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Nach diesem Text willst du nicht mehr finanziell frei sein

27. Dezember 2018
Themen:

Arbeiten bis 35 und dann das Leben genießen? Dieser Mann hat es ausprobiert und sich dagegen entschieden. Aus guten Gründen.



Es war irgendwann im Frühjahr 2017, als Patrick Hundt eine Entdeckung machte, die das Zeug dazu hatte, sein Leben von Grund auf zu verändern. Der 36-jährige Blogger und Unternehmer hatte sich eigentlich vorgenommen, es in den nächsten Monaten etwas ruhiger angehen zu lassen.

Für Patrick Hundts Blog Healthy Habits sein Blog Healthy Habits, das er seit mehreren Jahren sehr erfolgreich mit einer weiteren Autorin betreibt, hatte er schon länger nichts geschrieben. Er hatte genügend Geld gespart, um einmal nur das zu tun, was er sich schon oft vorgenommen hatte: ein Gemüsebeet anlegen, ein Ehrenamt übernehmen oder endlich damit anfangen, auf der Gitarre zu spielen, die bis dahin nur im Wohnzimmer herumstand.

Doch dann stieß er auf die Link zu Mr. Money Mustache (englisch) Website von Peter Adeney. Unter dem Pseudonym Mr. Money Mustache schreibt der Kanadier darüber, wie er im Alter von 30 Jahren seinen Job als Softwareingenieur gekündigt hat, um in den Ruhestand zu gehen. Patrick Hundt erfuhr, dass Peter Adeney in seinem kurzen Berufsleben so gut verdient und gleichzeitig so sparsam gelebt hatte, dass er es sich jetzt leisten konnte, von seinen Ersparnissen zu leben. Dank einer klugen Anlagestrategie würde das Geld ein Leben lang reichen.

»Ich saß mit weit aufgerissenen Augen vor meinem Laptop.« – Patrick Hundt, Blogger und Buchautor

»Ich saß mit weit aufgerissenen Augen vor meinem Laptop«, erinnert sich Patrick Hundt an den Augenblick, als er zum ersten Mal auf den Begriff stieß, der ihm von nun an viele schlaflose Nächte bereiten würde: die finanzielle Freiheit.

Die Idee dahinter ist einfach. Menschen sparen so viel Geld, dass sie schon in jungen Jahren nicht mehr auf ein Arbeitseinkommen angewiesen sind und sozusagen in Rente gehen können. »FIRE« lautet die Abkürzung für diesen Lebensentwurf: »Financial Independence, Retire Early«. Finanzielle Unabhängigkeit, früher Ruhestand. Manche Anhänger dieser Bewegung nennen sich auch Website des Frugalisten Oliver Noelting Frugalisten. Es geht ihnen um ein genügsames, sparsames Leben, das mit so wenig Ausgaben wie möglich auskommt. Häufig werden finanzielle Freiheit und Frugalismus synonym verwendet. Das ist nicht ganz korrekt. Zwar verbindet beide Konzepte das Streben nach finanzieller Unabhängigkeit. Frugalisten legen aber besonders großen Wert auf Sparsamkeit und Minimierung der Ausgaben, während finanzielle Freiheit nicht zwangsläufig mit konsequenter Konsumreduzierung einhergeht. »Frugalität« steht laut Duden für Einfachheit und Bescheidenheit. Frugalisten richten sich mit einem sehr geringen monatlichen Einkommen ein, finanziell Freie nicht zwingend. Ihr Lebensstandard ist höher.

Eine Entdeckung und ihre Folgen

Patrick Hundt sah sofort, dass das, was er da las, auch für ihn funktionieren könnte. Er hat früh gutes Geld verdient. Mit Anfang 20 schloss er ein duales Studium ab, machte schnell Karriere, gründete eine Agentur für Onlinemarketing, stieg nach 4 Jahren aus und verkaufte seine Anteile. In der Zwischenzeit hatte er sich ein neues Standbein als Blogger und Buchautor aufgebaut.

3 Jahre reiste er dann als digitaler Nomade Als digitale Nomaden werden Menschen bezeichnet, die ortsunabhängig arbeiten und häufig ihren Standort wechseln. Sie brauchen für ihre Arbeit in der Regel nicht mehr als einen Laptop und eine stabile Internetverbindung. Viele von ihnen sind selbstständige Unternehmer. Es gibt aber auch Firmen, die ihren Mitarbeitern anbieten, ortsunabhängig zu arbeiten. Häufig ist dann auch von »Remote Work« die Rede. Der Begriff steht für die freie Wahl des Arbeitsorts. um die Welt. Patrick Hundts Blog 101 Places Sein Reiseblog 101Places hatte großen Erfolg, ebenso wie sein Patrick Hundts Blog introvertiert.org Blog über Introversion. Mit Büchern über diese Themen schaffte er sich ein passives Einkommen. Einnahmen also, die stetig und ohne größeren Aufwand auf sein Konto fließen.

Patrick Hundt ist Blogger, Buchautor und lebte mehrere Jahre als digitaler Nomade. Zuletzt hat er sich intensiv mit dem Thema finanzielle Freiheit auseinandergesetzt. – Quelle: Patrick Hundt copyright

»Ich hatte immer ein gutes Einkommen, aber noch wichtiger war, dass ich unter meinen Verhältnissen lebte«, sagt Patrick Hundt. Die Ersparnisse wuchsen mit jedem Jahr. Er hatte also bereits eine hohe Summe auf dem Konto, als er auf die »FIRE«-Bewegung stieß. »Meine neue Leidenschaft nahm mich so sehr in Anspruch, dass ich nur noch Finanzliteratur las.« – Patrick Hundt, Blogger und Buchautor

Patrick Hundt fing an, Berechnungen anzustellen. Er verschaffte sich zunächst einen Überblick über seine Ausgaben und kam auf 1.800 Euro im Monat. Nach einer Artikel von Oliver Noelting über die 4%-Regel Faustregel, die im Internet kursiert, kann man von einem Vermögen leben, das dem 25-Fachen der jährlichen Ausgaben entspricht. Er begann zu rechnen: 1.800 Euro mal 12 Monate mal 25 Jahre. 540.000 Euro brauchte er also, um von seinem Vermögen leben zu können, wenn sein Lebensstandard gleich bliebe.

Immer wieder nahm Patrick Hundt den Taschenrechner und spielte mit den Variablen. »Meine neue Leidenschaft nahm mich so sehr in Anspruch, dass ich nur noch Finanzliteratur las, über Geld nachdachte und darüber das Interesse an meiner Arbeit verlor«, sagt er.

Die Aussicht, nicht mehr bis ins hohe Alter arbeiten zu müssen, hatte etwas mit ihm gemacht. Er habe schlagartig die Freude an seinem Job verloren, erzählt er. Für Healthy Habits habe er nur noch einen guten Text verfasst. Er handelte von finanzieller Freiheit.

Illustration: Tobias Kaiser

Doch würde er den Schritt wirklich wagen? Würde er sich eines Tages selbst so zufrieden über den Geldschnurrbart streichen können wie der kanadische Mr. Money Mustache? In seinen Texten hat Patrick Hundt, ein bedachter, introvertierter Mensch, häufig genug darüber geschrieben, was Laut oder leise? Sabrina Schmid erklärt, wie du dein Temperament richtig nutzt Introvertierte auszeichnet: Sie sind besonders gewissenhaft und bereiten Entscheidungen sorgfältig vor. Daher war seine Entscheidung auch noch nicht gefallen.

Ein Modell für Gutverdiener

Bisher ist der Lebensentwurf »finanzielle Freiheit« ein Ausnahmephänomen. Meistens sind die Erfolgsgeschichten der finanziell Freien die Geschichten von gebildeten, gut verdienenden Männern aus reichen Ländern. Einem Artikel der New York Times über die FIRE-Bewegung (englisch, 2018) Bericht der New York Times zufolge sind die Anhänger der »FIRE«-Bewegung häufig ehemalige Beschäftigte aus der Tech-Branche, die unter hohem Druck gearbeitet, viel Geld verdient und sich dann frustriert und erschöpft auf die Suche nach einem alternativen Lebensmodell begeben haben.

An den Diskussionen in Blogs, Facebook-Gruppen und bei Stammtischen, von denen es auch hierzulande immer mehr gibt, beteiligen sich Frauen eher selten. Patrick Hundt hat eine Vermutung, woran das liegen könnte. »Sie verdienen im Durchschnitt weniger Geld. Dadurch ist es für sie weniger realistisch, die finanzielle Freiheit jemals zu erreichen.« Auch die Hier findest du meinen Text zum Thema Teilzeitarbeit Tatsache, dass Frauen viel häufiger Teilzeitstellen haben, beschränkt ihr Einkommenspotenzial. Wer weniger als 3.000 Euro brutto im Monat verdiene, für den sei finanzielle Freiheit ein unerreichbares Ziel, sagt Patrick Hundt.

Er hat aber auch bemerkt: »Es sieht so aus, als würden Frauen sich weniger für Geld interessieren und dafür, wie sie es gewinnbringend anlegen.« Die Frauen der Männer, mit denen er gesprochen habe, wollten überwiegend auch gar nicht aufhören zu arbeiten. »Sie wollen weiterarbeiten, beruflich etwas leisten und Karriere machen.«

Mehr als 100 deutschsprachige Buchtitel zeigt Amazon bei einer Suche nach den Themen »finanzielle Freiheit«, »finanzielle Unabhängigkeit« oder »passives Einkommen« an. Mehrere Dutzend Finanzblogs über finanzielle Freiheit kursieren im Netz. Dahinter stehen meistens Männer mit einem Wunsch: durch richtiges Investieren finanziell unabhängig zu werden. Im Netz tauschen sie sich über Anlagemethoden und Spartipps aus.

Finanzexperten sind skeptisch

Die Anlagestrategie, die zur finanziellen Unabhängigkeit führen soll, hängt meistens mit dem Wie Investitionen in Immobilien funktionieren, erklärt dir Peter Dörrie hier Kauf von Immobilien zusammen und mit Investitionen an der Börse. Ein beliebtes Mittel David Ehl erklärt dir, was du tun kannst, um dein Vermögen zu steigern sind sogenannte ETFs, »Exchange Traded Funds«. Das sind Fonds, die einen Aktienindex widerspiegeln. Anleger müssen keinen Fondsmanager bezahlen, weil die ETFs automatisch in alle Aktien eines bestimmten Index investieren.

Carla Krolage vom Münchner Ifo-Institut findet diese Anlagestrategie zwar klug. Die Zinsen sind niedrig, die Börse boomt seit Jahren und die Immobilienpreise steigen weiter. Auch wenn diese Märkte kurzfristig Schwankungen unterliegen, sagt sie, sei es langfristig sinnvoll, in Immobilien und breit diversifizierte Aktienindexfonds zu investieren. Festgeld und Spareinlagen werfen schließlich kaum mehr etwas ab.

Illustration: Tobias Kaiser

Trotzdem hält Carla Krolage wenig von der »FIRE«-Idee. Massentauglich sei das schon mal gar nicht. »Das ist eine individuelle Entscheidung, die ein gewisses Risiko hat«, sagt sie. Es sei schwer, so weit in die Zukunft zu planen. Was, wenn Aktienmärkte über lange Zeiträume stagnieren oder Verluste verzeichnen? Auch die eigenen Bedürfnisse verändern sich im Laufe des Lebens, gibt Carla Krolage zu bedenken. Zum Beispiel dann, wenn man eine Familie gründet oder ins höhere Alter kommt.

Wenn das alle so machen würden, hätten wir vermutlich eine Wirtschaftskrise.« – Carla Krolage, Ifo-Institut

»Es ist richtig, zur Rentenvorsorge verstärkt in Aktien zu investieren«, sagt Carla Krolage. Doch sie ist auch überzeugt, dass es verheerende Folgen hätte, wenn alle Beschäftigten schon weit vor dem Renteneintrittsalter aufhören würden zu arbeiten, um von ihren Ersparnissen zu leben. »Das könnte gravierend werden. Wenn das alle so machen würden, hätten wir vermutlich eine Wirtschaftskrise.«

Sie erklärt auch, warum. »Die Wirtschaft braucht Arbeitskräfte, die dann den Unternehmen fehlen würden. Außerdem hängt die Wirtschaftslage stark vom Konsum ab.« Kannst du mit Shopping die Welt retten? David Ehl verrät es dir in diesem Text Und wenn Menschen nicht mehr kaufen, sinkt am Ende auch die Rendite der Unternehmen, erklärt Carla Krolage und resümiert: »Es ist ein Konzept, das einige wenige machen können. Wenn es zu viele Menschen so machen, wird es problematisch.« Und sie gibt noch etwas anderes zu bedenken: Hier findest du Maren Urners Text über den Sinn von Arbeit »Viele Menschen arbeiten gerne.«

Ende einer Träumerei

Auch bei Patrick Hundt kamen bald Zweifel auf. Er überlegte, dass sich sein Leben in Zukunft verändern wird. Er würde wahrscheinlich Kinder haben. Dann würde die enge Mietwohnung nicht mehr reichen. Mit Kindern und einem Haus am Stadtrand würde er ein Auto benötigen. Auch in anderen Belangen würde er mit dem Alter bequemer werden und sich zum Beispiel teurere Reisen erlauben.

Die Beiträge für die Krankenversicherung werden steigen, überlegte er weiter. Auch die Steuern für Kapitalgewinne werden sich ändern. »Kein Sicherheitspuffer in meiner Kalkulation kann groß genug sein, um mich angesichts dieser Unwägbarkeiten vollständig zu beruhigen«, gestand er sich ein.

»FIRE« ist eine Idee für risikobewusste Individualisten. Doch man muss ihrem Beispiel nicht folgen, um dennoch von ihnen zu lernen. Auch bei Patrick Hundt habe die Beschäftigung mit finanzieller Freiheit dazu geführt, dass er nun anders über Geld, Arbeit und Freizeit nachdenke.

4 Lehren für finanziell Unfreie

Auch Menschen, die weiterhin arbeiten und nicht mit 40 in Rente gehen wollen, können also etwas von der »FIRE«-Bewegung lernen.

  1. Geld sparen und anlegen: Anhänger der »FIRE«-Bewegung setzen sich intensiv mit dem Thema Geld und Geldanlage auseinander. Sie senken ihre Kosten, haben einen genauen Überblick über Einnahmen und Ausgaben. Sie bauen, wenn möglich, passive Einnahmequellen auf. Sie wissen, was sie zum Leben brauchen und wie viel sie zurücklegen können. Das Geld, das übrig bleibt, investieren sie langfristig an der Börse, häufig in Aktienindexfonds, aber auch in Immobilien. Später leben sie von den Erträgen und sind nicht mehr auf ein Arbeitseinkommen angewiesen.
  2. Minimalist sein: Die Grundlage dafür ist ein minimalistisches, sparsames, genügsames Leben. Vielen geht es dabei nicht allein um kühle Berechnungen, um möglichst schnell in den Ruhestand zu gehen. Es geht auch um Lebenssinn. Im Netz tauschen Frugalisten und finanziell Freie nicht nur Anlagetipps aus, sondern auch Lebensweisheiten. Auf unnötigen Konsum zu verzichten ist Teil ihrer Lebenseinstellung. Es ist auch eine Kritik der Überflussgesellschaft.
  3. Das Leben in die Hand nehmen: Die Normalbiografie in unserer Gesellschaft sieht immer noch so aus: So geht Schule, die wirklich aufs Leben vorbereitet Schule, Ausbildung, Berufsleben und Rente. Statt vorgegebenen Bahnen zu folgen, sagen Menschen, die finanzielle Freiheit erstreben: Warte nicht ab, bis dir etwas passiert. Entscheide selbst und lebe nach deinen eigenen Regeln.
  4. Zeit gewinnen: Es geht bei finanzieller Freiheit selten um Reichtum an sich. Es geht auch nicht um Faulheit. Es geht darum, Zeit für die Dinge zu haben, die man wirklich tun möchte. Arbeit, der man mit Leidenschaft nachgeht, Ehrenämter, die man voller Engagement übernimmt, Hobbys und Mußestunden, die man genießt, und Reisen, die man unternimmt. Es ist eine andere Form des Wohlstands: Zeitwohlstand.

Patrick Hundt habe das Ziel der finanziellen Freiheit inzwischen abgehakt, erzählt er. Er begann stattdessen, Patrick Hundt: Ich gönn’ mir Freiheit ein Buch über persönliche Freiheit und finanzielle Unabhängigkeit zu schreiben. Er hatte genug davon, untätig zu sein. »Ich war nicht mehr stolz auf meine Freiheit, sondern peinlich berührt von meiner Faulheit«, schreibt er in seinem Buch. »Ich war peinlich berührt von meiner Faulheit.« – Patrick Hundt, Blogger und Buchautor

Den Plan, einen Schrebergarten mit Gemüsebeet zu pflegen, hat er deshalb längst verworfen. Ehrenämter, die ihn ansprachen, hat er auch keine gefunden. Und die Gitarre in seinem Wohnzimmer würde ihn auch nicht mehr zum Üben auffordern. Er hat sie verkauft.

Patrick Hundt sagt, er werde weiterhin genügsam leben, seine Ersparnisse klug und langfristig anlegen. Aber auch weiterarbeiten. »Weil mir ohne Arbeit langweilig wäre.« Der Ruhestand darf ruhig noch etwas warten.

Mit Illustrationen von Tobias Kaiser für Perspective Daily

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