Warum es gut ist, dass auch du abergläubisch bist

Ich glaube nicht an Hokuspokus und halte mich für ziemlich rational. Trotzdem sieht auch mein Gehirn Dinge, die nicht da sind.

13. November 2018  8 Minuten

Die Karte liegt auf dem Mauersims, als ob sie jemand für mich dort hinterlassen hat. In gut lesbaren Druckbuchstaben steht der Name meiner Frauenarztpraxis auf der kleinen Visitenkarte. Seit Monaten schiebe ich den Kontrolltermin bei meiner Gynäkologin vor mir her, und dann das. Ausgerechnet neben dem von mir zufällig gewählten Tisch in einem meiner Lieblingsrestaurants liegt nun ihre Visitenkarte – und starrt mich förmlich an. Wenn das kein Zeichen ist …

Als ich sie kurz anfasse, um zu sehen, ob sie wirklich da liegt, muss ich über mich selbst lachen. So ein Quatsch! Ich glaube nicht an Zeichen und bin nicht abergläubisch!

Und trotzdem rufen mich mir nahestehende Menschen häufig an, wenn ich gerade an sie denke. Und trotzdem trage ich einen Glückskeks-Spruch in meinem Portemonnaie bei mir. Und trotzdem hatte ich bei Klassenarbeiten und Klausuren immer ein paar »Glücksbringer« vor mir auf dem Tisch platziert. Und trotzdem hängt über meiner Schlafzimmertür ein Hufeisen.

Ich mache all das, obwohl ich die » Ist das rational oder kann das weg? rationale Neurowissenschaftlerin« bin, die andere ständig zum Kritischen Denken Sämtliche Artikel von mir und meinem Kollegen Han Langeslag zum Kritischen Denken findest du hier. ermutigt, die in Argumentationen stets auf Logik bedacht ist und Hier kannst du mein Gespräch mit Frederik v. Paepcke über Glaube und Religion nachhören die nicht an einen Gott glaubt.

Es gehört zum »menschlichen Verhalten« dazu, überall Zeichen und Bedeutung zu sehen. – Quelle: Artem Kovalev CC0

Titelbild: NASA

von Maren Urner 

Maren hat in Neurowissenschaften promoviert, weil sie unser Denkapparat so fasziniert. Die schlechte Nachricht: Wir sind weit davon entfernt, unser Gehirn zu verstehen. Die gute Nachricht: Unser Gehirn ist veränderbar, und zwar ein Leben lang. Wahrnehmungen, Gewohnheiten und Entscheidungen sind also offen für unsere (Lern)-Erfahrungen. Und damit auch für die Erkenntnis: Ich habe mich getäuscht!

Themen:  Psychologie   Glaube   Gesundheit  

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