Diese Frau will KiK zur Verantwortung ziehen

Erstmals beschäftigt sich ein deutsches Gericht mit den Arbeitsbedingungen in Pakistan. Ein Etappensieg für faire Mode – egal wie der Prozess ausgeht.

13. Dezember 2018  8 Minuten

5.786 Kilometer Luftlinie sind es von Karachi nach Dortmund. Eine ziemlich normale Distanz ist das für ein T-Shirt, das dort einer Näherin umgerechnet 10–15 Cent einbringt und hier für 4,99 Euro erhältlich ist. Für die Pakistanerin Saeeda Khatoon war es ein weiter Weg, den sie nun schon zum zweiten Mal auf sich genommen hat. Sie ist nach Dortmund gekommen, um Schadenersatz für ihren Sohn zu fordern, der in einer Kleiderfabrik geschuftet hatte. Bis die Fabrik mit ihren vergitterten Fenstern und nur einer einzigen Treppe im Jahr 2012 abbrannte und für viele Menschen darin zur Todesfalle wurde. 259 Menschen starben, darunter auch Saeeda Khatoons 18-jähriger Sohn Ejaz.

Saeeda Khatoon hat erreicht, was noch niemand vor ihr geschafft hat.

Khatoon hat erreicht, was noch niemand vor ihr geschafft hat: Wegen ihrer Klage muss sich ein deutsches Unternehmen für die Produktionsbedingungen bei seinen asiatischen Subunternehmern vor einem deutschen Gericht verantworten. Sie ist eine von 4 Klägerinnen, die für den Prozess von einer NGO unterstützt werden. Die Entscheidung steht noch aus, aber bereits die Zulassung der Klage hatte eine hohe Signalwirkung. Denn so wurde aktenkundig, dass sich die Konzerne am Ende der Lieferkette durchaus mit den Menschen beschäftigen müssen, die für sie produzieren.

Das Dilemma

Die Umsätze der Mode-Einzelhändler in Deutschland steigen stabil, bei Ketten mit starkem Fokus auf Eigenmarken wie H&M, Primark und Zara war das Plus zuletzt noch etwas größer Die Umsätze bei den »vertikal organisierten« Ketten, also Bekleidungsunternehmen, die eigene Kollektionen designen und herstellen lassen, anstatt Produkte anderer Marken zu vertreiben, stiegen im Jahr 2017 um 2%, bei den Mittelständlern um 1,5%. Insgesamt lag der Umsatz der Branche in Deutschland bei 66 Milliarden Euro. Die Zahl der Unternehmen war aber weiter rückläufig – das heißt, dass sich der Markt weiter auf mächtigere Player konzentriert. als im Bericht des Textildruck-Branchenmagazins ID-Tex über die Umsatzentwicklung im Textil-Einzelhandel im Jahr 2017 (2018) Mittelstand. Der Durchschnittsdeutsche kauft PDF-Broschüre von Greenpeace zu »Fast Fashion« (2017) jährlich 60 Kleidungsstücke, also 5 pro Monat, trägt jedes davon aber nur noch halb so lang wie noch vor 15 Jahren. Mittlerweile sind bei »Fast Fashion«-Ketten 20 neue Kollektionen pro Jahr keine Seltenheit mehr.

»Die Öffentlichkeit ist stärker sensibilisiert für die Thematik.«

»Die meisten Menschen sind sich bewusst, dass das Produkt, das sie kaufen, nicht fair hergestellt ist«, sagt Gisela Burckhardt, die mit ihrem Verein Homepage des einflussreichen Vereins FEMNET FEMNET besonders gegen die Ausbeutung von Frauen in der Textilbranche kämpft und die sich über viele Jahre hinweg einen Namen in diesem Themenbereich gemacht hat. »Die Öffentlichkeit ist stärker sensibilisiert für die Thematik. Das bezieht sich nicht nur auf Kleidung, sondern auch auf die Dirk Walbrühl über Nachhaltigkeit in der Elektronikindustrie, die auf seltene Rohstoffe angewiesen ist, die oft unter katastrophalen Bedingungen gewonnen werden Elektronikindustrie.«

Für Verbraucher besonders demotivierend ist das Wissen, dass das teurere Kleidungsstück weder unbedingt besser produziert wurde, noch den Nähern bessere Löhne brachte als ein billiges. »Teure Marken sind kein Garant dafür, dass faire Arbeitsbedingungen herrschen«, sagt Burckhardt. »Für mein Buch ›Todschick‹ habe ich nachgewiesen, dass Hugo Boss in den gleichen Fabriken produzieren ließ wie H&M oder C&A.«

Kleider shoppen hat seine Unschuld verloren, spätestens seit dem Im Interview mit Katharina Wiegmann erklärt die Bangladesch-Expertin Franziska Korn, welche Konsequenzen die Katastrophe des Rana Plaza nach sich gezogen hat Einsturz der Rana-Plaza-Fabrik in Bangladesch, bei dem im Jahr 2013 mehr als 1.100 Menschen starben. Damals erfuhren viele Konsumenten billiger Mode erstmals von den furchtbaren Bedingungen, unter denen sie produziert wird.

Titelbild: David Ehl - copyright

von David Ehl 

Wenn Zugvögel im Schwarm fliegen, beeinflusst jedes einzelne Tier die Richtung aller - das hat David bei einer Recherche gelernt. Sonst berichtet er eher über Menschen, stellt sich dabei aber eine ganz ähnliche Frage: Welche Rolle spielt der einzelne Wähler und Verbraucher, welchen Einfluss hat jeder von uns auf die Gesellschaft? David recherchiert gerne unterwegs, studiert hat er Musikmanagement, Englisch und Journalismus.

Themen:  Gerechtigkeit   Arbeit   Politik  

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