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23. Mai 2018
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Hungrig, durstig, müde – wir meinen stets zu wissen, was uns fehlt. Ein Zeichen, das uns vor »Berührungsmangel« warnt, gibt es aber nicht. Dabei ist Körperkontakt lebenswichtig.



Stelle dir vor, du gehst zum Arzt. Seit ein paar Wochen fühlst du dich nicht wohl, kannst dir aber nicht erklären, warum. Die Symptome sind diffus und fügen sich zu keinem klaren Bild zusammen: Du bist erschöpft, latent gestresst, ein bisschen dünnhäutig, und fühlst dich irgendwie … verloren. Die Hausärztin macht verschiedene Routinetests, stellt dir ein paar Fragen und kommt zu dem Schluss: »Sie leiden an Berührungsmangel.«

»Wie bitte?«, rutscht es dir heraus.

Zugegeben, dass deine Ärztin eine solche Diagnose stellt, ist eher unwahrscheinlich. So einfach wie eine Grippe ist ein Berührungsdefizit leider nicht erkennbar. Dennoch wurde unserer Gesellschaft als Ganzes in den letzten Jahren immer wieder »Berührungsarmut« diagnostiziert. Eine allgemeingültige Aussage über eine ganze Gesellschaft lässt sich allerdings noch schwerer treffen als über ein Individuum. Das liegt laut Haptikforscher Martin Grunwald daran, dass uns meistens keine Vergleichsdaten zu vorherigen Generationen vorliegen. Wir wissen nicht, wie es um den alltäglichen Körperkontakt in den 1960er-Jahren in Deutschland stand. Hinzu kommt, dass es nicht »die gesunde Gesellschaft« als Vergleichspunkt gibt. Sozialwissenschaftler und Psychologen mussten sich für dieses Urteil mit Indizien zufriedengeben: Laut einer Befragung aus dem Jahr 2014 wünscht sich jeder dritte Deutsche mehr Umarmungen. Fast die Hälfte gibt an, dass in Deutschland Hier findest du eine Zusammenfassung der Umfrage-Ergebnisse (2014) zu wenig umarmt wird.

Dabei sind Berührungen kein »nettes Extra«: Der Haptikforscher und Psychologe Martin Grunwald Der Psychologe Martin Grunwald leitet seit dem Jahr 2008 das Haptik-Forschungslabor der Universität Leipzig. Sein Buch »Homo Hapticus – Warum wir ohne Tastsinn nicht leben können« wurde zum Wissenschaftsbuch des Jahres 2018 gewählt. Aktuell erforscht er, wie Berührung bei frühgeborenen Kindern helfen kann, Atemaussetzer zu vermeiden bzw. die Atmung wieder anzuregen. nennt sie ein »Lebensmittel« – und meint das nicht metaphorisch.

Die Biologie der Berührung

Zahlreiche Studien Experimente mit Affenjungen zeigen, dass Isolation zu auffälligem Verhalten, körperlichem und psychischem Verfall bis zum Tod führt. Darüber hinaus werden die erhöhten Mortalitätsraten in Waisenhäusern mit fehlender Nähe durch Bezugspersonen erklärt. Auch ist unter anderem ein grausames Experiment von Friedrich II. an Menschenkindern überliefert: Er ließ eine Gruppe von Säuglingen ohne jede Art von Zuwendung aufziehen. Es ist überliefert, dass einige Kinder starben, jedoch gibt es keine genauen Zahlen. legen nahe, dass Berührung für Säugetiere überlebenswichtig ist. Martin Grunwald erklärt in seinem Buch »Homo Hapticus«: »Die direkte Kopplung biologischer Wachstumsprozesse an die physische Reizung des Körpers folgt dem Naturgesetz, dass die Entwicklung von Leben nur dann biologisch sinnvoll ist, wenn artgleiche Organismen in direkter Nähe vorhanden sind, denn keinem Säugetier würde es unter natürlichen Bedingungen gelingen, ohne direkten Kontakt zu Artgenossen – insbesondere der Mutter – lebensfähig zu bleiben und sich zu entwickeln.« Doch auch wenn Kinder Nähe-Entzug überleben, nimmt ihre körperliche und psychische Gesundheit nachhaltig Schaden.

Berührungen sind ein »Lebensmittel«

Mit Illustrationen von Lucia Zamolo für Perspective Daily

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