Reportage 

Ja, die Zeit der Kohle endet. Kein Problem, sagt diese Bergbaustadt

Die Kohlekommission hat beschlossen: Im Jahr 2038 ist Schluss. Während die Politik jetzt entscheiden muss, wie es weitergehen kann, macht es Ibbenbüren längst vor.

28. Januar 2019  10 Minuten

Manchmal geschehen große Ereignisse ganz leise. Es ist ein bedeckter Sommertag Mitte August, als Reviersteiger Jörg Himbert und seine Mannschaft auf den Korb steigen. Mit 8 Metern pro Sekunde rast er den Nordschacht hinab. Zu diesem Zeitpunkt ist er der tiefste aktive Schacht im deutschen Steinkohlenbergbau. Und dann, in 1.335 Metern Teufe, Streb 9/10 Norden, Flöz 53, löst der Hobel zum letzten Mal das schwarze Gold aus dem Boden. Es ist staubig, es ist laut. Bis die Maschinen verstummen und das Förderband die letzten Brocken Ibbenbürener Anthrazitkohle davonträgt.

Die von-Oeynhausen-Schachtanlage in Ibbenbüren ist der Hauptstandort des inzwischen stillgelegten Bergwerks. – Quelle: Tyler Larkin copyright

Keine große Feier, keine Pressevertreter begleiten diesen historischen Augenblick. Als Zeichen des Respekts für die Mannschaft habe man sich entschieden, die letzte Förderschicht ohne viel Aufhebens zu begehen, heißt es in der erst Tage später veröffentlichten Pressemitteilung der RAG. Da keine Medienvertreter die letzte Förderschicht des Bergwerks begleiten konnten, beziehen sich die Schilderungen zu Beginn dieses Textes auf die Informationen in der genannten Pressemitteilung sowie auf Angaben von RAG-Vertretern. Die Pressemitteilung wurde nicht im Internet veröffentlicht, sondern am 24. August 2018 per E-Mail an Pressevertreter versandt. Vielsagend steht darin:

Im Angesicht der Stilllegung bewältigten die Bergleute diese Herausforderung unter schwierigen Bedingungen. Der Zusammenhalt ist hoch. – aus der Pressemitteilung der RAG

5 Monate später, Januar 2019. Der deutsche Steinkohlenbergbau ist inzwischen offiziell beendet. Ibbenbüren im nördlichen Münsterland gehörte neben Prosper-Haniel in Bottrop zu den letzten beiden aktiven Zechen in Deutschland. Jetzt liegt das Bergwerk RAG Anthrazit scheinbar verlassen da. Schon heute wirkt es wie ein Stück Industriegeschichte.

Dass unter Tage die Räumung der Grube stattfindet, ist für den Passanten an der langen, schnurgeraden Straße vor dem Werksgelände unsichtbar. Über Tage stehen die Fördertürme und Bandanlagen still. Nur selten sind vereinzelte Arbeiter zu sehen. Kurz huschen sie über das Gelände, um dann wieder in den alten Gebäuden und Anlagen zu verschwinden. Hier waren im Jahr 1958 mehr als 8.000 Mitarbeiter beschäftigt, ehe es mit dem deutschen Steinkohlenbergbau bergab ging. Die Förderung von Steinkohle ist international schon seit Langem nicht mehr wettbewerbsfähig und wurde daher seit den 1950er-Jahren staatlich subventioniert. Im Februar 2007 haben sich der Bund, das Land Nordrhein-Westfalen und das Saarland sowie die RAG AG und die Gewerkschaft IG BCE darauf verständigt, die subventionierte Förderung der Steinkohle in Deutschland zum Ende des Jahres 2018 sozialverträglich zu beenden. Eine sogenannte Revisionsklausel strich der Bundestag im Jahr 2011. Damit war der Ausstieg endgültig besiegelt. Die letzten beiden Bergwerke schlossen im Jahr 2018 in Ibbenbüren und Bottrop, andere wurden bereits in den Jahren zuvor stillgelegt. Das Bergwerk Saar hatte seinen Betrieb im Jahr 2012 eingestellt. Einige Bergleute wechselten daraufhin auch nach Ibbenbüren. Im Januar 2019 arbeiteten in Ibbenbüren noch 458 Menschen über und unter Tage.

Ein neuer Stadtteil entsteht

Der Pütt, wie die Menschen hier sagen, liegt auf einem Höhenzug im Norden des Stadtgebiets. Die Türme und Schornsteine des Bergwerks und des benachbarten Kraftwerks sind weithin sichtbar. Sie sind die Wahrzeichen der Stadt. Während der Nordschacht, wo die Bergleute eingefahren sind, eher unauffällig in der Nachbargemeinde Mettingen liegt, ist der Oeynhausen-Schacht der Hauptstandort des Bergwerks. Doch kaum einen Ibbenbürener, der hier nichts verloren hat, verschlägt es hierher.

In Zukunft wird sich das ändern. Denn bereits in wenigen Jahren wird hier nichts mehr so sein, wie es einmal war. Während die Kohlekommission im fernen Berlin bis zuletzt um Lösungen für die Zeit nach der Kohle gerungen hat, ist der Wandel in Ibbenbüren schon im vollen Gange.

Was will die Kohlekommission?

Die »Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung« wurde im Juni 2018 von der Bundesregierung eingesetzt und hat Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Gewerkschaften, Bürgerinitiativen und Umweltverbänden. Am 26. Januar 2019 verständigten sich die Mitglieder darauf, bis spätestens Ende 2038 ganz aus der Kohle auszusteigen. Dabei sollen private Haushalte und Wirtschaft von steigenden Strompreisen entlastet werden. Vom Kohleausstieg betroffene Bundesländer erhalten Hilfen in Höhe von insgesamt 40 Milliarden Euro.

3 Kilometer vom Bergwerk entfernt, im Technischen Rathaus, befindet sich das Büro von Uwe Manteuffel. Vor wenigen Wochen haben er und seine Kollegen den Masterplan Der Masterplan ist das Gesamtkonzept für die Entwicklung der beiden Schachtanlagen von Oeynhausen in Ibbenbüren und Am Nordschacht in Mettingen. Der Masterplan ist ein rechtlich nicht verbindliches Planungsinstrument. Es geht mehr um einen konzeptionellen Korridor, auf dem die weiteren planerischen Verfahren und die spätere bauliche Umsetzung aufbauen können. Der Masterplan ist der letzte Planungsschritt der Schnittstelle Kohlekonversion. Zuvor hatte sie im Jahr 2016 eine 132 Seiten lange Potenzialanalyse erstellt. für die Zeit nach dem Bergbau fertiggestellt. Als Leiter der sogenannten Schnittstelle Kohlekonversion managt Uwe Manteuffel den Strukturwandel in der Region. Und das bereits seit 8 Jahren.

Als Verwaltungsmensch agiert er eher im Hintergrund. Trotzdem kennt jeder Zeitungsleser in der Stadt seinen Namen und weiß, wofür der sperrige Ausdruck »Schnittstelle Kohlekonversion« steht. Die frühzeitig ins Leben gerufene Institution vermittelt zwischen allen Beteiligten in der Region, also zwischen Politik, Verwaltung, Wirtschaft, RAG und nicht zuletzt den Bürgern, die von Anfang an mitgestalten konnten. Im Rathaus hat man früh verstanden: Dieser Wandel kann nur gelingen, wenn er gemeinschaftlich gedacht wird.

Uwe Manteuffel ist Geschäftsführer der Schnittstelle Kohlekonversion. – Quelle: Stadt Ibbenbüren

Der Wandel der Kohleregion Ibbenbüren ist von langer Hand geplant, seit dem Jahr 2011, als der Ausstieg aus der Steinkohle endgültig beschlossene Sache war. »In dem Moment war klar, dass wir den Schalter umlegen müssen«, sagt Uwe Manteuffel. Seitdem sei es nicht mehr darum gegangen, für den Erhalt des Bergbaus weiterzukämpfen, sondern darum, alles zu tun, um den Wandel zu gestalten. Noch mitten im laufenden Zechenbetrieb saßen Stadt und RAG schon an einem Tisch, um eine Zukunftsvision zu entwerfen.

Uwe Manteuffel erzählt, er sei gelegentlich mit Kollegen aus den Braunkohlerevieren in der Lausitz im Gespräch. »Die haben den Beschluss nicht.« Der Kohleausstieg kommt, aber planbar ist er für die Regionen ohne festen Termin bisher nur schwer. Für die Gestaltung des Strukturwandels sei das nicht förderlich, sagt Uwe Manteuffel.

Titelbild: RAG - copyright

von Stefan Boes 

Kennst du auch das Gefühl, 1.000 Dinge tun zu wollen – oder zu müssen? Wie nutzt du die Zeit, die du hast? Stefan geht aus soziologischer Perspektive der Frage nach, wie eine neue Zeitkultur aussehen kann – und wie wir Zeit gestalten können, ohne immer nur hinterherzurennen. Dazu gehört auch die Frage, wie die Vereinbarkeit von Arbeit, Familie und Privatleben gelingen kann.

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