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Sieht so das beste Land der Welt aus?

6. April 2018
Themen:

In keinem Land leben die Menschen so gut und trotzdem in Einklang mit der Natur wie hier – sagt die Wissenschaft. Ich habe mir Sri Lanka angesehen.



Obwohl wir zu zweit im Regenwald unterwegs sind, haben wir nur eine einzige Taschenlampe dabei, um die großen Pfützen auf dem Matschweg aufzuspüren. Ranil, unser Gastgeber, hält sie in der Hand und geht so schnell voran, dass ich kaum Schritt halten kann, ohne nasse Füße zu bekommen. Abseits des Lichtkegels ist es stockfinster in diesem Teil von Sri Lanka.

Gegen die dichten Baumkronen ist der Mond chancenlos. In der Dunkelheit sind meine Ohren besonders empfindlich für das Zirpen der Grillen, das Kreischen der Vögel und das Geschrei der Affen. Plötzlich bleibt Ranil stehen und zeigt auf ein paar Steinblöcke, die am Wegesrand im Gras liegen: »Siehst du die eingestürzte Mauer? Die hat mein Schwiegervater schon 3-mal wieder aufgebaut, aber die Elefanten reißen sie immer wieder sein.« Ob die Elefanten seinen Schwiegervater angegriffen haben? »Nein, hier verläuft einfach ihr Weg, den nehmen sie immer. Jetzt lassen wir das so, seitdem gibt es keine Probleme mehr.«

Wenn sich die Wege von Natur und Menschen kreuzen, kommt es zu Konflikten. Das Bemerkenswerte in Sri Lanka ist aber, dass die Menschen die Natur gewähren lassen – und damit erstaunlich gut fahren.

Elefanten und Menschen leben in Sri Lanka eng aufeinander. Meistens geht es gut, doch auf beiden Seiten gibt es auch immer wieder Todesopfer. – Quelle: Nicole de Vries

Wo liegt das »perfekte Land«?

Im Frühjahr 2018 haben Wissenschaftler in einer Hier geht es zur Studie (englisch, 2018) Studie untersucht, ob es für den Menschen überhaupt möglich ist, in Einklang mit der Natur zu leben. Um der Antwort näher zu kommen, haben sie sich auf unserem Globus umgesehen: Gibt es ein Land, in dem die Menschen frei, satt und zufrieden sind, ohne sich auf Pump bei der Umwelt zu bedienen? Das Ergebnis ist wenig überraschend:

Als wir loslegten, dachten wir schon irgendwie, dass von 150 verschiedenen Ländern bestimmt ein Leuchtturm dabei wäre. Den haben wir aber nicht gefunden. – Daniel O’Neill, Leiter der Studie

Kein Land bietet auch nur annähernd optimale Lebensumstände, ohne dem Planeten heftig zuzusetzen. 2 Länder stechen dennoch positiv heraus: Sri Lanka und Deutschland.

Auf meiner Reise durch Sri Lanka erfahre ich von einer Tragödie: Im Frühjahr 2017 geriet ein Plastikberg nach langen Regenfällen ins Rutschen und begrub Darüber berichteten verschiedene Medien, zum Beispiel die DailyMail (englisch, 2017) 32 Menschen unter sich. Die Regierung reagierte, nur wenige Monate später trat ein landesweites Plastikverbot in Kraft. Wer heute Einwegtüten oder Geschirr und Essensboxen aus Styropor herstellt oder nutzt, muss laut Gesetz mit 66 US-Dollar Geldstrafe und bis zu 2 Jahren Gefängnis rechnen.

Ein Plastikberg begrub 32 Menschen unter sich.Am Straßenrand liegt heute tatsächlich auffällig wenig Müll herum, gerade im Inneren des Landes, in der Nähe der Naturschutzreservate, wo die Elefanten leben. Doch so richtig konsequent scheint das Verbot nicht umgesetzt zu werden: Die Mini-Bananen und Ananas, die ich am Straßenrand kaufe, werden mir immer in einer Tüte überreicht – ob die jetzt biologisch abbaubar ist? Die Strohhalme, die in jeder Kokosnuss stecken, sind es sicher nicht.

Trotz solcher Mängel kann Sri Lanka stolz sein auf fortschrittliche Umweltgesetze, von denen Umweltschützer im Rest der Welt träumen. Ihr Architekt ist Präsident Maithripala Sirisena, der sich seit seinem Amtsantritt für Umweltschutz und gegen Korruption einsetzt. Er nutzte die Aufregung der Müll-Katastrophe und setzte das lange angestrebte Plastikverbot um.

Diese 11 Errungenschaften machen ein »gutes Leben« aus

Um das »gute Leben« vergleichen zu können, haben die Wissenschaftler 11 messbare Soziale Errungenschaften festgelegt, die ein Land für seine Bürger bereithalten sollte, um sie beim Erreichen dieses »guten Lebens« zu unterstützen:

  1. Zufriedenheit: Die Bürger müssen auf einer Hier geht’s zum World Happiness Report 2018 (englisch, 2018) Skala (1–10 Punkte) im Schnitt mindestens 6,5 Punkte angeben.

  2. Lebenserwartung: Diese interaktive Weltkarte zeigt die Lebenserwartung in den Ländern (englisch) Kinder müssen bei der Geburt im Schnitt mit über 65 gesunden Lebensjahren rechnen können.

    Kleiner als Bayern, aber über 1.300 Kilometer Küste: In Sri Lanka stehen Fisch und Meeresfrüchte fast überall auf der Speisekarte. – Quelle: Felix Austen

  3. Ernährung: Den Menschen müssen im Schnitt über 2.700 Kilokalorien Nahrung am Tag zur Verfügung stehen.

  4. Hygiene: Über 95% der Bevölkerung muss Zugang zu Sanitäranlagen im Ländervergleich (englisch) Zugang zu grundlegenden Sanitäranlagen, also im Wesentlichen ordentlichen Toiletten haben.

  5. Einkommen: Über 95% der Bevölkerung müssen mehr als 1,90 US-Dollar am Tag zur Verfügung haben.

  6. Energie: Über 95% der Bevölkerung hat Zugang zu Strom.

  7. Bildung: Über 95% der Kinder im entsprechenden Alter erhalten eine sekundäre Bildung, besuchen also nach der Grundschule eine weiterführende Schule.

  8. Sozialer Rückhalt: 90% der Menschen haben Freunde und Familienmitglieder, auf die sie sich verlassen können.

  9. Demokratische Mitbestimmung: Das Land muss auf einer speziellen Skala (−2,5 bis +2,5) mindestens eine 0,8 erreichen – etwa der Wert, den die britische und die amerikanische Peter Dörrie macht eine globale Bestandsaufnahme der Demokratie Demokratie aufweisen.

  10. Gleichheit: Das Land muss einen Wert auf der Gini-Skala von unter 30% haben. Deutschlands Wert lag im Jahr 2016 bei Die Gini-Werte europäischer Länder (englisch) 29,5%.

  11. Beschäftigung: Das Land darf höchstens 6% Arbeitslosigkeit haben.

Je mehr dieser Punkte ein Land also erreicht, desto eher ist ein »gutes Leben« hier möglich.

Einer der Bereiche, in denen Sri Lanka sehr gut abschneidet, ist mit durchschnittlich Kurzinfo der Vereinten Nationen zum Entwicklungsstand Sri Lankas (englisch) 10,9 Schuljahren die Bildung. Diesen Wert erreichte auch Deutschland erst in den frühen 2000er-Jahren.

Ob auf Teeplantagen oder in buddhistischen Tempelanlagen: Die penibel uniformierten Schulklassen sind überall unterwegs, wo es etwas zu sehen gibt. »Pen, pen, pen!«, rufen uns die Kinder hinterher, die auf die Straße gerannt kommen, sobald sich die Nachricht von den Touristen an der Hauptstraße – also uns – zu ihnen herumgesprochen hat. Wir rätseln, was sie wollen; bis uns jemand erklärt, dass sie nach Stiften fragen, ein gängiges Geschenk von Reisenden für einheimische Kinder. Also besorgen wir uns am nächsten Trödelladen eine Großpackung gelber Bleistifte und sind ab sofort gerüstet.

Die Kolonialstadt Galle (sprich: Gol) ist ein beliebtes Ziel für Schulausflüge. – Quelle: Lisa Austen

7 planetare Grenzen für einen »gesunden Planeten«

In ähnlicher Weise wie bei den Sozialen Errungenschaften haben die Wissenschaftler 7 messbare Planetare Grenzen definiert, innerhalb derer ein Land wirtschaften kann, ohne dass wichtige natürliche Systeme aus den Fugen geraten – quasi die wissenschaftliche Variante vom »Einklang mit der Natur«.

Ausgehend von diesen Grenzen ergibt sich für jeden Einzelnen ein bestimmtes Kontingent – aus dem 2-Grad-Limit von Paris Wissenschaftler sind sich einig: Wir sollten die Erderwärmung auf maximal 2° Celsius im Vergleich zum Klima vor Beginn der Industrialisierung begrenzen, um katastrophale Folgen einzudämmen – noch besser wären maximal 1,5° Celsius. Hier (englisch) erklärt zum Beispiel die Weltbank, warum. Alle beschlossenen Maßnahmen stehen unter einer Unwirksamkeitsklausel: Wenn wir sie befolgen, ist es nur zu einem veränderlichen Prozentsatz sicher, ob die Maßnahmen wirklich zum angestrebten Klimaziel führen. etwa ein bestimmtes CO2-Kontingent pro Kopf und Jahr:

  1. CO2-Emissionen: Die Einwohner dürfen pro Kopf im Schnitt höchstens 1,61 Tonnen CO2 im Jahr verursachen.

  2. Phosphor-Verbrauch: Je Einwohner dürfen pro Jahr höchstens 0,89 Kilogramm Phosphor zur Düngung verbraucht werden.

  3. Stickstoff-Kreislauf: Je Einwohner dürfen im Jahr nicht mehr als 8,9 Kilogramm Stickstoff als Dünger auf den Feldern ausgebracht werden.

  4. Frischwasser-Verbrauch: Jeder Bewohner darf höchstens 574 Kubikmeter Frischwasser im Jahr verbrauchen.

  5. Biomasse: Unter dem sperrigen Akronym eHANPP fassen die Wissenschaftler den Verbrauch von Biomasse zusammen, sei es durch Feld-Ernten, Holzschlag oder etwa Beifang auf See. Davon sollte eine Person nicht mehr als 2,62 Tonnen Kohlenstoff im Jahr verbrauchen.

  6. Ökologischer Fußabdruck: Der ökologische Fußabdruck verbindet verschiedene Größen wie den Ausstoß von Treibhausgasen sowie den Wasserverbrauch.

  7. Rohstoff-Fußabdruck: Der Rohstoff-Fußabdruck enthält zum Beispiel den Verbrauch von Baumaterialien und fossilen Brennstoffen.

Je mehr Punkte ein Land auf dieser zweiten Skala hat, desto mehr Planetare Grenzen hat es überschritten. Und desto stärker zerstört es den Planeten.

Sri Lanka überschreitet keine dieser Grenzen; woran das liegt, ist im Land an vielen Orten zu sehen. Zum Beispiel am Verkehr.

Die britische Kolonialmacht hat dem Land ein Eisenbahnnetz hinterlassen. Für weniger als einen Euro schleppen uns die Dieselloks stundenlang im Schritttempo durch die hügelige Landschaft. Die Waggons sind voll besetzt, zunächst stehen wir dicht gedrängt, später ergattern wir einen Sitzplatz auf dem Boden. Wir lassen die Beine aus den offenen Türen baumeln, draußen sehen wir Büffelherden und steile Teefelder. Das Straßennetz hingegen ist vergleichsweise dünn, Fahrräder, Roller, kleine Lastwagen und Busse bestimmen das Bild. PKW sind die Ausnahme.

Im Zug von Galle in die Hauptstadt Colombo. – Quelle: Felix Austen

Gäbe es das »perfekte Land«, hätte es 11 Punkte auf der Errungenschaften-Skala und 0 auf der Skala der Planetaren Grenzen. Diesen Leuchtturm gibt es nicht. Das zeigt die Studie deutlich. Aber:

  • Kein Land erreicht alle 11 Sozialen Errungenschaften und überschreitet dabei so wenige Planetare Grenzen Die beiden Bereiche, in denen wir Deutschen nicht über unsere Verhältnisse leben, sind der Frischwasserverbrauch und der Verbrauch von Biomasse. wie Deutschland (5).

  • Und kein Land überschreitet keine einzige Planetare Grenze und verfügt zugleich über so viele Soziale Errungenschaften wie Sri Lanka (3).

Quelle: Daniel O'Neill

Was andere Länder von Sri Lanka lernen können

»We don’t inherit the earth from our ancestors, we borrow it from our children.« Zu Deutsch: »Wir erben die Erde nicht von unseren Vorfahren, sondern leihen sie von unseren Kindern.«

In schwarzen, vom Regen verwaschenen Buchstaben steht der Satz auf einer niedrigen Mauer im Hochland von Sri Lanka. Die Steine stützen die Terrassenfelder, auf denen hier auf gut 1.400 Metern Höhe Frauen seit gut 130 Jahren die kräftig grünen Aus den Blättern der Teepflanze werden sowohl Weißer, Grüner, als auch Schwarzer Tee hergestellt. Je jünger und heller die Blätter sind, desto hochwertiger, feiner und teurer ist der Tee. Teeblätter von den Zweigen zupfen. Die Straße, von der aus der Satz zu lesen ist, schlängelt sich an den Hängen entlang und zwischen den Teefeldern hindurch zur Lipton-Teefabrik. Diese hat Sir Thomas Lipton im Jahr 1890 gebaut, sie ist der Grundstein des heutigen Tee-Imperiums mit dem gelb-roten Logo. Bis heute ist Sri Lanka der viertgrößte Teeproduzent der Welt, rund 300.000 Tonnen werden im Jahr exportiert. Bei uns sind die Produkte überwiegend als schwarzer Ceylon-Tee bekannt.

Die Medien in Sri Lanka berichten darüber (englisch, 2017) Seit Jahren versucht der amtierende Präsident, den Verbrauch künstlicher Dünger und Pestizide zu reduzieren. Dafür wurden Glyphosat und andere Herbizide verboten und er ersetzte die Verteilung von Düngemitteln durch finanzielle Hilfen. Damit sollten die Bauern noch immer Dünger kaufen können, das Geld alternativ aber auch in ökologische Landwirtschaft stecken können. Doch die Umstellung gelang nicht so reibungslos, es kam zu Ernteausfällen.

Sri Lanka ist heute der viertgrößte Tee-Exporteur der Welt. Als Ceylon-Tee steht er auch in unseren Supermarktregalen. – Quelle: Nicole de Vries

Dass Sri Lanka so umweltfreundlich wirtschaftet, ist jedoch nicht in erster Linie Verdienst seiner Politik, sondern auch der wirtschaftlichen Lage. Die meisten Entwicklungsländer, zu denen Sri Lanka mit einem Pro-Kopf-Einkommen von gut 3.800 US-Dollar nach wie vor zählt, haben schlicht nicht die Möglichkeiten, die Natur so stark zu ihren Gunsten zu beeinflussen.

Generell ist die soziale Performance am engsten an die CO2-Emissionen sowie den Rohstoff-Fußabdruck und am wenigsten eng an den Verbrauch von Biomasse gekoppelt. – Aus der Studie »Ein gutes Leben für alle innerhalb der Planetaren Grenzen«

Die Leistung ist es eher, dass das Land trotz seiner relativen Armut erstaunlich gute Bedingungen für seine Einwohner geschaffen hat – ein starker Kompromiss im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten.

Hier geht’s zu den genauen Länder-Daten der Studie Sowohl beim Einkommen, der Bildung und der Arbeitslosigkeit überschreitet Sri Lanka die Messlatte; auch was die Lebenserwartung, den Sozialen Rückhalt, die Hygiene und den Zugang zu Energie angeht, verfehlt es die Ziele nur sehr knapp und könnte sie schon bald erreichen.

Die besondere Rolle Deutschlands in der Studie zeigt, dass es ein nachhaltiges Leben mit deutschem Standard nicht gibt: Obwohl Deutschland Spitzenreiter ist, lebt es in fast allen Bereichen über seine Verhältnisse. Gerade deshalb ist es wichtig, ein Land wie Sri Lanka als Vorbild für andere wenig entwickelte Länder zu haben, die Verbesserungen herbeisehnen. Es zeigt: Ein ziemlich »Gutes Leben« ist möglich, auch in »Einklang mit der Natur«.

Weitere Informationen zu dieser Förderung findest du hier!

Titelbild: Nicole de Vries - copyright

 

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