Suche dir dein Gehalt doch selbst aus!

Das sagt dein Chef vielleicht demnächst zu dir. Diese deutschen Unternehmen denken das Thema Gehalt neu – und lassen die Mitarbeiter mitentscheiden.

25. März 2019  10 Minuten

Gehaltsverhandlungen sind zäh und werden nicht selten mit harten Bandagen geführt. Nicht umsonst heißt das Ganze bei den Gewerkschaften auch »Arbeitskampf«, und wenn Piloten, Lokführer oder Klinikpersonal streiken, dann ziehen sie zusätzlich zum Unverständnis des Arbeitgebers meist auch noch den Zorn des ganzen Landes auf sich.

Dabei ist ein als fair empfundenes Gehalt wichtig – für alle. Studie: Die Last der Ungerechtigkeit, Hochschule Ravensburg-Weingarten (2018, Paywall) Denn eine unfaire Bezahlung kann Arbeitnehmer auf Dauer sogar krank machen, belegt eine Studie. Und Arbeitgeber verlieren schneller wertvolle Mitarbeiter, »Der Tagesspiegel« zu Kündigungsgründen bei Arbeitnehmern (2018) denn unfaire Bezahlung steht ganz oben auf der Liste potenzieller Kündigungsgründe.

Gibt es also einen Weg, den Konflikt rund ums Gehalt friedlich zu lösen, ganz ohne Gebrüll, Zurückweisungen, Scham und Verletzungen?

Ja, gibt es, sagt Eugen Friesen. Er arbeitet bei der Kommunikationsagentur Wigwam in Berlin-Wedding, zusammen mit 19 Kollegen und Kolleginnen. Seit dem Jahr 2016 wird hier ein »Wunschgehalt« gezahlt, das alle gemeinsam beschlossen haben.

Das ist nur eine von vielen Möglichkeiten, Gehalt heute ganz neu zu denken.

Auch »Wünsch dir was« ist kein Ponyhof

Eugen Friesen

Eugen Friesen ist Vorstandsmitglied der Kommunikationsagentur Wigwam.

Bildquelle: Wigwam eG

Wigwam macht Kommunikation, aber nach eigenen Angaben nur für »das Gute«. Was das ist, bestimmen die Mitarbeiter untereinander von Fall zu Fall – vom Flüchtlingshilfswerk der UNO über Wahlkämpfe der Grünen bis hin zu Projekten für das Rote Kreuz.

Damit, auch den Verdienst von Fall zu Fall zu bestimmen, fühlte sich das Team aber nicht wohl, weil es dann zu sehr auf die Verhandlungsstärke jedes Einzelnen angekommen wäre. Früh entschloss sich die genossenschaftlich geführte Firma deshalb, Nachdem sich die ursprünglichen Geschäftsführer von »Wigwam« verabschiedet hatten, beschloss das Team, die Firma in eine Genossenschaft zu überführen. Dadurch gibt es praktisch keine Hierarchie, jeder Mitarbeiter ist zugleich auch Mitinhaber. Das Unternehmen folgt dem Prinzip der Selbstorganisation. beim Gehalt etwas grundsätzlich anders zu machen. Das führte zu langen Debatten – die auch für die Mitarbeiter sehr lehrreich waren, erinnert sich Eugen Friesen. Das Ergebnis: ein Wunschgehaltsmodell. Jeder Mitarbeiter überlegt sich, was Dass eigentlich kein Geld auf deinem Konto liegt, erklärt Roland Lindenblatt hier er oder sie am Ende des Monats auf dem Konto haben möchte und schreibt es in eine Tabelle. Alle können sehen, wie sich die anderen einschätzen und sich auch daran orientieren. Rechtfertigen muss sich aber niemand für seinen Wunsch. Das hat die Wigwam-Belegschaft ganz bewusst so festgelegt. Nach der ersten Wunschrunde gab es dann eine Überraschung.

»Wir haben festgestellt, dass wir nur 20% über dem Betrag lagen, den wir in unserem Gehaltstopf hatten«, sagt Eugen Friesen. Also entschieden alle, dass jeder erst mal 80% seines Wunschgehaltes bekommt. Und wenn mehr Geld in den Wigwam gespült wird, rückt auch jeder Mitarbeiter ein paar Prozent näher an seine gewünschte Summe heran. Bisher ist noch keiner angekommen. So wird aus dem Wunschgehalt ein Zukunftsgehalt.

Denn Wigwam hat wie viele Unternehmen mit klaren moralischen Vorstellungen schmale Budgets. Die Gefahr einer Selbstausbeutung für die gute Sache ist dem Team dabei klar. Deshalb war Eugen Friesen und seinen Mitarbeitern auch eine Gehaltsuntergrenze wichtig: »Das waren 2.700 Euro brutto für eine Vollzeitstelle, weniger sollte niemand bekommen.«

Das »Wunschgehaltsmodell« ist nicht für immer zementiert, sondern kann nach den Vorstellungen der Mitarbeiter ständig weiterentwickelt werden. – Quelle: Wigwam eG copyright

Immer wieder wägt Wigwam in Teambesprechungen ab, ob sich die Mitarbeiter mit dem Verdienst gerecht bezahlt fühlen und ob das Geld für ein gutes Leben reicht. Ein Ergebnis dabei: Einfach Werbung für Großkonzerne machen wie alle anderen wollen sie nicht – auch wenn das Wunschgehalt dann noch etwas weiter weg ist.

Eugen Friesen sieht das so: »Es spielt auch viel Selbstreflexion mit rein. Man stellt fest, dass es eben nicht nur um Geld geht. Dieses Grundbedürfnis macht dich zufriedener, finden Katharina Lüth und Maren Urner Es ist ein entscheidender, wichtiger Faktor für die Zufriedenheit, aber es gibt auch andere Dinge, die hinzukommen, wie die eigenen Aufgaben und der Wertekontext.«

Gehör zu finden, Reflexion und Mitgestaltung gehören also zum Wunschgehalt dazu. Sind diese Faktoren am Ende vielleicht sogar wichtiger als das, was wirklich auf dem Gehaltszettel steht? Untersuchungen belegen jedenfalls, dass die Interview in der ZEIT zu »Sinn als Motivationsquelle« (2019) Sinnhaftigkeit der Arbeit eine extrem wichtige Rolle bei der Zufriedenheit im Job und der Gesundheit spielt.

Mancher wird jetzt einwenden: Klar, bei einer jungen, hippen Agentur geht das vielleicht »sinnhaft«, aber funktionieren alternative Gehaltsmodelle auch bei größeren Unternehmen in anderen Branchen? Ja tun sie, das zeigt sich im schwäbischen Leutkirch.

Titelbild: Fancycrave - CC0

von Benjamin Fuchs 

Jeder weiß: Unsere Arbeitswelt verändert sich radikal und rasend schnell. Nicht nur bei uns vor der Haustür, sondern auch anderorts. Wie können wir diese Veränderungen positiv gestalten und welche Anreize braucht es dafür? Genau darum geht es Benjamin, der erst Philosophie und Politikwissenschaft studiert hat, dann mehr als 5 Jahre als Journalist in Brasilien lebte und 2018 zurück nach Deutschland gekommen ist. Es gibt viel zu tun – also: An die Arbeit!

Themen:  Arbeit   Geld   Gerechtigkeit  

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