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Die »digitale Kindheit« ist längst da. So beenden wir den Streit um die Bildschirme

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11 Minuten

Die »digitale Kindheit« ist längst da. So beenden wir den Streit um die Bildschirme

18. Juli 2018
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Wann Bildschirme unseren Kindern schaden und wie wir sie richtig einsetzen, erfährst du in diesem Text.



Es ist Samstagmorgen und das Wochenende gerade mit strahlendem Wetter gestartet. Ein Vater nimmt seinen 8-jährigen Sohn mit zum Friseurtermin. Doch von Quengeln und Hibbeln ist bei dem Kind keine Spur. Stattdessen starrt der Sohnemann stumm auf das leuchtende Display seines Smartphones. In einer ganzen Stunde blickt der Kleine kein einziges Mal auf, nimmt seine Umgebung anscheinend kaum wahr.

Vater: »Wir sind bald fertig.«
Sohn: »Mhm.«

Vor einigen Wochen wurde ich Zeuge einer solchen Szene, die sich in ähnlicher Form sicher jeden Tag an vielen Orten überall auf der Welt abspielt. Denn wir leben längst im Zeitalter der Bildschirme: Smartphones, Tablets, Laptops, Fernseher, Spielekonsolen – sie sind überall, vor allem in Kinderhänden.

Die Studie zur Mediennutzung von Teenagern der US-basierten NGO Common Sense Media (englisch, 2017) Neue Untersuchungen zeigen, dass Kinder im Alter von 8–12 Eine andere Studie (englisch) betraf Kinder zwischen 0 und 8 Jahren. Sie fand heraus, dass diese immerhin 2,5 Stunden pro Tag am Bildschirm verbringen, hauptsächlich zum Fernsehen. Jahren durchschnittlich 6 Stunden pro Tag allein zu Unterhaltungszwecken auf Bildschirme schauen. Auf den vordersten Plätzen liegen Videoclips und Social Media; Hausaufgaben und Lernen am Computer kommen noch oben drauf. Besonders in bildungsfernen Familien ufert die »Screen Time« – also die Bildschirmzeit – aus. Die Bildungs-Studie »Education as a Lifelong Process« (englisch) untersuchte im Jahr 2011 die Bildung in der deutschen Gesellschaft. Eine neue Auswertung aus dem Jahr 2018 kam zu dem Schluss, dass gerade der Bildungshintergrund von Eltern bei der Übernutzung von Medien eine gravierende Rolle spielt. So ist »überlange Nutzungsdauer« bei Kindern, deren Mütter keinen berufsqualifizierenden Abschluss haben, mehr als 3-mal so hoch wie bei Kindern von Müttern mit Hochschulabschluss.

Insgesamt sehen Kinder mittlerweile ihre Bildschirme häufiger und Auch diese Studie des Schlaf- und Medienforschers Manfred Betz belegt die Zahl von täglich 6 Stunden Bildschirm-Konsum bei Jugendlichen (2016, PDF) länger als Freunde, Lehrer oder Familien. Das gab es noch nie in der Menschheitsgeschichte: Die »digitale Kindheit« ist also längst Realität.

Eltern und Pädagogen reagieren besorgt: Dieser Blog ruft zum bildschirmfreien Erziehen auf (englisch) In den USA rufen Blogs zu strengen Bildschirmzeiten oder sogar »Screen-Free-Parenting« auf. Auch in Deutschland rangieren Bücher über angebliche Der vielkritisierte Gehirnforscher Manfred Spitzer schreibt über »Digitale Demenz« (2014) »digitale Demenz« Autor Dirk Frank entlarvt Manfred Spitzers Thesen gegen Bildschirme als Populismus (2005) auf den Bestsellerlisten weit oben. Dabei dreht sich bisher alles um die Frage: Wie viel Bildschirm ist gut für den Nachwuchs?

Es ist höchste Zeit für eine differenziertere Debatte, in der nicht mehr Internet, Bildschirme und Digitales wild durcheinandergeworfen werden – und Eltern lernen können, die »digitale Kindheit« weder zu verbieten, noch einfach passieren zu lassen, sondern mitzugestalten.

Ein virales Video, dass ein an Medien gewöhntes Kleinkind zeigt.

Deshalb können Kinder nicht die Finger von Bildschirmen lassen

Die Sozialpsychologin Catarina Katzer forscht seit Jahren zu den Catarina Katzers Buch »Cyberpsychologie: Leben im Netz: Wie das Internet uns verändert« (2016) Auswirkungen der Digitalisierung auf unser Leben und hat bereits das Schulministerium NRW und den Schweizer Nationalrat bei der Entwicklung digitaler Bildungskonzepte beraten. Sie beschäftigt sich täglich mit den Auswirkungen von Bildschirmmedien auf Kinder.

Quelle: Catarina Katzer copyright

Wir müssen uns mit der Realität da draußen befassen: 17-Jährige schauen In diesem Artikel stelle ich die Frage: Ist unser Umgang mit Smartphones wirklich noch smart? 135-mal am Tag auf das Smartphone. Sie werden regelrecht darauf konditioniert. – Catarina Katzer, Sozialpsychologin

Sie weiß aber auch, dass es nicht allein um die Zeit in Stunden und Minuten vor den Bildschirmen geht. Bevor wir da genauer hinschauen, lohnt sich ein Blick auf die Frage: Warum ist die Suchtgefahr gerade bei Kindern und Jugendlichen so hoch?

So viele Bildschirme besitzen deutsche Jugendliche

Quelle: Jugend & Medien-Studie 2017

So unterschiedlich die Inhalte auf verschiedenen Bildschirmen sind, so haben sie doch einen entscheidenden Faktor gemeinsam, der zur ständigen Nutzung verleitet: Gruppendruck. Nur wer den neuesten Videoclip gesehen hat oder wer die neueste App installiert, kann auf dem Schulhof mitreden.

Eltern von heute stehen damit vor einem Dilemma: Einerseits soll der Nachwuchs nicht ausgegrenzt und in Bezug auf den späteren Beruf nicht digital abgehängt werden. »Maybe the Internet raised us.« – die Sängerin Lorde Andererseits machen sie sich Sorgen über die negativen Auswirkungen von »zu viel Bildschirmzeit«. Die Forschung kann dabei helfen, Chancen und Risiken richtig einzuschätzen.

Von Chancen und Risiken: Das »machen« Bildschirme mit der Jugend

Vorweg ein wenig Ernüchterung: Die Forschung zu den Auswirkungen von Bildschirmmedien steckt noch in den Kinderschuhen. Vor allem ausreichende Langzeitstudien fehlen aus leicht nachvollziehbaren Gründen – es gibt sie schlichtweg noch nicht lang genug. Erste Studien legen aber bereits nahe, dass zu viel Bildschirmzeit Kindern schaden kann. Und zwar so:

Trotz dieser Risiken dürfen natürlich auch die Vorteile moderner Bildschirmmedien nicht unter den Tisch fallen – wenn sie richtig genutzt werden. Denn das interaktive Internet regt die Kreativität und Die Auswertung des Digital Youth Projects zeigt die Lernvorteile des Internets für Jugendliche (englisch, 2009, Paywall) selbstbestimmtes Lernen an, digitale Kommunikation über gemeinsame Interessen Diese Studie untersucht die Auswirkungen sozialer Netzwerke auf die Interaktion Jugendlicher untereinander (englisch, 2008) kann Toleranz und Empathie stärken und die Selbstdarstellung in den sozialen Medien Diese Studie der University of Oxford zeigt, wie moderate Bildschirmzeit das Wohlbefinden von Teenagern nicht beeinflusst, aber Vorteile haben kann (englisch, 2017, Paywall) hilft bei der Ausbildung der Persönlichkeit. Kein Wunder also, dass die Selbstfindung in der Pubertät Hier erkläre ich die Chancen und Probleme der digitalen Identität heute vor allem online stattfindet.

Das weiß auch Sozialpsychologin Catarina Katzer. Sie weist aber auch deutlich darauf hin, dass die Übertragung von der digitalen Welt auf das echte Leben nicht so einfach ist: »Wir wissen heute ganz klar, dass gerade Katharina Ehmann schreibt über die Bedeutung von Körperkontakt und erklärt, was Berührungsmangel mit uns macht die körperliche Anwesenheit und der physische Austausch eine wichtige Bedeutung für das Erlernen zentraler Fähigkeiten im Umgang mit anderen Menschen haben.«

Wichtig ist also vor allem der Ausgleich. Denn wenn sich Kinder früh und einseitig mit Bildschirmen beschäftigen, können sie dadurch, so die Sozialpsychologin, in ihrer Entwicklung eingeschränkt werden – und können etwa Gesichtsausdrücke schlechter einschätzen. Auch »Habe ich verlernt, mich zu konzentrieren?«, fragt Katharina Ehmann hier und erklärt das Phänomen der Aufmerksamkeit Konzentrationsleistung und Aufmerksamkeitsspanne sinken auf Dauer, vor allem in der Schule.

Kinder denken: ›Mit dem Smartphone kann ich besser lernen und Hausaufgaben machen.‹ Das stimmt natürlich nicht. Wenn wir in den Schulen Experimente durchführen und ohne Bildschirme arbeiten lassen, merken die Kinder das auch selbst. Das kann dann schon ein Aha-Erlebnis sein. – Catarina Katzer, Sozialpsychologin

Trotz dieser ernst zu nehmenden Risiken Die von Catarina Katzer geleitete Cybermobbing-Studie ging von 70% alleingelassenen Kindern mit Bildschirmen aus (2013) werden in einem Großteil der deutschen Haushalte Kinder mit Bildschirmen alleingelassen. Dahinter steht auch Überforderung. Da kommt gestressten Eltern eine Lösung gerade recht, die nach effektivem Management klingt: das strikte Bildschirmzeit-Konto.

Aber genau das ist zu kurz gedacht und hilft nicht wirklich weiter.

Quelle: Kelly Sikkema CC0

Die »2-Stunden-Regel« bringt nichts

Als pauschaler Ratschlag für Eltern geistert vor allem ein Richtwert durchs Internet: 2 Stunden pro Tag. Das sei eine Die Zeitempfehlungen des Kinderhospitals San Antonio (englisch, 2017) gesunde Bildschirmzeit für Kinder und es läge vermeintlich nur an den Eltern, diese Vorgabe durch Kontrollen durchzusetzen.

»Wenn meine Zeit aufgebraucht ist, geh’ ich halt zu Freunden. Kein Problem.« – Dennis, Grundschüler

Tatsächlich stammt diese Zahl ursprünglich vom US-amerikanischen Fachverband der Kinderärzte (AAP) aus dem Jahr 2013. Das Media Panel zu den neuen Richtlinien der American Academy of Pediatrics (englisch, 2016) Doch der ist längst zurückgerudert.

Denn die 2-Stunden-Regel bringt mindestens 2 Probleme mit sich: Erstens lässt sich eine strikte Bildschirmzeit kaum einhalten, da Kinder sehr kreativ darin sind, sie zu umgehen. Zweitens beruhigt eine feste Stundenzahl zwar Eltern – führt aber an der individuellen Mediennutzung von Kindern und vor allem den eigentlichen Problemen vorbei.

Das findet auch Catarina Katzer: »Verbieten bringt gar nichts – vor allem wenn Eltern auf dem Spielplatz am Smartphone sitzen. Eltern müssen sich da selbst reflektieren und ihre Vorbildfunktion erkennen.« Das heißt natürlich im Gegenzug nicht, dass Eltern und Lehrer das Bildschirmverhalten der Kinder gar nicht kontrollieren sollten. Einen ersten Überblick verschaffen Online-Logbücher, Die Menthal-App zeigt, wie viel Zeit der Nutzer mit seinem Smartphone verbringt, und fragt beständig, wie er sich dabei fühlt die die Nutzungszeiten von Apps und Websites mitschreiben – und Kindern und Eltern mögliche Übernutzungen und Probleme vor Augen führen können.

Eine weitere Lösung, die laut Katzer gut funktioniert, sind »bildschirmfreie« Zonen und Zeiten. Dies ist mittlerweile auch die neue Position der AAP. So könnten Familien vereinbaren, beim gemeinsamen Spielen, Essen oder Spazierengehen auf Smartphone und Co. zu verzichten – und so bewusster erleben, dass viele wertvolle Erfahrungen gerade abseits der Bildschirme passieren.

Solche Regeln für Bildschirmfreiheit können dabei helfen, Kindern einen kontrollierten Umgang mit Medien anzugewöhnen – aber sie wappnen nicht gegen alle Fallstricke der digitalen Welt. Denn, so die neuesten Erkenntnisse der AAP, nicht die Zeit am Bildschirm sei entscheidend für die Auswirkungen auf die Kinder, Die neuen Richtlinien der American Academy of Pediatrics (englisch, 2016) sondern die Inhalte.

Quelle: Alexander Dummer CC0

Nicht der Bildschirm zählt, sondern was darauf passiert

Was alle Eltern ihren Kindern gern mitgeben würden, ist ein souveräner Umgang mit digitalen Medien. Doch was auf vielen Bildschirmen in Kinderzimmern heute passiert, ist eine pädagogische Nullnummer – von Candy Crush bis zu Katzenvideos in Dauerschleife.

Ganz gleich wie lange Kinder diese Inhalte konsumieren – sie lernen dadurch kaum etwas für das spätere Leben. Und dann gibt es noch schädliche Inhalte, von altersungeeigneten Videos bis zu Chatkontakten, die Kinder belasten können – egal wie kurz die Bildschirmzeit dauert.

»Auch viele Kinder fühlen sich heute von digitalen Medien extrem überfordert.« – Catarina Katzer, Sozialpsychologin

Um diese Probleme zu erkennen und einzugreifen, dürfen Eltern Bildschirme nicht generell verteufeln (und es sich damit mit dem Nachwuchs gleich verscherzen), sondern müssen eben genauer hinschauen, was auf den Bildschirmen passiert. Catarina Katzer appelliert: »Eltern sollten sich über neue Phänomene ein Bild machen und wissen, womit sich ihre Kinder an Bildschirmen, Smartphone und Co. beschäftigen. Nur so können sie richtig einschätzen und reagieren, wenn Probleme auftreten.«

Das stellt gerade solche Eltern, die selbst wenig Technologie nutzen und bei Worten wie »Snapchat«, Snapchat ist ein kostenloser Instant-Messaging-Dienst – also eine App für Smartphones und Tablets, die eine direkte Kommunikation mit anderen Nutzern der App ermöglicht. Das Besondere an Snapchat ist, dass die Inhalte der Kommunikation nur kurzzeitig verfügbar sind (englisch) – bis nämlich alle Gesprächsteilnehmer sie gesehen und die App wieder geschlossen haben; spätestens aber nach 24 Stunden. Kinder und Jugendliche glauben dadurch, dass ihre Nachrichten geheim bleiben. Dabei ist es leicht möglich (englisch), versendete Dateien wie Bilder auf dem Gerät zu finden und wiederherzustellen. »Discord«, Discord ist ein Instant-Chat- und Sprachkonferenz-Messenger – also ein Programm, das nach der Installation die Kommunikation mit anderen Nutzern per Text oder Video ermöglicht. Damit steht Discord in direkter Konkurrenz zum bekannteren Skype. Als Vorteil gegenüber dem Konkurrenten ermöglicht Discord, die Nachrichten direkt in andere Programme zu integrieren, um besser nebenbei chatten zu können. Daher ist Discord vor allem in der Gaming-Szene beliebt, für die es auch entwickelt wurde. »Cyber-Grooming« Eine besondere Form der sexuellen Belästigung, bei der gezielt Minderjährige im Internet angesprochen werden, um erst argloses Vertrauen aufzubauen und Straftaten (etwa Kinderpornographie) vorzubereiten. oder »Twitch« Twitch ist ein kostenloses Live-Streaming-Portal – also eine Website, auf der Live-Übertragungen als Videos stattfinden. Zuschauer wählen aus Tausenden einen Kanal und sehen dann, was ein anderer Nutzer überträgt. Meist sind das Übertragungen aus beliebten digitalen Spielen. Twitch ermöglicht es also, anderen Jugendlichen beim Spielen quasi über die Schulter zu schauen und diese mit Spenden zu belohnen. Diese sogenannten »Streamer« kommentieren dabei das Spiel und unterhalten sich mit den Zuschauern, die auch untereinander chatten können. Mittlerweile gibt es eine ganze Szene von berühmten Streamern, die für Jugendliche starken Vorbildcharakter haben können. nur mit den Schultern zucken können, vor eine große Herausforderung. Gut, dass sie damit nicht allein sind. So wird Eltern geholfen:

Eines ist klar: Die Risiken der Bildschirme werden nicht verschwinden, die Technologie wird nur komplexer werden, die Verführungen zunehmen. Deshalb brauchen Eltern jede Hilfe, die sie kriegen können, um Kinder zu Erwachsenen zu erziehen, die reflektiert, kritisch und kompetent die Medienwelt bereisen und mitgestalten. Als echte Cybernauten.

Mit Illustrationen von Adrian Szymanski für Perspective Daily

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