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Ist Gewalt männlich?

Ja! Aber das Problem sind nicht die Männer – sondern unsere Erwartungen an sie. So können wir sie verändern, um der Gewalt Herr zu werden.

10. April 2018  13 Minuten

Jungs weinen nicht und Männer weinen heimlich. Männer kaufen Frauen, stehen ständig unter Strom, sind außen hart und innen ganz weich. Sie haben Muskeln und sind furchtbar stark. Hast du die Zeilen direkt erkannt? Die erste Aussage ist die Übersetzung des bekannten Songs »Boys Don’t Cry« von The Cure, und was folgt, sind Zitate aus dem Lied »Männer« von Herbert Grönemeyer.

Laut Schätzungen leben die meisten Menschen dieser Welt In »The Creation of Patriarchy« beschreibt Historikerin Gerda Lerner den Ursprung der patriarchischen Gesellschaften (englisch, 1987) seit 10.000 Jahren in Gesellschaften, die zum größten Teil von Männern geprägt werden. Starken Männern, die kämpfen und beschützen, die ihr Leben für Land und Leute riskieren und sich von nichts einschüchtern lassen. Das nennen wir Patriarchat Der Begriff Patriarch hat seinen Ursprung im Altgriechischen und bedeutet so viel wie »Erster unter den Vätern«, »Stammesführer« oder »Führer des Vaterlandes«. Im Griechischen steht »arché« für Macht und Herrschaft sowie Beginn und Anfang. – und das hat eine ganze Menge Nebenwirkungen.

»Wann ist ein Mann ein Mann?« – »Männer« von Herbert Grönemeyer (1984)

Allen voran Unterdrückung und Gewalt, vor allem von Männern gegenüber Frauen, aber auch von Männern gegen andere Männer und sich selbst. Diese 3 Formen der Gewalt nennt der Politikwissenschaftler und Autor Michael Kaufman »Triade der Gewalt«. Mehr dazu findest du hier (englisch). Sämtliche Statistiken zeigen: Die große Mehrheit aller verurteilten Straftäter, Mörder und Vergewaltiger sind Männer. Eine Auswahl aus meinem letzten Artikel zum Thema »Mansplaining«: (dort findest du auch sämtliche Quellen)

(Häusliche) Gewalt: Alle 9 Sekunden wird in den USA eine Frau verprügelt. In Deutschland sind mehr als 80% aller Tatverdächtigen für Körperverletzung männlich. Generell ist häusliche Gewalt der häufigste Grund für Verletzungen von Frauen. Und der Täter ist – nicht immer, aber am häufigsten – der Partner.

Mord: Knapp 90% aller Mörder in Deutschland sind männlich – weltweit sind durchschnittlich 95% aller verurteilten Mörder männlich, die größte Gruppe im Alter von 15–29 Jahren. Bei 98% aller 134 »Mass Shootings« in den USA seit 1966 waren die Schützen männlich.

Straftaten: Die erwachsenen Insassen in deutschen Gefängnissen sind zu knapp 95% männlich, in anderen Ländern sieht es ähnlich aus. Und auch wenn es am Haftsystem (besonders in den USA) heftige und berechtigte Kritik gibt, müssen wir uns als Gesellschaft fragen: Wie viel Gewalt wollen wir akzeptieren? Ab wann sperren wir Gewalttäter wie lange weg?

Vergewaltigungen: Mehr als jede zehnte Frau gibt bei einer EU-weiten Umfrage an, mindestens einmal Opfer sexueller Gewalt gewesen zu sein. In den USA wird alle 4,2 Minuten eine Vergewaltigung gemeldet, Tendenz steigend. Während Indien »offiziell« als Land mit niedriger Vergewaltigungsrate gilt, gehen Schätzungen davon aus, dass nur 5–6% aller Fälle gemeldet werden. Erst in naher Vergangenheit haben #Aufschrei und vor allem #MeToo das Thema so salonfähig gemacht, dass sich Hollywood-Schauspielerinnen zur Seite stehen statt zu schweigen. Bekannt wurde so auch der Fall eines Sportarztes, der wegen sexueller Straftaten an mindestens 40 Sportlerinnen zu bis zu 175 Jahren Haft verurteilt wurde.
Statt aber darüber zu diskutieren oder gar zu streiten, ob Menschen mit Penis und Hoden eine besonders hohe Gewaltbereitschaft haben, sollten wir ganz einfach die Frage stellen: Wie reduzieren wir als Gesellschaft am effektivsten Gewalt?

Und siehe da: Im afrikanischen Kenia zeigen Menschen, wie schnell wir jahrtausendalte archaische Vorstellungen von Frau und Mann zumindest Website der Organisation »No Means No Worldwide«, die Trainingsprogramme gegen Vergewaltigung entwickelt und umsetzt teilweise neu definieren können. Und so innerhalb weniger Wochen die Gewaltbereitschaft senken und Meine Bilder, deine Bilder – Juliane Metzker schreibt hier über das Fremde im Kopf festgefahrene Stereotypen neu besetzen: Vor dem Programm fanden es die meisten der teilnehmenden Jungs in Ordnung, Mädchen zu vergewaltigen, die sie auf ein teures Date eingeladen haben, die Minirock tragen Erste gut kontrollierte Studie zur Wirksamkeit des Trainingsprogramms von »No Means No Worldwide« (englisch, 2016) oder nachts allein unterwegs sind. Nach 6 Doppelstunden voller Rollenspiele und Diskussionen »No Means No Worldwide« hat unterschiedliche Programme für Mädchen (»IMPower«) und Jungs (»50:50«) entwickelt. Bei beiden gibt es nur wenig Frontalunterricht und der Schwerpunkt liegt auf Sprachspielen, Rollenspielen und körperlichem Training (bei den Mädchen zur Selbstverteidigung, bei den Jungs zum Eingreifen, wenn sie Gewalt gegen Frauen beobachten). Bei den Jungs geht es außerdem darum, einen positiven Männlichkeitsbegriff zu prägen. sehen sie das ganz anders. Dabei kommen wir auch um eine Neudefinition der Vaterrolle nicht herum.

Meine Frage ist: Widerspricht jemand – egal ob mit oder ohne Penis – der Aussage, dass von einer gewaltfreieren Gesellschaft alle profitieren würden?

Die Sache mit der Logik

Nachdem ich vor einigen Wochen in Mein Artikel zum Phänomen des Mansplaining sorgte bei Perspective Daily für einen Diskussions-Rekord meinem Artikel zum Thema Mansplaining darauf verwiesen hatte, dass die meisten Gewalttaten von Männern ausgeübt werden, brach eine Flut entrüsteter Kommentare auf mich ein. Mir wurde nicht nur vorgeworfen, einseitige Meinungsmache zu betrieben; ich wurde auch beleidigt, diffamiert und sogar bedroht. Abseits von persönlichen Angriffen steckte im Kern der Reaktionen vor allem eine Aussage: »Aber nicht alle Männer!«

Das stimmt! Und das hatte ich auch nicht nahegelegt, sondern mehrmals genau darauf verwiesen, dass die meisten Männer nicht gewalttätig sind. Schnell wurde mir klar, dass Fast war ich ein wenig erleichtert, zu lesen, dass dieses Abwehr-Mantra existiert (englisch, 2014)) »Aber nicht alle Männer!« eine Art Abwehr-Mantra ist. Und das schon viel länger als seit der #MeToo-Debatte. So sorgte schon im Jahr 2014 nach dem Amoklauf von Isla Vista Der damals 22-jährige Amerikaner Elliot Rodger erschoss am 23. Mai 2014 in Santa Barbara, Kalifornien, 6 Menschen und sich selbst, 13 weitere wurden verletzt. Auf 141 Seiten, die er im Vorfeld an sein Umfeld verschickt hatte, erklärte er Frauen den Krieg und griff mehrere Studentinnenverbindungen an. Seine Begründung: Die Frauen hätten ihm Sex entzogen. Der Täter war seit dem Kindesalter in psychiatrischer Behandlung, hatte aber bereits mehrere Jahre vor dem Amoklauf die Einnahme von Psychopharmaka verweigert. ein Hashtag auf eben diese Standardantwort für internationales Aufsehen: Artikel beim New Yorker zu #YesAllWomen (englisch, 2014) #YesAllWomen – also: »Ja, alle Frauen!«

Die meisten Frauen und Mädchen leben mit der Angst vor Vergewaltigung. Männer in der Regel nicht. So fungiert Vergewaltigung als ein mächtiges Mittel, das die gesamte weibliche Bevölkerung der gesamten männlichen Bevölkerung unterordnet. Auch wenn viele Männer niemanden vergewaltigen und viele Frauen niemals Opfer einer Vergewaltigung werden. Hier geht es zur englischen Definition der »Rape Culture« Definition der sogenannten »Vergewaltigungs-Kultur«

Gerade weil das Thema uns alle Wie schnell uns »die Anderen« egal sind, erfährst du in diesem Artikel von Han Langeslag und mir so klar in 2 Gruppen – Männer und Frauen – teilt, ist es so emotional. Dabei gehen dann auch schon einmal ein paar Dinge durcheinander. So auch in den Reaktionen auf meinen Artikel, in denen teilweise logisch falsche Schlüsse gezogen wurden. Wie wir Studienergebnisse schnell verstehen, habe ich hier – anhand von Pornos – schon mal beschrieben Die beiden häufigsten dabei waren diese:

Deduktion: Die Deduktion ist ein wichtiges Werkzeug der Logik und Philosophie. Dabei werden aufgrund von bestimmten Voraussetzungen (auch Prämissen genannt) logische Schlüsse gezogen. Es wird also vom Allgemeinen auf Einzelfälle geschlossen bzw. eine zugrundeliegende Theorie empirisch getestet. Der andere Weg – von der Empirie zur Theorie, also von der Beobachtung zur Formung einer allgemeinen Gültigkeit, wird als Induktion bezeichnet. Offensichtlich besitzt [die Aussage ›Gewalt ist männlich‹] allein kaum Erklärungskraft, denn sonst wären alle, die das Merkmal ›männlich‹ tragen, betroffen. – Leserkommentar auf meinen Artikel zum Mansplaining

Falsch! Und das ist vielleicht der häufigste Logikfehler, den Menschen gern machen. Denn auch wenn eine Aussage wie »Alle Wale sind Säugetiere« korrekt ist, stimmt der Umkehrschluss nicht zwangsläufig; jeder weiß, dass die Aussage »Alle Säugetiere sind Wale« falsch ist. Auf Männer und Gewalt bezogen: Nur weil Gewalt meist männlich ist, sind nicht alle Männer meistens gewalttätig.

Monokausalität: Ein kausaler Einfluss ist ein ursächlicher Einfluss. Sprich: Eine Sache bedingt eine andere und geht damit über eine Korrelation hinaus (eine Korrelation kann kausal sein, muss es aber nicht). Gibt es nur einen einzigen Faktor bzw. eine Ursache, die eine Sache bedingt, sprechen wir von Monokausalität. Was ist die Konsequenz der Aussage ›Die meisten Gewalttaten werden von Männern begangen‹? Schließlich ist der Umkehrschluss, dass alle Männer gewalttätig seien, nicht zulässig. Gerade das ist aber doch die entscheidende Bedingung, wenn wir gesellschaftliche Konsequenzen diskutieren wollen, oder nicht? – Leserkommentar auf meinen Artikel zum Mansplaining

Nein, ist es nicht! Auch wenn wir es uns häufig wünschen, sind die meisten Zusammenhänge im Leben nicht monokausal, sprich: Sie hängen nicht allein von einer Zutat ab und wir können keine Aussage à la »Wenn ich mich gesund ernähre, werde ich nicht krank« oder »Wenn jemand männlich ist, wird er gewalttätig« treffen. Stattdessen können wir aber – im ersten Schritt der Analyse – feststellen, dass die Eigenschaft »Mann-Sein« ein starker »Prädiktor« Damit ist in der Statistik die unabhängige (oder auch Prädiktor-)Variable gemeint. Im Rahmen einer Studie wird sie von der Wissenschaftlerin unterschiedlich gewählt und dann wird untersucht, welche Auswirkungen das auf die untersuchte (auch abhängige) Variable hat. ist, wenn es um die Frage geht, ob jemand gewalttätig wird.

Angenommen, wir sollten aus einer Gruppe von 10 Menschen aus 5 Männern und 5 Frauen blind den einen Gewalttäter herausfischen, dann steigern wir unsere Erfolgschancen enorm, wenn wir einen Mann wählen. Weil fast 100% der Gewalttäter Männer sind, kommt die Eigenschaft, Mann zu sein, der sogenannten notwendigen Bedingung sehr nahe, ist in jedem Fall aber nicht hinreichend.

Und genau jetzt wird es spannend, weil es um die Frage geht: Welche Faktoren begünstigen Gewalt außerdem?

Die Sache mit den jungen Wilden

Egal auf welche Kriminalstatistik wir schauen: In jeder Gesellschaft sind Die gute Nachricht: Immer weniger Jugendliche geraten auf die schiefe Bahn vor allem junge Menschen kriminell. In der Pubertät werden Grenzen getestet – auch die des Gesetzes. Gerade Delikte mit Körperverletzung haben unter 18–21-Jährigen ihren Höhepunkt, während zum Beispiel Wirtschaftskriminalität bei den 50–60-Jährigen am höchsten ist.

Kriminalität ist auch eine Frage des Alters – bei Männern und Frauen

Prozentuale Anteile der Tatverdächtigen in Deutschland innerhalb ihrer Alters- und Geschlechtergruppe. Während Mädchen früher am kriminellsten sind (14–16 Jahre), liegt der Höhepunkt bei Männern im Alter von 18–21 Jahren.

Quelle: BMI und BPB

Klar ist also: Die meisten Gewalttäter sind nicht nur männlich, sondern auch jung.

Ist Gewalt also vor allem eine Frage der Biologie? Wenn junge Männer während ihrer Entwicklung einem bestimmten Hormoncocktail ausgesetzt sind, braucht es nicht mehr viel, damit sie um sich schlagen? Die meisten denken an dieser Stelle sicher an das »männliche Hormon« Testosteron, Auch wenn Testosteron gern als Männerhormon und Östrogen als Frauenhormon bezeichnet wird, haben alle Menschen beide Hormone – allerdings in sehr unterschiedlicher Konzentration. Während Männer pro Tag ca. 6–8 Milligramm Testosteron produzieren, kommen Frauen im Schnitt auf 0,5 Milligramm. das aufgrund einseitiger Presse einen schlechten Ruf hat. Ja, Studien mit Tieren haben gezeigt, dass Testosteron aggressives Verhalten fördert. Mit Blick auf uns Menschen ist eine solche Kausalität aber falsch.

Vielmehr legen die Ergebnisse mit menschlichen Versuchsteilnehmern nahe, dass die Gabe von Testosteron – bei Frauen und Männern Hier geht es zur Studie mit Frauen (englisch, 2010) und hier zu der mit Männern (englisch, 2016). – auch faires Verhalten fördern kann. Das Hormon scheint eher dafür zu sorgen, dass wir unseren Status sichern wollen, und das geschieht im Gegensatz zu anderen Tieren beim Menschen eben nicht immer über Gewalt, sondern auch über pro-soziales Verhalten. Zur Frage der schlechten Presse und dem geschädigten Ruf von Testosteron: Erhalten Versuchsteilnehmer ein Placebo auf dem aber »Testosteron« steht, verhalten sie sich aggressiver. Einfach weil in unseren Köpfen die Assoziation vorherrscht: Testosteron macht aggressiv. Mehr zum Thema Placebos, findest du in meinem Artikel hier.

Wenn Jungs also nicht »von Natur aus« aggressiv und gewalttätig sind, bleibt die Frage: Warum werden einige junge Männer gewalttätig – und andere nicht?

Dafür müssen wir zwischen 2 Dingen unterscheiden, die wir häufig in einen Topf werfen.

Die Sache mit der toxischen Maskulinität

»Ich verstecke die Tränen in meinen Augen, weil Jungs nicht weinen.« – »Boys Don’t Cry« von The Cure (1979)

Mann sein und Männlichkeit. Im Englischen ist die Unterscheidung deutlicher: »Masculinity« steht für »Männlichkeit« und »maleness« bezieht sich ausschließlich auf das männliche Geschlecht, also Menschen mit Penis und Hoden – beide Begriffe werden im Deutschen aber häufig mit »Männlichkeit« übersetzt. Ersteres bezieht sich auf das sexuelle Geschlecht und meint einfach alle Menschen mit Penis und Hoden. Die Sache mit der Männlichkeit ist viel komplizierter, denn sie ist ein gesellschaftliches Konstrukt. Stark sollen Männer sein, die Familie ernähren, niemals Angst haben, einen bestimmten Körper haben – die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Auch wenn je nach Land und Leuten Männlichkeit ein wenig anders definiert sein mag, haben die meisten Menschen eine deutliche Vorstellung davon, was »männlich« ist. Diese Vorstellungen sind quasi die DNA unserer patriarchischen Gesellschaften, in denen die Mächtigen eben diese männlichen Eigenschaften verkörpern – egal ob Mann oder Frau. Und hier beginnt das Paradox, das es aufzulösen gilt und ein wichtiges Puzzleteil der Antwort auf die Frage ist: Der Politikwissenschaftler Peter Döge zeigt in seiner »Männerstudie«, dass vor allem Kindheitserfahrungen und die aktuelle Lebenszufriedenheit das Gewalthandeln beeinflussen (2013) Woher kommt die Gewalt?

Die erste wichtige Erkenntnis dazu finden wir in anthropologischen Untersuchungen. Diese zeigen, dass Gewalt vor allem in patriarchischen, ungleichen Gesellschaften verbreitet war. Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind, beschreiben Richard Wilkinson und Kate Pickett in diesem Buch (2016) Dort war sie Mittel zum Machterhalt.

Männerdominierte Gesellschaften basieren nicht nur auf einer Hierarchie von Männern über Frauen, sondern auch auf einer von einigen Männern über andere Männer. Gewalt oder angedrohte Gewalt ist ein Mechanismus, den sie seit der Kindheit nutzen, um diese Hackordnung herzustellen. – Michael Kaufman, Politikwissenschaftler, Autor und Aktivist für Geschlechtergerechtigkeit

In Studie zum Zusammenhang von Ungleichheit und sexueller Gewalt (englisch, 2013) Gesellschaften mit niedriger Ungleichheit gibt es viel weniger Gewalt. Bei der Frage nach den Gründen für Gewalt geht es also weniger um Was Frauen und Männer eint und trennt, habe ich hier mit Juliane Metzker zum Weltfrauentag aufgeschrieben die Anwesenheit von Männern und deren Biologie – denn Männer gab es natürlich in allen Gesellschaften – als um Machtfragen und das Ausmaß an Ungleichheit.

Soweit, so gut – aber warum soll das ein Paradox sein? Weil es eben diese Ungleichheit ist, die nicht nur Frauen und andere Minderheiten unterdrückt, sondern auch für die Männer dieser Welt eine ausweglose Situation schafft. Während einige wenige – und die Betonung liegt hier auf wenige – Männer in patriarchischen Gesellschaften Gewalt anwenden, um ihre Machtansprüche zu halten, kann kein Junge oder Mann – egal wie sehr er sich bemüht und abrackert – der langen Liste von Erwartungen an seine Männlichkeit gerecht werden. Er ist per Definition zum Scheitern verurteilt, weil kein Mensch immer »groß und stark« sein kann. Gewalt wird für einige dann Mittel zum Zweck und ist der Versuch, sich und anderen zu beweisen: Diese Studie zeigt, dass das eigene Männerbild mit der Einstellung zu Gewalt verknüpft ist (englisch, 2016) Ich bin ein »richtiger Mann«!

»Es ist keine Übertreibung, zu sagen, dass unsere Vorstellung von Männlichkeit buchstäblich Menschen tötet.« – Jennifer Siebel Newsom, Regisseurin von »The Mask You Live In«

Und wie so ein »richtiger Mann« aussieht und sich verhält, lernt jeder Junge in seinen ersten Lebensjahren. In den ersten Lebensjahren entwickelt sich das menschliche Gehirn sehr intensiv und ist daher besonders anfällig für äußere Einflüsse. Der Unterbereich der Neurowissenschaften, der sich damit beschäftigt, wird als »Developmental Neuroscience«, also »Entwicklungs-Neurowissenschaften« bezeichnet. Dabei geht es um mehr als Stereotype, Lieblingsfarben und Berufswünsche. Es geht darum, zu lernen, was männlich ist – und das ist ein toxischer Mix. Der Begriff »toxische Maskulinität« (im englischen Original: »Toxic Masculinity«) beschreibt eine besondere Form von destruktiven »männlichen« Verhaltensweisen: die Überhöhung von Dominanz und persönlicher Macht, das Schikanieren von Schwächeren, aggressiver Wettstreit, Gewalt als Lösung, die Erniedrigung von Frauen und Homophobie. Diese Metastudie (englisch, 2016) stellt beispielsweise einen Zusammenhang solcher Verhaltensweisen mit geringerer psychischer Gesundheit her. Die sozialen Erwartungen, abhängig vom Geschlecht, werden durch Familie, Schule und jeden anderen sozialen Austausch im sich entwickelnden Gehirn des Nachwuchses verankert. Das ist immer problematisch und passiert zum größten Teil, ohne dass wir bewusst darüber nachdenken. Auch dann, wenn das nicht in allen Fällen dazu führt, dass der Junge später zum Rambo wird, weil er als Kind ermutigt wurde, seine Gefühle zu unterdrücken und keine Tränen zu vergießen.

Die Forschungsergebnisse sprechen nicht dafür, dass Männer irgendwie von Natur aus gewalttätiger sind als Frauen. Stattdessen scheint es, dass Männer gewalttätig werden, wenn sie das Gefühl haben, dass sie anders nicht in der Lage sind, ihr Anrecht auf ihre Männlichkeit anzumelden. – Tara Tober und Tristan Bridges, Soziologen mit Fokus auf Genderfragen

Das bringt uns zurück zum Paradox: Die Machthabenden im Patriarchat – also die Männer – sind schlussendlich ebenfalls benachteiligt, weil sie auf Biegen und Brechen versuchen, einer Rolle gerecht zu werden, die niemand erfüllen kann. Statt also weiter an der Quadratur des Kreises zu arbeiten oder die Schuldkarte den Männern dieser Welt zuzuschieben, kommen wir aus der Gewaltspirale nur heraus, wenn wir unseren Blick auf gesellschaftliche Lösungen richten. Weg von der toxischen Männlichkeit, die sämtliche Lebensbereiche korrumpiert.

Wie kommen wir da heraus?

Männlichkeit wird durch die Gesellschaft bestimmt; und das bedeutet, sie kann auch desorganisiert und neu organisiert werden. – Tara Tober und Tristan Bridges, Soziologen mit Fokus auf Genderfragen

Es geht also um nichts Geringeres als den Umbau der gesellschaftlichen Strukturen, die die patriarchischen Eckpfeiler ausmachen. Fangen wir mit diesen 4 Zutaten an:

  1. Frauenrechte und -aktivismus: Frauen (und Männer) müssen sich weiter Wie Chinesinnen für ihre Rechte kämpfen, haben Katharina Wiegmann und Juliane Metzker hier erfragt gegen ihre Unterdrückung und die Gewalt gegen sie einsetzen. Sie müssen weiter von ihren Regierungen Gesetze einfordern, Benachteiligung beenden und Gewalt strafbar machen. Werden solche Rechte erkämpft, kann es zu Gegenreaktionen kommen. Es gibt einige Untersuchungen, die genau das belegen: Erhalten Frauen in Gesellschaften, in denen sie bisher benachteiligt wurden, mehr Rechte, Einkommen und Autorität, steigt daraufhin häufig zunächst auch die Gewalt gegen Frauen an. Trotzdem sind diese Veränderungen wichtig; Gesetze lassen sich ändern und auch unsere Vorstellungen von dem, was möglich ist. Veränderung beginnt damit, dass sich Menschen gegen die aktuelle Lage aussprechen. Egal ob es um die Hier beleuchtet der Faktenfinder der Tagesschau, was es mit der Gender Pay Gap auf sich hat (2018) Gender Pay Gap oder In Saudi-Arabien brauchen Frauen die Erlaubnis ihrer Männer, um für ihre Rechte zu kämpfen, wie Juliane Metzker hier erklärt das Recht, Auto zu fahren, geht.

  2. Das Schweigen der Männer: Die Mehrheit der Männer wendet in ihren Beziehungen keine Gewalt an. Aber die Mehrheit von uns schweigt. Und unser Schweigen sorgt dafür, dass die Gewalt weiter besteht. – Michael Kaufman, Politikwissenschaftler, Autor und Aktivist für Geschlechtergerechtigkeit

    Das Ende des Schweigens kann bedeuten, sich gegen Witze zu Vergewaltigungen auszusprechen, Belästigung am Arbeitsplatz, in der Familie oder im Freundeskreis nicht länger lachend oder stillschweigend hinzunehmen. Genau hier setzt auch das eingangs genannte Programm aus Kenia an. Jungen und junge Männer lernen einen neuen Umgang mit Frauen. Sie lernen einzugreifen, wenn sie Gewalt gegen Frauen beobachten.

  3. Das Ende der toxischen Männlichkeit: Wenn wir der toxischen Männlichkeit den Garaus machen wollen, müssen wir den Leons, Mohammeds und Sörens dieser Welt zugestehen, weinen oder Schwäche und Angst zeigen zu dürfen, und sie so Dieser Artikel beleuchtet den Zusammenhang zwischen toxischer Männlichkeit, mentaler Gesundheit und Massenschießereien ausführlich (englisch, 2015) zu emotional starken Männern heranwachsen lassen. Nur so lernen sie, ihren Gefühlen zu vertrauen, und wir ermöglichen ihnen, gesunde Beziehungen zu formen und letztendlich auch für ihre eigene Gesundheit zu sorgen. Warum Männer den Arzt scheuen, beleuchtet Spektrum.de hier (2017) Nicht ohne Grund gehen Männer viel seltener zum Arzt. Wer gelernt hat, immer stark sein zu müssen, wird Beschwerden und Schmerzen so lange wie möglich ignorieren.

    Tatsächlich denke ich, dass Jungen und Mädchen genau die gleichen Dinge benötigen: körperlich und emotional. Und dass wir unsere Söhne und Töchter auf die gleiche Art und Weise erziehen sollten. Das ändert nichts daran, dass es Jungs und Mädchen gibt, Männer und Frauen, aber unsere Vorstellungen davon, was das bedeutet, wären weniger zweigeteilt. – Michael Kaufman, Politikwissenschaftler, Autor und Aktivist für Geschlechtergerechtigkeit

    Wie wir die toxische Männlichkeit zu einer positiven Männlichkeit werden lassen können, zeigen zahlreiche Organisationen weltweit auf praktische Weise: Die amerikanische Brown University hat ein eigenes Programm, um Hier geht es zum Programm »Unlearning Toxix Masculinity« der Brown University (englisch) Männlichkeit zu »entgiften«, »A Call to Men« will dabei helfen, eine Welt zu schaffen, in der alle Jungen und Männer liebend und respektvoll sind und alle Mädchen und Frauen Hier geht es zur Website von »A Call To Men« (englisch) sicher sind und geschätzt werden. Hier geht es zur Website von »White Ribbon« (englisch) White Ribbon ist die weltweit größte Bewegung von Jungen und Männern, die sich für eine Neudefinition von Männlichkeit und gleiche Rechte der Geschlechter einsetzt. Dazu gehört auch, Gewalt gegen Frauen und Mädchen zu beenden, sich für Geschlechtergleichheit einzusetzen und eine neue Vision von Männlichkeit voranzubringen. Dazu gehört auch der Kulturbereich, von Superman bis hin zu Deo-Werbung. Ein Positivbeispiel liefert hier die Marke für Kosmetikprodukte Axe. Das Unternehmen ist eigentlich bekannt für seine sexistische Werbung, bemüht sich jetzt aber, den Dialog zur Frage von männlichen Stereotypen neu anzuregen. In einer Werbekampagne geht es um die Herausforderungen, die Männer heutzutage zu balancieren versuchen, wenn es um ihre Männlichkeit geht. Axe hat sich außerdem mit einigen Nichtregierungsorganisationen zusammengetan, um Stereotype zu bekämpfen. Dabei zitieren sie Studien, die zeigen, dass 65% der Männer der Aussage zustimmen: »›Richtige Männer‹ müssen sich auf eine bestimmte Weise verhalten.«

  4. Vaterschaft 5.0: Die vielleicht größte Stellschraube auf dem Weg zu weniger Gewalt ist die Transformation der Vaterrolle. Ausführlicher Artikel bei der »Welt«: Haushalt bleibt Frauensache (2018) Aktuell wird der Großteil der häuslichen Arbeit noch immer von Frauen erledigt. Unter anderem auch, weil es ökonomisch sinnvoll ist: Verdient der Mann mehr als die Frau und gilt es, die zusätzlichen Münder des Nachwuchses zu füllen, wäre es töricht, den Mann die Wohnung putzen zu lassen und die Frau auf die Baustelle zu schicken. Das wiederum wird nicht dafür sorgen, dass mehr Frauen ihre Ausbildung und Karriere aktiv verfolgen, »Meine Damen, der Aufsichtsrat ist kein Kaffeekränzchen«, Interview von Frederik v. Paepcke mit einer, die für die Frauenquote kämpft auf den Chefetagen ankommen und so weiter.

    Schritt 1 bei der Transformation der Vaterschaft erfordert also ein Aus-dem-Weg-Räumen der Hürden, denen Frauen auf dem Weg zu beruflicher Gleichstellung und Erfolg begegnen, und damit eine Gleichstellung von Arbeiten im Haushalt mit anderen Jobs.

    »›Das bisschen Haushalt macht sich von allein,‹ sagt mein Mann.« – Schlager von Johanna von Koczian (1977)

    Warum ist die Aufteilung der Erziehung so wichtig für das Ende der Gewalt? Nehmen wir an, Männer und Frauen teilten sich die Erziehung zu gleichen Teilen (und haben aufgrund entsprechender Rahmenbedingungen und Gesetze keinen finanziellen Nachteil dadurch). Die wichtigste Fähigkeit, die Eltern brauchen, ist Empathie. Denn Babys und Kleinkinder können weder sprechen noch sind sie besonders gut darin, ihren Gefühlen klaren Ausdruck zu verleihen. Ohne Empathie – also die Fähigkeit, sich in die Lage des anderen möglichst gut hineinzuversetzen – kommt man da nicht weit. Weil Frauen den Großteil der Erziehung übernehmen, trainieren sie ihre empathischen Fähigkeiten viel stärker. Auf der anderen Seite hat derjenige, der weniger empathisch ist, potenziell eine niedrigere Hemmschwelle, gewalttätig zu werden – weil er den Schmerz des Gegenübers nicht nachempfindet.

    Die gute Nachricht ist, dass die meisten jungen Väter ihre Rolle fundamental anders sehen als noch ihre Väter oder Großväter. Auch die Einführung des Elterngeldes hat hier sicher eine große Rolle gespielt. Aus einem »Ich helfe mal mit aus« ist ein ebenbürtiger Partner in der Erziehung geworden, der sämtliche Aufgaben ebenso gut übernehmen kann. Mit einer Ausnahme: Männer sind sehr schlecht im Stillen.

Was bleibt unterm Strich?

Es geht um mehr, als nur mit dem Finger auf gewalttätige Männer zu zeigen und Aufmerksamkeit zu erregen. Denn das führt häufig nur zu einer Verhärtung der Fronten statt zu echtem Fortschritt für alle Beteiligten – egal ob mit oder ohne Penis.

Mit Illustrationen von Michael Szyszka für Perspective Daily

von Maren Urner 

Maren hat in Neurowissenschaften promoviert, weil sie unser Denkapparat so fasziniert. Die schlechte Nachricht: Wir sind weit davon entfernt, unser Gehirn zu verstehen. Die gute Nachricht: Unser Gehirn ist veränderbar, und zwar ein Leben lang. Wahrnehmungen, Gewohnheiten und Entscheidungen sind also offen für unsere (Lern)-Erfahrungen. Und damit auch für die Erkenntnis: Ich habe mich getäuscht!

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