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Darf ich bei DENEN Urlaub machen?

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Darf ich bei DENEN Urlaub machen?

13. Juni 2018
Themen:

Fußball schauen bei Putin, Badeurlaub bei Erdoğan, Städtetrip zu Trump – ist das okay? Kommt drauf an, wie du diese 5 Fragen beantwortest.



Die tragische Geschichte vom Tod des Studenten Otto Warmbier beginnt mit einem angeblich Die dänische Journalistin Ria Westergaard Petersen, die gemeinsam mit Warmbier unterwegs war, bezweifelt in diesem BBC-Interview (englisch), dass er zu einem derart klaren Affront gegenüber dem nordkoreanischen Regime bereit gewesen wäre. abgerissenen Poster: In einem Schauprozess gestand der US-amerikanische Student – wohl kaum aus freien Stücken –, ein Propagandaplakat in einem Hotel in Pjöngjang abgerissen zu haben. Kaum freiwillig lobte er unter Tränen den SPIEGEL ONLINE über Nordkoreas öffentliche Vorführung Otto Warmbiers (2016) »menschlichen Umgang Nordkoreas mit Schwerkriminellen wie ihm«. Das Urteil: 15 Jahre Arbeitslager. Anderthalb Jahre nach der angeblichen Tat wurde der damals 22-Jährige im Wachkoma in die USA gebracht, Stern.de über Otto Warmbiers Autopsie (2017) wo er kurz darauf an schweren Hirnverletzungen starb.

5 Fragen helfen bei der Entscheidung Nun endet nicht jede Reise in eine Autokratie mit derart furchtbaren Folgen – aber auch ohne Angst um das eigene Leben solltest du dir vorher gut überlegen, ob du Ländern mit despotischen Damit ein Machthaber zum Despoten wird, braucht es 2 Elemente: eine große Machtfülle und eine unberechenbare Willkür. Ein Despot steht also über dem Gesetz, und es gibt keinen Rechtsstaat, der den Namen verdient. In Reinform sind Despoten heutzutage recht selten, aber einigen Machthabern lassen sich despotische Züge zuschreiben. Machthabern einen Besuch abstatten möchtest. Natürlich spielt nicht jeder mit dem Gedanken, die letzte Erbdiktatur der Welt zu besuchen, aber in abgemilderter Form stellen sich solche Fragen nicht nur bei Kim Jong-un, sondern auch vor Reisen in weniger schlimme Länder, etwa in die Türkei, nach Ägypten, Russland oder auch in die USA unter Donald Trump.

Diese 5 Fragen helfen bei der Entscheidung.

Welches Zeichen setzt du?

Island ist im Jahr 2018 zum ersten Mal für eine Fußball-Weltmeisterschaft qualifiziert. Deshalb war es ein deftiges Zeichen, als die isländische Regierung auf dem Höhepunkt der Skripal-Affäre Bewusstlos auf einer Parkbank im englischen Salisbury sitzend, wurden Sergej und Julija Skripal im März 2018 aufgefunden. Der Doppelagent und seine Tochter waren mit dem Nervengift Nowitschok vergiftet worden. Sehr schnell bezichtigte die britische Regierung Russland der Tat, was zu großen diplomatischen Verwerfungen führte: Russland auf der einen Seite und Großbritannien mit seinen Verbündeten auf der anderen wiesen gegenseitig Diplomaten aus. erklärte: SPIEGEL ONLINE berichtet über den WM-Boykott isländischer Politiker (2018) Wir bleiben zu Hause. Ein ernster Schritt, der durch die internationalen Medien ging, ein Boykott als Statement.

Warum nicht trotzdem fahren und andere Zeichen setzen? Als einfacher Tourist sind deine eigenen Möglichkeiten ungleich begrenzter. Wenn aus politischen Gründen weniger Isländer zur WM fahren, dann wird das »Huh!« von der Tribüne leiser, aber solange noch ein kleiner Teil der 350.000 Isländer zum Anfeuern kommt, wird das wohl kaum große Wellen schlagen (außer La-Ola-Wellen vielleicht). Jeder Boykott soll signalisieren: »Ich will Russland unter Putin nicht unterstützen.« Boykotte gegen Unternehmen und Mannschaften zeigen Wirkung, Boykotte gegen Einzelpersonen weniger. Warum nicht trotzdem fahren und andere Zeichen setzen? Du kannst etwa Freunden und Familie nicht nur schöne Urlaubsbilder zeigen, sondern über Probleme reden; dich mit kritikwürdigen Themen beschäftigen und regierungskritischen Journalismus aus dem Ausland unterstützen. Im Fall von Russland wäre das zum Beispiel die regierungskritische Plattform Meduza, die von Riga aus über russische Politik berichtet.

Urlaub zuerst: Die Tourismusbranche hat die Sprüche des US-Präsidenten für sich entdeckt. – Quelle: Ragnar Vorel CC0

Passt der Zeitpunkt?

»Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals auf Hawaii, ging nie durch San Francisco in zerriss’nen Jeans …« – nicht nur für Schlagersänger sind die USA ein Sehnsuchtsziel. Allerdings wird diese Sehnsucht gerade temporär etwas gedämpft: 28% der Deutschen würden Die GfK hat diese Umfrage exklusiv für das Tourismus-Branchenmagazin FVW durchgeführt (2018, Paywall) laut einer Umfrage von einer USA-Reise absehen, Mein Blick auf die gespaltene Gesellschaft der USA solange Donald Trump dort Präsident ist. Der »Trump Slump« schwächt sich bereits langsam ab Tatsächlich ging bereits im Wahljahr die Zahl deutscher Touristen in den USA um Zahlen der UN-Tourismusbehörde UNWTO zu Einreisen in die USA nach Herkunftsländern (englisch, 2017, Paywall) 10% zurück, Im Jahr 2015 waren es 2,27 Millionen, im Jahr 2016 nur noch 2,03 Millionen Grenzübertritte deutscher Staatsbürger in die USA. Die Daten stammen von der UN-Tourismusbehörde UNWTO, Zahlen für das Jahr 2017 lagen bis zum Redaktionsschluss für diesen Artikel nicht vor. die Reisebranche spricht mehr oder weniger scherzhaft vom Trump Slump. Wörtlich: Trump-Einbruch. Umfragen zufolge schwächt er sich bereits ab.

Trotzdem scheinen viele geneigte USA-Reisende auf das Ende der Ära Trump zu warten. Wenn nichts Überraschendes passiert, müssen sie sich mindestens Trump vs. Demokratie: Wer hält länger durch? bis Januar 2021 gedulden. Ist dir das deine politische Sensibilität wert – wo ein Verzicht kaum Einfluss auf die Politik in den USA hat?

In anderen Ländern ist die Wartezeit wesentlich kürzer und der Einfluss greifbarer: In der Türkei ist der 24. Juni der nächste Stichtag. Die türkische Lira geht gerade durch eine ernsthafte Währungskrise. Das könnte für Erdoğan brenzlig werden, weil er sich im Juni gern zum Präsident unter der neuen Verfassung wählen lassen will. Deshalb ist für Erdoğans Karriere wichtig, Bericht der Deutschen Welle über Erdoğans Lira-Notlage (2018) dass die Lira noch ein bisschen durchhält. Anders gesagt: Jeder Umtausch von Euro in Lira stützt Erdoğan – gerade könnte ein Reise-Boykott also mehr bewirken als sonst. Dabei sind die Tickets in die Türkei umso verlockender, weil Ausgaben vor Ort gerade so günstig sind.

Touristen in der Türkei

So viele Besucher aus der ganzen Welt sind pro Monat in die Türkei eingereist. (Fürs laufende Jahr liegen Daten bis April vor.)

Quelle: Türkisches Ministerium für Kultur und Tourismus

Wer profitiert von meinen Ausgaben?

Das ist aber ein Spezialfall, der nach der Wahl nicht mehr gilt. In der Türkei werden Importwaren immer teurer und die Inflation steigt, gerade deshalb ist Tourismus als Stimulus für die Wirtschaft wichtig. Das hilft zwar Erdoğans Akzeptanz, den einfachen Menschen aber auch. Die Unterstützung kommt schließlich weniger im Präsidentenpalast von Ankara an als vielmehr bei den Menschen in der Türkei. Tourismus ist eine der wichtigsten Devisenquellen des Landes; Reisende retten durch ihren Urlaub nicht nur wirtschaftliche Existenzen, sondern verursachen auch einen Trickle-Down-Effekt Im Deutschen bemüht man die (weniger treffende) Floskel vom Gießkannenprinzip: Was man oben hineingießt, verteilt sich nach unten weiter. »Trickle down« bedeutet wörtlich Heruntersickern. zu Dritten.

Von wirtschaftlichen Extremlagen profitieren die politisch Extremen Und ja, davon profitiert auch Erdoğan. Wenn es der vom Tourismus angekurbelten Wirtschaft gut geht, trägt das tendenziell auch zu seinem Rückhalt in der Bevölkerung bei. Die Alternative einer am Boden liegenden Türkei wäre aber vermutlich noch fataler: Quer durch die Geschichte haben von wirtschaftlichen Extremlagen vor allem die politisch Extremen profitiert – und in der Türkei könnten sie dank Erdoğans Präsidialsystem durchregieren. Am Ende ist also eher die Frage: Willst du mit den Reiseausgaben die Menschen vor Ort unterstützen?

(Einen Sonderfall gibt es indes, wenn die Autokratie deiner Wahl mit Sanktionen belegt ist und du diese Gastautorin Veronika Prokhorova erklärt den (Un-)Sinn der Wirtschaftssanktionen gegen Russland Sanktionen für eine gute Sache hältst. Dann müsstest du abwägen, ob deine Reise es wert ist, dein Reisebudget an den Sanktionen vorbei ins Land zu schieben.)

Wer will meinen Trip instrumentalisieren?

Bizarre Kalkfelsen, ein klarer Gebirgsfluss, strahlender Sonnenschein und ein Pavillon, der von Le Corbusier Der schweizerisch-französische Architekt Charles-Édouard Jeanneret-Gris (1887–1965) war besser bekannt unter seinem Künstlernamen Le Corbusier. Er leistete große Beiträge zur Architektur im 20. Jahrhundert, unter anderem im Bauhaus-Stil. 17 seiner Bauwerke sind heute UNESCO-Weltkulturerbe. entworfen sein könnte – dieses Foto ist das erste, das ein Internetnutzer sieht, der sich auf einer staatlichen Website über den Staatliche Tourismus-Website Nordkoreas (englisch) Tourismus in Nordkorea informieren möchte. Mühelos kann man sich durch die wichtigsten Attraktionen, Thementouren sowie Events klicken und Agenturen finden, die einem ein Visum besorgen und die Reise organisieren – natürlich mit Reiseleitern, damit man nur die Dieses dpa-Stück auf ntv.de beantwortet zentrale Fragen zu Nordkorea-Reisen (2017) vorzeigbaren Ecken des Landes sieht.

Mein Zimmer war sehr groß, wie eine Suite, und hatte eine gute Aussicht über das Meer. (…) Es ist sehr nah am Stadtzentrum, nur 5 Minuten zu Fuß. Man darf natürlich nicht hinlaufen …! Reviews für das Dongmyong-Hotel in Wonsan, Nordkorea. TripAdvisor.de Britischer Tourist, 2012, bei TripAdvisor über das Dongmyong-Hotel in Wonsan

Der Tourismus soll natürlich nicht nur Devisen ins Land bringen, sondern auch das Image der brutalen Diktatur aufwerten, die Kim Jong-uns in Ungnade gefallene Angehörige angeblich auch Welt.de bezweifelt den Wahrheitsgehalt der Meldung, Kim Jong-un habe seinen Onkel lebendig an 120 hungrige Hunde verfüttern lassen (2014) schon mal von Hunden zerfleischen lässt oder Der Berliner Kurier über die Vergiftung von Kim Jong-uns Halbbruder in Malaysia (2017) am Flughafen vergiftet. Die Touristen sollen das Gegen-Narrativ erzählen Die Touristen sollen das Gegen-Narrativ eines gar nicht so schlimmen Landes erzählen – und viele merken noch nicht einmal, dass sie instrumentalisiert werden.

Auch Otto Warmbier war in so einer Gruppe unterwegs – bis seine persönliche Instrumentalisierung eine ganz andere Wendung nahm.

Und wie steht es um meine persönliche Sicherheit?

Egal ob der Student das Poster nun abgerissen hat oder nicht: Für Kim Jong-uns Regime eröffnete sich mit diesem Urlauber die Möglichkeit, eine politische Geisel aus dem Feindesland USA zu nehmen und öffentlich zu demütigen. Umgekehrt führte Donald Trump bei seinem Gipfel mit Kim Jong-un am 12. Juni aus, der Gipfel sei eine Folge des Todes von Otto Warmbier gewesen. Das ist ein Extrembeispiel – zeigt aber, dass das Thema Sicherheit nicht auf die leichte Schulter zu nehmen ist.

Auf jeder Reise kommst du mit Repräsentanten des Staates in Kontakt. Was in vielen Staaten gar kein Problem ist, kann in weniger freien Ländern brenzlig werden – vor allem für Journalisten oder Mitarbeiter von NGOs. 133 Tage Haft für ein Datenschutz-Seminar Und dafür muss man nicht nach Nordkorea schauen: Nach Donald Trumps Amtsantritt kursierten im Internet Anleitungen, wie Journalisten bei der Einreise in die USA ihre sensiblen Daten vor dem Die Süddeutsche Zeitung gibt 5 Tipps, um die eigenen Daten bei USA-Reisen zu schützen (2017) Zugriff der Behörden schützen können. Stärker ist die Bedrohung in der Türkei, wo zum Beispiel Interview von Chrismon.de mit Peter Steudtner über seine Zeit in Haft (2018) der deutsche Menschenrechtler Peter Steudtner 133 Tage lang im Gefängnis saß, weil er ein Datenschutz-Seminar gegeben hatte.

Zu solchen politischen Gefahren kommt die allgemeine Sicherheitslage vor Ort – die du unabhängig von der Regierungsform in einem Land Das Auswärtige Amt aktualisiert ständig seine Reise- und Sicherheitshinweise für alle Länder, mit denen Deutschland diplomatische Beziehungen pflegt vor einer Reise prüfen solltest.

Kreuzfahrt mit Kreuzer: Kannst du hier entspannen? – Quelle: Annie Spratt CC0

Should I stay or should I go?

Es gibt viele gute Gründe, nach Ägypten zu reisen: die Pyramiden von Gizeh, Luxor, das Tal der Könige und viele weitere Überbleibsel einer einzigartigen Hochkultur. Außerdem interessieren sich Touristen besonders für die wunderbaren Strände und Tauch-Hotspots am Roten Meer. Die politische Lage ist jedoch alles andere als Gastautorin Mareike Enghusen lebt zum Teil in Kairo – und hat dort Menschen kennengelernt, die mit technischen Innovationen gegen sexuelle Belästigung vorgehen paradiesisch; der vom Militär eingesetzte Präsident Abdel Fatah El-Sisi Im März wurde El-Sisi laut amtlichem Endergebnis mit gut 97% der Stimmen bestätigt – ob die Wahl frei und fair war, darüber gehen die Meinungen auseinander. lässt kritische Journalisten und Blogger einsperren, und demnächst wird wegen Die Deutsche Welle über die bevorstehende YouTube-Abschaltung in Ägypten (2018) eines einzigen Videos die komplette Dirk Walbrühl über flächendeckende Internet-Zensur Plattform YouTube für einen Monat gesperrt.

Am Strand liegen kann man schließlich auch in Ländern, in denen nicht gerade Regimekritiker in ihren Zellen darben. Pharaonen und Pyramiden gibt es jedoch dort nicht. Dann lohnt es sich, Argumente zu wälzen und am Ende eine Entscheidung zu treffen, ob diese Reise gerade eine gute Idee ist.

Titelbild: Tobias Kaiser - copyright

 

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