texten und Podcasts, in denen wir miteinander sprechen. »[Z]unächst muss man akzeptieren, dass Krebs ein Teil des Lebens ist.« – Robert Weinberg, Biologe und Entdecker des ersten Krebsgens »Ras« Vor und nach den Behandlungen, untereinander und mit anderen Menschen. Wir wollen über Leben und Tod, Sinn und Unsinn, Humor und Ernst, Angst und Hoffnung sprechen. Und natürlich vieles mehr. Es soll kein Ausspionieren sein, kein »hinter die Kulissen blicken«, sondern eine nahbare Darstellung eines Themas, mit dem fast jeder schon einmal in Berührung gekommen ist, aber trotzdem viele Missverständnisse herrschen, weil oft entweder beschönigt oder geschwiegen wird.

Vielleicht wird dieser Text niemals meinen Laptop verlassen. Denn während Christine gerade ihr zweites Ergebnis der Kontrolluntersuchung in Norddeutschland bekommt und erfährt, ob sie wirklich nicht operiert werden muss, bin ich 11 Stunden lang in einem Flugzeug gefangen auf dem Weg zu einer Konferenz in den USA. Heute Nacht um 1 Uhr deutscher Zeit werde ich mit leicht zittrigen Händen mein Handy anschalten und wieder auf eine Nachricht warten.

Ein Experiment für das Leben

Mein Handy blieb stumm, keine Nachricht und weitere Stunden bangen. Nach einigen wenigen Stunden unruhigen Schlafs im Hotelbett am anderen Ende der Welt lese ich dann, dass keine Operation notwendig ist und die Chemotherapie beginnen kann. Das ist eine gute Nachricht.

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Christine appelliert an unser Team.


Im Schnitt erkranken Diese Zahlen stammen aus dem aktuellen Bericht »Krebs in Deutschland« vom Robert Koch-Institut (2017) jede zweite Frau und jeder zweite Mann im Laufe ihres Lebens an Krebs; knapp 500.000 Menschen sind es aktuell in Deutschland jedes Jahr. Diese Zahlen aus dem Bericht von 2017, der an der Seite verlinkt ist, stammen aus den Jahren 2013 und 2014. Vor allem, weil die Bevölkerung immer älter wird, steigt diese Zahl weiter an: In den Jahren 2020–2030 wird die Anzahl an Neuerkrankungen schätzungsweise um 20% steigen. Die Heilungschancen sind je nach Krebsart sehr unterschiedlich und werden im Mittel immer besser.

Dieser Text ist der Auftakt zu einer neuen Themenreihe bei Perspective Daily. Wir wollen darüber sprechen, was Krebs und andere schwere Krankheiten mit einem Menschen machen, wie Therapien ablaufen und wie die Betroffenen damit umgehen. Wir möchten auch euch einladen, uns eure Erfahrungen, Ängste und Hoffnungen mitzuteilen. Lasst uns gemeinsam über Krebs sprechen, um ihm so einen Teil seines Schreckens zu nehmen!

Titelbild: Robin Schüttert - copyright

von Maren Urner 

Maren hat in Neurowissenschaften promoviert, weil sie unser Denkapparat so fasziniert. Die schlechte Nachricht: Wir sind weit davon entfernt, unser Gehirn zu verstehen. Die gute Nachricht: Unser Gehirn ist veränderbar, und zwar ein Leben lang. Wahrnehmungen, Gewohnheiten und Entscheidungen sind also offen für unsere (Lern)-Erfahrungen. Und damit auch für die Erkenntnis: Ich habe mich getäuscht!

Themen:  Psychologie   Gesundheit   Gesellschaft  

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