Kommentar — 6 Minuten

Ein Homöopath hat mir geholfen. Trotzdem ist er ein Verbrecher

11. Juni 2018
Themen:

Globuli sind unethisch. Deshalb solltest du keinem Arzt trauen, auf dessen Schild »Homöopath« steht.



Die kleinen Pusteln auf meinem Dekolleté waren so schnell gekommen, wie das Eis unter der italienischen Sonne dahinschmolz. Ob ich während des Roadtrips mit Freunden plötzlich eine Sonnenallergie entwickelt hatte oder der Grund für die juckenden Rötungen ein anderer war, interessierte mich nicht. Ich wollte sie loswerden und den Sommer genießen. Das Abitur frisch in der Tasche fand ich mich zurück in Deutschland auf einem angenehm gepolsterten Stuhl gegenüber einem Homöopathen wieder. Eine Stunde sollte ich einplanen für die Erstanamnese, während der ich in einem Zen-Garten beim Plätschern eines Wasserspiels über Kindheitserfahrungen, Speichelfluss und die bevorzugte Temperatur von Getränken ausgefragt wurde.

Ich bin mit Globuli So heißen die kleinen Kügelchen, die hauptsächlich in der Homöopathie als Präparate zum Einsatz kommen. Ich spreche bewusst nicht von Arzneimitteln oder Medikamenten, da die Präparate nicht gemäß des deutschen Arzneimittelgesetztes untersucht werden. Stattdessen nimmt ein »Prüfer« ein Präparat ein und notiert daraufhin alle Veränderungen, die er an sich feststellt. Hergestellt werden die Präparate, indem die Grundsubstanzen mit Wasser oder Alkohol verschüttelt oder mit Milchzucker verrieben werden. Zu diesem sogenannten Vorgang der Potenzierung später mehr. groß geworden. Als junge Frau habe ich das »richtige« homöopathische Mittel für meine Leiden identifiziert, indem ich verschiedene Ampullen fest in meiner Hand einschloss und darauf wartete, dass sie ein Kribbeln in meiner Hand auslösten.

14 Jahre später: Beim diesjährigen Ärztetag im Mai forderte der »Münsteraner Kreis« aus 20 Wissenschaftlern, Juristen, Medizinern, Philosophen und Ethikern, die Zusatzbezeichnung »Homöopathie« Verliehen wird die Zusatzbezeichnung durch die Landesärztekammern an Ärzte, die entsprechende Fortbildungen vorweisen können. Die Bundesärztekammer gibt allgemeine Richtlinien für die Zusatzbezeichnungen in der Weiterbildungsordnung (PDF) vor. Um diese zu erwerben, muss eine Fortbildung bei von der Landesärztekammer bestätigten Weiterbildungsermächtigten abgeschlossen werden. für Ärzte abzuschaffen. Ohne Erfolg: Christian Weymayr vom »Münsteraner Kreis« erzählt mir am Telefon, dass sie vorm Ärztetag auch aufgrund mehrerer Stimmen von außen und der Berichterstattung zum Antrag zuversichtlich waren. Umso größer war die Enttäuschung über die Ablehnung, die ohne thematische Auseinandersetzung und Aufsehen erfolgte. Initiatorin und Medizinethikerin Bettina Schöne-Seifert Die Aussage und das Memorandum findest du hier (2018) begründet das so:

Wir wollten ausloten, wie ein solidarisches Gesundheitswesen verantwortlich und fair mit dem Clash zwischen gefährlicher Pseudowissenschaft und Selbstbestimmung umgehen sollte. Um es deutlich zu sagen: Wir wollten den gegenwärtigen Irrsinn nicht länger hinnehmen. – Bettina Schöne-Seifert, Professorin für Medizinethik

7.000 deutsche Ärzte tragen aktuell die Zusatzbezeichnung »Homöopath«. Auch wenn die Das sind 2 Millionen Packungen (oder 3,6%) weniger als im Jahr 2016 (2018) Verkaufszahlen homöopathischer Präparate im Jahr 2017 leicht sanken, boomt die Homöopathie nach wie vor. Mittlerweile übernehmen 2/3 der Krankenkassen die Kosten für die kleinen runden Kügelchen, Im Jahr 2009 waren sie noch in keinem Leistungskatalog enthalten. Von insgesamt 110 Krankenkassen übernehmen aktuell 67 die Kosten homöopathischer Präparate. die in jeder Apotheke angeboten werden. Und immer mehr greifen zu: Auf 60% ist der Anteil der Bevölkerung bereits gestiegen, der mindestens schon einmal Globuli unter der Zunge hat zergehen lassen. Die letzten Zahlen vom Allensbacher Institut sind aus dem Jahr 2014 und zeigen: Die Nutzer von homöopathischen Präparaten sind von 53% auf 60% angestiegen.

Ich habe keine Lust auf aufgeheizte Debatten und Grabenkämpfe zwischen denen, die zugreifen, und denen, die darüber lachen. Darum mache ich hier ein faires Angebot: Ein Medikament sollte ich nur schlucken, wenn ich davon ausgehen kann, dass es eine Wirkung hat. Stellen wir also die einfache Frage: Wirken Globuli oder nicht?

Kein einziges Molekül

»Da ist nichts drin und kann deshalb nicht wirken!« – Christian Weymayr, Wissenschafts‐ und Medizinjournalist

Auf die einfache Frage gibt es tatsächlich eine ebenso einfache Antwort: Globuli enthalten keine Wirkstoffe. Damit sind Stoffe gemeint, die eine bestimmte biochemische Wirkung auf den Organismus haben. Ein Globulus kann – genau wie ein Gummibärchen – eine Wirkung auf den Körper haben, die nichts mit den Inhaltsstoffen zu tun hat, zum Beispiel kann ich mich entspannter fühlen, einfach weil ich ein Gummibärchen lutsche, oder ruhiger, weil ich 7 Globuli auf der Zunge zergehen lasse. Um diese Effekte zu unterscheiden, wird in der medizinischen Forschung zwischen Wirkung, Wirksamkeit, Nutzen und Nettonutzen differenziert. Denn sie bestehen aus nichts als Zucker. Auch wenn auf jedem Fläschchen mit den kleinen, weißen Kügelchen ein anderer Name stehen mag, sind ihre Inhalte komplett austauschbar. Das liegt daran, dass sie gemäß der Lehre der Homöopathie »potenziert« wurden.

Bei der Potenzierung werden bestimmte Ausgangsstoffe für die Globuli so weit verdünnt, dass am Ende in den meisten Fällen kein einziges Molekül Moleküle sind chemische Verbindungen von mindestens 2 Atomen. Die aus dem Periodensystem bekannten Elemente setzen sich unter bestimmten Voraussetzungen zu größeren Molekülstrukturen zusammen. So besteht ein Wassermolekül aus einem Sauerstoff- und 2 Wasserstoffatomen (H2O). des Ausgangstoffes mehr enthalten ist. In der typischen Potenz C30 Der Grad der Verdünnung homöopathischer Mittel ist über die angegebene Potenz ersichtlich. Der Verdünnungsgrad »D« bezeichnet ein Verhältnis zwischen Ausgangssubstanz und Lösungsmittel von 1:10, »C« steht für 1:100. Die angehängte Zahl ist die Anzahl der Wiederholungen dieses Verdünnungsvorgangs. Die Potenz »C30« steht also für ein Verhältnis von 1:100^30, die mit »D60« (1:10^60) übereinstimmt: eine 1 mit 60 Nullen. zum Beispiel müsste ich 3-mal 10^30 Liter des homöopathischen Mittels konsumieren, um ein einziges Molekül des Ausgangsstoffes zu schlucken. Machbar? Nein! Denn das ist mehr als doppelt so viel Wasser, wie in allen Ozeanen der Erde vorhanden ist.

Naturgesetze sind nicht verhandelbar!

Noch nicht überzeugt? Dann vielleicht so: 1 Kilogramm Milchzucker enthält immer auch Verunreinigungen, darunter auch 1 Mikrogramm Blei. Zum Vergleich: 1 Liter reiner Alkohol enthält 100 Mikrogramm Blei und bei 1 Liter reinsten Wassers sind es 0,015 Mikrogramm. Als »Plumbum metallicum« begegnet uns Blei auch als homöopathisches Mittel. Die »Heilkraft« von Blei wäre gemäß der Grundidee der Homöopathie also automatisch in jedem homöopathischen Mittel enthalten Die andere wichtige Grundidee der Homöopathie gemäß ihres Erfinders Samuel Hahnemann (1755–1834) ist das schon aus der Antike bekannte Simile- oder Ähnlichkeitsprinzip. Danach kann jede Krankheit durch die Substanzen geheilt werden, die beim gesunden Menschen der bestimmten Krankheit ähnliche Symptome hervorruft. Kurioserweise sind zahlreiche Homöopathie-Vertreter Impfgegner – obwohl die Impfung einer der wenigen medizinischen Bereiche ist, bei dem das Simile-Prinzip zumindest im weitesten Sinne haltbar ist. Problematisch ist, dass es keine wissenschaftliche Definition für den Begriff »Ähnlichkeit« gibt. – neben den »Heilkräften« vieler anderer Verunreinigungen im Milchzucker. Schon bei sehr niedrigen Potenzen, in denen also noch Moleküle des Ausgangsstoffes enthalten sind, ist deren Dosierung so gering, dass sie keine Wirkung im Körper haben. So ergeben 3 x 5 Globuli pro Tag schon in der Dosierung C1 eine Tagesdosis von 0,01 Milligramm. Diese Menge liegt beispielsweise deutlich unterhalb der Menge der Giftstoffe Cyanid oder Arsen, die wir ohne gesundheitliche Folgen mit dem Trinkwasser aufnehmen.

Es ist in der Tat nur möglich, an eine Wirkung der homöopathischen Präparate zu glauben, wenn sämtliche Naturgesetze […] über Bord geworfen werden. – Wolfgang H. Hopf, Pharmakologe

Wenn du trotz dieser absurden Vorstellung jetzt immer noch sagst: »Ich glaube aber dran!«, kann nichts und niemand mehr helfen, dich zu überzeugen. Das meine ich vollkommen ernst und du kannst aufhören, diesen Text zu lesen. Denn du glaubst an etwas, was sämtlichen Naturgesetzen widerspricht. Vielleicht glaubst du – wie einige Homöopathen argumentieren –, dass Wasser eine Art Gedächtnis hat und sich an den Wirkstoff »erinnern« kann, auch wenn dieser nach dem Potenzieren selbst nicht mehr in den Globuli enthalten ist. Sollte das der Fall sein, verstehe ich allerdings nicht, wie du in ein Auto oder ein Flugzeug steigen kannst – und darauf vertraust, dass gerade dann die Naturgesetze gelten und du sicher am Ziel ankommst. Oder du in der Lage bist, Smartphone oder Computer zu nutzen, um diese Zeilen zu lesen. Denn beide basieren auf denselben physikalischen Grundlagen, gemäß denen Globuli keine Wirkung haben.

Mit anderen Worten: Wer Globuli schluckt, kann genauso gut Zuckerwatte oder Traubenzucker »einnehmen«. Berechtigterweise fordert Christian Weymayr, Mitautor des Münsteraner Memorandums zur Abschaffung der Zusatzbezeichnung Homöopathie, die Globuli-Fläschchen aus den Apotheken in die Süßwarenabteilungen der Supermärkte zu überführen.

Doch das Ganze hat nicht nur etwas mit Auslagen im Supermarkt zu tun, sondern widerspricht auch dem Bekenntnis der Ärzteschaft zur Wissenschaftlichkeit. Das ist auf mindestens 3 Ebenen ethisch höchst verwerflich.

3 Verbrechen zugleich

  1. Homöopathie ist Betrug! Befürworter der Homöopathie argumentieren gern mit dem Recht des Patienten auf Autonomie, also frei entscheiden zu dürfen, ob sie Globuli schlucken wollen oder nicht. So wie ich es tat, als die juckenden Pusteln begannen, meinen Sommer zu vermiesen. Nach einigen Wochen waren sie weg. Aber eben nicht, weil ich die richtige »Dosierung« von Zuckerkügelchen eingenommen hatte, sondern aus potenziell 100 anderen Gründen – allen voran Zeit. Denn die heilt nicht nur Wunden, sondern manchmal auch Ausschläge. Am häufigsten helfen homöopathische Präparate den Verwendern zufolge übrigens 56% der Verwender von Homöopathika geben an, sie hätten dagegen geholfen (2014) gegen Erkältungen und grippale Infekte: Fakt ist aber: Das einzige, was dagegen hilft, ist Zeit.

    Das Recht auf Autonomie können Patienten nur ausüben, wenn Mediziner ihnen Informationen nicht vorenthalten. Dazu gehört auch die Tatsache, dass Globuli keine Wirkstoffe enthalten und jede »Wirkung« der kleinen Kügelchen auf Wie mächtig Placebo-Effekte wirklich sind, beschriebe ich hier Placebo-Effekten beruht, ausgelöst durch Zeit, Empathie und Verständnis der behandelnden Ärztin. Wer das nicht tut, belügt und betrügt seine Patienten wissentlich.

  2. Homöopathie ist Abzocke! Viele Menschen sehen in der Homöopathie auch eine Abwendung von der »bösen« Pharmaindustrie, die uns allen ans Portemonnaie will. Sicher läuft dort nicht alles perfekt. Das Gleiche gilt aber auch für den mittlerweile Hier findest du den aktuellen Stand und Prognosen zum weltweiten Umsatz mit homöopathischen Präparaten (2016) milliardenschweren Markt mit den Zuckerkügelchen, den wir mit unseren Krankenkassen-Beiträgen alle mitfinanzieren. Da werden Homöopathie-kritische Journalisten gezielt angegriffen und die dafür verantwortlichen selbsternannten Medizin- und Wissenschafts-Journalisten Bekanntes und tragisches Beispiel zugleich ist der Fall von Claus Fritzsche, der im Jahr 2014 Selbstmord beging. Hier (englisch) findest du den digitalen Nachruf von einem der bekanntesten Homöopathie-Kritiker Edzard Ernst, der selbst häufig von Fritzsche angegriffen wurde. erhalten Artikel in der Süddeutschen Zeitung zu den Methoden der vermeintlich »sanften« Medizin (2012) großzügige finanzielle Zuwendungen von den größten Globuli-Herstellern. Dazu gehören die Deutsche Homöopathie-Union (DHU), Heel, Staufen Pharma, WALA Heilmittel, Weleda und Hevert.

    Ganz zu schweigen von den saftigen Rechnungen der Homöopathen, die sich ihre ausführlichen Anamnesen gut bezahlen lassen – frei nach dem Motto: »Zeit ist Geld.«

  3. Homöopathie ist unterlassene Hilfeleistung! »Na, dann können wir die Placebo-Effekte der Globuli doch nutzen und verschreiben die richtigen Pillen, wenn es ernst wird.« So oder so ähnlich argumentieren häufig Menschen für eine friedliche Koexistenz von Homöopathie auf der einen und Medizin mit Wirkstoffen auf der anderen Seite. Und wo ziehen wir die Grenze?

    Bei den 437 Todesfällen auf der Hier findest du die vollständige Liste der Todesfälle (englisch) Website whatstheharm.net, die nicht mit Homöopathie »geheilt« werden konnten, wurde sie jedenfalls zu spät oder gar nicht gezogen. Zu den Todesopfern gehören auch Kinder, deren Eltern in Fällen von Lungenentzündungen des Nachwuchses brav Globuli verabreicht haben. Fakt ist: Wer Homöopathie ernst nimmt, läuft Gefahr, nützliche und lebensrettende medizinische Maßnahmen zu versäumen.

Was bleibt?

Alle unsere Artikel zum »Kritischen Denken« findest du hier Meine Hoffnung in das kritische Denken und dass Menschen offen zuhören und sich trauen, zu sagen: Wann es uns Autoren von Perspective Daily so ging, haben wir hier gezeigt »Ich habe mich geirrt!« Meine Hoffnung, dass der »Münsteraner Kreis« mit seiner Forderung im nächsten Jahr erfolgreich sein wird. Laut Aussage von Christian Weymayr trifft sich der »Münsteraner Kreis« Anfang Juli wieder, um über einen möglichen weiteren Versuch zu sprechen, die Zusatzbezeichnung »Homöopathie« beim nächsten Ärztetag abschaffen zu lassen. Meine Hoffnung, dass wir bald nicht mehr zwischen »Schul-« und »Alternativmedizin« trennen. Oder hast du schon einmal von einer »Alternativphysik« gehört, die wir zurate ziehen, wenn der Apfel mal nicht nach unten fällt?

Mit Illustrationen von Robin Schüttert für Perspective Daily

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