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Darum verlasse ich Facebook

Der Datenskandal muss Anlass sein, dass sich jeder Nutzer jetzt die Frage stellt: Überwiegen für mich die Vor- oder Nachteile von Facebook?

Kommentar - 5. April 2018  8 Minuten

Er ist also doch ins Wanken geraten: Facebook, der Titan sozialer Medien. Seit 3 Wochen betreibt der Konzern halbgares Krisenmanagement in einem der größten Datenskandale der Geschichte. Und die typischen Gegenstrategien wirken nicht mehr: Auf den Versuch, die Krise schweigend auszusitzen, folgt ein Aktieneinbruch um 20%. Der heftige Einbruch der Aktie erfolgte kurz nach Bekanntwerden des Datenskandals. Mittlerweile befindet sie sich wieder im Aufwärtstrend und der gesamte Einbruch reduziert sich damit auf knapp 13%. Für eine der beliebtesten Aktien der letzten Jahre dennoch eine Börsen-Katastrophe. Ein Milliardenschaden Nachdem der Datenskandal bekannt geworden war, schrumpfte der Börsenwert an nur einem Tag um 35 Milliarden Dollar. Facebook rutschte damit von Platz 5 auf Platz 6 der wertvollsten Wallstreet-Unternehmen (nach Apple, Amazon, der Google-Muttergesellschaft Alphabet, Microsoft und Warren Buffetts Holding Berkshire Hathaway). bei Investoren, Das Handelsblatt über abspringende Investoren bei Facebook (2018) die deshalb sogar klagen wollen.

Facebook, Inc. Common Stock –

Auch Mark Zuckerbergs Eingeständnis (»Das war eine große Sicherheitslücke«) kommt zu spät, zu getrieben daher. Paul Grewals offener Brief zeigt Facebooks Sicht der Dinge als Opfer von Lügen (englisch, 2018) Facebook schmollt in der Opferrolle und hat damit nicht verstanden, wo das Problem liegt. Namhafte Werbekunden wie die Commerzbank und der Browseranbieter Firefox dagegen schon – sie Facebooks wegbrechende Werbekunden als Nachricht bei Welt.de (2018) kündigen aus Protest die Zusammenarbeit. Die US-amerikanische Verbraucherschutzbehörde ermittelt, und der Facebook-Chef soll vor dem US-Kongress und Die rechtlichen Konsequenzen bei Netzpolitik.org (2018) in Brüssel zum »Missbrauch der Nutzerdaten« aussagen.

Du willst genau wissen, was passiert ist? Klicke hier für die Kurzzusammenfassung der Ereignisse bisher.

Das ist passiert: Durch die Recherche von Journalisten des britischen Whistleblower Christopher Wylies Informationen im Guardian (englisch, 2018) Guardian und der Die Recherche der New York Times zum Datenskandal (englisch, 2018) New York Times kam Mitte März heraus, dass das britische IT-Unternehmen Cambridge Analytica Cambridge Analytica ist ein 2013 gegründetes Tochterunternehmen des britischen Strategic Communications Laboratories von Alexander Nix. Sie wurde gegründet, um gezielt mit Dienstleistungen in die US-Innenpolitik einzusteigen. Finanziert wurde das Unternehmen unter anderem vom konservativen US-Milliardär Robert Mercer. Am Aufbau beteiligt war Trumps Chefstratege Steve Bannon, der später Vize-Präsident des Unternehmens wurde. Daten von 50 Millionen Facebook-Profilen nutzte, um den US-Wahlkampf im Jahr 2016 zu beeinflussen. Mit den Nutzerdaten wurden gezielt personalisierte Pro-Trump-Botschaften ausgeliefert, teilweise getarnt als vermeintlich unabhängige Informationen. Whistleblower Christopher Wylie bezeichnet dies als »Werkzeug der psychologischen Kriegsführung«. Ob die Kampagne tatsächlich Einfluss auf Unser Gastautor Daniel-C. Schmidt war während der US-Wahl in den USA unterwegs und analysiert die Wut, die zum Ergebnis geführt hat den knappen Ausgang der US-Präsidentschaftswahl hatte, ist bisher ungeklärt.

Woher kamen die Daten? Den Großteil der Nutzerdaten sammelte in den Jahren 2014–2015 die App »thisisyourdigitallife« von Aleksandr Kogan. Der Assistenzprofessor aus Cambridge gab gegenüber Facebook an, er wolle die Daten zu wissenschaftlichen Zwecken nutzen. Tatsächlich verkaufte er die Daten für rund 800.000 US-Dollar an Cambridge Analytica. Das ist schlicht illegal. Damit verletzte er wahrscheinlich die Plattform-Bestimmungen von Facebook zur Weitergabe von Daten an Dritte. Die Bezeichnung »Datenleck« in vielen Medien ist deshalb irreführend. Die Nutzer haben die Daten freiwillig hergegeben, und nur öffentliche Daten der Freunde wurden abgerufen. Ausgelesen und weiterverkauft wurden aber nicht nur die Daten der 270.000 Nutzer der App, sondern auch die Profile ihrer Facebook-Freunde – insgesamt 87 Millionen Nutzer. Darunter auch Die Nachricht zu den Zahlen über Deutsche ausspionierte Konten bei der Tagesschau. 310.000 Deutsche.

Was ist Facebooks Rolle dabei? Facebook wusste seit dem Jahr 2015 um den Datenskandal. Das Unternehmen sperrte den Zugang von Aleksandr Kogans Firma GSR und forderte Kogan und Cambridge Analytica auf, Was Facebook wusste und eingesteht in der Nachricht bei CBSnews (englisch, 2018) die gesammelten Daten zu löschen. Die Nutzer informierte Facebook aber nicht und überprüfte auch nicht, ob die Löschung wirklich umgesetzt wurde (was auch nicht passierte). Bei Facebook wollte man es wohl nicht allzu genau wissen; schließlich profitierte das Unternehmen von Drittanbieter-Apps wie »thisisyourdigitallife« mit 30% pro Verkauf im Store.

Facebooks verunsicherte Nutzer stehen nun vor der Frage, was sie tun sollen. Umfragen zeigen: Rund die Hälfte der US-Nutzer denkt zumindest darüber nach, Eine US-Befragung zum Effekt des Datenskandals auf die Facebook-Nutzung (englisch, 2018) Facebook weniger zu nutzen. 8% wollen dem Netzwerk ganz den Rücken kehren.

Ich bin einer von denen, die jetzt einen Schlussstrich ziehen. Das muss nicht jeder so machen – aber jeder sollte sich aktiv entscheiden, ob Facebook für ihn persönlich mehr Nutzen oder Schaden bringt.

Mit Illustrationen von Tobias Kaiser für Perspective Daily

von Dirk Walbrühl 

Dirk ist ein Internetbewohner der ersten Generation. Ihn faszinieren die Möglichkeiten und die noch junge Kultur der digitalen Welt, mit all ihren Fallstricken. Als Germanist ist er sich sicher: Was wir heute posten und chatten, formt das, was wir morgen sein werden. Die Schnittstellen zu unserer Zukunft sind online.

Themen:  Internet   Psychologie  

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