10 Minuten

Dieses alte Verkehrsmittel wird in den 2020er-Jahren der neue heiße Sch***

25. Februar 2019
Themen:

Seilbahnen können mehr, als Urlauber auf Berge zu bringen – sie sind das perfekte Verkehrsmittel für verstopfte Innenstädte. Diese deutschen Städte haben Großes damit vor.



Dem Wort nach sollte die »Rushhour« ja die Stunde des Tages sein, in der sich die Menschen am schnellsten fortbewegen, aber meist ist das Gegenteil der Fall. Stattdessen steht man dicht gedrängt an einer Haltestelle oder sitzt im stehenden Auto, hupend, damit es hoffentlich irgendwann weitergeht. Jede Großstadt hat ihre Engstellen – in der Rushhour sind diese so eng, dass sie komplett verstopfen.

In Köln, wo der Stau noch etwas schlimmer ist als in vielen anderen deutschen Städten, wird gerade eine kühne Vision diskutiert: das Rheinpendel, eine Seilbahn, die schon in wenigen Jahren im Zickzack über den Rhein schweben könnte – 33 Kilometer lang, einmal durch das komplette Stadtgebiet. Die Zur Bundestagswahl 2017 habe ich analysiert, wie die Parteien das Doppelproblem Mobilität und Wohnraum in Städten angehen wollen Pendler, die von außerhalb mit dem Auto kommen, könnten dann von der Autobahn in ein Parkhaus fahren, in dem sie direkt und ohne Wartezeit in die Gondeln zum Zentrum einsteigen – und statt des alltäglichen Hupkonzerts die Aussicht genießen.

»Der urbane Bereich wird zunehmend wichtiger.« Aus Sicht des weltgrößten Seilbahnbauers Doppelmayr bieten Städte ein »großes Potenzial« für Seilbahnen. Genaue Zahlen kann die Sprecherin des österreichischen Unternehmens nicht nennen, die traditionellen Winterseilbahnen machen jedoch nach wie vor 2/3 des Umsatzes aus. Die Doppelmayr-Sprecherin Julia Schwärzler schreibt per E-Mail: »Das Seilbahngeschäft ist geprägt von Großprojekten, die sich über mehrere Jahre erstrecken können. Dadurch kann es sein, dass in einem Jahr einige urbane Anlagen realisiert werden, in einem anderen Jahr nur wenige. Das kann stark schwanken. Eine konkrete Aussage dazu, wie sich das Geschäft im Detail über die Jahre hinweg entwickelt hat, ist daher nicht möglich.« Der Umsatz des Seilbahnbauers lag im Geschäftsjahr 2016/17 bei 801 Millionen Euro. Beim zweiten großen Seilbahnbauer, der Südtiroler Leitner AG, liegt der Umsatz mit Stadtseilbahnen bei 30%, »Tendenz steigend«. Ein Sprecher schreibt: »Der urbane Bereich wird zunehmend wichtiger.«

Seilbahnen haben, nicht nur in Köln, das Zeug zum trendigen urbanen Verkehrsmittel der 2020er-Jahre. Sie sind sicher, leistungsstark, sehr kostengünstig, wartungsarm und meist sogar CO2-neutral. Das hängt natürlich vom Strom ab, mit dem sie betrieben werden. De facto entschließen sich jedoch viele Städte, ihren neuen grünen Verkehrsträger auch mit grünem Strom anzutreiben – und selbst wenn das nicht so ist, können sie später problemlos umstellen, ohne zum Beispiel neue Busse anschaffen zu müssen. In London ist die »Emirates Air Line«, deren Gondeln etwa 50 Meter über der Themse schweben, schon seit dem Jahr 2012 das aufregendste städtische Transportmittel. Und in Bolivien verbindet der Teleférico die Zwillingsstädte La Paz und El Alto – die 5 Linien bilden mit knapp 28 Kilometern bereits das längste urbane Seilbahnnetz der Welt, in diesem und im nächsten Jahr kommt noch je eine weitere Strecke hinzu. Die Betreibergesellschaft hat berechnet, dass die Passagiere der »gelben Linie« Die »Línea Amarilla« ist die wichtigste Achse des »Teleférico«: Im Jahr 2015 wurden rund 14 Millionen Fahrgäste gezählt. Mittwochs und freitags, an den verkehrsreichsten Wochentagen, kann die Passagierzahl durchaus bei 80.000 liegen. gegenüber dem Verkehrschaos am Boden so viel schneller am Ziel sind, dass sie insgesamt 17 Tage weniger in Verkehrsmitteln verbringen – pro Jahr! Statt 90 Minuten pro Strecke brauchen die Menschen im »Teleférico« nur 2 Minuten.

Berlin: Seilbahn als Vorzeigeprojekt

Berlin steht an einem Punkt, den andere Städte wie Koblenz gut kennen: Im Jahr 2017 war die Hauptstadt Gastgeberin der Internationalen Gartenausstellung (IGA), und damit Besucher die Anlage im Osten der Stadt auch aus der Vogelperspektive anschauen konnten, wurde eine Seilbahn errichtet. Jetzt stellt sich die Frage, was weiter damit passieren soll.

Gebaut wurde die Seilbahn von der Leitner AG, die sie bis mindestens zum Jahr 2020 auch betreibt. Der Vertrag sieht eine Option zur Verlängerung vor, sofern sowohl das Unternehmen als auch die Stadt Berlin das wollen. Damit auch danach die Gondeln weiter schweben, will die regierende SPD sie ins reguläre Netz der Berliner Verkehrsgesellschaft (BVG) integrieren.

Tino Schopf sitzt für die SPD im Berliner Abgeordnetenhaus. Am Telefon sagt er: »Diese Seilbahn soll nicht abgebaut, sondern dauerhaft für die Allgemeinheit erhalten werden. Daraus ergibt sich für uns die Forderung, dass sie in den VBB-Tarif VBB steht für Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg. eingebunden werden muss, damit man direkt in die Seilbahn umsteigen kann, wenn man aus der U-Bahn kommt.«

Seilbahn ins Grüne: Die Seilbahn in Marzahn-Hellersdorf führt über das Gelände der Internationalen Gartenausstellung des Jahres 2017. – Quelle: LEITNER ropeways copyright

»Bei einer Seilbahn ist wichtig, dass sie nicht im Nirwana steht, sondern irgendeinen Sinn hat.« Gerade verhandelt die Berliner SPD mit ihren Koalitionspartnern, den Grünen und den Linken, über den Vorschlag. Schopf hofft, dass das Abgeordnetenhaus vor der Sommerpause über den Antrag abstimmt, damit die Seilbahn im nächsten Haushalt berücksichtigt wird.

»Bei einer Seilbahn ist wichtig, dass sie nicht im Nirwana steht, sondern irgendeinen Sinn hat«, sagt Tino Schopf. Ob er damit den Standort der Seilbahn in Marzahn-Hellersdorf meint – das weit draußen liegt und kaum touristisch erschlossen ist –, lässt er offen. Schopf könnte sich vorstellen, die Seilbahn weiter Richtung Osten zu erweitern, damit sie für Einpendler aus dem Brandenburger Umland attraktiv wird. Mit zusätzlichen Gondeln könnte das bestehende System bis zu 3.000 Fahrgäste pro Stunde befördern, sagt Schopf.

Wenn die IGA-Seilbahn nun aber womöglich bald ins normale Ticketsystem der Berliner Verkehrsgesellschaft eingebunden ist, kann sie als Vorzeigeprojekt auch den Weg für weitere BVG-Seilbahnen ebnen. Langfristig, sagt Tino Schopf, könne er sich eine Seilbahn über das Tempelhofer Feld vorstellen, wo in den nächsten Jahren 9.000 Wohnungen entstehen und angebunden werden müssen. Eine weitere Seilbahn könnte über den Wannsee hinweggleiten. Und wenn eines Tages der sehnsüchtig erwartete Großflughafen BER in Betrieb geht und Tegel schließt, entsteht dort ein weiteres neues Wohnquartier. Wer weiß, vielleicht schwebt man per Seilbahn auch künftig in Tegel ein.


Großbritannien: In London fliegt die »Emirates Air Line« in 50 Metern Höhe über der Themse. – Copyright: LEITNER ropeways

Türkei: In Ankara vergingen nur 2 Jahre zwischen dem Beschluss von Präsident Erdoğan und der Inbetriebnahme der Seilbahn. – Copyright: LEITNER ropeways

Bosnien: In den 1990er-Jahren donnerten aus den Bergen Granaten auf die Hauptstadt Sarajewo, heute führt eine »Seilbahn des Friedens« hoch. – Copyright: LEITNER ropeways

Bolivien: In Boliviens Regierungssitz La Paz besteht das derzeit größte urbane Seilbahnnetz der Welt, der Teleférico. – Copyright: LEITNER ropeways

Mit Illustrationen von Mirella Kahnert für Perspective Daily

Die Diskussionen sind leider nur für Mitglieder verfügbar.

Weitere Artikel für dich


Weitere Themen

Du willst mehr lesen?

Jetzt Mitglied werden ›