Reportage 

Lerne die wahren Weltmeister im Mülltrennen kennen

Bei der Mülltrennung macht uns Deutschen keiner was vor? Darüber können diese Inder nur lachen. In ihrer Stadt ist die Müllentsorgung jetzt offiziell paradiesisch.

25. April 2018  9 Minuten

Meine Augen tränen und ich spüre, wie meine Nase anfängt zu laufen. »Entschuldigung, haben Sie vielleicht ein Taschentuch?«, frage ich den Cafébesitzer. Er murmelt etwas, nickt mit dem Kopf und zieht sich zurück. Herr Prem, Stadtrat in der indischen Stadt Alappuzha, führt mich an diesem Tag durch die Stadt und hat uns ein sehr scharfes Curry mit Eiern bestellt, das unsere Schleimhäute jetzt in Wallung bringt. Meine Nase droht zu tropfen und da ich immer noch kein Taschentuch bekommen habe, werde ich leicht panisch – schließlich möchte ich ihm nicht den Appetit verderben. »Entschuldigung!«, rufe ich jetzt vielleicht etwas zu vehement. »Ein Taschentuch??« Der Cafébesitzer schaut mich irritiert an und antwortet in Malayalam, Sprache im südindischen Bundesstaat Kerala. der Sprache in der Region. Herr Prem übersetzt: »Gibt’s nicht, benutz’ das Waschbecken.«

Dass sogar der kleinste Müllfetzen in dieser sauberen Stadt vermieden wird, ist nur konsequent. Bei diesem Gedanken muss ich unerwartet grinsen – zu viel Spontaneität für den Tropfen an meiner Nase. Jetzt brauche ich wenigstens auch kein Taschentuch mehr.

Stadtrat Moorakkad Radhakrishnan Prem ist in seiner Stadt mit dem Roller unterwegs. – Quelle: Felix Franz copyright

Ein Bürgerprotest führt zur Müll-Revolution

Noch vor ein paar Jahren erstickte die Katharina Wiegmann hat recherchiert, was Städte tun können, wenn ihnen die Touristen zu viel werden Touristenhochburg Alappuzha im Süden Indiens im Müll. Im Jahr 2012 hatten die Anrainer der einzigen zentralen Mülldeponie im Umkreis genug von Gestank, Verschmutzung des Grundwassers und den Krankheiten, die Moskitos im Umfeld der Deponie verbreiteten. Sie protestierten und blockierten die Einfahrtsstraßen zur Mülldeponie – mit Erfolg, die Deponie wurde geschlossen.

Das himmelstinkende Müllproblem drohte auch wirtschaftlich zur Katastrophe zu werden. Fortan türmten sich die Müllberge jedoch in der Stadt. Das allein wäre eine unangenehme Situation für jede Stadt, doch Alappuzha lebt zu großen Teilen vom Tourismus. Die Stadt mit den pittoresken Kanälen und einem direkten Zugang zu Keralas berühmtem Netz aus Wasserstraßen, den Backwaters, Die Backwaters sind ein verzweigtes Wasserstraßennetz im südindischen Bundesstaat Kerala. Sie umfassen 29 größere Seen und Lagunen, 44 Flüsse sowie insgesamt rund 1.500 Kilometer lange Kanäle und natürliche Wasserstraßen. wird auch Venedig des Ostens genannt. Knapp 120.000 Touristen besuchten Alappuzha im Jahr 2017, meist mit dem Ziel, vor Ort ein Boot zu mieten, um die Region auf dem Wasser zu entdecken. Das himmelstinkende Müllproblem drohte auch wirtschaftlich zur Katastrophe zu werden.

Titelbild: wikicommons / Abhignya simhachalam - CC BY-SA

von Felix Franz 

Felix Franz arbeitet als freier Journalist in Berlin für internationale Fernsehsender wie die BBC und schreibt Reportagen, wenn er unterwegs ist. Manchmal filmt er auch mit seinem Gimbal und kombiniert die unterschiedlichen Formate. Er interessiert sich für Demokratie, Gesellschaft und Umwelt.

Themen:  Nachhaltigkeit   Konsum  

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