Artikel & Podcast — 12 Minuten

»Warum ich #MeTwo ins Leben gerufen habe«

28. Juli 2018

Wow! Tausende Menschen machen bei #MeTwo mit und teilen ihre Rassismus-Story. Das hätten Ali Can und wir nach unserem Aufruf nie gedacht.



Heute geht es in unserem Du willst noch mehr konstruktive Podcasts hören? Hier findest du unsere Audio-Seite Perspective Daily-Podcast um das Hashtag #MeTwo. In den letzten 4 Tagen hat das erst die Sozialen Medien in Deutschland auf den Kopf gestellt – und wird seit gestern weltweit diskutiert.

Falls du #MeTwo noch nicht kennst, gib #MeTwo bei Twitter oder in eine Suchmaschine ein. Also #MeTwo – Me 2. Nicht zu verwechseln mit dem Hashtag #MeToo – also »ich auch« –, unter dem im vergangenen Jahr Geschichten über Diskriminierung von und Gewalt an Frauen verbreitet worden sind.

Was du unter dem neuen Hashtag lesen wirst, sind die Erfahrungen Zehntausender Menschen mit Migrationshintergrund, die im Alltag mit Rassismus kämpfen – egal ob sie Promi, Politiker, Journalisten, Studierende oder Schüler sind.

Bevor wir 2 dieser Menschen zu Wort kommen lassen, möchte ich dir kurz verraten, wie es eigentlich zu #MeTwo kam: Zur Aktion aufgerufen hat unser neuer Autor Ali Can, der die Hier findest du die Hotline für besorgte Bürger »Hotline für besorgte Bürger« gegründet hat.

Sag’ mal Ali, wie kam es zu #MeTwo?

Hallo Ali, wie geht es dir gerade?

Ali Can: Hallo Juliane! Meine Stimme ist etwas heiser. Nee, so sagt man das gar nicht. Ich bin etwas heiser. Siehst du, ich muss noch Deutsch lernen und mich integrieren. Ich bin wirklich sehr geschafft und gleichzeitig emotional berührt, weil so viele Menschen den Mut haben und ihre Geschichten erzählen. Ich habe Freunde in meiner Twitter-Liste und bei Facebook, von deren Storys ich schockiert bin und nicht wusste, was für ein Schmerz sich da verbirgt. Dass es so ein großes Vertrauen in mein Hashtag und in diese Bewegung gibt, da muss ich sagen, da bin ich schon sehr berührt.

Ali, du hattest mir letzte Woche geschrieben, dass du gern einen Kommentar zu Mesut Özil und den Anfeindungen gegen ihn schreiben möchtest. Was hat dich denn so an seinem Fall bewegt?

Ali Can: Bei Mesut Özil geht es mir nicht so sehr um seine Person. Ich kenne ihn ja nicht persönlich. Wobei ich Mesut grüße und mich auf jeden Fall solidarisch mit ihm zeige. Vor allem der Aspekt, dass er, solange er funktioniert hat, Tore geschossen oder vorbereitet hat und die WM muss nicht auf die Kosten von anderen gehen – 3 Updates, die den Fußball wieder repariert WM mit gewonnen hat, als Deutscher und als integriert angesehen wurde. Nach dem WM-Aus in Russland allerdings wurde er von vielen Leuten, auch Menschen des öffentlichen Lebens, aufs Übelste und sehr polemisch angegangen. Das schmerzt natürlich.

Das zeigt wieder, dass der Ton im öffentlichen Diskurs sehr rau ist und auch ausgrenzt. Diese Erfahrung machen wir alle! Wir werden ausgegrenzt, wir spüren, dass wir manchmal anders sind, weil Menschen uns zum Beispiel in gewissen Aspekten den Zutritt verwehren. Ich erzähle es immer wieder gern: Ich habe eine Wohnung gesucht, und das war sehr schwierig. Ich komme manchmal in Clubs nicht rein, wobei die hinter mir in der Schlange dann reinkommen. Es reicht endlich!

Dieser Frust, der sich wirklich lange angestaut hat, der hat sich bei Özil breitgemacht und ist dann zu mir übergesprungen. Mich hat er dann inspiriert, aber auf eine konstruktive Art. Und deswegen habe ich dich, Juliane, dann angeschrieben bei Perspective Daily. Ich freue mich sehr, dass wir jetzt im Sinne eines Konstruktiven Journalismus zusammengekommen sind und ich jetzt ein Teil bin von Perspective Daily.

Und ich will, dass wir unserer Verantwortung als Medienschaffende bewusst sind, als Menschen, die an der Gesellschaft zwar partizipieren und sie mitgestalten, sie aber auch mitkonstruieren. Indem wir Informationen beschaffen und indem wir Geschichten erzählen, schaffen wir auch den Nährboden für Entwicklungen. Und das freut mich sehr! Deswegen habe ich mich bei euch direkt mit einem Kommentar gemeldet. Wir brauchen eine Art #MeToo-Debatte für Menschen mit Migrationshintergrund.

Du hast kommentiert, dass wir eine #MeToo-Debatte für Menschen mit Migrationshintergrund brauchen. Daraufhin meldeten sich viele bei dir, weil sie die Idee super fanden. Was passierte dann?

Ali Can: Wir haben diesen Post bei Perspective Daily gemacht und am selben Tag haben sich Hunderte Leute bei euch und bei mir im Netz gemeldet. Die haben gesagt: »Ja, das ist richtig!« und haben das Bild mit dem Kommentar geteilt. Einen Tag später habe ich gesagt: »Okay, wenn jetzt keiner ein Hashtag macht, dann lasst uns das machen.«

Ich habe dann bei mir im Hier findest du die Website des Viel-Respekt-Zentrums Viel-Respekt-Zentrum in Essen, Deutschlands erstem Zentrum für Respekt, ein Video gemacht und wir haben das gemeinsam editiert und über Social Media in die Welt gebracht. Das hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet und die Leute berührt.

Menschen mit und ohne Migrationshintergrund und Menschen, die interessiert sind. Die haben alle mitgemacht. Das ist für uns alle überwältigend und ein sehr schöner Beweis dafür, dass wir mit unserer Arbeit, egal in welcher Branche, einen großen Impact haben auf unsere Mitmenschen. Und es zeigt, dass wir damit eine Debatte losgetreten haben, die hoffentlich endlich lösungsorientiert ist.

Du hast das Hashtag #MeTwo gestaltet. Nicht zu verwechseln mit #MeToo, das gegen Diskriminierung von und Gewalt an Frauen steht. Dieses #MeTwo – diese 2 – für was steht es?

Ali Can: Die 2 ist Sinnbild für Plural, Über das Gelingen oder Misslingen von »Integration« streitet Deutschland immer wieder gerne. Juliane Metzker fragt: Haben wir überhaupt begriffen, worüber wir da sprechen? für eine Identität, die multipel ist und dafür steht, dass wir Menschen Hybride sein können. Dass wir alle Wurzeln und unterschiedliche Einflüsse haben. Im Zeitalter des Individualismus und der Globalisierung können wir unsere Identität und unsere Selbstverwirklichung sehr divers gestalten. Und dieses »2« in #MeTwo, also ich 2, soll das symbolisieren.

Jeder kann etwas damit anfangen. Selbst ein Deutschstämmiger kann damit etwas anfangen. Bei Twitter zeigt sich das jetzt. Es gibt da User, die sagen: »Ich bin eigentlich aus Bayern und von daher kenne ich dieses und jenes. Und dann bin ich nach Berlin gezogen oder ins Rheinland und da habe ich eine andere, regionale Kultur gefunden.«

Das ist #MeTwo im weitesten Sinne! Unsere Identität ist nicht nur eine. Wir können deutsch sein, aber auch etwas anderes. Darum geht es!

Welche Twitter-Storys haben dich am meisten bewegt?

Ali Can: Es gibt Twitter-User, die über ihre Erfahrungen in Kindheit und Jugend berichtet haben. Im Kindesalter kann man immer sagen, dass kindliche Verhaltensmuster eine Rolle spielen, die Mobbing begünstigen. Mich hat es deswegen sehr berührt, dass es erwachsene Menschen gibt, die auch abgewiesen wurden. Beispielsweise als sie eine Arbeit gesucht haben.

Es gibt auch einen Twitter-User, der berichtet hat, dass er Sanitäter ist. Es gab dann eine Verletzte, die von ihm nicht behandelt werden wollte, weil er nicht »deutsch« aussieht. Weil er dunkle Haare und eine dunkle Hautfarbe hat. Das ist wirklich schockierend! Jemand, der Sanitäter ist, in einem sozialen Beruf, wie kann man den denn abweisen? Das ist skandalös, wirklich skandalös! Dass jemand sich lieber nicht von einem anderen Menschen behandeln lassen will, nur weil er anders aussieht, das hat mich wirklich schockiert. Das zeigt, wie unmenschlich es werden kann, wenn man Rassismus Raum gibt.

#MeTwo hat auch viele Dirk Walbrühl spricht hier mit einem Experten, wie man dem Hass im Netz am besten begegnet Hater (Hass-Verbreiter) auf den Plan gerufen. Was können wir denn gegen diesen Hass tun?

Ali Can: In Deutschland steht niemand über dem Gesetz. Ich finde, wir müssen an den Gesetzen was machen. Warum? Weil der Wertekonsens, auf den wir uns alle berufen müssen, letzten Endes das Grundgesetz ist. Es sagt, dass niemand wegen seiner Herkunft diskriminiert werden darf. Deswegen stellt sich für mich die Frage, was wir an unseren Gesetzen ändern oder verschärfen können, sodass Rassismus und stark beleidigende Kommentare eingedämmt werden.

Da muss sich etwas tun. Die Menschen müssen darüber aufgeklärt werden, dass sie sich wehren dürfen. Und dass das auch erwünscht ist. Viele sind einfach ohnmächtig, hören Sprüche, sehen Nachrichten, denken sich: Gastautorin Larissa Schwedes zeigt hier, wie du gut auf Hass im Netz reagierst »Das ist Hatespeech!«, wissen aber nicht, was sie tun sollen. #MeTwo sagt jetzt endlich: »Leute, verschafft euch Gehör!« Wir reden darüber und überlegen dann, was man da verbessern oder verschärfen kann.

Wie soll es denn jetzt weitergehen?

Ali Can: Jeder Einzelne kann sich reflektieren. Sich hinterfragen, welche Assoziationen man mit bestimmten Minderheiten hat. Was denkt man über Migration? Kommt da direkt eine ablehnende Haltung oder kommt da eine Neugier auf? Dann kann man ja schon feststellen, wo man steht. Und sich dann vielleicht auf die andere Seite einlassen. Ich sage immer, wenn die Leute die Zeitung lesen, dann müssen sie nicht lesen, was drinsteht. Sondern lest die Zeitung und überlegt, was nicht drinsteht.

Das heißt: Habt die Neugier, euch ein Bild zu machen von dem, was ihr bisher nicht kennt. Dann kann man noch immer seine Meinung schärfen und sagen: Das sehe ich kritisch oder das ist schlimm. Es ist wichtig, sich ein richtiges Bild zu verschaffen: Die Welt ist nicht schwarz und weiß. Deswegen ist Aufklärung sehr wichtig. Wo sind die Graustufen? Wenn jemand sagt, geflüchtete Menschen sind eine Gefahr, dann ist das eine generalisierende Aussage, die nicht im Sinne einer echten Streitkultur steht. Wir müssen über Streitkultur reden und jeder muss das lernen. Wir müssen von Kommunen bis zur Bundesebene Formate finden, in denen wir Streitkultur lernen. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt!

»Sagt mir nicht, dass ich paranoid bin!«

Jetzt wollen wir uns anhören, wie andere auf das Hashtag reagiert haben. Ich bin auf die Tweets von Malcolm Ohanwe gestoßen und habe mich sofort bei ihm gemeldet. Er selbst ist auch Journalist, war aber privat auf Twitter unterwegs, weil er auch schon ziemlich krasse Dinge erlebt und gehört hat.

Hallo Malcolm – du hast den Aufruf von Ali Can gesehen und dann unter #MeTwo getwittert. Warum?

Malcolm Ohanwe: Am Anfang war das ein einfaches »Okay, Solidarität! Ich muss da aus Prinzip mitmachen. Ali Can steht da für etwas ein, also mache ich das aus Solidarität mit«. Und am Ende ist es dann auf Twitter am selben Tag innerhalb von Stunden in den Trends gelandet und mein Handy hat 1.000-mal den Geist aufgegeben, weil ich so viele Nachrichten bekommen habe.

Welche Story wolltest du denn erzählen?

Malcolm Ohanwe: Wie gesagt, ich wollte dieses Hashtag unterstützen und wollte auch, dass das auf Twitter funktioniert. Ich hatte nur dieses Facebook-Video gesehen und habe auf Twitter nichts dazu gefunden. Dann dachte ich mir, ich überlege einmal selbst – man verdrängt ja auch viele solcher Geschichten. Um dem Hashtag wirklich Fahrt zu geben, habe ich prägnante Geschichten gesucht, die mir ja wirklich auch so passiert sind.

Eine davon: Als ich meinen ersten Tag auf dem Gymnasium hatte, trug ich Dreadlocks. Ich war ein kleiner Fünftklässler und dadurch ja eh hierarchisch so weit unten, weil alle anderen sind viel älter und länger auf der Schule. Es hat keine 10 Minuten gedauert, bis Sprüche kamen wie »Was machst du hier? Bist du ein Affe? Du mit deinen Locken, voll der Palmenkopf – das ist nicht die Baumschule. Das ist das Gymnasium! Was hast du hier zu suchen?« Das war schmerzhaft, weil ich mich total auf meinen ersten Schultag auf der weiterführenden Schule gefreut habe. Neue Schule, neue Möglichkeiten, dachte ich. Das war ziemlich ernüchternd.

Was glaubst du, kann man tun gegen Rassismus, bei dem Leute nicht erkennen, dass sie rassistisch handeln oder labeln?

Malcolm Ohanwe: Das Wichtigste ist, das erst einmal so anzuerkennen. Es ist mühsam, Leuten das zu beweisen. Also ich erwarte keine Lösung, weil es sehr schwierig ist. Wenn ich die Lösung hätte, dann wäre ich jetzt Beststellerautor. Trotzdem, sagt mir nicht, dass ich paranoid bin oder dass ich mir das einbilde! Oder dass ich überempfindlich bin oder verrückt! Erkennt es erst einmal an. Es sind 60.000 Tweets, die Betroffenen sind alle in unterschiedlichen Breitengraden großgeworden und sie können das ja nicht alle irgendwie mafiös strukturiert und dann diese Verschwörungstheorie ins Leben gerufen haben. Dieses Problem ist ein echtes Problem und der allererste Lösungsansatz ist, den Betroffenen einfach zuzuhören und ihnen zu glauben, wenn sie von ihren Erlebnissen erzählen.

Sind wir alle Rassisten?

Es stellt sich natürlich die Frage, wie man gegen Rassismus vorgehen kann. Und diese Debatte, die jetzt mit #MeTwo angestoßen wurde, muss sich ja auch weiterentwickeln. Deshalb habe ich wieder im Twitter-Universum nach einer Antwort gesucht und eine Frau gefunden, die sich schlicht »Ash« nennt und auch unter #MeTwo getwittert hat. Sie selbst ist Anti-Rassismus-Aktivistin, deshalb twittert sie auch unter einem Pseudonym. Denn wie wir gleich von ihr hören werden, ist Rassismus nicht nur im Netz ein Problem für Menschen, die dagegen ankämpfen.

Hallo Ash, ich wollte dich erst einmal fragen – du hast ja gestern auch mitgetweetet, als das Hashtag #MeTwo auf Twitter viral ging –, warum hast du dich an der Debatte beteiligt. Warum hast du mitgetwittert?

Ash: Ich muss ehrlich sagen, dass ich mir das vorher sehr gut überlegt habe, ob ich überhaupt mitmache. Ich bin dann zu dem Schluss gekommen, dass es so wichtig ist, den Rassismus, den wir erleben, sichtbar zu machen, und deshalb darüber sprechen müssen. So habe ich beschlossen, auch zu tweeten.

Einen der ersten Tweets, den ich von dir gelesen habe, handelte von deinem Bruder, der in der Schule echt hart rassistisch angegangen wurde, da du selbst auch Anti-Rassismus-Aktivismus betreibst. Was passiert in Schulen? Wie rassistisch sind Schulen? Hat man das Problem dort noch nicht erkannt?

Ash: Es gibt dort Rassismus- oder Diskriminierungserfahrungen, die auf verschiedenen Ebenen passieren. So gibt es Rassismus, der von den Lehrkräften ausgeht, weil sie oft nicht »aware« (bewusst) sind. Sie sind nicht geschult, haben keine Fortbildung zu dem Thema gemacht und wissen einfach nicht, wie gehe ich mit migrantischen Menschen um. Welche individuellen Bedürfnisse haben diese Menschen? Welche individuellen Biografien und Geschichten?

Es gibt aber auch Rassismus, den man von anderen MitschülerInnen mitbekommt. Weil diese natürlich auch nicht frei von internalisierten Rassismen sind. Sie bekommen das beispielsweise von ihren Eltern und von zu Hause mit.

Was kann man jetzt aktiv gegen Rassismus machen, den das Gegenüber einfach nicht erkennt?

Ash: Das ist sehr schwierig. Als Selbstbetroffene von Rassismus schaue ich als Erstes immer, dass es mir gut geht: Habe ich die Kraft? Habe ich die Ressourcen? Kann ich mich jetzt auf eine Diskussion einlassen? Da muss ich selbst schauen: Wie geht es mir, kann ich das jetzt machen und wohin soll das eigentlich führen?

Da schließt sich bei mir die Frage an: Warum ist es für Nichtbetroffene so schwer, eine Kritik anzunehmen, also zu sagen: »Hey, sorry, das war gerade rassistisch!«?

Ash: Ich glaube, weil Rassismus so ein großer Begriff ist, und gerade in Deutschland befassen wir uns nicht damit. Wir kennen Rassismus vielleicht aus den Staaten, weil dort die Schwarzen Amerikaner stark vom Rassismus betroffen sind, In Deutschland macht sich die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland Bund e.V. für Gerechtigkeit in der Migrationsgesellschaft stark aber wir wollen uns nicht oder wir können uns nicht mit Rassismus in Deutschland befassen. Wir kennen vielleicht aus den 90er-Jahren die Ausschreitungen und Angriffe auf die Asylunterkünfte. Haben ein bisschen was von dem David Ehl fragt sich hier, ob wir aus den NSU-Prozessen nichts gelernt haben NSU gehört.

Und das war es dann auch. Was wir uns nicht eingestehen wollen: Dass wir alle Rassismen internalisiert haben, auch diejenigen, die von Rassismus betroffen sind. Wir reproduzieren diese Rassismen und verletzen dadurch andere Menschen.

Das hat man gestern gemerkt, bei diesen ganzen Alltagsstorys. Ich kann mich sehr gut an den Tweet erinnern, in dem eine junge Frau geschrieben hat, dass ihre Mutter auf Geschäftsreise war, im Hotel stand und irgendjemand wegen ihrer Hautfarbe zu ihr hingegangen ist und meinte: Sie könne jetzt das Zimmer saubermachen. Rassismus geht eben nicht nur von extremer Seite aus, sondern passiert auch immer im Alltag.

Ash: Alle haben Klischees im Kopf. Welche Bilder in deinem Kopf herumschwirren, versucht Juliane Metzker hier herauszufinden Alle haben Bilder im Kopf. Alle haben Vorurteile und es ist sehr schwer, sie zu dekonstruieren. Sie wirklich abzubauen. Aber das müssen wir uns auch erst einmal eingestehen, dass wir diese Bilder im Kopf haben. Viele Deutsche tun sich sehr schwer damit, sich einzugestehen, dass auch sie diskriminierend handeln.

Jetzt haben wir schon von rechtsextremen Anfeindungen gesprochen. Du hast mir, bevor wir das Interview gestartet haben, erzählt, dass es in der Nacht richtig krass abging im Netz. Es gab wohl ganz viele Trolle, die gegen Leute, die sich geäußert haben, gehatet haben. Was war da los?

Ash: Es gibt viel Support unter dem Hashtag. Aber viele Trolle hatten sich die Zeit genommen, jeden einzelnen Tweet zu kommentieren, Rassismuserfahrungen abzusprechen, sich darüber lächerlich und lustig zu machen. Und in der Nacht ging es dann noch eine Stufe weiter: Ganz viele Leute von uns wurden mit dem Tod bedroht oder man hat ihnen gesagt, sie sollen sich doch selbst umbringen.

Ich habe mich mit anderen Leuten von #MeTwo über das Feedback, das wir in der Nacht bekommen haben, ausgetauscht. Wir haben in der Nacht um die 50–100 Accounts geblockt.

Was kann ich denn jetzt als Twitter-Userin machen, um die Menschen zu unterstützen, die ihre Storys sharen (teilen)?

Ash: Auf jeden Fall mit teilen und sichtbar machen, aufmerksam machen. Vielleicht auch offline diese Geschichte sichtbar machen: Im Büro, an der Uni, in der Schule, in der Familie. Das sind die wichtigen Situationen, Orte und Räume. Es wäre so schön, wenn man darüber spricht und Menschen gehört werden. Ich glaube, darum ging es von Anfang auch Ali. Darum ging es auch in der ganzen Özil-Debatte, dass wir einfach darüber reden, oder noch besser, dass Leute uns zuhören.

Titelbild: Ali Can - copyright

 

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