Zurück zum Artikel

Links zum Artikel

Kommentar 

3 Aufgaben, die wir nach Chemnitz endlich anpacken müssen

Was passieren muss, damit sich alle einig sind: Konzerte sind besser als Hetzjagden.

5. September 2018  7 Minuten

Sind wir so langsam aus dem Gröbsten raus? Die Chemnitzer Chaostage haben so manches Gemüt auch noch in Hunderten Kilometern Entfernung erhitzt. Statt Nazis, die Migranten und Journalisten angreifen und den rechten Arm zum Hitlergruß recken, zeigten die Bilder aus Chemnitz an diesem Montag eine fette Party: Mehr als 65.000 Menschen sind gekommen, um beim Gratiskonzert mit Künstlern wie Kraftklub, Marteria, Casper, K.I.Z., die Toten Hosen und Feine Sahne Fischfilet zu zeigen, dass Chemnitz kein brauner Sumpf ist. #WirSindMehr – diesmal hat dieses Signal zahlenmäßig geklappt. Wenn wir uns bald alle beruhigt haben, können wir besonnen ein paar Schlüsse aus den Ereignissen von Chemnitz ziehen.

Was war eigentlich in Chemnitz los? Klicke hier, um einen zusätzlichen Absatz dazu aufzuklappen.

Was war eigentlich in Chemnitz los? Klicke hier, um den zusätzlichen Absatz wieder auszublenden.

Jeden Tag kommen in Deutschland 6–7 Menschen gewaltsam ums Leben. In der Nacht zum Sonntag, dem 26. August, starb ein 35-jähriger Chemnitzer, nachdem bei einem Streit ein Messer zum Einsatz kam. Dringend tatverdächtig sind 2 Maren Urner über die höhere Gewaltneigung bei jungen Männern Männer Anfang 20 aus Syrien und dem Irak. Schnell verbreiten sich im Internet Informationen und Gerüchte über die Tat, viele bedienen das Dirk Walbrühl über Toxizität im Internet toxische Narrativ »Asylanten schlachten Deutschen ab«.

»Unsere Stadt – unsere Regeln«, schrieb eine Hooligan-Fanabteilung des Chemnitzer FC am 26. August auf Facebook. »Lasst uns zusammen zeigen, wer in unserer Stadt das Sagen hat!« Grammatikalische Fehler im Zitat habe ich der besseren Lesbarkeit halber korrigiert.

Dem Aufruf folgten 800 Rechte. Dieser Post, hundertfach geteilt, war schließlich der erste Hauch eines Orkans, der erst durch Chemnitz und dann durch ganz Deutschland fegte: Der Aufruf war indes eine Reaktion auf eine Messerstecherei in der Nacht zuvor, bei der ein Deutscher mit kubanischen Wurzeln gestorben war. Tatverdächtig sind ein Iraker und ein Syrer. Nach Logik der Rechten haben sie die Tat stellvertretend für die vermeintlich homogene Gruppe aller Ausländer verübt, die getreu dem Motto »Wer Wind sät, wird Sturm ernten« in die Schranken gewiesen werden sollte. Dem Aufruf folgten rund 800 Rechte. Sie zogen durch die Innenstadt, und die Gewaltbereiten unter ihnen belästigten und attackierten Menschen, die in ihrer Wahrnehmung Migranten waren und deshalb in Chemnitz nichts verloren hätten. Die Bundesregierung sprach tags drauf von »Hetzjagden«, bei Demos am Montagabend waren die Rechten gegenüber den Gegendemonstranten Eine ausführliche und differenzierte Rekonstruktion der Ereignisse gibt es bei der Deutschen Welle (2018) in der krassen Überzahl. Ihnen schlossen sich auch Menschen an, die nicht zum extrem rechten Spektrum gehören.

Ähnliche Kräfteverhältnisse, wenn auch unter stärkerer Polizeipräsenz, wiederholten sich samstags mit der als »Trauermarsch« getarnten AfD-Pegida-Kundgebung und anderen Aufmärschen. An diesem Tag wurden auch vermehrt Journalisten zur Zielscheibe.

Droht eine zweite Machtergreifung? Spätestens, seitdem am vergangenen Montag die sichtlich überforderte Polizei vor der Übermacht der Rechten kapitulierte (bei den nächsten Kundgebungen hatte sie die Lage wesentlich besser im Griff), diskutiert halb Deutschland wild durcheinander: über den braunen Sumpf in Sachsen, über die leise Gegenrede der bürgerlichen Mehrheit, über das staatliche Gewaltmonopol. Manch einer wirft sogar die Frage auf, ob das Szenario einer zweiten Machtergreifung der Nazis wirklich so undenkbar ist, wie fast alle von uns hoffen.

Keine Frage, es ist gut, dass wir solche Diskussionen führen. Jetzt, da sich nach dem Orkan der Staub wieder etwas gelegt hat, können wir ans Aufräumen gehen und Lehren aus den Chemnitzer Chaostagen ziehen. Diese 3 Erkenntnisse helfen uns dabei.

Titelbild: picture alliance - copyright

von David Ehl 

Wenn Zugvögel im Schwarm fliegen, beeinflusst jedes einzelne Tier die Richtung aller - das hat David bei einer Recherche gelernt. Sonst berichtet er eher über Menschen, stellt sich dabei aber eine ganz ähnliche Frage: Welche Rolle spielt der einzelne Wähler und Verbraucher, welchen Einfluss hat jeder von uns auf die Gesellschaft? David recherchiert gerne unterwegs, studiert hat er Musikmanagement, Englisch und Journalismus.

Themen:  Extremismus   Gesellschaft   Deutschland  

Die Diskussionen sind leider nur für Mitglieder verfügbar.

Weitere Artikel für dich