Stelle dir vor, du bist in Not und kein Arzt kann dir helfen

Immer weniger Ärzte führen Schwangerschaftsabbrüche durch. Sind Papayas die Lösung?

22. Februar 2019  11 Minuten

3 junge Frauen sitzen an einem mit Frischhaltefolie umwickelten Tisch und schauen konzentriert auf eine Papaya. Mit einem Metallstift bohren sie ein Loch in die Schale, anschließend saugen sie mit einer Art durchsichtiger Fahrradpumpe das orangefarbene Fruchtfleisch heraus. Eine seltsame Szenerie. Sie zu erklären wirft eher noch mehr Fragen auf: Die Anwesenden sind Medizinstudentinnen, die sich mit den nötigen Handgriffen für einen Schwangerschaftsabbruch vertraut machen. Warum brauchen sie dafür exotische Früchte?

Einen Abend zuvor steht Paula Kurz in einem Hörsaal in Marburg. Sie trägt einen Pullover, auf dem ein Eierstock abgebildet ist, der linke Eileiter reckt sich dem Betrachter wie ein Mittelfinger entgegen. Paula Kurz spricht heute hier für die Organisation Medical Students for Choice Die Medical Students for Choice gründeten sich zunächst im Jahr 1993 in den USA, die erste deutsche Gruppe gibt es seit dem Jahr 2015 in Berlin. Kernforderung ist, Medizinstudierenden den Zugang zu Wissen über Schwangerschaftsabbrüche zu ermöglichen, im Idealfall im Rahmen des Curriculums an der Universität. aus Berlin über den »Status quo der Abtreibungsdebatte«. Doch erst mal räumt sie mit einigen Klischees auf.


Quelle: Statistisches Bundesamt (2017)

Quelle: The comparative safety of legal induced abortion and childbirth in the United States (2012)

Quelle: Decision Rightness and Emotional Responses to Abortion in the United States: A Longitudinal Study (2015)

Quelle: Abortion incidence between 1990 and 2014: global, regional, and subregional levels and trends (2016)

Danach erläutert die Studentin mit den regenbogenfarbenen Zöpfen die praktischen Aspekte des Eingriffs, erzählt von selbsternannten Lebensschützern Die sogenannte Lebensrechts- oder Lebensschutzbewegung (auch Pro-Life) hat sich ursprünglich in den 1970er-Jahren in den USA formiert und richtet sich mit öffentlichem Protest primär gegen Schwangerschaftsabbrüche. Viele, aber bei weitem nicht alle Anhänger haben einen christlichen Hintergrund. Ihr zentrales Argument gegen Schwangerschaftsabbrüche ist das Lebensrecht des ungeborenen Kindes, das über das Selbstbestimmungsrecht der Eltern gestellt wird. Dabei bedienen sich Abtreibungsgegner oft einer sehr emotionalen Rhetorik, bezeichnen Schwangerschaftsabbrüche als Mord und vergleichen sie mit dem Holocaust. und der gesetzlichen Regelung von Schwangerschaftsabbrüchen im Laufe der Zeit.

In der zweiten Reihe des Hörsaals sitzt, entspannt strickend, ein unfreiwillig prominent gewordener Gast: die Ärztin Kristina Hänel. Katharina Wiegmann erklärt, warum dein Bauch immer noch nicht dir gehört (wenn du eine Frau bist) Im Jahr 2017 wurde sie zu einer Geldstrafe in Höhe von 6.000 Euro verurteilt, weil sie auf der Website ihrer Praxis über Schwangerschaftsabbrüche informiert hatte. Nach § 219a StGB gilt das als »Werbung für Abtreibungen«. Der Fall Hänel hat die Debatte um diese Regelung neu entfacht.

Berichterstattung der Tagesschau (2019) 2 Tage nach dieser Veranstaltung wird das Bundeskabinett eine Änderung des Paragraphen auf den Weg bringen – nach Aussage der Regierung ein hart verhandelter Kompromiss. Doch Stimmen aus der Pro-Choice-Bewegung Pro-Choice ist eine Bewegung, die sich für das Selbstbestimmungsrecht der Frau einsetzt. kritisieren, dass sich praktisch nichts geändert habe: Ärzte sollen zwar jetzt im Internet angeben können, dass sie Abbrüche anbieten, für jede weitere Information zum Thema Damit sind beispielsweise Informationen zu den angebotenen Methoden oder den Kosten des Eingriffs gemeint. müssen sie aber auf die Website einer staatlichen Behörde verweisen. Auf viele wirkt die vermeintliche Lockerung eher wie eine Bekräftigung des Verbots.

Titelbild: Luis Melendez - gemeinfrei

von Isabella Aberle 

Isabella Aberle macht zurzeit ihren Master in Biodiversität und Naturschutz an der Universität Marburg. Sie war von Dezember 2017 bis Februar 2018 Praktikantin in der Redaktion von Perspective Daily.

Themen:  Gesundheit   Bildung  

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