Artikel & Podcast 

Deshalb hilfst du anderen (nicht)

Alle liefen vorbei, am Rentner, der in der Bankfiliale zusammengebrochen war. Eine Woche später starb er. Natürlich hättest du ihm geholfen, oder?

28. Juni 2018  9 Minuten

Der graue Fußboden um ihn herum ist nass und klebrig. Die anderen Fahrgäste der Regionalbahn machen um den zusammengesunkenen Mann einen großen Bogen. In der einen Hand umklammert er ein Bier, in der anderen eine Tüte voller Bierdosen, aus der es trieft. Er ist keine 50 Jahre alt, trägt ein T-Shirt mit dem Logo einer Rockband und außer der Bierlache, in der er sitzt, macht er äußerlich einen gepflegten Eindruck.

Ab und an kommt Leben in den trägen, betrunkenen Körper. Der Mann stiert um sich. Ein gedrungener Mann mit rotem Ferrari-Käppi wendet sich nicht schnell genug ab. »Ey, was glotzt du, Mann? Biste schwul oder was?«, brüllt der Betrunkene ihn an. Der Ferrari-Fan schüttelt den Kopf: »Du bist doch sternhagelvoll. Nerv’ mich nicht!«

Titelbild: Ian Espinosa - CC0

von Juliane Metzker 

Juliane schlägt den journalistischen Bogen zu Südwestasien und Nordafrika. Sie studierte Islamwissenschaften und arbeitete als freie Journalistin im Libanon. Durch die Konfrontation mit außereuropäischen Perspektiven ist ihr zurück in Deutschland klar geworden: Zwischen Münster und Beirut liegen gerade einmal 4.000 Kilometer. Das ist weniger Distanz als gedacht.

Themen:  Psychologie   Gesellschaft  

Die Diskussionen sind leider nur für Mitglieder verfügbar.

Weitere Artikel für dich