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Essay 

Sollten wir die dunkle Seite des Internets verbieten?

Waffen, Drogen, Kinderpornos: Ein CDU-Politiker will das Darknet verbieten. Doch ist es wirklich nur ein Marktplatz für Kriminelle – oder unser letzter digitaler Freiraum?

13. März 2019  11 Minuten

Wer das Darknet nutzt, führt in der Regel nichts Gutes im Schilde. Diese einfache Erkenntnis sollte sich auch in unserer Rechtsordnung widerspiegeln. – Günter Krings, CDU-Staatssekretär im Bundesinnenministerium

Mit diesen 2 Sätzen war Günter Krings Krings ist eher dem konservativen Flügel seiner Partei zuzuordnen. Er steht politisch für die Vorratsdatenspeicherung, für eine Klarnamenpflicht im Internet und gegen die Gleichstellung von Homosexuellen. der Applaus auf dem 22. Polizeikongress in Berlin sicher. Günter Krings Wortlaut beim Tagesspiegel (2019) Denn der CDU-Staatssekretär will nichts weniger als den sogenannten Tor-Browser verbieten, die elektronische Eintrittskarte ins ominöse Darknet.

Dort hat David S. Die Welt erklärt, wie Waffenkauf im Darknet funktioniert (2016) die Pistole gekauft, mit der er 2016 in München Amok lief. Und auch Andreas V. verabredete sich wahrscheinlich »Spiegel Online« zum Missbrauchs-Skandal in Lügde (2019) übers Darknet zu den Missbrauchs-Taten in Lügde. Auch die Die Welt berichtet über die aktuellen Ermittlungen im Fall der gestohlenen Passwörter (2019) Passwörter der Prominenten und Politiker, die ein hessischer Schüler Anfang 2019 öffentlich machte, stammen wohl aus dem Darknet.

»Darknet« – schon der Name klingt düster und böse, nach illegalen Aktivitäten und Hackern mit Kapuzenpullis. Aber handelt es sich dabei wirklich um die »dunkle Seite des Internets« und ein Paradies von Kriminellen für Kriminelle, das verboten gehört?

So einfach ist es nicht.

Das Darknet ist etwas anderes. Und wenn wir es besser verstehen, können wir sogar etwas von ihm lernen – und zwar etwas, was manchen Politikern gar nicht in den Kram passt.

Was das Darknet wirklich ist

Wer ins Darknet möchte, der kann Chrome, Firefox und den Internet Explorer gleich vergessen. Denn mit dem »normalen« Internet, das wir tagtäglich nutzen, hat das Darknet nur wenig zu tun.

Um es besser zu verstehen, müssen wir uns zunächst von der Vorstellung verabschieden, dass es »das eine, normale« Internet gibt. So sieht es wirklich aus:

  • Das VisibleNet – auch ClearNet genannt – ist das, was wohl die meisten meinen, wenn sie »Internet« sagen. Es umfasst alle normalen Internetseiten Sie beginnen mit »www« und enden mit ».com«, ».org« oder dem jeweiligen Landeskürzel wie dem ».de«. wie etwa Wikipedia oder Perspective Daily. Sie sind von jedem Browser aufrufbar und werden von Suchmaschinen wie Google gefunden und indexiert.

  • Das DeepWeb meint alle Datenströme und Seiten, die nicht von Suchmaschinen gefunden werden können, weil sie etwa hinter Passwörtern verborgen sind. Was in Whatsapp geschrieben wird, gehört dazu, ebenso Online-Banking-Seiten und alle Filme, die auf Netflix laufen. Es sind nicht frei einsehbare Daten, die über das Internet ausgetauscht werden. Einige Teile des DeepWebs bilden einen Bereich, der ganz abgesperrt ist für jeden, der nicht eine spezielle Software nutzt: das Darknet …

  • Das Darknet ist ein Hier zeige ich dir, wie Freifunk die Peer-To-Peer-Technologie für WLAN nutzt Anonymisierungs-Netzwerk. Auf dem Weg zu einer Website nutzen Daten einen zufälligen und verschlüsselten Umweg über mehrere Server, Die Technologie dahinter ähnelt einem virtuellen privaten Netzwerk (VPN). um größtmögliche Anonymität herzustellen. Dies funktioniert in etwa so: Der eigene Laptop hat einen Darknet-Browser (zum Beispiel Tor) installiert und möchte eine Darknet-Seite aufrufen, etwa Facebook.onion. Der Browser verschlüsselt die Anfrage und sendet sie an einen zufälligen Server des Tor-Netzwerkes (Entry-Point). Dieser erhält die IP-Adresse des Laptops und stellt dann eine Verbindung mit einem zweiten Server des Tor-Netzwerkes (Knoten) her. Der wiederum »kennt« nur die Adresse des ersten Servers, nicht aber die des Laptops. Die gesendeten Daten sind durch die Verschlüsselung anonymisiert. Der zweite Server sendet die Daten dann an einen dritten Server weiter (Exit-Node), der erst dann die Verbindung mit Facebook.onion herstellt. Die Website am Schluss erkennt dann nur die IP-Adresse des dritten Servers (Exit-Node), nicht aber die Identität der dazwischengeschalteten Server oder des ursprünglichen Laptops. So bleibt der User anonym. Durch diese dazwischengeschalteten Server dauert das Aufrufen einer Darknet-Website aber deutlich länger als bei einem normalen Server. Dazu brauchen Nutzer einen speziellen Browser; Download des aktuellen Tor-Browsers der bekannteste ist Tor (The Onion Router).

    Illustration: Mirella Kahnert

Über das Darknet lassen sich ganz normale Websites wie Wikipedia.org anonym ansteuern. Aber im Tor-Netzwerk gibt es auch verborgene Websites, die nur Menschen zugänglich sind, die ihre genaue Adresse kennen – quasi wie ein geheimer Treffpunkt, den nur Eingeweihte kennen. Sie haben kryptische Namen wie Wikilink77h7lrbi.onion Verborgene Adressen des Darknets enden auf ».onion«. Hinter »wikilink77h7lrbi.onion« verbirgt sich Torch, eine Linksammlung des Darknets. Wer hier aber nur nützliche Ergebnisse erwartet, wird sehr wahrscheinlich enttäuscht werden. Da verborgene Websites sehr kurzlebig sind, führen Links immer wieder ins Leere. und garantieren ihren Nutzern maximale Sicherheit und Anonymität. Klar, dass diese verborgenen Treffpunkte besonders für Nutzer attraktiv sind, die ihre Daten wirklich geheim halten wollen.

Mit Illustrationen von Mirella Kahnert für Perspective Daily

von Dirk Walbrühl 

Dirk ist ein Internetbewohner der ersten Generation. Ihn faszinieren die Möglichkeiten und die noch junge Kultur der digitalen Welt, mit all ihren Fallstricken. Als Germanist ist er sich sicher: Was wir heute posten und chatten, formt das, was wir morgen sein werden. Die Schnittstellen zu unserer Zukunft sind online.

Themen:  Internet   Demokratie  

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