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Wie geht Sex und Liebe auf Deutsch?

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Wie geht Sex und Liebe auf Deutsch?

11. April 2018
Themen:

Warum sexuelle Aufklärung für geflüchtete Jugendliche viel weiter geht, als nur Kondome über Holzpenisse zu ziehen.



»Nahleh« heißt Biene auf Arabisch und »Wardeh« die Blume – aber wer Sex mit Bienchen und Blümchen erklären will, erntet von geflüchteten Jugendlichen bestenfalls ein Stirnrunzeln. Sex, Beziehung und Liebe ist aber für sie genauso wie für deutsche Teenager ein ziemlich wichtiges Thema. Und darüber wollen sie sprechen. Aber wie klärt man sie in Deutschland über Sex und Liebe auf?

Viele Fragen über Penis, Vagina und Masturbation

Mittlerweile gibt es viele Zanzu ist ein Projekt der »Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung«, das über Sex, Liebe und Gesetze in mehreren Sprachen informiert Infoportale und Workshops, die mehr als die gute alte Sexualkunde aus dem Klassenzimmer an Geflüchtete vermitteln wollen. In die Kurse kommen meist junge Männer. Sie bringen viele Fragen über Penis, Vagina und Masturbation mit – »Wird mein Penis härter, wenn ich ihn in Eiswasser tauche?« ist so eine Frage. Die ZEIT hat viele weitere Fragen gesammelt (2017) typische Wissensfragen aus dem Herzen der Pubertät, die auch das Wer Dr. Sommer wirklich noch nicht kennt, kann sich hier informieren Dr.-Sommer-Team in der Bravo beantworten könnte.

Kniffliger wird dann die Weitergabe von so großen, komplexen Themen wie Geschlechterrollen. Wie verhalten sich Mann und Frau … und andere Gender … in Deutschland, welche Werte und Ideen von Zusammenleben haben sie? Denn diese können auch in der Bundesrepublik von Dorf zu Stadt variieren, oder auch schon von Stammtisch zu Hipster-Bar zu Heimatministerium.

Von konservativ bis liberal: Deutschland kennt unzählige Lebenskonzepte, doch wie ist es um die Akzeptanz bestellt? –

Ideale und Flirttrainer

Bevor das Video im Browser startet, spielt sich automatisch eine Kondomwerbung ab. Zweimal hintereinander. Ein Gummi, das auch wirklich zum Höhepunkt führt – mit dem Hashtag #OrgasmsForAll –, wird da angepriesen. Danach beginnt das Video Journalist Constantin Schreiber spricht fließend Hocharabisch und hat das Format mitentwickelt (2015) »Marhaba, Teil 5 – Sex und Liebe in Deutschland« Darin Der Ex-n-tv-Moderator Constantin Schreiber war auch am ARD-Format »der moscheereport« beteiligt. Darüber habe ich mich hier aufgeregt (2017) erklärt der Moderator auf Arabisch, dass hier niemand wegen seiner Sexualität diskriminiert werden soll. Das sei auch gesetzlich festgeschrieben. Seit dem Jahr 2006 gilt das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz AGG: »Ziel des Gesetzes ist, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen.«

Dieses Format des Senders n-tv war im Jahr 2015 eines der ersten, das den vielen Geflüchteten von damals aus größtenteils arabischen Ländern ihre neuen deutschen Nachbarn näherbringen sollte. Bei diesem und ähnlichen Projekten lag der Fokus erst einmal darauf, zu informieren, was in der Bundesrepublik legal und illegal ist. Vor allem Homosexualität und Frauenrechte galten als Neuland, die man den Neuankömmlingen schonend beibringen wollte.

Deutschland im Sommer 2015 – das waren vollgeschriebene Broschüren darüber, wie das Zusammenleben in Deutschland nach Schema F funktionieren soll, frei von Diskriminierung. Dass es Aus der bevölkerungsrepräsentativen Umfrage »Einstellungen gegenüber Lesben, Schwulen und Bisexuellen in Deutschland« (2016) über 1/3 der Deutschen eher als unangenehm empfindet, wenn sich beispielsweise Antisdiskrimierungsstellen schlagen Alarm: Trotz sozialer Normen bleibt die Abwertung von Homosexuellen im öffentlichen Raum. Lies hier im Tagesspiegel darüber (2017) ein schwules Paar auf der Straße küsst, kam in dem blankpolierten Bild, das die Bundesrepublik von sich selbst präsentierte, nicht vor. So wurden Wer sind die Anderen und warum ist dir das so wichtig? Eigentlich sollten sie dir egal sein. Einen Leitfaden von Maren Urner und Han Langeslag findest du hier »den Anderen« erst einmal auch »Ist das eine Anpassung an den Bildungsbürger oder an den Punk?«, fragt ein Integrationsforscher in diesem Interview mit mir Idealvorstellungen von Toleranz und Respekt mitgeteilt.

Mit den Sexualstraftaten in der Kölner Silvesternacht 2015/16 In der Silvesternacht 2015/2016 kam es im Kölner Stadtzentrum zu massenhaften sexuellen Übergriffen, einigen Körperverletzungsdelikten und Diebstahl. Weit über tausend Strafanzeigen wurden aufgegeben. Viele der Täter stammten aus dem nordafrikanischen Raum, die Übergriffe zogen daher eine hitzige Debatte über männliche Migranten nach sich. Außerdem wurden Vorwürfe gegenüber der Kölner Polizei und der Bundespolizei laut. Diese hätten die Lage nicht richtig eingeschätzt und zunächst verharmlost. Im Zusammenhang mit den Vorfällen der Kölner Silvesternacht wurden später emotionalisierte Diskussionen zu Themen wie Racial Profiling, Integration von männlichen Geflüchteten und Sexualstrafrecht in Deutschland geführt. ging schlagartig die Frage durchs Land, welche sexuellen Werte die Geflüchteten eigentlich mitgebracht hatten. Der Schock setzte eine emotionalisierte Debatte über ausländische Männer und die Sicherheit von Frauen vor ihnen in Gang, gespickt mit negativen Vorurteilen und Hier erkläre ich, warum »Hier liest du, wie Muslime Gutes tun« keine gute Nachricht ist positivem Rassismus. Sie war der Startschuss für viele Initiativen, die Aufklärungsarbeit bei geflüchteten jungen Männern betreiben wollten, als eine Art zusätzliches Integrationsangebot.

Wie finde ich eine In dieser SZ-Reportage lernen wir die Syrer Abed und Diaa kennen, die im niedersächsischen Osnabrück die Liebe suchen (2016) Freundin in Deutschland?

Darunter waren auch Flirttrainer, die Fragen zu sexuellen Vorlieben der deutschen Frauen beantworteten. Relative Bekanntheit erlangte der selbsternannte Liebesdoktor Horst Wenzel, der sogar eine eigene Flirtschule eröffnete. Augenkontakt, Zuhören, Respekt und Toleranz stünden dabei immer ganz oben auf der Tagesordnung, er gab aber auch ganz »Schickt erst mal euer Knie vor, bevor ihr der Frau in den Intimbereich fasst.« – Die F.A.Z. nimmt Horst Wenzels Flirtkurse unter die Lupe (2017) explizite Anweisungen für Streicheleinheiten im Liebesspiel. Das Frauenbild der Geflüchteten wurde nach Köln grundsätzlich diskutiert – aber das Bild, das deutsche Männer in solchen Kursen weitergaben, wurde kaum betrachtet.

Die richtige Handhabung von Kondomen kann man lernen. Was die klassische Sexualkunde nicht lehren kann, ist, wie man die Liebe findet. – Quelle: pixabay CC0

So wirklich abgekühlt ist die Debatte um Geflüchtete seitdem nicht. Mittlerweile konnten sich aber Formate entwickeln, die nicht nur die sexuellen Werte der Geflüchteten differenziert sehen – sondern auch die innerhalb der deutschen Gesellschaft.

Komm, mein Schatz!

In Münster sitzen 3 Männer im Jugendzentrum des Paul-Gerhardt-Hauses, die so gar nichts von Flirt-Crashkursen halten. Jonas Blankenagel, Fadi Aleid und Jan Brinker gestalten das pädagogische Projekt Hier geht es direkt zur Website des Projekts »Yalla Habibi!« »Yalla Habibi!« mit, das schon ein paarmal in Münster und Aachen stattgefunden hat. Die Macher bieten Jugendlichen das Gespräch über Sexualität und Liebe an.

»Wir wollen Dialoge und Gespräche mit den Jugendlichen anregen, daher war auch die Teamzusammensetzung wichtig. Wir wollten verschiedene Perspektiven zusammenbringen«, erklärt Jonas Blankenagel.

Noch nicht in Aufstellung für das Foto: Jan Brinker, Jonas Blankenagel und Fadi Aleid vor dem Jugendzentrum im Paul-Gerhardt-Haus – Quelle: Juliane Metzker copyright

Jonas Blankenagel (25) macht seinen Master in Erziehungswissenschaften. Als er im vergangenen Jahr in einer Beratungseinrichtung mit geflüchteten Jugendlichen arbeitete, fragte ein langjähriger Bekannter ihn immer wieder über Kondome und Sex aus. Das gab Jonas Blankenagel die Idee zu einem Sexualpädagogik-Projekt. Doch erst mit den Syrern Fadi Aleid (23) und Wissam Alrayes (23), der nicht zum Interview im Jugendzentrum kommen konnte, machte er sich an die Umsetzung.

Wir haben verschiedene Meinungen und das ist gut so. – Fadi Aleid

Es sind junge Männer, die der arabischen Aufforderung aus dem Projekttitel »Yalla Habibi!« – was so viel heißt wie »Komm, mein Schatz!« – folgen. Im Durchschnitt erscheinen 5 Neugierige pro Kurs. Dass nur Männer angesprochen werden, war eine bewusst pädagogische Entscheidung. Vor Frauen wollten sich die männlichen Kursleiter wegen der offensichtlich fehlenden Perspektive nicht stellen. Und auch so geht es in ihrem Projekt nicht konkret um Wege, eine Freundin in Deutschland zu finden.

»Der Sinn und Zweck des Projekts ist es, sich mit sich selber auseinanderzusetzen«, sagt Jan Brinker. Er arbeitet in der Fachstelle für Sexualität und Gesundheit bei der Hier geht es zur Website der Aidshilfe Münster e. V. Aidshilfe Münster, dem Träger des Projekts. Mit Karten, auf denen Begriffe wie »gut riechen, Religion, Sex und Bildung« stehen, sollen die Jugendlichen lernen, was ihnen in einer Liebesbeziehung wichtig ist. Durch solche Methoden beginnt dann meist ein offenes Gespräch.

Die Jugendlichen legen Karten mit Themen, über die sie sprechen wollen. – Quelle: Jonas Blankenagel

Und dann kann ein Nachmittag im Jugendzentrum schon einmal lang werden: Fragen zu Auch beim Thema Heirat sind sich längst nicht alle Deutschen grün. Katharina Wiegmann fordert: Ehe für niemanden! Heirat, kulturellen Unterschieden, der Rolle der Religion und Homosexualität ist auch Thema in arabischen Ländern – warum der Libanon immer liberaler damit umgeht, habe ich hier recherchiert Homosexualität kommen dann hoch. Alles große gesellschaftliche Diskurse in Deutschland, in denen viel über Geflüchtete gesprochen wird, an denen sie aber nur selten teilnehmen können.

Auch ihre Meinung über die eigene Familie, die Partnerwahl und Zwangsheirat wollen die Jugendlichen äußern. Hier vertreten die Macher des Projekts einen sehr liberalen Standpunkt: »Wir wollen den Jugendlichen vermitteln, dass Gesellschaft und Familie eigentlich keine Rolle in ihrer Liebesbeziehung spielen sollten«, sagt Jonas Blankenagel. Ist diese Denkweise für die Kursteilnehmer überhaupt auf ihr Leben übertragbar? »Wie bei jedem pädagogischen Projekt weiß man nicht, was die Person am Ende damit macht«, antwortet Blankenagel.

Wer ist dieser deutsche Mann?

Jugendliche brauchen Vorbilder. Diese Forderung kennt jeder. Warum nicht auch einen deutschen Mann, bei dem man sich als Geflüchteter ein paar Sachen abgucken könnte? Eine grauenhafte Idee, findet Jonas Blankenagel: Ich wollte mich nicht als deutscher Mann allein vor die Jugendlichen stellen und erklären, dass das in Deutschland so und so zu funktionieren hat. Das fände ich sehr anmaßend. – Jonas Blankenagel

Generell lehnt er es ab, Deutschland als Wertesystem in die Kurse einzubringen: »Es gab schon pädagogische Fachkräfte, die uns dazu aufgefordert haben, deutsche Gesetze zu vermitteln. Ich habe aber ein Problem mit einigen Gesetzen, zum Beispiel Das Sexualstrafrecht wurde im Jahr 2016 im Zuge der »Nein heißt Nein!«-Kampagne verschärft. Warum Kritikern diese Änderung nicht weit genug ging, liest du hier (2016) was sexualisierte Gewalt angeht.«

Die Kursleiter Wissam Alrayes (l.), Jan Blankenagel und Fadi Aleid. – Quelle: Jonas Blankenagel

Kommt der Kurs bei sexualisierter Gewalt und konsensualem Sex an, gelten für Jonas Blankenagel und die anderen Teammitglieder konkrete Grenzen. Nämlich die eigenen und die des Gegenübers. »Egal welcher Kultur du angehörst oder woher du kommst – diese Grenzen sind universell gültig.«

Das Feedback der Jugendlichen war bis jetzt positiv. Sie schätzen den geschützten Raum, in dem sie auch über ihre Ängste sprechen können. 2 Jahre nach den schrecklichen Vorfällen in der Kölner Silvesternacht spüren sie die Stigmatisierung von sexualisierter Gewalt und Herkunft.

Wir hören, dass Jungen beschimpft wurden, dass sie Täter seien. – Fadi Aleid

Auch darüber reden sie. Daran ändern können sie erst einmal nichts, außer geflüchtete Jugendliche in gesellschaftliche Diskurse zum Thema sexualisierte Gewalt zu integrieren. Denn die fallen meist dem destruktiven »Whataboutism« Whataboutism bezeichnet eine Gesprächstechnik, die ermöglicht, Argumente eines Gegenübers zu relativieren. Auf einen Vorwurf wird mit einem Gegenvorwurf reagiert. Dadurch soll die Glaubwürdigkeit des Gegenübers infrage gestellt werden. Sein Vorwurf steht nicht mehr im Mittelpunkt. In Diskussionen verwenden wir diesen rhetorischen Trick ständig. Gerade bei großen Debatten bombardieren sich Gruppen mit Vorwürfen. zum Opfer. Der taucht seit Köln immer wieder in Diskussionen zu sexuellen Gewaltstraftätern auf, in denen nach dem »Ja, aber …«-Prinzip Statistiken von ausländischen Tätern mit Statistiken deutscher Täter gekontert werden.

Nicht diskriminieren, alle tolerieren!

Das Projekt der 3 aus Münster stimmt nachdenklich darüber, welche Vorstellung von Zusammenleben wir anderen vermitteln. Noch im Jahr 2015 klang das sehr nach einem Idealbild: nicht diskriminieren, alle tolerieren! Dass auch Deutschland noch auf dem weiten Weg Richtung Toleranz ist, haben die Geflüchteten in den vergangenen Jahren am eigenen Leib erfahren dürfen.

Was vielleicht mit Kondomen, Sex und Liebe beginnt, endet also schnell bei großen gesellschaftlichen Fragen, die auch die deutsche Mehrheitsgesellschaft betreffen. Projekte wie »Yalla Habibi!« sind in Deutschland noch rar gesät. Oftmals fehlen die Finanzierung und das erfahrene Personal. In ländlichen Gebieten noch mehr als in Städten, sagt Jan Brinker von der Aidshilfe. Dabei könnten solche pädagogischen Integrationsprojekte, die nicht belehren, sondern aufklären, eine große Wirkung in beide Richtungen entfalten.

Titelbild: Michael Prewett

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