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Kommentar 

Wenn du als Veganer eine Avocado isst, gibt es auf die Fresse!

Darf ich mich vorstellen: Ich bin eine von diesen Ökos. Doch bei unverpackter Bio-Mandelmilch geht es mir um mehr als mein gutes Gewissen.

21. Dezember 2018  7 Minuten

Für viele bin ich Teil einer Gruppe, die schnell als übermoralisch und spaßbefreit gilt. Die »Ökos« gelten als anstrengende Moralapostel, die – oft im wahrsten Sinne des Wortes – immer und Felix Austen und Maren Urner schlachten 5 Mythen über falsches Fleisch überall eine Extrawurst brauchen, die es nie gut sein lassen, die nie einfach zugreifen oder loslassen. Sie sind der Inbegriff der Gutmenschen und Besserwisser.

Gleichzeitig wird uns gern vorgeworfen, egozentrisch und kurzsichtig zu sein: Schließlich kaufen wir den Fair-Trade-Pullover doch nur fürs grüne Gewissen und nicht wegen der David Ehl über den Gerichtsprozess gegen KiK: Erstmals beschäftigt sich ein deutsches Gericht mit den Arbeitsbedingungen in Pakistan Näherinnen am anderen Ende der Welt. Wir tragen unseren Ökokonsum und Idealismus vor uns her wie einen Orden, waschen unser Gewissen mit unverpackter, palmölfreier Bio-Seife rein. Und verstricken uns dabei so offensichtlich in Widersprüchen, dass wir das doch alles echt nicht ernst meinen können. Dann, wenn wir uns die Mandelmilch eingießen, die Avocado aufs Brot schmieren und den Yogakurs in Indien buchen.

Ist da was dran? Bin ich eine narzisstische Ökonärrin?

Ich bin eine von diesen Ökos

Als Öko bin ich natürlich nicht auf die Welt gekommen. Ich erinnere mich immer wieder daran, dass ich mit täglichem Fleischkonsum und selbstverständlichem Samstagsshopping in der Kölner Innenstadt aufgewachsen bin. Ich trage unsere Konsumkultur durch und durch in mir. Ich wollte alles und mehr, gern sofort.

Nein, ich suhle mich nicht heimlich in einem romantisierten naturverbundenen Selbstbild und finde eigentlich Ameisen eklig und Natur nur bei der BBC und in Form von Tierbabys schön. – Quelle: Discover Serbia CC0

Als Studentin aß ich – zunächst aus Sparsamkeit – immer seltener Fleisch. Ich stieß eher beiläufig auf Informationsfetzen dazu, wo unser Essen herkommt. Seitdem wächst mein Wissen (und Erschrecken) über diesen »blinden Fleck«. Und damit der Wunsch, etwas zu tun. Mit der Zeit wurde Vegetarismus zur Maren Urner serviert das Menü zur Weltrettung rein pflanzlichen Ernährung, irgendwann begann ich, Nestlé, Amazon und Co. zu meiden, nur noch secondhand oder wenigstens fair einzukaufen, Maren Urner fordert ein Schokoladen-Kartell für faire Süßigkeiten auf Fair-Trade-Siegel zu achten. Jetzt schließe ich es aus, in eine größere Wohnung zu ziehen (auch wenn die Gesellschaft es zu erwarten scheint), und versuche mir ein Leben ohne Langstreckenflüge vorzustellen (das Öko-Schreckgespenst, auch unter umweltbewussten Menschen).

Ich bin also, was Patrick Bernau Patrick Bernau über »Bienenschützer, Plastikhasser, Öko-Narren« (2018) in der F.A.Z. als »Ökonarr« bezeichnet. Ein Mensch, dessen Bemühungen etwas zum Klimaschutz beizutragen vor allem egoistisch motiviert und in der Summe meist sogar unnütz oder kontraproduktiv sind. Solche Vorwürfe begegnen mir vor allem in den Kommentarspalten im Internet, in Artikeln und der öffentlichen Diskussion. Doch mittlerweile navigiere ich mich in der Erwartung solcher Beschuldigungen – ob passiv-aggressiv oder einfach nur aggressiv – durch meinen Alltag. Jeder scheint einen ätzenden Veganer oder eine missionarische »Ökotrulla« zu kennen und fast jeder hat deswegen auch eine Meinung zu »uns«.

Das kann sich auch durch Schweigen äußern, zum Beispiel hat meine Familie auf die Veränderungen in meinem (Ess-)Verhalten weder mit Neugier noch mit explizitem Unverständnis reagiert. So erfahre ich dann später irgendwann, dass ich mittlerweile eine »militante Veganerin« sei (militant ist das letzte Adjektiv, das ich verwenden würde, um mich zu beschreiben), oder höre beim Frühstück mit Freunden den beiläufigen, ironischen Kommentar über die »unnormalen Esser« in der Gruppe. Ich übergehe das lachend und schiebe meine Irritation weg. Dabei gibt es oft genug Momente, in denen ich mich ärgere.

Auch wenn ich keine Anfeindungen erlebe, weil ich im angeblichen Widerspruch mit den von mir hochgehaltenen Werten lebe, möchte ich Position beziehen und auf die umherschwirrenden Vorwürfe eingehen. Auch stellvertretend für Menschen, die sich mit ihrem Engagement sehr viel mutiger in die Öffentlichkeit begeben und deshalb jeden Tag sehr viel destruktive Kritik einstecken müssen. Die erfolgreiche österreichische Influencerin Madeleine Alizadeh setzt sich mittlerweile an vielen Fronten zugleich für den Klimaschutz ein. In diesem Blogbeitrag berichtet sie, wie sich die Reaktionen ihrer Leser und Follower mit der Zeit verändert haben: »Über 3 Jahre lang habe ich bei Forever21, H&M, Mango usw. gekauft – ob ihr es glaubt oder nicht: In über 3 Jahren kam kein einziger negativer Kommentar zu meinem Konsumverhalten. Kein einziges Mal wurde das Thema »Kinderarbeit« angesprochen, kein einziges Mal wurde ich an den Pranger gestellt für meine Kaufentscheidungen. Heute nutze ich meinen Blog, der über eine Viertelmillion Zugriffe im Monat verzeichnet, um unter anderem nachhaltige Labels zu pushen. Diese Labels zahlen mir nichts – ich nutze meine Stimme unentgeltlich. Der einzige Unterschied zu früher: Heute werde ich an den Pranger gestellt. Und zwar ziemlich oft.«

Ist nachhaltiger Konsum eine Lüge?

Der Planet lässt sich nicht durch grüne Mode und Coffee-to-go-Becher aus Bambus retten. Und wer das glaubt, ist nicht nur naiv, sondern versucht auch noch, anderen den Spaß zu verderben. Schließlich haben auch die nachhaltigen Alternativen einen (oft unterschätzten) ökologisch-ethischen Fußabdruck. Ein gutes Beispiel ist die Debatte um Plastiktüten: Vermüllte Strände und Mikroplastik im Fisch haben Plastik als Bedrohung für unser Ökosystem auf den Radar gerückt. So wird der Wegwerf-Plastikbecher zum Symbol einer ganzen Konsumkultur. Viele Supermärkte verkaufen als Reaktion nur noch Papiertüten und Baumwollbeutel bzw. heben den Preis für Plastiktüten an. Eigentlich eine schöne Geste. Nur geht hierbei unter, dass auch Papiertüte und Baumwollbeutel einen enormen ökologischen Fußabdruck haben – vor allem, wenn sie nicht oder kaum mehrfach genutzt werden! Denn nicht nur das Hauptmaterial und seine Abbaubarkeit ist wichtig, sondern auch der Wasser- sowie Energieverbrauch und der Einsatz von Chemikalien bei der Produktion oder die CO2-Belastung durch den Transport. Der Energieverbrauch bei der Produktion ist bei beiden deutlich höher als bei der Plastiktüte.

Dabei frage ich mich regelmäßig, ob es größenwahnsinnig ist, auf meiner persönlichen Ebene etwas im Großen ausrichten zu wollen. Mir ist völlig klar, dass ich gerade kein Tier vor einem grausamen, kurzen Leben rette, weil ich mich vegan ernähre, und dass es keiner Erdbeerpflückerin in Spanien besser geht, wenn ich saisonal und regional esse. Die Strände der Welt sind morgen nicht sauberer, weil ich meine Haare mit fester Seife wasche und Holzzahnbürsten benutze. Wir können nicht einfach »grüner« einkaufen und dadurch Mehr als 240 Wissenschaftler*innen fordern in diesem Brandbrief, die Abhängigkeit vom Wirtschaftswachstum zu beenden weiterleben und konsumieren wie bisher. David Ehl fragt sich, ob wir mit Shopping die Welt retten können? Die Welt lässt sich nicht durch Shopping retten. So einfach funktioniert es (leider) nicht. Ich glaube zwar, dass jeder Kauf eine Stimme ist, die ich abgebe. Ein sehr empfehlenswerter Artikel, der erklärt, warum ethischer Konsum eine Lüge ist (englisch, 2017) Ich glaube aber nicht, dass es reicht, auf dieser Ebene »abzustimmen«.

Wir müssen trotzdem Vertreter wählen und Organisationen unterstützen, die für systemischen Wandel kämpfen. Aber glücklicherweise schließen sich Katharina Wiegmann fragt einen Juraprofessor, wie Bürger Lobbyarbeit für ihre Interessen leisten können politisches Engagement, Katharina Wiegmann zeigt, wie ziviler Ungehorsam unsere Demokratie stärkt Aktivismus und ethischer Konsum ja nicht aus. Es würde sich für mich auch einfach falsch anfühlen, eine Kampagne zu unterstützen, die die Massentierhaltung abschaffen will, und abends genüsslich ein Steak zu essen.

Vielleicht ist der Versuch, bei mir selbst anzufangen zum Teil auch eine Reaktion auf die Komplexität der Welt um mich herum, eine Antwort auf Fatalismus und Widerstände. Ich habe oft das Gefühl, dass sich zwischen nachhaltigen Parteiversprechen, Warnungen aus der Wissenschaft und Katastrophenmeldungen in den Nachrichten Hier erklärt mir die Umweltpsychologin Karen Hamann, wie wir unsere Selbstwirksamkeit für den Klimaschutz stärken kaum etwas tut. Vielleicht ist mein Lebensentwurf deshalb auch eine grüne Utopie auf Probe, von der ich träume, dass sie von oben für alle durchgesetzt wird. Mein Mikrokosmos als Versuch für die ganze Gesellschaft. Könnte ich so leben, wenn es mir nur so möglich, Felix Austen fragt: Brauchen wir mehr Verbote? nur so erlaubt wäre?

Denn fordern umweltbewusste Bürger die nachhaltige Revolution und damit neue Regeln und Verbote, wird ihnen schnell etwas anderes als Kurzsichtigkeit und Inkonsequenz vorgeworfen: Maren Urner und Felix Austen fragen: Brauchen wir einen grünen Führer? »Ihr wollt die Ökodiktatur! Ihr grenzt die Freiheit des Einzelnen ein! Ihr sucht einfache Antworten und durchdenkt nicht alle Konsequenzen.«

Ein nachhaltigerer Lebensstil soll kein Ersatz für politisches Jana Kreisls Comic zum Widerstand im Hambacher Forst Engagement oder Umweltinitiativen sein. Es ist vielmehr die logische Konsequenz und die Voraussetzung zugleich!

Glücklicherweise schließen sich politisches Engagement, Aktivismus und ethischer Konsum nicht aus. – Quelle: maxpixel CC0

Veganismus für das grüne Gewissen?

»Ihr macht das nur fürs eigene Gewissen!«

Die Ironie bei diesem Vorwurf ist, dass ich mir die Fragen regelmäßig selbst stelle, die uns oft rhetorisch gestellt werden, um unsere Beweggründe zu entlarven. Und zwar ganz ehrlich und ohne jeden Zynismus. Wie sehr ich das wirklich für Felix Austen erklärt, wer die Biene jetzt noch retten kann die Wildbiene, den syrischen Klimaflüchtling oder meine potentiellen Enkelkinder mache. Ob da eine verklärte Naturliebe vom Leben im Einklang mit Flora und Fauna mit mir durchgeht. Oder ob Nachhaltigkeitsbestrebungen meine ganz eigene Egopolitur sind. Fühle ich mich (zu) gut in dieser Rolle? Um jedem, der nicht meinen Vorstellungen vom ethischen Konsum entspricht, ein »Wie kannst du nur?« entgegenzuschmettern? – Nein.

Im Gegenteil, es fühlt sich oft nicht gut an, mich mit den Auswirkungen meines Lebensstils auseinanderzusetzen. Dann fühle ich mich unzulänglich, moralisch verstrickt, überfordert. Ich bin selbstkritisch, vor allem, wenn es um mein »grüneres Leben« geht. Und ich habe das Gefühl, dass genau dieses Reflexionsvermögen Ein Kolumnenbeitrag über Selbstreflexion bei Veganern und die durchaus egoistischen Beweggründe der Autorin, sich pflanzlich zu ernähren den Ökos als Gruppe abgesprochen wird. Ja, es gibt ganz sicher unreflektierte und narzisstische Menschen unter den Veganern, Vegetariern und Müllvermeidern – so wie Maren Urner und Han Langeslag erklären hier, wie wir entscheiden, wer zu unserer Gruppe gehört in jeder Gruppe. Selbstzufriedenheit und der Wunsch, sich »gut« zu verhalten, schlummert nicht nur im Öko, sondern im Menschen per se. Aber es gibt eben auch viele Menschen, die sich selbst hinterfragen, offen bleiben für neues Wissen und frische Erfahrungen, die immer wieder das eigene Verhalten anpassen. Ich sage nicht, dass mir (und anderen) das immer leichtfällt. Aber ich gebe mir Mühe – und mache dabei dauernd Fehler.

Wie oft bin ich schon auf »grüngewaschene« Produkte reingefallen, habe, ohne es zu ahnen, von Nestlé und Co. gekauft, als ich bereits Petitionen gegen den Konzern unterschrieben hatte. Viel zu lange wusste ich nicht, dass das Fair-Trade-Siegel nicht immer bedeutet, dass auch zu 100% »fair« drinsteckt. Ich bereue es, dass ich mir über den CO2-Fußabdruck meiner Ernährung mehr Gedanken gemacht habe als über die Konsequenzen meines Flugs nach Südostasien oder meiner nichtsanierten Altbauwohnung. Kurze Zeit nachdem ich einen leckeren Käseersatz aus Mandeln entdeckt hatte, machte mich ein Bekannter auf die Mandelmonokulturen in Kalifornien aufmerksam. »Och nö!«, war mein erster Gedanke.

Mich irritiert, dass vor allem die pflanzliche Ernährung gern als Ego-Streicheleinheit verdammt wird. Ob Demonstrant, Kirchengänger oder Vegetarier – wir alle tun Dinge (auch) für das gute Gefühl.

Oft fühle ich mich wie eine ökologisch unmündige Weltenbürgerin, wie eine Nachhaltigkeitsanalphabetin, die gerade erst versucht, lesen und schreiben zu lernen. Lasst uns genau über diese Fehler und Schwächen, diese Fragen und das Gefühl der Überforderung reden. Ich möchte gern auf Wissenslücken, Neuigkeiten, Widersprüche und Denkfehler hingewiesen werden. Aber ohne dieses fast genüssliche »Ha, da habe ich dich entlarvt! Schau, so perfekt bist du gar nicht!«

Klar, Selbstreflexion allein hilft nicht, wenn mein Urteil am Schluss »Passt schon« ist. Doch genau diese Fragen motivieren mich – und ich bin sicher auch viele andere – Felix Austen fragt sich, wie wir Handeln und Ideale unter einen Hut bekommen? zu weiteren Veränderungen. Zu Engagement, das wächst und über den eigenen Dunstkreis hinausgeht.

Meine Quintessenz: Wir alle tun im Schnitt zu wenig. Egal wie wir uns ernähren oder kleiden.

Mit Illustrationen von Adrian Szymanski für Perspective Daily

von Katharina Ehmann 

Was macht dich krank, was hält dich gesund? Wie können wir uns selbst besser verstehen und welchen Einfluss hat jeder Einzelne – auf sich selbst, aber auch seine Umwelt? Diesen Fragen geht Katharina als Psychologin auf den Grund.

Themen:  Essen   Psychologie   Nachhaltigkeit  

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