Gehst du sinnvoll mit deiner Unsicherheit um?

Wahrscheinlich nicht – denn dein Gehirn macht es dir nicht leicht.

16. Oktober 2018  5 Minuten

Vor 9 Jahren stehe ich am Fenster meines Hotelzimmers und blicke auf die Straße hinunter. Mein Magen knurrt. Die letzte Mahlzeit ist 12 Stunden her. Eine kümmerliche Hähnchenbrust und schrumpelige Bohnen in einem Aluschälchen, das mir die Stewardess auf dem Nachtflug von Berlin nach Damaskus vorsetzte.

Ich bin das erste Mal in Syrien, einem mir komplett fremden Land. Auf der Straße sehe ich Passanten mit eingerollten Teigtaschen in der Hand. Wo haben die das her? Aus einem kleinen Laden dampft es verheißungsvoll. Doch ich traue mich nicht gleich runter auf die Straße, unter die Menschen. In mir macht sich ein Gefühl breit, das ich noch häufiger auf meinen Reisen spüren werde: Verunsicherung.

Damals: So erinnere ich mich an die Straßen von Bab Touma, einem christlichen Viertel in Damaskus. – Quelle: Juliane Metzker copyright

Das kennen viele: Plötzlich wird einem der Teppich unter den Füßen weggezogen. Wenn nichts mehr selbstverständlich ist, wenn wir Situationen nicht vorhersehen können, sind wir unsicher. Auf den Weg ins Unbekannte machte sich Katharina Wiegmann – und konfrontierte ihre Stereotypen Das passiert uns selbstverständlich nicht nur auf Reisen. Für die einen ist es der neue Job, eine Krankheit, eine schwierige Liebesbeziehung, für die anderen der Neuanfang in einem unbekannten Land – von einem auf den anderen Tag kann sich vieles verändern.

Maren Urner erklärt hier, warum du Angst hast und was dagegen helfen könnte Das macht Angst und kann traumatisieren.

Auch auf digitalem Wege drängt Verunsicherung in unser Leben: Immer mehr Informationen finden ihren Weg auf unsere Smartphones und Computer. Krieg und Konflikt – manchmal fühlt es sich besser an, nicht hinzuschauen. Dabei hältst du viel mehr aus, als du glaubst, und kannst zugleich von deinem Mitgefühl profitieren Viele schalten ab oder aus, schauen weg, um einer immer komplexeren Welt entgegenzusteuern. Doch sollten wir Verunsicherung unbedingt vermeiden?

In Ratgebern für Manager wird die sogenannte Unsicherheitstoleranz, Noch vor 300 Jahren hätte dich in der islamischen Welt niemand gefragt, ob du »hetero« oder »homo« bist. Das habe mit einer großen Ambiguitätstoleranz zu tun, sagt der Islamwissenschaftler Thomas Bauer oder auch »Ambiguitätstoleranz«, schon lange als eine Schlüsselkompetenz gehandelt. Wie kann auch der Otto Normalverbraucher davon profitieren?

Ich weiß nicht, dass ich nichts weiß

Der Blick huscht hin und her, die Stirn liegt in Falten – was soll das sein? Dann die Erleuchtung: Ah, eine Ente! Das ist eindeutig eine Ente … Warte. Nein, da ist auch ein Hase.

Als Schulkind hast du vielleicht schon einmal diese Zeichnung gesehen:

Der Wissenschaftler Thomas Samuel Kuhn wollte mit der optischen Illusion zeigen, wie radikal sich die Wahrnehmung in der Wissenschaft ändern kann. Ähnlich wie das Bild der alten und jungen Frauen ist diese Zeichnung auch ein Beispiel für Ambiguität. – Quelle: wikimedia

Unser Gehirn ist darauf trainiert, Mehrdeutigkeit, die sogenannte Ambiguität, aufzulösen – wie das Beispiel »Ente oder Hase?« zeigt. Können wir nicht sofort eine eindeutige Entscheidung treffen, sind wir nicht nur unsicher, sondern können gestresst, ängstlich oder sogar aggressiv reagieren.

Das zeigte ein Team von Neuroökonomen In der Neuroökonomie vermischen sich die Disziplinen der Neuro- und Wirtschaftswissenschaften. Ziel ist es, wirtschaftliche Entscheidungsprozesse sichtbar zu machen, die zum Konsum führen. am California Institute of Technology. Hier findest du die gesamte Studie (englisch, 2005, PDF) Sie ließen Probanden zunehmend unsichere Wetten abschließen. In einem Kartenspiel sollten sie vorhersagen, ob eine rote oder schwarze Karte als nächste im Stapel liegt. In der ersten Runde wussten die Teilnehmer noch jeweils die Anzahl roter und schwarzer Karten im Spiel. Sie hatten also eine 50:50-Chance, richtig zu liegen. In der zweiten Runde fehlte ihnen diese Information.

Entscheidungen werden irrationaler und unberechenbarer.

Die Wissenschaftler beobachteten: Je weniger Informationen die Probanden hatten, desto irrationaler und unberechenbarer wurden ihre Entscheidungen. Mit einer unsicheren Situation konfrontiert, beobachteten sie bei den Testpersonen, dass sich die Kontrolle im Gehirn auf das limbische System verlagerte. Das ist der Ort, an dem Emotionen wie Angst erzeugt werden.

Ein weiteres Forscherteam fand ein paar Jahre später heraus: Unsicherheit stresst uns sogar mehr, als wenn wir von vornherein wissen, dass uns etwas Schlimmes widerfahren wird. In diesem Experiment spielten die Probanden ein Computerspiel, bei dem sie Schlangen unter Steinen umgehen sollten. Tippten sie doch auf ein Schlangenversteck, bekamen sie einen kleinen elektrischen Schock. Nach und nach lernten die Teilnehmer den Algorithmus des Spiels. Diesen veränderten die Forscher nach einem Zeitraum, um das Level der Unsicherheit hochzuhalten. Hier findest du die englischsprachige Originalstudie und hier eine deutsche Kurzzusammenfassung. Kurzer Selbsttest: Was erzeugt mehr Stress in dir? Zu wissen, dass du zu spät zu einem Termin kommst, oder nicht zu wissen, ob du es noch pünktlich schaffst?

Ich weiß, dass ich nichts weiß

Zusammen mit Theodor Adorno und R. Nevitt Sanford forschte Else Frenkel-Brunswik ab 1943 zu Antisemitismus und Autoritarismus. – CC0

In all diesen Fällen würde uns die im Jahr 1958 verstorbene Psychologin Else Frenkel-Brunswik Die Psychologin Else Frenkel-Brunswik war Teil der Pionierstudie zu autoritären Persönlichkeiten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dabei untersuchte sie den Sozialisationsprozess von Kindern autoritärer Eltern. Sie selbst, als Jüdin in Österreich-Ungarn geboren, ging im Jahr 1938 in die USA. dazu raten, schleunigst an unserer Ambiguitätstoleranz zu arbeiten, zu der sie intensiv forschte. Damit meint sie eine Eigenschaft, durch die wir Mehrdeutigkeit in unserem Leben ertragen können. Denn auch in den oben genannten Studien zeigten Teilnehmer, die weniger gestresst waren, eine höhere Ambiguitätstoleranz als andere.

Um es vorwegzunehmen: Jeder Mensch geht anders mit Verunsicherung um. Wir starten an verschiedenen Punkten, je nach Sozialisation, persönlichen Erfahrungen und dem eigenen Umfeld. Die eigene Ambiguitäts(in)toleranz ist also nichts, was man von einem auf den anderen Tag ändern könnte.

Die Herausforderung liegt darin, Nichtwissen auszuhalten und so in unsicheren Situationen Maren Urner und Han Langeslag warnen: Bullshit ist gefährlicher als jede Lüge nicht direkt nach Fastfood-Fakten zu hecheln, die eine vermeintlich einfache Lösung versprechen. Im Internet und in Büchern findet sich eine Fülle von Techniken zum Erlernen der Ambiguitätstoleranz für verschiedene Zielgruppen – von Psychotherapeuten über den Sozialarbeiter bis zum Manager. 2 von ihnen kann jeder an sich selbst ausprobieren:

Wir sind darauf programmiert, Mehrdeutigkeit loszuwerden. Wenn wir uns damit beschäftigen, können wir bessere Entscheidungen treffen, wir können kreativer und sogar ein wenig einfühlsamer werden. – Jamie Holmes Das Interview zum Nachlesen (englisch, 2015) im Interview mit »The Cut«

Doch nicht nur auf individueller Ebene kann die Toleranz gegenüber Unsicherheit Vorteile bringen.

Deine Verunsicherung hilft auch anderen

Nach mehreren Aufenthalten im Ausland fiel mir das Hier findest du das Buch von Charlotte Wiedemann Buch »Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben« von der deutschen Journalistin Charlotte Wiedemann in die Hände. Darin schreibt sie über ihr Leben in Südostasien: »Bei sich selbst zu erleben, wie veränderlich die Perspektive ist, das bewirkte eine nachhaltige und produktive Verunsicherung.«

Ich muss zugeben, auf die Straße habe ich mich an diesem Morgen in Syrien nicht sofort getraut, auch wenn der Hunger groß war. Aber Wiedemanns Aussage kann ich heute bestätigen, wenn ich auf meine Auslandserfahrungen der letzten 9 Jahre zurückblicke. Wenn mehr Menschen sich einmal in ihrem Leben woanders nicht zugehörig gefühlt und dafür keine eindeutige Lösung gefunden hätten, würde ihnen auch der Perspektivwechsel in aktuellen gesellschaftlichen Debatten leichter fallen. Da das nicht der Fall ist, hilft es trotzdem, dem anderen erst einmal zuzuhören, bevor man ihn in eine Schublade steckt.

Das Penrose-Dreieck oder Tribar wird als eine »unmögliche Figur« beschrieben. Hier liegt die Ambiguität nicht in der Zweideutigkeit wie bei Ente und Hase. Erst ein Perspektivwechsel formt aus den 3 Linien ein Dreieck. –

Titelbild: Tobias Kaiser - copyright

von Juliane Metzker 

Juliane schlägt den journalistischen Bogen zu Südwestasien und Nordafrika. Sie studierte Islamwissenschaften und arbeitete als freie Journalistin im Libanon. Durch die Konfrontation mit außereuropäischen Perspektiven ist ihr zurück in Deutschland klar geworden: Zwischen Münster und Beirut liegen gerade einmal 4.000 Kilometer. Das ist weniger Distanz als gedacht.

Themen:  Psychologie   Gesellschaft  

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