Interview 

Warum sind Kinder im Netz so grausam?

»Geh abspecken oder erhäng dich!« Mit dem Smartphone machen sich Kinder das Leben immer mehr zur Hölle. Sozialpsychologin Catarina Katzer kämpft für Frieden im Klassenzimmer.

27. August 2018  8 Minuten

»Geh abspecken oder erhäng dich!«

Das ist nur einer von vielen fiesen Sprüche auf deutschen Pausenhöfen: zu dick, zu arm, zu unangepasst, die »falsche« Haar- oder Das Hashtag #MeTwo zeigt, dass Schule bei Alltagsrassismus eine große Rolle spielt. Juliane Metzker analysiert die Daten Hautfarbe – Kinder können grausam sein, vor allem, wenn sie andere wegekeln wollen.

Eine Sonderauswertung der letzten PISA-Studie zum Thema Wohlbefinden an der Schule (englisch, 2017) Nach aktuellen Studien wird jeder sechste deutsche Schüler gemobbt. Später am Arbeitsplatz setzt sich dies bei jedem vierten Arbeitnehmer fort In der Studie »Mobbing und Cybermobbing bei Erwachsenen« gaben 28% der Befragten an, schon einmal von Mobbing betroffen gewesen zu sein. Eine Studie zum Thema Cybermobbing unter Erwachsenen (2014, PDF) vor allem bei Frauen.

Die Angegriffenen erdulden oft die Schikane, schweigen aus Scham oder Angst und melden sich krank, wenn es zu schlimm wird. Doch im Internet können sie ihren Peinigern nicht entkommen: »Cybermobbing« Cybermobbing ist kein klar definierter Begriff. Er umfasst viele schädliche Sozialpraktiken, die im Internet auf strategische Weise gegen einzelne Personen oder Gruppen gerichtet werden: etwa das Verbreiten kompromittierender Bilder, Gerüchte oder das Senden von beleidigenden und bedrohenden E-Mails. ist in einer Welt voller Smartphones in jeder Hosentasche dabei, rund um die Uhr.

Was dahintersteckt und wie sich Betroffene effektiv wehren können, erforscht seit Jahren die Sozialpsychologin Catarina Katzer. Zusammen mit dem Bündnis gegen Cybermobbing fand sie Die Cyberlife-II-Studie zum Cybermobbing in Deutschland (2017, PDF) im Jahr 2017 heraus, dass die digitale Schikane scheinbar »ansteckend« ist – denn jeder fünfte Täter war selbst schon einmal ein Opfer. Die Studie befragte Anfang 2017 rund 3.000 Eltern, Lehrkräfte und Schüler mit Unterstützung der Deutschen Telekom. Ihre Zielsetzung war es, breit zu untersuchen, wie der aktuelle Stand bei Cybermobbing und Gewalt im Netz in Deutschland ist.

Sozialpsychologin Catarina Katzer

Catarina Katzer forscht seit ihrem Studium der Soziologie und Sozialpsychologie zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf unser Leben. Heute leitet sie das Institut für Cyberpsychologie und Medienethik in Köln. Sie hat bereits das Schulministerium NRW und den Schweizer Nationalrat bei der Entwicklung digitaler Bildungskonzepte beraten.

Bildquelle: Catarina Katzer

»Viele nehmen alles, was online passiert, noch auf die leichte Schulter.«

Cybermobbing Cybermobbing ist in Deutschland kein Straftatbestand. Aber darunter fallen Praktiken, die einzelne Straftaten darstellen können – etwa können Beleidigungen, Üble Nachrede, Bedrohungen oder Verleumdung, Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen, Identitätsdiebstahl, Nötigung sowie die Verbreitung von unrechtmäßig erworbenen Daten. ist alles andere als harmlose Hänselei: Die Studie Cyberlife II zum Thema Cybermobbing an Schulen (2017, PDF) Jeder fünfte Angegriffene hat Suizidgedanken. Nehmen wir das Problem noch immer nicht ernst genug?

Catarina Katzer: Viele nehmen alles, was online passiert, noch auf die leichte Schulter. Das liegt daran, dass wir es im Internet mit etwas zu tun haben, das nicht materiell ist. Wenn jemand in meine Wohnung einbricht, dann sehe ich das – aber wenn es meinen virtuellen (Brief-)Kasten betrifft, nehme ich das anders wahr. Das ist natürlich eine Fehleinschätzung und auch etwas naiv.

Was ist denn das Einzigartige am Cybermobbing im Vergleich zum normalen Mobbing?

Catarina Katzer: Die Täter handeln von einer Tastatur aus – und das führt zu einer völlig neuen Situation. Dieses »entkörperlichte Handeln« verändert die Wahrnehmung: Es entsteht eine große Distanz zu sich selbst und dem normalen sozialen Kontext. Auch nehmen sich Täter beim Cybermobbing als einer von vielen Online-Nutzern wahr, was die eigene Verantwortung in den Hintergrund rücken und auch die Distanz gegenüber den Opfern steigt lässt.

Und die Tat fällt entsprechend leichter. Mit nur einem Klick.

Catarina Katzer: Richtig. Und gerade Daten, die missbraucht werden, um jemandem zu schaden, sind problematisch. Sie können sich wie ein Lauffeuer verbreiten – und auch Jahre später wiederaufkommen. Zum Beispiel Ausschnitte aus einem privaten Chat. Oder aber ein sexy Foto, das man im Vertrauen einer Freundin geschickt hat. Es werden sogar ganze Fotomontagen angefertigt, etwa von Lehrern und Schülerinnen, um damit gezielt falsche Gerüchte zu streuen. Fotomontagen, die scheinbar Zuneigung zwischen Lehrern und Schülern zeigen und für ein echtes Foto durchgehen sollen, sind aufwendig herzustellen. Eine einfachere und listigere Variante von Cybermobbing besteht laut Catarina Katzer darin, eine offensichtliche Fotomontage herzustellen, zu verbreiten und dann zu behaupten, ein Jugendlicher hätte sie gemacht, weil er in den Lehrer oder die Lehrerin verliebt sei – und das sei der Beweis. Schlimmer wirkt es dann, wenn der Schüler oder die Schülerin tatsächlich in den Lehrer verliebt ist und sich dem Täter anvertraut hat. Und auf einmal ist man die »Schlampe«, der »Sexist« oder die »Homosau«.

Mit Illustrationen von Robin Schüttert für Perspective Daily

von Dirk Walbrühl 

Dirk ist ein Internetbewohner der ersten Generation. Ihn faszinieren die Möglichkeiten und die noch junge Kultur der digitalen Welt, mit all ihren Fallstricken. Als Germanist ist er sich sicher: Was wir heute posten und chatten, formt das, was wir morgen sein werden. Die Schnittstellen zu unserer Zukunft sind online.

Themen:  Internet   Gesellschaft   Bildung  

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