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Wenn Scham dein Leben bestimmt

Das ist die häufigste psychische Krankheit, von der du wahrscheinlich noch nie gehört hast.

12. Juli 2018  12 Minuten

Du wachst auf und der Gedanke ist der gleiche wie beim Einschlafen, als hätte er dich gar nicht verlassen, sondern geduldig auf dein Erwachen gewartet. Wieder beginnt er zu kreisen, von der einen in die andere altbekannte Richtung. Er nimmt Fahrt auf für einen neuen Tag mit dunklen Sorgen. Jeder Versuch, an etwas anderes zu denken, wirkt hilflos. »Ich muss aufstehen und mich auf den Weg zur Arbeit machen.« Ein Bein auf die Bettkante gesetzt und deine Aufmerksamkeit springt wieder zurück. Der Gedanke dreht noch eine Runde. Und noch eine.

Auf dem Weg ins Bad begleitet dich der Gedanke, du fühlst dich schon jetzt erschöpft. Die Angst vor dem kommenden Tag lässt dich an dir zweifeln. »Wie soll ich das nur schaffen? Wie kann ich das verbergen?«

Jeder hat mal so einen Tag oder vielleicht auch eine Phase, in der er grübelt und von bestimmten Gedanken vereinnahmt wird. Was aber, wenn dieser Zustand zur Norm wird? Und es dabei um eine Angst geht, die der Rest der Welt als »irrational« oder »eingebildet« abtut?

Das ist für die Menschen Realität, die an einer Körperdysmorphen Störung (KDS) leiden. Sie fühlen sich hässlich, entstellt und abstoßend – ohne dass es einen erkennbaren Grund dafür gibt. Ihre wahrgenommenen Makel sind für Mitmenschen nicht oder nur kaum sichtbar. Selbst wenn ein Körperteil nicht dem gängigen Ideal entspricht, haben die Betroffenen das Gefühl, insgesamt entstellt zu werden. Sie fokussieren sich auf Details, die der Umwelt meist überhaupt nicht (negativ) auffallen. Betroffene können nach gesellschaftlichen Maßstäben also auch (über)durchschnittlich attraktiv sein – und sich dennoch als hässlich erleben. In Deutschland leben je nach Schätzung Diese deutsche Studie berichtet von einer Prävalenz von 1%, die subklinische Prävalenz liegt bei 2,6% (englisch, 2016, PDF) 800.000 bis Diese deutsche Studie berichtet von einer Prävalenz von 1,8% (englisch, 2010, PDF) 1.500.000 Menschen mit dieser Erkrankung. Die Dunkelziffer ist vermutlich groß.

Titelbild: Victorien Ameline - CC0

von Katharina Ehmann 

Was macht dich krank, was hält dich gesund? Wie können wir uns selbst besser verstehen und welchen Einfluss hat jeder Einzelne – auf sich selbst, aber auch seine Umwelt? Diesen Fragen geht Katharina als Psychologin auf den Grund.

Themen:  Gesellschaft   Psychologie   Gesundheit  

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