»Wir sehen uns als die Schwarzen Europas«

Die größte Minderheit der EU zählt mehr Menschen als Dänemark Staatsbürger – und kämpft täglich gegen Rassismus. Damit sich das ändert, will diese Roma-Aktivistin die Geschichte umschreiben.

Interview - 22. Mai 2018  5 Minuten

Sie haben eine eigene Sprache, eigene Traditionen, sogar eine eigene Flagge: Rund 6 Millionen Roma leben Schätzungen zufolge in der Europäischen Union.

Wer über sie spricht, spricht meist über Probleme. Das hat gute Gründe. Viele Roma kämpfen mit Herausforderungen, von denen wir glauben wollen, dass sie in Europa längst Geschichte sind. A persisting concern: anti-Gypsyism as a barrier to Roma inclusion (englisch, PDF, 2018) Sie leben in Häusern ohne fließendes Wasser oder Strom, haben keine Krankenversicherung, kämpfen mit Armut und Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt.

Es ist nicht schwer, Report der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (englisch, 2018) Daten zu finden, die veranschaulichen, dass es noch viel zu tun gibt, wenn es um die Inklusion von Roma Der Begriff »Roma« wird als Sammelbegriff für die verschiedenen Untergruppen verwendet, die Romanes sprechen. In Deutschland spricht man meist von »Sinti und Roma«, wobei »Sinti« die Selbstbezeichnung der deutschsprachigen Minderheit ist. Schätzungsweise 80.000–100.000 Sinti und Roma haben die deutsche Staatsbürgerschaft. Einen kurzen Überblick über die Geschichte der Minderheit liefert beispielsweise Karola Fings. geht:

  • 4 von 5 Roma in 9 untersuchten EU-Mitgliedstaaten sind armutsgefährdet.
  • Im Durchschnitt hat nur 1/4 der Roma einen bezahlten Job.
  • Im Vergleich zur Mehrheitsbevölkerung besuchen wesentlich weniger Roma weiterführende Schulen oder Universitäten.

Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Seit Jahrzehnten ist die schwierige Lage der Roma bestens dokumentiert: EU Framework for National Roma Integration Strategies up to 2020 (englisch, 2011) EU-Strategien werden entworfen, nationale Integrationspläne geschrieben, Fortschrittsreporte verfasst.

Warum ändert sich dann trotzdem so wenig? Die EU-Grundrechteagentur nennt das Problem beim Namen: Es liege am weitverbreiteten 10 Fragen und 10 Antworten zum Thema Antiziganismus Antiziganismus, dass sich Chancen und Lebensbedingungen der Roma nicht nachhaltig verbessern. Diese Frage stellt auch Autor Aidan McGarry Ist Antiziganismus der letzte gesellschaftlich akzeptierte Rassismus Europas?

Roma wollen ihre Geschichte endlich selbst erzählen

Tímea Junghaus ist eine, die diesem Rassismus zu Leibe rücken will. Junghaus wuchs in Budapest auf und machte als erste ungarische Romni überhaupt einen Abschluss in Kunstgeschichte. Heute lebt sie in Berlin und ist Direktorin des im letzten Jahr gegründeten Europäischen Roma Instituts für Kunst und Kultur (ERIAC). Mit ihrem Team will sie dazu beitragen, dass künftig weniger über Roma gesprochen wird – sondern dass diese ihre Geschichte endlich selbst erzählen.

Titelbild: Gordon Welters/Open Society Foundations - copyright

von Katharina Wiegmann 

Katharina interessiert sich dafür, was Gesellschaften bewegt. Sie hat da ein paar Fragen: Wer bestimmt die Regeln? Welche Ideen stehen im Wettstreit miteinander? Wie werden aus Konflikten Kompromisse? Einer Sache ist sie sich allerdings sicher: Nichts muss bleiben, wie es ist. Bei Perspective Daily schreibt sie über Menschen und Ideen, die den Status quo herausfordern. Katharina hat Politikwissenschaft und Philosophie in München und Prag studiert, inklusive kurzer Ausflüge in die Soziologie und Geschichtswissenschaft.

Themen:  Gesellschaft   Europa   Aktivismus  

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