Dieser Arzt behandelt todkranke Kinder. Er hat eine bessere Idee, als sie heilen zu wollen

Wenn es nach ihm ginge, würden wir aufhören, immer nur Krankheiten zu behandeln.

Interview - 17. Juli 2018  10 Minuten

Wer krank oder verletzt ist, geht mit dem Ziel ins Krankenhaus, möglichst schnell wieder gesund und genesen herauszukommen. Und wem nicht mehr geholfen werden kann, weil er unheilbaren Krebs oder eine andere lebensbedrohliche Krankheit hat? Der kommt auf die Palliativstation, um dort für den Rest seines noch verbleibenden Lebens betreut zu werden. Gesund oder krank, heilbar oder todgeweiht, und nichts dazwischen – so lautet die klassische Aufteilung in der Medizin, der Gesundheitsversorgung – und auch in unseren Köpfen.

Wie würde die Versorgung von todkranken Menschen aussehen, wenn wir dieses Denken über Bord werfen und stattdessen den Patienten in den Mittelpunkt stellen und immer zuerst fragen: »Was hilft diesem Menschen jetzt am besten?«

Michael Frosch Das Kinderpalliativzentrum der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln arbeitet als Palliativmediziner – vor allem mit Kindern und Jugendlichen. Er hält diese klare Aufteilung zwischen heilbar und todgeweiht für völlig überholt. Im Interview erklärt er, welche 3 Schritte für diesen Perspektivwechsel nötig sind. Und lädt jeden ein, ihn an seinem Arbeitsplatz zu besuchen!

Michael Frosch

Nach seinem Studium der Humanmedizin in Aachen und anschließender Facharztausbildung für Kinder- und Jugendmedizin in Münster leitete Michael Frosch unter anderem das Sozialpädiatrische Zentrum der Universität Münster. Seit 2012 ist der 61-Jährige als Oberarzt am Deutschen Kinderschmerzzentrum und Kinderpalliativzentrum in Datteln tätig.

Bildquelle: Kinderpalliativzentrum

Schritt 1: »Kurativ und palliativ sind keine Gegensätze!«

Sie arbeiten mit Kindern und Jugendlichen, denen eine begrenzte Lebenszeit diagnostiziert wurde: Wie wird entschieden, ob ein Kind bei Ihnen landet?

Michael Frosch: Da muss ich direkt etwas vorwegschicken: Sowohl in der Bevölkerung als auch bei vielen Medizinern gibt es die Unterscheidung zwischen »kurativ« Also heilend (vom lateinischen curare); steht auf einer ärztlichen Überweisung »kurativ« geht der überweisende Arzt von einer vollständigen Genesung aus. und »palliativ« Das bedeutet, dass eine Heilung nicht möglich ist und die Behandlung sich auf die Linderung der Symptome konzentriert (vom lateinischen palliare, also »mit einem Mantel bedecken«) . Die ist nicht falsch, aber auch nicht wirklich richtig. Denn wenn ich eine lebenslimitierende Erkrankung habe, kann es sein, dass ich auch mit dieser Krankheit noch eine lange Zeit lebe. Weil ich eine Behandlung erhalte, die mich zwar nicht heilt, mir aber sehr gut hilft. Kurativ und palliativ sind also keine Gegensätze, sondern können sich sinnvoll ergänzen.

Titelbild: Johan Bos - CC0

von Maren Urner 

Maren hat in Neurowissenschaften promoviert, weil sie unser Denkapparat so fasziniert. Die schlechte Nachricht: Wir sind weit davon entfernt, unser Gehirn zu verstehen. Die gute Nachricht: Unser Gehirn ist veränderbar, und zwar ein Leben lang. Wahrnehmungen, Gewohnheiten und Entscheidungen sind also offen für unsere (Lern)-Erfahrungen. Und damit auch für die Erkenntnis: Ich habe mich getäuscht!

Themen:  Psychologie   Gesundheit   Gesellschaft  

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