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Die Männer werden die Welt nicht retten

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Kommentar — 5 Minuten

Die Männer werden die Welt nicht retten

4. September 2018
Themen:

Zumindest nicht allein. Wenn wir es nicht gemeinsam schaffen, sollten wir es vielleicht lieber ganz lassen.



Menschheit, wir haben ein Problem. Ein ziemlich großes sogar. Es manifestiert sich in Maren Urner und Felix Austen freuen sich: Endlich bekommen wir den Klimawandel zu spüren Hitzewellen und Temperaturrekorden, in Waldbränden, Dürren und Der steigende Meeresspiegel bedroht Städte überall auf der Welt. David Ehl hat in Miami gelernt, wie Küstenstädte den Kopf über Wasser behalten Überflutungen. Städte, ja ganze Staaten sind in ihrer Existenz bedroht, genauso wie viele Tierarten. Und am Ende vielleicht sogar derjenige, der das alles zu verantworten hat: der Homo sapiens selbst.

Das alles ist schon lange bekannt; zuletzt widmete das New York Times Magazine dem Klimawandel eine viel beachtete Sonderausgabe. In rund 2 Stunden Lesezeit Losing Earth: The Decade We Almost Stopped Climate Change (englisch, 2018) rekonstruiert der Schriftsteller Nathaniel Rich, wie Klimaforscher in den 1980er-Jahren alle Erkenntnisse auf dem Tisch liegen hatten – und doch keine Konsequenzen gezogen wurden.

»Fast nichts stand uns im Weg. Außer uns selbst.« – Nathaniel Rich, Schriftsteller

Eine Zeit der verpassten Chancen. Und der Verfasser des alarmierenden Mega-Artikels weiß auch, wer daran die Schuld trägt. Zum einen die menschliche Natur. Zum anderen ist es die Form, in der sie sich organisiert: die Politik. Und da Rich in seinem Text über die USA spricht – was an sich schon die bezeichnende Verengung eines globalen Problems darstellt – lässt sich das noch weiter konkretisieren: Er meint die Demokratie.

Rich ist nicht der erste, der impliziert, dass Demokratie nicht die beste und effizienteste Gesellschaftsform ist, um die menschengemachte Katastrophe abzuwenden.

Vor ihm haben andere schon Bill McKibben: A World at War (englisch, 2016) Kriegsmetaphern bemüht oder anerkennend in Richtung China geschielt, »Der Westen sollte China kopieren« (2012) dessen autoritäre Regierung Umweltgesetze ruckzuck von oben verordnet, ohne vorher groß das Volk zu fragen. Auch hier bei Perspective Daily wurden Maren Urner und Felix Austen prophezeien: In 5 Jahren ist der Notstand der einzige Weg für Deutschland Notstands-Szenarien entworfen und sogar ein Maren Urner und Felix Austen fragen: Wie weit würdest du gehen, um dich zu retten? grüner Führer imaginiert.

Aber so richtig es ist, den Klimawandel als fundamentales Problem anzuerkennen, so falsch ist es, über Autoritarismus als Lösung zu sprechen. Brandgefährlich ist es obendrein. Wir dürfen Demokratie und den Klimawandel nicht gegeneinander ausspielen. Denn das Problem ist nicht, dass zu viel Demokratie effizientes Handeln erschwert – sondern dass die Demokratie einfach noch nicht gut genug ist, um dem menschengemachten Klimawandel zu begegnen.

Titelseite The New York Times, August 22, 1981 – Quelle: The New York Times CC0

Menschengemacht – oder männergemacht?

Es lohnt sich, einen Blick darauf zu werfen, wer dieses »Wir« eigentlich ist, das in den vergangenen Jahrzehnten zu kurzsichtig war, um nachhaltige Lösungen auf den Weg zu bringen. Das Stück aus dem New York Times Magazine ist entlarvend. Der Autor spricht von der menschlichen Natur – und merkt dabei nicht, dass er nur auf eine Teilmenge starrt: auf Männlichkeit. »Männlichkeit« bezieht sich nicht auf das biologische Geschlecht, sondern auf die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe. Das Aktivistinnen-Netzwerk »Women for Climate Justice« beschreibt die Problematik wie folgt: »Aufgrund ihrer sozial konstruierten Rollen und Verantwortung, beispielsweise bei familiären Betreuungsaufgaben, sind Frauen verwundbarer durch die Folgen des Klimawandels. Frauen und Männer haben unterschiedliche Einstellungen und Präferenzen zur Bekämpfung des Klimawandels. Da sich unterschiedliche gesellschaftliche Rollen in unterschiedlichen Einstellungen zu politischen Maßnahmen niederschlagen, tendieren Frauen dazu, risikobehaftete Technologien abzulehnen. Statt rein technischer Lösungen bevorzugen sie holistische Ansätze, die auch Veränderungen individueller Lebensweisen mitdenken.« Zwischen all den Politikern, Konzern-Lobbyisten, Klimaforschern und -aktivisten in seiner Geschichte tauchen Frauen höchstens als Randfiguren und besorgte Ehefrauen auf. Ähnliches gilt für nicht-weiße Menschen. Wenn Nathaniel Rich in seinem Text »wir« sagt, Das ist auch Naomi Klein aufgefallen. Bei »The Intercept« kommentiert sie den NYTM-Artikel (englisch, 2018) dann meint er in erster Linie mächtige, weiße, US-amerikanische Männer.

Unfreiwillig führt er so den Kern des Problems vor Augen: Frederik v. Paepcke hat eine Rede im Namen des bedrohten Inselstaats Tuvalu geschrieben Es dürfen noch längst nicht alle mitbestimmen, wenn es um Maßnahmen zum Schutz unseres Planeten geht. Die, die am meisten betroffen sind, haben am wenigsten zu sagen. Warum Frauen besonders anfällig für Klimawandel und Naturkatastrophen sind (2016) Vor allem Frauen leiden unter den Folgen des männer-gemachten Klimawandels.

Das ist die Ungerechtigkeit des Klimawandels: Die verletzlichsten Mitglieder einer Gesellschaft, unabhängig vom Entwicklungslevel des betreffenden Landes, werden am meisten leiden. Marginalisierte oder arme Menschen, Frauen, indigene Gemeinschaften, Slum-Bewohner und Migranten sind überproportional von Klimaeinflüssen betroffen. Keynote bei der World Community Development Conference (englisch, Juni 2018) Mary Robinson, Vorsitzende der Mary-Robinson-Stiftung zur Klimagerechtigkeit

Gleichzeitig sitzen diese Gruppen noch viel zu selten mit an den Verhandlungstischen von Kommunen, Regierungen und internationalen Klimakonferenzen. Die gute Nachricht: Es dringt langsam durch, dass diejenigen gehört werden müssen, die schon heute die Effekte des Klimawandels spüren. Die ehemalige irische Präsidentin und UN-Hochkommissarin für Menschenrechte Mary Robinson ist nur eine von vielen, die das Thema Klimagerechtigkeit Hier gibt es Informationen zur aktuellen Kampagne »Mothers of Invention« (2018) immer wieder auf die Agenda setzen.

Feminismus fürs Klima: Demonstration bei der Klimakonferenz COP23 in Bonn im Jahr 2017 – Quelle: wikimedia CC0

Das Problem sind also nicht die mühsamen Entscheidungsfindungsprozesse demokratischer Gesellschaften. Das Problem ist, dass noch längst nicht alle Menschen, die am Ende mit den Entscheidungen leben müssen, in diesen Prozessen repräsentiert sind.

It’s the economy, stupid!

Es gibt aber noch ein zweites Missverständnis, das den Klimaschutz gegen die Demokratie in Stellung bringt: Die Vorstellung, dass Han Langeslag behauptet: Nach diesem Text lässt du die Idee des freien Marktes fallen unregulierte (also »freie«) Märkte von einer freiheitlich demokratischen Grundordnung nicht zu trennen seien. Als Klimaforscher wie James Hansen in den 1980er-Jahren mit ihren Erkenntnissen zum Capitol Hill Im Kapitol finden die Sitzungen des US-amerikanischen Senats und des Repräsentantenhauses statt. Das heißt: Hier werden Gesetze beschlossen. zogen, hatte gerade eine Denkschule ihren weltweiten Siegeszug angetreten, die den Primat der Politik fortan in den Dienst der Wirtschaft stellte.

Der 40. US-Präsident Ronald Reagan und die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher gehörten in den 1980er-Jahren zu den Wegbereitern des Neoliberalismus. – Quelle: Levan Ramishvili

Dem Neoliberalismus geht es um Wachstum, Profit, Rendite. Das beste Mittel zum Zweck: ein Wirtschaftssystem, das durch Wettbewerb zu immer neuen Höchstleistungen angetrieben wird. George Monbiot erläutert in diesem Guardian-Essay den Aufstieg des Neoliberalismus (englisch, 2016) Je weniger Regeln, desto besser. Das gilt natürlich auch für die Öl-, Gas- und Kohleindustrie (deren Lobbyisten im New York Times Magazine-Stück über das Versagen der Menschheit erstaunlich gut wegkommen), Hier schreibe ich über Städte, die an Touristitis leiden den Tourismus, die Agrarindustrie, den Verkehr und all die anderen Sektoren, die sich und uns zu Tode wachsen.

Freie Märkte sind aber nicht dasselbe wie freie Menschen, manchmal ist sogar das Gegenteil der Fall. Alyssa Battistoni: How not to talk about Climate Change (englisch, 2018) Deshalb müssen wir nicht gleich über das Abschaffen der Demokratie nachdenken, wenn wir einen Braunkohleausstieg und die CO2-Steuer fordern – sondern vielmehr darüber, wie Wirtschaftszweige wirksam reguliert werden können, deren Geschäftsmodelle für uns alle existenzbedrohend sind.

Aber muss es dafür nicht erst eine demokratische Mehrheit geben, eine kritische Masse, die solche Veränderungen – auch mit ihrem Kreuz am Wahltag – einfordert? Ist nicht genau das das Problem?

Die Demokratie ist unsere einzige Rettung

Nun ja – es ist ja nicht so, dass wir uns seit den 1980er-Jahren überhaupt nicht bewegt hätten. Deutschland hat die Energiewende ganz ohne einen grünen Führer ausgerufen. Hier gibt es den KSI zum Download (2017) Im Klimaschutz-Index der Organisation Germanwatch liegt im Jahr 2018 Schweden ganz vorn, Freedom in the World 2018 (englisch, 2018) ein Land, das auch in Demokratie-Indizes regelmäßig Top-Platzierungen einheimst.

Und selbst international ist Konsensfindung möglich. Vor knapp 30 Jahren einigten sich 197 Staaten auf die Markus Haun schreibt darüber, wie wir mit mehr CO2 das Klima retten können Grundlagen zum Schutz der Ozonschicht – ganz ohne dass ein Land dafür in ein anderes einmarschierte und den Menschen dort seinen Willen aufzwang.

Auf der anderen Seite führen Donald Trump, Wladimir Putin und Recep Erdoğan seit Jahren vor, Um nur 3 Beispiele zu nennen. was sendungsbewusste Alpha-Männer umweltpolitisch bringen: Blockade und Rückschritt.

Extreme Wetter-Ereignisse häufen sich als Folge des Klimawandels. Hier im Bild: Überschwemmungen in den USA nach dem Hurrikan Harvey im Jahr 2017. – Quelle: wikimedia CC0

Dabei gibt es für viele effektive Klimaschutzmaßnahmen längst demokratische Mehrheiten. Soziale Akzeptanz eines Kohleausstiegs in Deutschland und in den Kohlerevieren – Ergebnisse einer Umfrage und Conjoint-Analyse (2018) So wünscht sich in Deutschland rund 3/4 der Bevölkerung einen schnellstmöglichen Braunkohlestopp. Jetzt fehlt nur noch die Übersetzung des Wählerwillens in politische Handlungen.

Wer sagt, Demokratien seien zu langsam, ruft nach einer autoritären Beschleunigung – und hat wahrscheinlich noch nie am eigenen Leib erfahren, was Gewalt, Angst und Willkür bedeuten. Die Demokratie ist noch lange nicht perfekt, aber sie bleibt die einzig richtige Wahl. Das Ringen um eine bessere Demokratie, in der wirklich alle mitreden, sollte auch im Mittelpunkt der Bemühungen um den Klimaschutz stehen. Und wenn wir es auf diesem Wege wirklich nicht schaffen, die Welt zu retten – dann sollten wir es vielleicht besser lassen.

Titelbild: Mark Skeet - CC0

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