Essay — 6 Minuten

Diese Frau macht vor, wie ein guter Umgang mit dem Bösen gehen kann

22. März 2019
Themen:

Eine Woche nach dem Terroranschlag ist klar: Neuseelands Premierministerin hätte kaum besser reagieren können. Weil sie alles anders macht.



Neuseeland. Kein Land der Erde ist von Deutschland weiter entfernt, und so viel mediale Aufmerksamkeit wie in dieser Woche hat der ferne Inselstaat hierzulande wohl noch nie erhalten – vermutlich nicht einmal im Jahr 2011, als ein Erdbeben die Südinsel verwüstete.

»Kia kaha« In den vergangenen Tagen haben wir viel über ein Land erfahren, dessen Bewohner näher zusammenrücken. »Kia kaha«, Maori für »Bleib stark!«, In Neuseeland kommt dieser Tage häufiger die indigene Maori-Kultur zum Vorschein: In diesem YouTube-Video (Ton an!) zum Beispiel führen Schülerinnen und Schüler ein Haka zu Ehren der Ermordeten auf. war beim Wiederaufbau nach dem Erdbeben im Jahr 2011 der Leitspruch, und er ist gerade wieder der allgegenwärtige Ausdruck für Zusammenhalt. Heute gilt er der ganzen Nation mit ihren vielfältigen Bewohnern und besonders jenen, die Freunde, Verwandte oder Nachbarn verloren haben. 50 Menschen sind tot, beim Beten ermordet von einem rechtsextremen Terroristen, der in 2 Moscheen in der Stadt Christchurch auf sie schoss.

Dieses Grauen und dieser Schmerz sind kaum zu ertragen. Neuseeland, angeführt von seiner Premierministerin, findet jedoch einen erstaunlich guten Weg.

Eine starke Premierministerin für alle

Anschlag von Christchurch

Am frühen Nachmittag des 15. März 2019 drang der Schütze nacheinander in 2 Moscheen in der neuseeländischen Stadt Christchurch ein und schoss auf die anwesenden Gläubigen. Er ermordete 50 Menschen. Kurz darauf wurde der 28-jährige Australier festgenommen.

Wenn irgendwo auf der Welt ein Anschlag gegen eine gesellschaftliche Minderheit verübt wird, dann heißt es oft reflexhaft: »Sie gehören zu uns.« Doch darin schwingt das Bild des gut integrierten Anderen mit, der geduldet, vielleicht sogar als Bereicherung angesehen wird, aber dennoch niemals Maren Urner und Han Langeslag über das psychologische Phänomen der In- und Out-Group in der Mitte der Gesellschaft ankommt Juliane Metzker über Fremdbilder also der Andere bleibt.

Denn wer sich mit Opfern solidarisiert, ist selbst meist nicht betroffen. »Sie« und »wir«, das sind in diesem Ausdruck immer noch 2 separate Gruppen, so wie Öl und Essig in der Salatsauce.

Zugegeben, Juliane Metzker hat Deutsche mit Migrationserfahrung gefragt, warum sie die Frage »Woher kommst du wirklich?« nervt dieser Reflex ist in Europa stärker verbreitet als in einem Vielvölkerstaat wie Neuseeland. Trotzdem ist beachtlich, dass die Premierministerin Jacinda Ardern dort von Anfang an eine andere Aussage trifft: »Sie sind ›wir‹.« Erstes Statement von Jacinda Ardern während des Anti-Terror-Einsatzes in Neuseeland (englisch, 2019) Gewalttäter hingegen hätten keinen Platz in der neuseeländischen Gesellschaft.

Zur Person: Jacinda Ardern

Die 38-Jährige ist seit 2017 Premierministerin von Neuseeland und führt pragmatisch die ungewöhnliche Koalition aus ihrer Labour Party und der nationalistischen New Zealand First, die von den Grünen geduldet wird. Sie ist die erste Premierministerin, die im Amt ein Kind bekam. Während sie nach 6 Wochen wieder arbeiten ging, kümmert sich ihr Partner, ein TV-Moderator, um die gemeinsame Tochter.

Bildquelle: Stuartyeates

Überhaupt hat Jacinda Ardern vom ersten Moment an vorbildlich reagiert – und weil das alles andere als selbstverständlich ist, Man denke zum Beispiel an US-Präsident Donald Trumps Reaktion auf den Anschlag von Charlottesville im August 2017, als ein rechtsextremer Terrorist ein Auto in eine Menschenmenge steuerte und eine Frau ermordete. Die Demonstranten hatten ein Zeichen gegen den rechtsextremen Aufmarsch des Vorabends setzen wollen – und Trump sagte nach dem Anschlag: »Es gab auf der einen Seite eine Gruppe, die schlimm war, und es gab auf der anderen Seite eine Gruppe, die ebenfalls sehr gewalttätig war«. Den Attentäter als Terroristen zu bezeichnen vermied er (Quelle: ZEIT ONLINE). sei es an dieser Stelle noch einmal explizit erwähnt. Am Tag nach dem Anschlag besuchte sie die muslimischen Gemeinden, allerdings ohne – wie sonst allgemein üblich – den Besuch in ihrem Pressekalender anzukündigen. Statt eines medial inszenierten und instrumentalisierten Kondolenzbesuchs gab Jacinda Ardern so der Trauer einen Raum. Sie trug ein schwarzes Kopftuch, auch das ist mehr als eine respektvolle Geste. Man darf hoffen, dass die intime Begegnung mit der Regierungschefin den Angehörigen der Opfer etwas Trost gespendet hat, statt ihren Schmerz auszuschlachten.

Ebenfalls noch am Wochenende stellte Jacinda Ardern in Aussicht, die neuseeländischen Waffengesetze zu verschärfen: Bislang durften in dem dünn besiedelten Land bereits 16-Jährige nach einer Überprüfung Waffen kaufen, auch der Attentäter dürfte die meisten Waffen legal erworben haben. ZEIT ONLINE über die Verschärfung des Waffenrechts in Neuseeland (2019) Bereits in dieser Woche schrieb die Regierung im Eilverfahren ein Gesetz, nach dem halbautomatische Waffen nicht mehr verkauft werden dürfen. Waffen, die bereits im Umlauf sind, will die Regierung zurückkaufen. Die Zustimmung des Parlaments im April gilt als sicher.

Titelbild: ZUMA Wire - copyright

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