Die Revolution, von der keiner etwas mitbekommt

30 Jahre Diktatur stehen im Sudan vor dem Aus. Wie die Mitte der Gesellschaft das Regime ins Schwanken bringt.

2. April 2019  7 Minuten

Die meisten Europäer, die nicht im Sudan geboren sind, den Sudan nie besucht haben und nicht mit Sudanesen befreundet sind, wissen von dem Land wenig. Dass es hier entlang des Nils mehr Pyramiden gibt als in Ägypten, ist genauso wenig allgemein bekannt wie die unglaubliche Dimension des Landes: Selbst nachdem sich im Jahr 2011 der südliche Teil des Sudan als Republik Südsudan unabhängig gemacht hat, ist der Sudan noch etwa so groß wie Frankreich, Spanien, Schweden und Deutschland zusammen.

Auch die seit Mitte Dezember fast täglich stattfindenden Proteste in der Hauptstadt Khartum und an vielen anderen Orten des Landes werden in Europa kaum wahrgenommen.

Der Sudan ist eines der größten Länder der Erde, weite Teile werden von der Sahara dominiert. –

Doch wer jetzt nicht auf den Sudan schaut, der verpasst etwas. Denn zwischen Bürgerkriegen und Staatsstreichen, zwischen Militärdiktatur und Staatsislamismus reift hier eine Protestbewegung heran, deren Erfolg das Leben von Hunderttausenden Menschen retten und die Politik einer ganzen Weltregion umkrempeln könnte.

Ein Kriegsverbrecher als Präsident

Jede wirklich gute Geschichte hat einen überzeugenden Schurken – und man kann sich kaum einen größeren Schurken vorstellen als den Präsidenten des Sudans, Omar al-Baschir. Zu zweifelhafter Berühmtheit gelangte Omar al-Baschir im Jahr 2009, als der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag Haftbefehl gegen ihn – und damit zum ersten und bisher einzigen Mal gegen ein amtierendes Staatsoberhaupt – erließ. Die Vorwürfe: Informationen des IStgH zum Fall Omar al-Baschir (englisch) Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und Völkermord in insgesamt 11 Anklagepunkten. Gestellt hat er sich ihnen bislang nicht.

Omar al-Baschir zeigt sich gern im traditionellen Gewand. Ebenfalls als Garderobe beliebt ist bei dem Staatspräsidenten und Feldmarschall seine Uniform. – Quelle: محسن الفكي CC BY-SA

Das ist nachvollziehbar, denn der 75-jährige Omar al-Baschir würde in diesem Fall vermutlich den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen. Der Feldmarschall, der sich vor fast genau 30 Jahren an die Macht putschte, ist wie viele seiner Gefolgsleute mit dem eng gewobenen Muster aus Gewalt und Unterdrückung verbunden, das die sudanesische Gesellschaft seit Jahrzehnten dominiert.

Die Geschichte der staatlichen Gewalt, Bürgerkriege und Unterdrückung im Sudan ist lang, aber lehrreich. Du willst sie ausführlich kennenlernen? Dann klicke hier.

Die Strukturen systematischer Gewalt reichen im Sudan bis mindestens ins Mittelalter zurück, als entlang der transsaharischen Handelsrouten, die das Rote Meer mit dem Atlantik verbanden, im heutigen Sudan eine Reihe feudal organisierter und islamisch geprägter Königreiche entstanden. Diese Reiche organisierten regelmäßig Sklavenjagden in die an ihr Herrschaftsgebiet angrenzenden Gebiete. Die dort versklavten Menschen wurden meist über das Rote Meer hinweg auf die arabische Halbinsel verkauft. Bis zu 17 Millionen Menschen sind vermutlich über die saharischen Handelsrouten aus den südlich der Sahara gelegenen Gebieten nach Nordafrika und Asien verschleppt worden. Ähnlich viele Menschen wurden von Europäern für den Handel mit Amerika versklavt.

Omar al-Baschir und viele seiner Unterstützer empfinden sich als Teil einer arabischstämmigen Elite, Tatsächlich gibt es im Sudan zwar eine ganze Reihe unterschiedlicher Volksgruppen. Seit der Unabhängigkeit Südsudans folgen diese allerdings durchweg dem Islam und sind genetisch oder vom Aussehen her wegen jahrhundertelanger Vermischung meist nicht zu unterscheiden. Die als ethnisch empfundenen Unterschiede sind somit in der Regel rein kulturell. die ein natürliches Anrecht auf die Herrschaft in dieser Region hat. Die Verachtung gegenüber den Bevölkerungsgruppen in der Peripherie des Staates setzt sich bis in die Gegenwart fort.

Die Kolonialisierung durch Großbritannien befriedete das Staatsgebiet des heutigen Sudans nur kurzzeitig. Die auf Rassismus gründenden gesellschaftlichen Spannungen wurden durch die Kolonialherren nur unterdrückt und durch die Eingliederung des christlich geprägten Südsudans unter sudanesische Verwaltung sogar noch verschlimmert.

Mit der Unabhängigkeit im Jahr 1956 mündeten diese Spannungen in einen Bürgerkrieg zwischen dem christlichen Süden und der arabisch-muslimischen Regierung. Auch wegen dem Fund großer Erdölvorkommen, die dem Konflikt eine neue wirtschaftliche Dimension gaben, dauerte der Krieg bis zu einem Friedensabkommen im Jahr 2005 an. Nach einem Referendum erklärte sich der Südsudan mit der Zustimmung des Nordens im Jahr 2011 zu einem unabhängigen Staat.

Auch das Regime von Omar al-Baschir hat seinen Ursprung in diesem Konflikt. Der damalige Brigadegeneral putschte im Jahr 1989 gegen die sudanesische Regierung, um den Bürgerkrieg ungehindert von Politikern führen zu können. Unter Omar al-Baschirs Leitung dauerte der Krieg mit dem Süden noch weitere 16 Jahre. Gleichzeitig sorgte der nationalistisch-rassistische Charakter seines Regimes dafür, dass sich auch in anderen Landesteilen Rebellengruppen bildeten, deren Kampf teilweise bis heute andauert. Am bekanntesten ist wohl der Zum Darfur-Konflikt hat die Bundeszentrale für politische Bildung eine eigene Themenseite Bürgerkrieg in Darfur, der seit dem Jahr 2003 etwa 300.000 Menschenleben gefordert hat.

Gleichzeitig hat Omar al-Baschir im Zentrum seines Landes immer wieder politische Gegner eliminiert. Im Jahr 2000 ließ der Staatspräsident die Armee sogar gegen das eigene Parlament aufmarschieren. Der damalige Anführer der islamistischen Regierungspartei und Parlamentspräsident Hassan al-Turabi, dessen politische und ideologische Rückendeckung Omar al-Baschir anfangs die Macht garantiert hatte, wurde auf den Befehl des Präsidenten eingesperrt.

Das Staatsverständnis von Omar al-Baschir und seinen Getreuen ist bis heute im Kern ein mittelalterliches: Der Staat, sein Land und seine Ressourcen dienen ausschließlich dem eigenen Machterhalt. Die Legitimation entsteht nicht etwa aus dem Volk heraus, sondern ist gottgegeben oder das Recht des Stärkeren, je nachdem was rhetorisch gerade besser passt. Ausbeutung, Unterdrückung und Gewalt sind damit nicht nur akzeptabel: Sie werden zum Kern staatlichen Handelns. Die unterdrückerische Präsenz der Sicherheitskräfte und Geheimdienste durchdringt die gesamte Gesellschaft. Auch Ausländer können damit durchaus Erfahrungen machen. UN-Blauhelme sind in Darfur wiederholt von regierungstreuen Milizen angegriffen worden. Journalisten und Forschern wird systematisch die freie Arbeit verwehrt.

Aufstand aus der Mitte der Gesellschaft

Die aktuellen Proteste entzündeten sich an steigenden Preisen für Brot und einer allgemeinen, permanenten Wirtschaftskrise. Diese Dynamik ist im Sudan keine Seltenheit, alle paar Jahre entlädt sich die Wut über die schwierigen Lebensbedingungen auf den Straßen. Jetzt haben sie aber eine neue Qualität erreicht.

Sie sind organisiert, koordiniert und getragen von einer jungen Generation, die gleichzeitig desillusioniert und hoffnungsvoll ist. Desillusioniert sind die Menschen von einem Herrschaftssystem, das zwar vorgibt, durch Nationalismus, Frömmigkeit und Dominanz der Bevölkerungsgruppen an den Rändern des Staates die Interessen der arabischstämmigen Bevölkerung im Zentrum des Landes zu vertreten, tatsächlich aber nur auf Machterhalt und die Bereicherung einiger weniger Menschen ausgerichtet ist. Desillusioniert sind die Protestierenden auch von Jahrzehnten des bewaffneten Widerstands gegen ein Regime, das ohne ständige Gewalt seine Daseinsberechtigung verliert. In den Reden von Omar al-Baschir ist die Bedrohung des Landes ein durchgängiges Motiv. Überall werden »Agenten« feindlicher Mächte oder Verräter des Volkes gewittert, die Armee und er selbst sind die einzigen Garanten der Sicherheit und kulturellen Integrität des Sudans. Die traditionelle politische Opposition Seit Inkrafttreten der Verfassung von 1998 sind politische Vereinigungen und Parteien offiziell erlaubt. Tatsächlich führt die Kontrolle des politischen Raumes durch das Regime und die Unterwanderung und gewalttätige Unterdrückung von Oppositionsorganisationen durch den Geheimdienst allerdings dazu, dass der Regierungspartei und dem Präsidenten weder an der Wahlurne noch im politischen Alltag ernsthaft Widerstand geboten wird. hat sich über die letzten Jahrzehnte als völlig ineffektiv gegenüber dem Machtanspruch der Diktatur erwiesen.

Titelbild: picture alliance / AA / Stringer - copyright

von Peter Dörrie 

Es kann arrogant wirken, als Wohlstandskind die Frage zu stellen, warum es auf der Welt immer noch Krieg und Armut gibt. Zu einfach entsteht der Eindruck, man habe selbst alle Antworten parat. Als Entwicklungs-, Friedens- und Konfliktforscher findet Peter die Frage dennoch wichtig. Denn er geht immer davon aus, dass es mehr als eine Wahrheit gibt und die eigene am wenigsten zählt. Sein besonderes Interesse gilt Afrika. In 12 Ländern des Kontinents hat er bereits recherchiert.

Themen:  Politik   Demokratie   Arabische Welt  

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