Du machst es täglich über 1.000 Mal. Und veränderst damit die Welt

Dabei hast du wahrscheinlich wenig Kontrolle darüber. Mit diesen 3 Fragen änderst du das.

18. Januar 2019  5 Minuten

»Hallo!« Das ist schon eines.

»Gut geschlafen?« Das sind 2 weitere.

»Wie wäre es mit einem Kaffee? Mit Zucker und Milch?«, und schon sind es noch mal 10.

Auch du sprichst Diese Studie hat den Unterschied zwischen dem Wortverbrauch von Männer und Frauen untersucht (englisch, 2007, Paywall) jeden Tag durchschnittlich 16.000 Wörter – plus alles, was du tippst oder aufschreibst. Vieles geht schnell von den Lippen oder Fingern und verliert sich in Geplapper, Floskeln und Belanglosem. Zumindest fühlt es sich häufig so an, oder?

Dabei hat Sprache immer eine Wirkung und ist nie neutral. Jede Aussage, jede Schlagzeile und jeder Tweet.

Klar, dass Kommunikationsprobleme und Missverständnisse da nicht ausbleiben. Das muss nicht sein – wenn du diese 3 Fragen in deinen täglichen Sprachgebrauch integrierst und dir der Macht der Wörter so bewusst wirst.

Frage 1: Was tust du, wenn du sprichst?

»Es tut mir wirklich sehr leid!«

»Lass uns Freunde bleiben.«

Erinnerst du dich noch an den Moment und das Gefühl, als dir zum ersten Mal jemand sagte: »Ich liebe dich!« An das Kribbeln im Bauch und die Gänsehaut? Weil sich plötzlich alles veränderte und du merktest, dass es zwischen euch beiden nie wieder sein würde wie zuvor. Weil »die 3 magischen Wörter« Das Organon-Modell des Sprachwissenschaftlers Karl Bühler als Buchausgabe mehr sind als nur Wörter. Sie sind eine Handlung. Genau wie die ernst gemeinte Entschuldigung »Es tut mir leid!« oder das tränenreiche »Lass uns Freunde bleiben« einer Trennung.

Manche Wörter kannst du regelrecht spüren. Wie ein »Ich liebe dich!« aus dem Mund des richtigen Menschen. – Quelle: Ryan Jacobson CC0

Ganz automatisch verändern Sprachhandlungen etwas zwischen den Beteiligten. Jeder kennt und befolgt intuitiv die unsichtbaren Regeln hinter Abmachungen und sozialen Konventionen, wenn wir uns verabreden, drohen oder etwas versprechen und so mit Sprache handeln. Aber gilt das nicht für alles, was du sagst? Oder gibt es auch Wörter, die »einfach nur« Wörter sind? Die Antwort der Sprachwissenschaft ist eindeutig: Das gilt auch für unsere Körpersprache, die ebenfalls missverstanden werden kann Wir alle handeln immer, wenn wir sprechen – selbst dann, wenn wir nur »so nebenbei« oder »übers Wetter« reden. Auch beschreibende Sätze wie »Das Wetter ist heute aber schön!« enthalten viel mehr als nur eine Wertung, denn zu ihrer Bedeutung gehört auch wann, wo, wie und zu wem sie gesagt werden. Mit jedem »ich«-Satz stellst du dich nach außen dar und mit jedem »du«-Satz erklärst, bekräftigst oder veränderst du deine Beziehung zu anderen.

»Wie ist jede – aber auch jede – Sprache schön, wenn in ihr nicht nur geschwätzt, sondern gesagt wird.« – Christian Morgenstern, deutscher Dichter

Warum das wichtig ist, merkst du spätestens dann, wenn jemand nach einer Aussage von dir unerwartet verärgert reagiert. Vielleicht hast du einen »Nerv bei ihm getroffen« und die Stimmung zwischen euch verschlechtert sich plötzlich – nur durch ein paar Wörter. Dann ist eine weitere Sprachhandlung vonnöten, vielleicht eine Entschuldigung oder eine Erklärung. Oder du fragst dich schon vorher immer: Was tust du, wenn du sprichst?

Frage 2: Welche Folgen haben deine Worte?

»Ja, ich will!«

»Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!« Mit diesen Worten verkündete Hitler am 1. September 1939 vor dem Reichstag den (offiziellen) Beginn des Krieges, der als Zweiter Weltkrieg in die Geschichte eingehen sollte. Nach einem fingierten Überfall durch 2 als polnische Partisanen verkleidete SS-Männer auf den Sender Gleiwitz des Reichssenders Breslau log Hitler: »Polen hat heute Nacht zum ersten Mal auf unserem eigenen Territorium auch mit bereits regulären Soldaten geschossen. Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen! Und von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten! Wer mit Gift kämpft, wird mit Giftgas bekämpft!« Selbst die Uhrzeit 5:45 Uhr ist falsch, da bereits um 4:45 Uhr deutsche Truppen begonnen hatten, die polnische Westerplatte bei Danzig zu beschießen.

Egal ob Worte eine Ehe einleiten oder den Beginn des Zweiten Weltkrieges markieren, beide Beispiele zeigen: Die Folgen weniger Wörter können lebens- und weltverändernd sein. Denn unabhängig davon, ob eine Aussage einen Waffenstillstand, den Frieden oder einen Krieg einleitet oder beendet, wird sie schnell zu einem Vertrag oder dem Bruch eines solchen. Inklusive Folgen, die wir weder als Laie noch als promovierte Juristin vollumfänglich absehen können. Schließlich fußt die gesamte Juristerei auf der Auslegung und Interpretation von nichts anderem als Wörtern und Sätzen – also Sprache.


Politische Sprache bewegt die Massen: Die richtige Rede zur richtigen Zeit kann den Ausschlag dafür geben, dass wir »gesellschaftliche Verträge« neu verhandeln, wie bei Martin Luther King, …

… oder sie radikal aufkündigen, wie bei Hitler.

Wie teuer ein einzelnes Komma sein kann, bekam unlängst das amerikanische Molkereiunternehmen Oakhurst zu spüren: Weil in der Tätigkeitsbeschreibung der Fahrer ein Komma nicht gesetzt war, entstand eine Doppeldeutigkeit. Das Ergebnis: Zusammenfassung des Oakhurst-Falls in der New York Times (englisch, 2018) Das Unternehmen musste 5 Millionen US-Dollar an seine Fahrer zahlen und nutzt jetzt ein Semikolon, um Zweideutigkeiten zu vermeiden. Die ursprüngliche Formulierung ohne Satzzeichen nach dem Wort shipment lautete:

The canning, processing, preserving, freezing, drying, marketing, storing, packing for shipment or distribution of:
(1) Agricultural produce; (2) Meat and fish products; and (3) Perishable foods.

Dabei ist nicht klar, ob sich die Kategorien (1), (2) und (3) lediglich auf die »distribution« oder auf das »packing for the shipment or distribution« beziehen. Das fehlende sogenannte Oxford-Komma bei Und- oder Oder-Aufzählungen (also A, B, and C vs. A, B and C) wird gern als unnötig bezeichnet, sorgt aber für Klarheit, weil die Trennung von B und C deutlich wird. In diesem Fall wurde die Formulierung von Oakhurst so angepasst, dass nun sogar ein Semikolon nach dem Wort shipment steht:

The canning; processing; preserving; freezing; drying; marketing; storing; packing for shipment; or distributing of:
(1) Agricultural produce; (2) Meat and fish products; and (3) Perishable foods.

Es kann sich also sehr lohnen, öfter mal zu fragen: Welche (rechtlichen und wirtschaftlichen) Folgen haben deine Worte?

Frage 3: Reden wir eigentlich über das Gleiche?

ZEIT ONLINE nutzt den Begriff »sozial schwach« in einem Artikel zum Warnstreik an Flughäfen (2019) »Hamburg bleibt eine geteilte Stadt: […] im Osten und Süden teilweise sozial schwach.«

»Flüchtlingswelle! Flüchtlingswelle! Flüchtlingswelle!«

Ist doch egal, welche Wörter du verwendest, so lange jeder sie versteht, weil Welche Vorteile Mehrsprachigkeit mit sich bringt, liest du hier alle die gleiche Sprache sprechen, oder? Falsch, denn jemand hört immer genau zu und lernt mit: dein Gehirn.

Denke jetzt nicht an einen rosa Elefanten!

Flut, Welle und Strom: Wenn Menschen, die vor Krieg, Hunger und Angst in ihrer Heimat fliehen, wieder und wieder mit Wörtern beschrieben werden, die an Naturkatastrophen erinnern, verändert das dein Gehirn und damit deine Wahrnehmung. Dann reicht plötzlich das Wort »Flüchtling« aus, um Bilder von bedrohlichen Wellen und unaufhaltsamen Fluten in deinem Kopf wachzurufen. Ähnlich wie bei Pawlows Hunden und seinen Experimenten zur sogenannten Konditionierung: Erklingt wiederholt das Geräusch einer Glocke während der Fütterung, »lernt« ein Hund das Glockenklingeln mit der Fütterung zu verknüpfen, und nach einiger Zeit reicht das Geräusch (ohne Futter) aus, um den Speichelfluss zu erhöhen. Der Hund ist dann konditioniert, auf das Geräusch der Glocke zu reagieren, und das Klingeln der Glocke wird als konditionierter Reiz bezeichnet. Denn jedes Mal, wenn wir einem bestimmten Begriff begegnen, werden dabei Wie stark diese Deutungsrahmen sein können, beschreibt Han Langeslag mit Blick auf US-Demokraten und -Republikaner Deutungsrahmen in unserem Gehirn aufgerufen – das sogenannte Framing. Wie sehr Framing im politischen Kontext genutzt wird und dadurch Debatten in bestimmte Richtungen lenkt, untersucht die Sprach- und Kognitionswissenschaftlerin Elisabeth Wehling und veröffentlichte im Jahr 2015 (2. Auflage von 2018) ihr Buch »Politisches Framing: Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht« dazu. Das heißt, unser ganzes Weltwissen, das irgendwo in unserem Gehirn zu diesem Begriff abgespeichert ist, steht prinzipiell auf Abruf bereit und wird gegebenenfalls angepasst.


Die sprachliche Einbettung von Wörtern löst unterschiedliche Dinge in unserem Gehirn und damit unserer Wahrnehmung aus. Das Gleiche passiert, wenn wir sie bildlich darstellen. Welche Assoziationen lösen diese Darstellungen in dir aus?

Die sprachliche Einbettung von Wörtern löst unterschiedliche Dinge in unserem Gehirn und damit unserer Wahrnehmung aus. Das Gleiche passiert, wenn wir sie bildlich darstellen. Welche Assoziationen lösen diese Darstellungen in dir aus?

So ist Sprache Wie Macht Menschen zu Schurken macht, liest du hier Macht. Weil jedes Wort – ob wir es wollen oder nicht – unsere Wahrnehmung und damit unser Gehirn verändert. Beschreibt ein Journalist arme Menschen als »sozial schwach«, setzt er finanzielle Armut mit sozialer Schwäche in Verbindung. Spricht eine Politikerin von »Steuerlast«, ruft der Deutungsrahmen »Last« negative Assoziationen in uns wach.

Oder an welche Begriffe musst du bei »schwach« und »Last« als Erstes denken? Anders gefragt: Wie sähen Juliane Metzker schreibt über die Bilder in unseren Köpfen deine Bilder im Kopf aus, wenn du stattdessen von »Armut« und »Steuerverantwortung« lesen und hören würdest?

»Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.« – Ludwig Wittgenstein, Philosoph der Logik und Sprache

Und damit nicht genug – dein Denken führt zum Handeln. Auch das wird durch deinen Sprachgebrauch unweigerlich beeinflusst. So zeigen amerikanische Studien, dass sich Menschen rassistischer verhalten, wenn In diesem Interview spricht die Sprach- und Kognitionswissenschaftlerin Elisabeth Wehling auch darüber, wie rassistische Sprache Gehirn, Wahrnehmung und Handeln verändert sie vermehrt rassistischer Sprache ausgesetzt sind.

Hier liest du, warum objektiver Journalismus eine Fata Morgana ist Sprache ist also nie »objektiv«, genauso wenig wie Berichterstattung. Auch deine Wörter prägen soziale, gesellschaftliche und politische Diskurse. Egal wie genervt du gerade von der Oh, Mann*Frau! Wie sag ich’s nur? – Was macht ein »weiblicher« Text mit dir? Gender-Frage oder scheinbar endlosen Debatten über Das wird man wohl noch sagen dürfen! Political Correctness bist: Mit jedem geschriebenen und gesprochenen Wort triffst du eine Entscheidung – und veränderst damit ein wenig dein Gehirn und das aller Zuhörer.

Das einzige Mittel dagegen? Nachfragen! Darum lautet Frage Nummer 3: Sag mal, was bedeutet für dich eigentlich das Wort »X«?

Denn wenn du Wörter zum Thema machst, die du und andere selbstverständlich verwenden, hinderst du andere daran, sie heimlich zu verändern.

Titelbild: Fondazione Sorgente Group - CC BY-SA

von Maren Urner 

Maren hat in Neurowissenschaften promoviert, weil sie unser Denkapparat so fasziniert. Die schlechte Nachricht: Wir sind weit davon entfernt, unser Gehirn zu verstehen. Die gute Nachricht: Unser Gehirn ist veränderbar, und zwar ein Leben lang. Wahrnehmungen, Gewohnheiten und Entscheidungen sind also offen für unsere (Lern)-Erfahrungen. Und damit auch für die Erkenntnis: Ich habe mich getäuscht!


von Dirk Walbrühl 

Dirk ist ein Internetbewohner der ersten Generation. Ihn faszinieren die Möglichkeiten und die noch junge Kultur der digitalen Welt, mit all ihren Fallstricken. Als Germanist ist er sich sicher: Was wir heute posten und chatten, formt das, was wir morgen sein werden. Die Schnittstellen zu unserer Zukunft sind online.

Themen:  Psychologie   Gesellschaft  

Die Diskussionen sind leider nur für Mitglieder verfügbar.

Weitere Artikel für dich